„Eine gleichgültige Welt in eine mitfühlende verwandeln“

Konstantin Wecker, Fotograf: Richard Föhr

Konstantin Wecker, Fotograf: Richard Föhr

Konstantin Wecker berichtet über die Anfänge seines Webmagazins  und über die Motive hinter dem Relaunch, der ab dieser Woche das Gesicht (nicht das Wesen) dieser Seite verändern wird. Er betont die wichtige Funktion der „Medien von unten“ in einer zunehmend gleichgeschalteten Medienszene und erhofft einen Bewusstseinssprung, der nicht nur ein Comeback des kritischen Nachdenkens, sondern auch mehr Mitgefühl auslösen soll.

Liebe Leserinnen und Leser,

meine Frau Annik und ich hoben die Website „Hinter den Schlagzeilen“ während des Irakkriegs 2003 aus der Taufe. Wir hatten uns in der Vorbereitung zu meiner Reise nach Bagdad intensiv mit den Hintergründen der amerikanischen Invasion beschäftigt und waren entsetzt über die einseitige und uninformierte Berichterstattung in den Medien. Mir war klar, dass ich viel Gegenwind bekommen würde. Aber dass die Reaktionen so polemisch und höhnisch ausfallen würden, hatten wir nicht erwartet.
Auf Grund unserer Recherchen wurde uns klar, dass hier, noch perfekter als in bisherigen Kriegen, gelogen, vertuscht, verleumdet und polemisiert wurde. Gespräche mit Wissenschaftlern und PazifistInnen, unangepassten Journalisten und vielen klugen Menschen versorgten uns mit dem nötigen Rüstzeug, um unser Gefühl zur Gewissheit werden zu lassen: Dieser Krieg ist genauso sinnlos und grausam wie alle anderen Kriege zuvor. Gewinner sind ausschließlich die Wirtschaft, die Waffenindustrie und die neoliberale Ideologie.

Vor allem aber hat uns das Internet geholfen, uns über die gängige Pressemeinung hinaus zu informieren. Natürlich gab es auch in der bürgerlichen Presse immer wieder Beiträge, die gut recherchiert und informativ waren, aber meistens waren diese politischen Essays im Feuilleton versteckt. Wirklich prominent platziert waren sie nie. Da wir in dieser Zeit viele Gesinnungsgenossen und Web-Freunde gefunden hatten, beschlossen wir, dieses Wissen auch anderen zugänglich zu machen. „Hinter den Schlagzeilen“ war geboren.

Annik hat in den ersten Jahre fast 6 Stunden täglich recherchiert und gelesen, getippt und verlinkt, bis sie einfach keine Zeit mehr hatte, zwei kleine Kinder, ihren Beruf und die redaktionelle Arbeit unter einen Hut zu bringen. Darauf hin hatte ich das Glück, den Journalisten und Autor Roland Rottenfusser als Redakteur für das Webmagazin gewinnen zu können.

Solche „Medien von unten“ – wie das Ignazio Ramonet einmal nannte – sind meines Erachtens ein unendlich wichtiger Beitrag gegen die schleichende Meinungsdiktatur der gängigen Medien, die ja fast alle großen Unternehmen oder Konzernen gehören und denen das eigene materielle Wohlergehen wichtiger ist als Gerechtigkeit und Menschenwürde. Ein Konzern wird nun mal undemokratisch geführt. Und wenn Konzerne zunehmend die Politik dominieren, kann bald von Demokratie keine Rede mehr sein.

Wir hoffen – zusammen mit vielen, vielen anderen – mit dieser Arbeit all jenen die Möglichkeit zur wirklich freien Meinungsbildung zu bieten, die nicht die Zeit haben, sich so ausführlich in die Ereignisse hinter den Schlagzeilen zu vertiefen. Vor allem möchte ich damit auch mein Konzertpublikum ansprechen, das, wie ich weiß, politisch sehr interessiert und nicht bereit ist, sich permanent ein X für ein U vormachen zu lassen.

Das Netz ist nicht ungefährlich. Immer wieder stoßen wir auf Seiten, die auf den ersten Blick Gutes verheißen und erst beim Nachforschen in den Tiefen des Worl Wide Web ihre wahre Herkunft zeigen. So verstecken sich auch immer wieder Nazis hinter flotten, rebellischen Sprüchen. Auch Sekten und neoliberale Think Tanks. Deshalb sind wir auch immer wieder auf eure Mithilfe angewiesen. Bitte informiert uns rechtzeitig – Fehler können einem immer unterlaufen. Das finde ich auch großartig an Albrecht Müllers „Nachdenkseiten“. Immer wieder werden dort Artikel auch in Frage gestellt oder aus dem Netz genommen, wenn die Leser auf Ungereimtheiten gestoßen sind. Wir hoffen natürlich auch auf Blogger und freuen uns über Beiträge von kritischen JournalistInnen. Bezahlen können wir leider nichts.

Wir gehen mit viel Enthusiasmus diese Aufgabe an, sind von Gehältern unabhängig und hoffen dennoch eine gehaltvolle Seite zu gestalten. Wir glauben daran, dass der erste Schritt zur Veränderung das Wissen um die Notwendigkeit einer Veränderung ist. Wir glauben auch fest daran, dass durch das Vernetzen vieler feinfühliger und geistig unabhängiger Menschen ein Bewusstseinssprung stattfinden kann und stattfinden muss.

Ich bin kein Politiker und werde auch nie einer sein sein. In erster Linie fühle ich mich als Musiker und Poet. Und so wie mich die Poesie verändert hat, weicher gemacht hat, warmherziger und weit blickender, so hoffe ich mit den Mitteln der Kunst eine gleichgültige Welt in eine mitfühlende zu verwandeln. Die Frage nach der Fähigkeit des Menschen zum Mitgefühl ist die Frage nach seinem Menschsein. Mitgefühl ist das einzige wirklich wichtige Erbe, das wir unseren Kindern hinterlassen müssen.

Und nie kommen wir diesem Mitgefühl näher als mit der nonrationalen Sprache der Kunst. Nicht umsonst wird in diesen extrem materialistischen Zeiten die Kultur aus der Politik ausgeklammert. Sie wird, wie mittlerweile der ganze Mensch, der Ökonomie geopfert.
Gemeinsames Singen zum Beispiel schafft eine Verbindung zwischen Menschen, die mit noch so langen und klugen Diskussionen nie in dieser Tiefe erreicht werden kann. Gemeinsames Musizieren kann selbst Streithähne wenigstens für kurze Zeit zu einem Körper verschmelzen lassen. Gemeinsame Konzerterlebnisse können Balsam für die Seele sein. Kunst macht menschlich und hilft bei der eigenen seelischen Entwicklung. Nicht umsonst wurde unter Hitler alles künstlerisch Hochwertige als entartet verbannt. Nicht umsonst ließen die Taliban Musikinstrumente öffentlich aufhängen!

Roland Rottenfusser, unser Redakteur, hat einen ausgezeichneten Beitrag zu unserer neuen Seite verfasst, den ich in allen Punkten unterschreibe.

Wenn euch diese Seite gefällt, dann verbreitet sie bitte weiter – im Interesse von uns allen!

Euer Konstantin

Diesmal als Herausgeber von „Hinter den Schlagzeilen“

11 Kommentare zu „„Eine gleichgültige Welt in eine mitfühlende verwandeln““

  1. Kohl sagt:

    “Freiheit, heißt koa Angst vor Niemand zu haben”
    K.Wecker
    LiebeAnnik, lieber Konstantin

    Als MUsikerkollege und Oftbesucher Deiner Konzerte, finde ich es nur konsequent, Dich auch im Netz (Grade Da) einzumischen.

    Wir, Deine Gemeinde und Wegefährten, folgen Dir nicht blind.
    Das wär nicht in Deinem Sinne.

    Aber Deine Stimme hat Gewicht.
    Die Menschen um uns kritischer, und im kant`schen Sinne, würdiger zu machen, dafür lass`t uns leben.
    In diesem Sinne

    KH Kohl
    SMC&Eagle Records

  2. Jürgen sagt:

    Hallo Konstantin

    ich bin nun schon seit Jahren ein Unsichtbarer in deiner Fangemeinde…aber ich hatte immer Respeckt vor dir wie du die Dinge anpackst. Gerade jetzt bin ich wieder dabei mich aufzulehnen gegen Verlogenheit und Falschheit. Gerade jetzt will ich mich wieder mehr engagieren – auch als Musiker mit meiner Band (www.faehrmann-rock.de).
    Ich war jetzt Jahre lang ein Geschlagener…einer dem der Kampf gegen die Windmühlen zu viel wurde. Aber jetzt habe ich wieder Kraft… und ich habe Kinder für die ich das tue – Das Lied von Reinhard Mey weiter unten hier auf der Startseite finde ich genau richtig.

    Ich hoffe es werden sich noch viele bemühen wieder was zu bewegen…

    Grüße Jürgen
    PS ich hab auch mal ein Lied für dich komponiert und auch probiert es an dich ranzutragen… aber das Ganze verlief im Sand…also wenn du Interesse hast meld dich!

  3. Ann-Kathrin sagt:

    Lieber Konstantin,
    ein toller Artikel! DANKE!!! Ich versuche immer wieder regelmäßig Rundmails an meine Mitmenschen und Bekannten zu verteilen, um sie auf diese Seite aufmerksam zu machen. Es ist so wichtig, zu WISSEN! Wir können nicht die Augen zu machen, auch wenn es bequemer ist.
    Aber leider stosse ich schon oft im engesten Bekanntenkreis auf Unveständnis für diese Sache…Aber: Ich werde nicht aufgeben!!!
    Ach weiter so!

  4. Ann-Kathrin sagt:

    Ich meine natürlich MACH weiter so..die Tastatur hat sich aufgehängt!

  5. Pooly sagt:

    Hallo,

    danke für diese sehr gute und informative Seite!
    Alles andere haben schon die Vorredner gesagt!

    Gruß und immer weiter machen!

    Daniel

  6. Alex Hornung sagt:

    Lieber Herr Wecker,

    Ich bedanke mich für Ihr Engagement. Ihr Enthusiasmus ist ansteckend. Ihre Worte sind ehrlich und haben mich auch infiziert nicht nur zu reden, sondern auch zu tun.

    Noch sind wir wenige, aber die Zahl der Handelnden steigt, sei es bei den Unibesetzungen, der Bewegung zum Grundeinkommen, den Initiativen für ein umlaufgesichertes Geldsystem genau wie für rein qualitative Wachstumziele, aber auch in den Umweltbewegungen. Also schlicht und ergreifend mehr Menschen wollen den Menschen wieder in den Mittelpunkt unseres Schaffens setzen und dies im Einklang mit der Natur.

    Ich würde es sehr begrüssen, wenn noch viel mehr öffentlich bekannte Personen ähnlich handeln würden wie Sie. Die sich engagieren würden für eine bessere Welt, aber solch eine die für jeden besser wäre. Und sehr wichtig, die dies tun ohne Ansprüche auf Macht und Priviligien zu stellen.

    Jeder Mensch ist wichtig bei diesem grossen Transformationsprozess. Auf jeden einzelnen kommt es an. Die Naturvölker lehren uns, dass jeder Mensch seine Aufgabe in der Gemeinschaft hat. Und deshalb bin ich sehr froh, dass Sie mit Ihrem Webmagazin dazu beitragen all diese kreativen Kräfte zu einem Netzwerk zu verbinden.

    Gemeinsam können wir es schaffen, damit genug genug wird.

    mit herzlichen Grüssen

    Alex

  7. Meerbuscher sagt:

    Hallo liebes Schlagzeilenteam – Hallo Annika, Konstantin und Roland, ich wünsche euch mit dem Relaunch eurer Seite und eurem Konzept weiter viel Erfolg. Zum Glück gibt es immer mehr gute Websites wie eure, die gegen die tägliche Wahrheitsbeugung in den Medien ankämpfen. Ihr ermöglicht es jedem, der mit offenen Augen durch die Welt gehen möchte, die Widersprüche zwischen den Bildern der Schlagzeilen und der Realität wahrzunehmen. So können wir Fragen stellen, Antworten einfordern, Druck ausüben. Ich halte das für einen wichtigen Beitrag gegen den immer deutlicher werdenden Entdemokratisierungsprozess und die zunehmende Entmenschlichung unserer Gesellschaften.

    Ich habe zwar schon öfter auf der alten Seite gelesen, ich freue mich aber über die neue Gestaltung, den neuen Wind und werde sicher häufig vorbeischauen.

    Herzliche Grüße – viel Erfolg mit neuem Schwung!
    Andreas

  8. sabine olier sagt:

    hallo ihr lieben,

    ich möchte gern über die jeweils aktuellen ausgaben des magazins auf dem laufenden gehalten werden. Wie ist das möglich? Vielleicht als mail?

    herzlich,
    Sabine

  9. admin sagt:

    Hallo!

    Am leichtesten dürften die “Feeds” sein, die Sie abonnieren können.

    Schaun Sie mal unten auf der Seite.

    Dort sind zwei getrennte Möglichkeiten Feeds im RSS Format zu abonnieren, zum einen die Artikel http://hinter-den-schlagzeilen.de/feed/ , zum anderen die Kommentare http://hinter-den-schlagzeilen.de/comments/feed/ .

    Mit speziellen Feed-Readern, aber auch mit eMail-Programmen oder Brwosern, können Sie dort leicht die Änderungen verfolgen.

    Für Infos zu “Feeds” allgemein vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/RSS.

    Ich hoffe, dass das weiterhilft!

  10. Vielen Dank für Euer Engagement!

    Zum weiteren Aufmucken auch 2010 ist es wichtig, DenkerInnen, RebellInnen und Herzenmenschen zu finden und zu kennen.

    Weiterhin Mut und Kraft für unsere Klarheit und Freiheit zu kämpfen!

    Herzlich

    Renate Schweizer

  11. “Herzensmenschen”

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