Von Konstantin Wecker.
Es war schon sehr peinlich, wie die Verleihung des Friedensnobelpreises gestern die Bühne wurde, eine Welt ohne Kriege als unrealistisch hinzustellen. War es das, was das fünfköpfige Nobelkomitee wollte? Ein für allemal selbst den Friedensnobelpreis als Rechtfertigung für Kriege zu etablieren? Den Krieg gegen Afghanistan zu rechtfertigen und im Nachhinein auch noch den Irakkrieg als Zugabe? Wollte man damit dem Pazifismus endgültig den Krieg erklären?
Moin, moin,
irgendwie kommt mir da als angemessene Auszeichnung nun wieder auch für das Committee, (kommt das Wort eigentlich von to commit im Sinne von verüben?) das sich ja vom Preisträger perfekt verstanden fühlte, der “Plissierte Peinbeutel erster Klasse am Bande, mit gekämmten Quasten und auf Knopfdruck in wählbaren Nationalfarben blinkend, sowie eine gepiepste Hymne nach Wahl quäkend”, in den Sinn. Werkseitig voreingestellt auf “Rudolph, the rednosed Reindeer”, oder so…
Apropos: To commit. Gestern ging außerdem über das Radio die Meldung, das Stiftungsvermögen der Nobelstiftung habe an der Börse etwa 20% verloren, so dass die Preise künftig wohl kleiner werden. Nicht davon betroffen sei der Preis für Nationalökonomie, der von der Staatsbank bezahlt werde…
Vielleicht sollten wir sowas mal stiften. Anwärtermangel kann ich nicht erkennen.
Verzeih den Sarkasmus, aber das fiel mir dazu ein.
Gruß aus Todenbüttel
Clas
Hallo allerseits,
Obama habe ich nie getraut. Seine Wahlkampfinszenierung erinnerte mich sehr sehr stark an die von Gerhard Schroeder, und im Unterschied zu nicht nur Konstantin Wecker betrachte ich Sozialdemokraten als meine persönlichen Feinde, nicht als meine Freunde.
Weil sie uns in der Geschichte einfach zu oft verraten und verkauft haben, nicht nur in der Frage, in der es um Krieg und Frieden geht.
Was nun bei den mehr als berechtigten Unmutsäusserungen etwas unterbelichtet erscheint, wäre die genaue Transparenz der Vergabekriterien für so einen hoch dotierten Preis (nicht also der Gründergedanke des Namensgebers Nobel, sondern die Kriterienliste der heutigen Vergabepraxis – das ist ein haushoher Unterschied!).
Offensichtlich reicht Dummsprücheklopferei allein schon aus. Darüberhinaus leisten wir uns für teures Geld in zunehmendem Masse gesichtslose Trottel als Staatslenker. Es müssen noch nicht mal mehr (wie etwa im juristischen Sinne) Fakten geschaffen werden, aufgrund derer dann so ein Preis vergeben wird.
Auch Obamas Alter macht ihn für dieses Amt nicht bereit. Früher galt: Ältere Herren mit Kriegserfahrung führen nicht so schnell neue Kriege, weil sie die Nase voll haben. Das galt nicht in allen Fällen, war aber doch eine Art Faustregel (ohne Garantieanspruch freilich). Obama ist einfach zu jung. Der Mann hat überhaupt nichts zu bieten, keine Erfahrung. Eine Flasche!
Und was ich jetzt sage, klingt fast schon pervers. Nicht pazifistisch, nicht träumerisch, auch nicht realistisch, sondern schlichtweg pervers.
Ich behaupte nämlich, dass die Welt nicht so sehr entgleist war, als sie auf der politischen Weltbühne noch mindestens zweihäusig war.
Als die UdSSR und die USA noch damit beschäftigt waren, sich Jahr für Jahr darin zu messen, wer denn militärisch der Stärkere wäre (der Hauptaggressor, welcher nachweislich technologisch immer mindestens einen Schritt voraus war, hiess USA und nicht, wie immer fälschlich propagiert, UdSSR), war diese Welt bestimmt nicht pazifistischer im statistischen Mittel. Und es bestand täglich Gefahr und berechtigte Angst vor dem grossen Knall und dem alles vernichtenden militärischen Schlag, egal, wo immer man / frau sich auf der Welt befand. Nicht nur in Europa!
Allein die Häufung der Konflikte und deren Schwerpunkt / Ausprägungsform waren völlig anders ausgestaltet.
In jüngster Zeit häufen sich die Stimmen, welche der USA als Weltmacht Nummer 1 ein baldiges Ende prognostizieren. Nicht nur in Gestalt des Feuilletonisten Immanuel Todd.
China wird sehr gern als Nachfolger gehandelt.
Das Problem augenblicklich ist, dass China noch nicht genügend Geld übrig hat für militärische Spielchen. Es hat intern jede Menge aufzuholen.
Und man hört immer wieder von Kreditvergaben aus China an beispielsweise Venezuela und Chavez, sowie andere Länder Lateinamerikas, die versuchen, sich aus der Umklammerung durch die USA zu befreien. Es ist also einiges in Bewegung auf dem Wege zur Zweihäusigkeit.
Angenommen, die politisch-militärische Weltbühne wäre wieder zweihäusig, wobei China diesmal den traditionellen Counterpart zur USA übernehmen würde.
Ob wir dann wohl weniger Anlass hätten, uns über Kriege zu ärgern oder gar über Friedensnobelpreise in den Händen von dümmlich-primitiven Kriegstreibern?
Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen meine grösste Sorge darin bestand, wie denn das Wettrüsten zwischen den USA und den UdSSR zu beenden sei.
Das war seinerzeit sehr naiv und es hatte seine Existenzberechtigung. Aber wenn ich mir die Geschichte mittlerweile angucke, muss ich traurig eingestehen, dass dieser Wunsch zumindest auf der Sachebene des Erwartbaren völlig falsch war.
Er war nicht deshalb falsch, weil Friedenstraum / Utopie und Realismus Gegensatzpaare wären.
Der Realismusbegriff von beispielsweise Ernesto Che Guevara setzt im Gegenteil sogar Utopie und Antizipation von nicht in der Realität vorgefundenen Wertvorstellungen voraus.
Er war deshalb falsch, weil seine Formulierung das geschichtliche Drehbuch völlig missachtete, und deshalb vor unerträglicher Unkenntnis nur noch so strotzte.
Stark verkürzt stand in diesem Drehbuch in etwa folgendes:
Während sich die Binnenwirtschaften im real existierenden westlichen Kapitalismus von den horrenden Rüstungsausgaben des Wettrüstens gänzlich unbeeindruckt zeigten, fehlte in der Sowjetunion buchstäblich jede Rupie in der Binnenwirtschaft, wenn es darum ging, mit dem militärisch-technologischen Stand der USA mitzuhalten, dem „Gleichgewicht des Schreckens“ zuliebe, wie man das damals nannte.
Allein die horrenden Mengen an Getreideimporten (→ Weizen), von denen die UdSSR jährlich abhängig war, um ihre eigene Bevölkerung durchzubringen, sprachen Bände.
„Totrüsten“ nannte man das seinerzeit.
Ich bin weit davon entfernt, die „Methode Gandhi“ oder verschiedene Formen zivilen Ungehorsams als Traumtänzerei oder gar Schwachsinn zu diskreditieren.
Aber all denjenigen, die wie kleine Orakelfiguren solche Geschichten immer und immer wieder tonbandähnlich herunterspulen, mache ich hiermit zum Vorwurf, nicht dort hinzugucken, wo es wirklich drauf ankommt. Weil sie dort nicht hingucken wollen, und aus keinem anderen Grund!
Da nimmt dann die „ lichtritualisierte Magie der esoterischen Nebelkerze“ einen grösseren Stellenwert ein als das Produkt eines halbwegs funktionierenden analytischen Verstandes.
Wenn der Wettbewerb zweier gegnerischer Systeme damit endet, dass eines von beiden kollabiert nach jahrelanger Praxis des systematischen wirtschaftlichen Niederkämpfens und der KO-Schläge, bedeutet das nicht automatisch eine friedfertigere Welt. Das Interesse muss schon beiderseitig sein.
Zumindest die USA hatte zu keinem Zeitpunkt auch nur das geringste Interesse, mit den Kriegen endlich aufzuhören. Ganz unabhängig vom jeweiligen Präsidenten, der nicht lang lebt(e), wenn er nicht tut (tat), was die Kapitalisten woll(t)en.
Ich bin gespannt auf das Drehbuch der weltpolitischen Bühne, wenn China weit genug entwickelt sein wird, der USA Paroli bieten zu können. Dass dann ein neues Kapitel in der Weltgeschichte aufgeschlagen wird, ist völlig unstrittig.
Es lohnt sich sicherlich auch, darüber nachzudenken, welche strategischen Eckpunkte / Kriterien denn erfüllt sein müssen, damit zumindest auf einem Teil des Globus auf eine Form des Wirtschaftens verzichtet werden kann, die Wachstum, Raffgier und materiellen Besitzstand zum goldenen Kalb erklärt.
Wirtschaften wir weiter so wie bisher, können wir uns das mit dem Frieden gleich aus dem Kopf schlagen, denn den Frieden gibts weder für drei Euro im Discounterladen, noch ist er in irgendeiner Form wertfrei und bedingungslos.
Lieber Konstantin,
ich stimme Deiner Kritik an der Verleihung des Friedensnobelpreises an Obama absolut zu, das ist grotesker Irrsinn. Vielleicht aber auch Wahnsinn mit Methode. Das vorweg.
In Deinem Kommentar finde ich dann den Satz:„Und Al Quaida mit Hitler gleichzusetzen, ist nichts als eine Verhöhnung der 55 Millionen Toten des zweiten Weltkrieges“. Ja, und auch das ist sicher völlig richtig und wahr.
Dazu aber folgender Gedanke: In Deinem Lied „Gutti-Land“ findet sich die Zeile „BRING UNS DEN TOTALEN KRIEG!“. Wird hier nicht auch mit den Assoziationen „Guttenberg – Goebbels“ bzw. „Afghanistan – 2.Weltkrieg“ bewusst gespielt? Wird hier nicht doch mit sehr verschiedenen Maßstäben gemessen, was wem zu sagen erlaubt ist? Ich finde, ehrlich gesagt, den Satz vom „totalen Krieg“ völlig daneben und unangemessen, auch wenn’s Satire sein soll. Der Satz von Kistler aus der SZ gilt doch dann wohl analog für den Liedermacher? – Und was soll’s – Guttenberg ist doch auch nur ein Repräsentant dieses Systems, bei Bedarf austauschbar, wie auch Jung austauschbar war. Und ob der jetzt ein Adliger ist und Haargel verwendet oder nicht – ist das nicht wirklich absolut egal?.
Und auch wenn das Publikum im Konzert dieses Lied so euphorisch bejubelt (oder vielleicht gerade auch deswegen): ich finde es ärgerlich, peinlich und ich mag’s nicht.
Alles Liebe,
Reinhard
Wesen des Nobelpreises?
Werter Konstantin Wecker,
Trotz Deiner unerträglichen Affinität zur Sozialdemokratie (deren Arbeiterverrat hat uns in der Geschichte sehr oft, zu oft den Krieg beschert) teile ich beim Thema Friedensnobelpreis Deine Empörung.
Doch Deine Schlusszeile finde ich unerträglich:
„Nun hat ein Kriegsherr den Friedensnobelpreis bekommen. Soviel ich weiß, wollte Herr Nobel die Erfindung des Dynamits wieder gut machen, indem er diesen Preis ins Leben gerufen hat. Mit diesem Preisträger wurde das Dynamit noch einmal erfunden.“
1. Begriffe wie „Demokratie, Freiheit, Wiedergutmachung“ zählen seit langem zu den Floskeln, in deren Namen die Kriegsunterstützung knallharter imperialistischer Interessen legitimiert wird.
2. Das Wesen des Testaments von Alfred Nobel kann man hier nachlesen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Nobel
Es handelt sich um Kriterien für die Auslobung eines Preises. Von „Wiedergutmachung“ (diesem Unwort!) ist nicht ansatzweise die Rede.
3.Der Friedensbegriff von Leuten wie Nobel, Obama, Bush, und wie die Kriegstreiber und verfluchten Imperialisten sonst noch hiessen und heissen, hatte in der Geschichte zu keinem Zeitpunkt auch nur irgendetwas proprietäres mit dem Pazifismusbegriff gemeinsam, ebensowenig, wie die Sozialdemokratie sich spätestens seit dem Godesberger Programm 1959 proprietär „sozial“ nennen darf bzw. durfte (wer Verluste privatisiert und Gewinne privatisiert ist vieles, nur garantiert nicht „sozial“).
Als historische Belege für die Faktizität von Punkt 3 seien hier exemplarisch erwähnt:
a. Mahatma Gandhi starb durch das Produkt, durch welches die finanziellen Ressourcen des Nobelpreises überhaupt erst geschaffen wurden: durch eine Handfeuerwaffe. Wie immer authentisch oder wirkungsvoll / wirkungslos sein Engagement von anderen eingeschätzt werden mag, er hat von dem Preis nichts mehr gehabt, weil er ihn nicht mehr erlebt hat, und die Heuchler, Kriecher, Kleinbürger, Spiessbürger, Feiglinge und Verräter in seinen eigenen Reihen die Oberhand gewannen. So war der Schritt zu seiner Ermordung nur noch ein kurzer.
b. Aus den inbrünstig reaktionären Westernschmuddelfilmchen unserer heissgeliebten amerikanischen „Freunde“ ist der Gebrauch von Handfeuerwaffen als probates Mittel überliefert. Einem Modell aus diesem Genre gab man dem Namen „Peacemaker.“
Weder wurde hier ergo irgendein Dynamit neu erfunden, noch wurde auch nur ansatzweise irgendetwas „wiedergutgemacht.“
Sollte mich jemand fragen, wieso ich so masslos erbost bin, so kann ich das auch an diesem Beispiel sehr ehrlich und geradeaus beantworten:
Ob nun von der Verleihpraxis des Nobelpreises die Rede ist, oder die „Meinungsbildung“ bestimmter Künstler auf ihre Kriterien untersucht wird:
Beiden wohnt ein und derselbe Baufehler inne: Das Prinzip Beliebigkeit.
Wo immer das Prinzip Beliebigkeit oberstes Mass aller Dinge ist,
a. kann man von einer staatstragenden Haltung sprechen
b. zählen historische Fakten noch weniger als Null
c.werden Fakten in der Regel trickreich und perfide verschwiegen oder verschleiert, indem die Antwort / Interpretation schon mit vorauseilendem Gehorsam vorweggenommen wird, bevor der Adressat / die Zielgruppe überhaupt erst damit beginnen kann, SELBSTÄNDIG zu denken.
Dergestalt entstandene „Meinungen“ sind garantiert sehr publicityträchtig, wenn die Geschäfte mal nicht so laufen, wie sie eigentlich sollen.
Dergestalt entstandene „Meinungen“ fördern nicht menschliche Denkprozesse, sondern zerstören sie bereits im kleinsten Impetus.
Es ist und bleibt eben ein himmelweiter Unterschied, ob ich die Menschen zum Denken bringen möchte, oder ob ich nur auf billigen Applaus beim Massenpublikum aus bin, bei dessen Erheischung das Image vom „Enfant Terrible“ zur bourgeoisen Kokette verkommt.
Fröhliches Nachdenken wünsche ich!
Also langsamt nervt dieses “an Konstantin herumgenögel” von diesem Hr. B. ziemlich…