
Gimli zeigt Mut in aussichtslosen Situationen.
Macht kritischer Journalismus in Zeiten eines überwältigenden medialen Gegenwinds überhaupt noch Sinn? Verschleißen wir nicht unsere Kräfte, nur um mit ansehen zu müssen, dass die Welt zwar verändert wird, aber nicht von uns? Die Fragen kann man stellen. „Hinter den Schlagzeilen“ setzt trotzdem gerade jetzt ein Zeichen der Hoffnung und des Aufbruchs. Unsere Seite erhält in diesen Tagen eine Rundum-Erneuerung, die mehr bedeutet als bloßes Facelifting oder Layout-Spielerei.
Mit der Möglichkeit, Bilder, Audiodateien und Videos zu platzieren, können wir der Textaussage eine neue Dimension hinzufügen. Vor allem stärkt der „Relaunch“ die Wirkungsmöglichkeiten der mainstreamfernen, kritischen Kultur, die wir jetzt nicht mehr nur beschreiben, sondern direkt vorstellen können. Ein paar Anmerkungen zu den Absichten dieser Seite aus journalistischer Sicht. Von Roland Rottenfußer
Oft wird behauptet, die Mainstream-Medien – also Fernseh- und Rundfunkanstalten sowie führende Zeitungen und Zeitschriften wie „Zeit“, „Spiegel“, „Stern“ – würden ihrer Kontrollfunktion innerhalb der Demokratie nicht mehr gerecht. Also der Aufgabe, der Regierung einen kritischen Spiegel vorzuhalten, Missstände aufzudecken und eine Art geistige Gegenmacht zu organisieren, die Fehlentwicklungen in der Gesellschaft zu korrigieren hilft. Ich sage: Solche Vorwürfe gegen die Medien sind berechtigt, aber sie sind noch zu milde formuliert. Tatsache ist, dass die Leitmedien die Politiker sehr wohl kontrollieren – und zwar immer dann, wenn einer von ihnen vom „rechten“ (sprich: neoliberalen) Weg abzukommen droht. Wer versucht, sich auf seine Funktion als Volksvertreter zu besinnen und sich gegen den herrschenden Geist zu wenden, wird von den „Meinungsführern“ gnadenlos abgestraft und niedergeschrieben.
Ich will keineswegs Politiker wie Andrea Ypsilanti oder Kurt Beck idealisieren. Aber gerade die Tatsache, dass sie wegen verhältnismäßig milder „Vergehen“ (halbherziges Liebäugeln mit der Linken) von der vereinigten Pressemeute politisch ermordet wurden, ist bedenklich. Man muss heute nicht einmal die Enteignung von Vermögen fordern, um auf die Schwarz-gelbe Liste der Medienhatz zu kommen; es genügt, sich für eine Abmilderung der Ausbeutung einzusetzen, für klassische reformistische Sozialdemokratie. Albrecht Müller zeigt in seinem hervorragenden Buch „Meinungsmache“, dass Medien durchaus so etwas wie eine vierte Macht im Staat sind – nur derzeit fast immer eine destruktive: „Wo mediale Macht ist, neigt sie immer dazu, sich zu verstärken, weil als Politiker Angst haben muss, bestraft zu werden, wer wider den Stachel löckt.“
„Die eleganteste Form der Diktatur“
Ich hoffe, es wird eine Zeit kommen, in der das ganze Ausmaß des Versagens einer Medienszene offenbar werden wird, die in Zeiten wachsender sozialer Unmenschlichkeit, des Ausbaus von Polizei- und Überwachungsstaat und der Ökonomisierung aller Lebensbereiche nicht nur „weiter so!“, sondern „mehr davon!“ geschrieen hat. Albrecht Müller nennt die bei uns praktizierte Meinungsmache sogar „die eleganteste Form der Diktatur“. Die „Kontrollinstanzen“ sind also selbst zu etwas geworden, was kontrolliert werden müsste – aber nicht durch Zensur, sondern durch massive Kritik, durch Liebesentzug seitens der Konsumenten, vor allem durch Gegenöffentlichkeit. Zu einer solchen Gegenöffentlichkeit beizutragen, gehört zu den Aufgaben dieser Seite. Sie soll helfen, den Wirkungskreis kritischer und unabhängiger Stimmen zu erweitern, Inseln in den Seichtgebieten der Verdummungskultur zu schaffen und die Freude an nicht stromlinienförmigen Ausdrucksformen von Kunst und Kultur wiederzubeleben.
„Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein“, sagte Karl Marx. Obwohl seine ideologischen Nachfolger die Freiheit teilweise mit Füßen getreten haben, ist heute im Einflussbereich des „siegreichen“ Kapitalismus ein Zustand erreicht, in dem man sich wieder auf Marx Diktum besinnen muss. Die Ideologie der Welt als Ware hat natürlich auch vor der „Ware Information“ nicht Halt gemacht. In der modernen Medienwelt ist die Werbeunterbrechung mittlerweile der höchste Daseinszweck dessen, was unterbrochen wird. Programme und redaktioneller „Content“ werden so konzipiert, dass sie ein passendes Werbeumfeld kreieren. Das ist nicht zuletzt auch ein politisches Problem. Die veröffentlichte Meinung wird so zunehmend identisch mit der Meinung derer, die über ein Werbebudget verfügen.
Information als Ware
Es ergibt sich dadurch ein sehr reduziertes Bild von Pressefreiheit: „Die Presse“ (pauschal gesehen) darf zwar fast alles schreiben, der einzelnen Journalist jedoch nur das, was mit der Linie der Medieninhaber übereinstimmt. Die verfolgen vor allem ihre eigenen Interessen (also die der Wohlhabenden, der Vermögensbesitzer, der Arbeitgeber). Wann also werden wir in unserer Presselandschaft einen „Linksruck“ erleben? Dann, wenn sich kleine Angestellte, Arbeitslose und Obdachlose die Herstellungs- und Druckkosten für eine Zeitung leisten können. Oder wenn sie sich für Millionenbeträge in den etablierten Medien Anzeigenplatz und Sendezeit für Werbung kaufen können. Wir sehen also, warum die Presse bis auf weiteres einseitig die Plutokratie fördern „muss“ – und warum wir ihr nicht vertrauen können.
Man sollte nicht dem Irrtum verfallen, anzunehmen, dass in der Medienlandschaft nur noch Quote und Auflage zählt. Sonst gäbe es vermutlich noch mehr Promis, Fußball und Titten und weniger von den unsäglichen neoliberalen Propagandasendungen, in denen sozial Schwache als „Sozialschmarotzer“ diffamiert oder zufriedene Sklaven als Garanten des Wirtschaftsstandorts Deutschland gepriesen werden. Die Propagandisten der Unmenschlichkeit, diese schnoddrig-smarten, sozial blinden Karrieristen der Feder sind Überzeugungstäter – wenn „Überzeugung“ hier auch mit eigenen finanziellen Erwägungen durchmischt sein mag. Anders gesagt: Die Titten in der BILD-Zeitung dienen der Verbreitung der neoliberalen Grund-Stoßrichtung, nicht umgekehrt.
Die Freiheit, unbeachtet zu nörgeln
Was bedeutet das für kritische, für oppositionelle Journalisten in dieser Zeit? Zunächst erfreuen wir uns ja – gemessen an weniger dezenten Formen von Diktatur – einer erfreulichen „Narrenfreiheit“. Man lässt uns reden, erlaubt uns, Dampf abzulassen. Selbst wenn unsere berechtigte Kritik regelmäßig an einem Regenmantel von Selbstgerechtigkeit abtröpfelt, ist dies noch immer besser als Gefängnis. Trotzdem besteht kein Anlass zu Zufriedenheit. Ich erinnere in diesem Zusammenhang gern an den großartigen fiktiven Monolog Hitlers, den der Schriftsteller und Liedermacher Heinz Ratz verfasst hat. Dort sagt der gealterte „Führer“: „Ein totalitäres Regime besitzt immerhin die Schwäche, dass sein Terror Stille erzeugt, dass seine Macht die Mäuler verschließt. So wird einer, der trotzdem spricht, von hundert ängstlichen Ohren zumindest gehört. In einer Demokratie schreien hunderttausend durcheinander, jeder ist damit beschäftigt, seine dümmliche Meinung herauszuposaunen. Da geht jeder ernsthafte Mahner unter, da wird jeder tiefsinnige Kritiker von zehn Idioten überbrüllt!“
In eben dieser Situation befinden wir uns mit einem unabhängigen Webmagazin. Für das Internet, das ja zum Teil durchaus zu Recht als „anarchisches“, Medium gepriesen wird, gilt das natürlich erst recht. Im Internet bestimmt zum großen Teil das Medium die Inhalte, die technischen Rahmenbedingungen prägen die Sprache. Werden Inhalt und Sprache deformiert, so könnte man befürchten, deformiert sich auch das, was uns als Menschen ausmacht. Daher lege ich auch Wert darauf, dass bei uns – gegen den Trend – sowohl längere Artikel als auch Nebensätze und eigenwillige Ausdrucksformen „erlaubt“ sind. Ich begrüße ausdrücklich den noch engeren Schulterschluss des auf Texte konzentrierten Magazins „Hinter den Schlagzeilen“ mit Kunst und Kultur. So ist es ein besonderer Glücksfall, dass mit Commander Shree Stardust ein unter politischen Aktivisten legendärer Experte für Strategie und Taktik des Siegens für HDS gewonnen werden konnte. Vor allem wird sich diese Zusammenarbeit in einer vermehrten Präsentation von Bildern und Musikvideos bzw. Audiodateien ausdrücken. Schon durch die Person unseres Herausgebers Konstantin Wecker bietet sich diese Doppelfunktion geradezu an: Das Webmagazin als Forum für Kultur und als journalistisches Medium, das sich kritisch mit Kultur und Politik auseinandersetzt.
Kunst – nicht realistisch, nur wahr
Ich sehe die Kunst als die potenziell freieste unter den menschlichen Ausdrucksformen. Mit unserer journalistischen Arbeit versuchen wir inhaltlich frei zu bleiben, müssen uns dabei aber formal an die Gesetze einer „logischen“ Gedankenführung und eines klaren Satzbaus halten. Kunstwerke, z.B. Chansons, genießen dagegen sowohl inhaltlich als auch formal mehr Freiheiten. Sie deuten durch Verfremdung, durch Poesie und Ironie, durch Verwendung von Bildern und Symbolen auf eine tiefer liegende Wahrheit hin. Sie verweisen in einem noch elementareren Sinn „hinter die Schlagzeilen“ als es ein journalistischer Sachartikel vermag. Man denke nur an die poetische Schlagkraft mancher Zeilen von Konstantin Wecker, z.B. „Utopia onaniert im Seidenbette. Die Zeiten stinken, und die Dichter schweigen.“ Das ist ein Satz, der drei Jahrzehnte überlebt hat und länger im Gedächtnis haften bleibt als tausend Sachartikel, die in der Zwischenzeit verfasst wurden.
Ein Kunstwerk muss, wie das Beispiel zeigt, nicht unbedingt „realistisch“ sein, nur wahr. Und Wahrheit fühlt sich nicht immer ausschließlich in der Gesellschaft der Hässlichkeit wohl, obwohl Kunst selbstverständlich auch den Mut haben muss, den „Gestank“ einer zunehmend unmenschlichen Zeit einfangen. Ich glaube aber nicht an eine ausschließlich von karger Strenge dominierte Kulturideologie, die jede Schönheit, jede Harmonie als „Blume an der Kette“ (Marx) diffamiert. Vielmehr kann Schönheit ein Herzöffner sein, der für Mitgefühl empfänglich macht, letztlich auch für soziales Mitgefühl. Marc Chagall, dessen Kunstwerke mehr der „Logik“ von Träumen zu folgen scheinen, sagte: „Unsere Innenwelt ist die Realität, und das womöglich mehr als die Außenwelt“. Man kann also ohne Kunst und ohne die viel gescholtene „Innerlichkeit“ kaum für sich beanspruchen, ein realistisches Webmagazin zu machen. Philosophie, Psyche und eine undogmatische Spiritualität werden deshalb in unserem Magazin ebenfalls immer ihren Platz haben.
Auslaufmodell „journalistische Ehre“
Die Überschrift dieses Artikels spielt natürlich auf Konstantin Weckers Lied „Die weiße Rose“ an, wo es heiß: „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen.“ Natürlich hinkt jeder Vergleich aktueller oppositioneller Anstrengungen mit der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“. Man muss heute als Oppositioneller nicht sein Leben aufs Spiel setzen. Aber es sind auch jene zu würdigen, die für die Menschlichkeit zwar nicht sterben wollen, jedoch trotzdem nach Kräften für sie zu leben versuchen. Man muss die oft ganz unspektakuläre, alltägliche Tapferkeit wertschätzen, die nötig ist, um in einem unmenschlicher werdenden Umfeld menschlich zu überstehen – von „Siegen“ gar nicht zu sprechen. In einer effizienzverliebten Zeit muss man immer wieder darauf hinweisen, dass es richtig sein kann, etwas zu tun, selbst wenn es nicht erfolgreich ist.
Ich will sogar auf einen etwas altmodisch klingenden (weil beinahe vergessenen) Wert verweisen: die journalistische Ehre. Es ist einfach richtig und notwendig, in diesen Zeiten gegen eine neoliberale Sozialpolitik zu protestieren, die ihre vornehmste Aufgabe darin sieht, sicher zu stellen, dass kein „Faulenzer“ unberechtigterweise überlebt, anstatt – wie es sich gehört – eigenverantwortlich zu krepieren. Es ist richtig und notwendig, auf die Gefahren hinzuweisen, die mit der drohenden Installierung eines Polizei- und Überwachungsstaats verbunden sind, denn „Genau wie die Nacht nicht plötzlich hereinbricht, kommt auch die Unterdrückung nicht schlagartig.“ (William O. Douglas) Es ist schließlich unsere Pflicht, den Finger auf die Wunde zu legen, wenn schon wieder „in unserem Namen“ und von Widerstand fast unbehelligt, mörderische Kriegseinsätze im Gang sind. Auf diese und andere Gefahren hinzuweisen, ist eine zentrale historische Aufgabe der heute lebenden, vernunftbegabten Menschen. Solange nicht zweifelsfrei sicher ist, dass alle Ohren verschlossen sind, dürfen wir nicht aufhören zu schreien. Und „noch gibt’s Herzen, die verstehen“ (Wecker).
Gimlis Vermächtnis
„Es geht ums Tun, und nicht uns Siegen“, bedeutet also nicht, dass unsere Arbeit unbedingt aussichtslos ist. Es bedeutet, dass wir sie selbst in diesem äußersten Fall (dass nämlich unser Scheitern schon jetzt gewiss wäre) fortsetzen müssten. Die Position derer, die angesichts einer überwältigenden Gegenmacht noch immer versuchen, Herz, Gewissen und Niveau gleichermaßen hochzuhalten, erinnert mich immer ein wenig an den Ausspruch von Zwerg Gimli („Der Herr der Ringe“) vor einer aussichtslosen Schlacht: „Den Tod als Gewissheit – geringe Aussicht auf Erfolg – worauf warten wir noch?“
Ist dieses Beispiel nicht ein bisschen zu negativ? Nicht unbedingt, wir wissen ja, wer den Kampf am Ende gewonnen hat.