Götz Widmann: Hingabe

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Götz Widmann wird dort, wo man das Lied zur Gitarre erfunden und gepachtet zu haben glaubt, mit einer gewissen Beharrlichkeit ignoriert. Ein Fehler, findet

Donna San Floriante

Rebellische Kifferlieder kannte ich als Bayern-Kid schon aus den 80ern vom Hans Söllner. Folglich war mir, als ich irgendwann in den 90ern in Hamburg ein Konzert des Liedermacher-Duos Joint Venture erlebte, durchaus nicht klar, einem historischen Ereignis beizuwohnen. Das war es aber. Fernab von den traditionellen Wegen der Liedermacherei, im Herzen der Jugendkultur, hat Joint Venture inzwischen eineinhalb Generationen inspiriert. Götz Widmann agiert seit dem Tod seines Kollegen Kleinti solo auf der Bühne, und als liebevoller Künstler-Gärtner einer ganzen Szene darf er sich mit voller Berechtigung als Godfather des Liedermaching bezeichnen.

Liedermaching?! Die Vielfalt dieser Szene ist groß genug, Urgesteinen wie John Banse oder dem russisch-jüdischen Sänger herrlicher Ganovensongs, Ganef, eine Heimat zu bieten. Sie hat mit den Monsters of Liedermaching eine Formation am Start, die auch auf den großen Sommerfestivals funktioniert, und mit Johanna Zeul das seltene Phänomen einer profilierten Liedermacherin in ihren Reihen. Die besten Köpfe des Liedermachings, etwa der wunderbare Rüdiger Bierhorst aus Berlin, schreiben ganz exzellente Songs. Auch Heinz Ratz kommt aus diesem Stall.

Die durchschnittlichen Fähigkeiten an der Gitarre übersteigen das Niveau der 70er bei weitem. Textlich, lyrisch, gesanglich ist die Sache vielleicht noch am ausbaufähigsten. Auf jeden Fall darf man sich verwundert die Augen reiben, wenn Hunderte von Jugendlichen die Hallen füllen, um Leuten beim Vortrag selbstgeschriebener Lieder zur Gitarre zu lauschen.

Jubel also über der Burg Waldeck? Erleichterung beim Folker-Magazin? Endlich neue Lieder neuer Leute? – Nix da. Man wird auch die neue CD von Götz Widmann in diesen Breiten genauso ignorieren, wie alle vorangegangenen und bestenfalls einmal, wie der Folker über die Monsters of Liedermaching, einige Passagen lang die Nasen rümpfen. Der Grund ist klar: die allermeisten Songs aus der Liedermaching-Szene mögen sich ästhetisch als Liedermacherei qualifizieren, fallen aber ganz sicher nicht in die Kategorie politisches Lied.

Spätestens „Hingabe“, die neue CD von Götz Widmann, wirft die Frage auf, ob diese Einschätzung eigentlich korrekt ist, soweit vom Godfather des Liedermachings die Rede ist. Das Lebensgefühl, welches Götz Widmann vermittelt, ist trotzig, rotzig, fordernd, frivol, von einer unbezwingbaren Liebe zur Freiheit und zum Exzess bestimmt, aber auch durchdrungen von zwischenmenschlicher Klugheit („streiten und liebe machen“), robuster Weltweisheit („Hingabe“) und anrührender Verliebtheit („Wolke 7“).

Die Stimme ist tief und viel reibeisiger als der sehr ruhige, freundliche Mensch dahinter. Die Arrangements sind ausnahmslos: Gesang & Gitarre. Die Gitarrenbegleitung ist meistens sehr rhythmisch und kraftvoll. Es geht auch sanft und langsam, insgesamt aber ist Götz Widmann das Kunststück gelungen, Lieder zur Gitarre auch in Deutschland tanzbar zu machen. Dem Live-Künstler Götz Widmann darf man erst recht attestieren, die Liedermacherei auf ein neues Niveau gehoben zu haben. Widmann kann rocken, Widmann kann grölen und toben, Widmann ist eine waschechte Bühnensau, einer, der im Laufe des Singens und Spielens abhebt und die Leute dabei mitreisst!

Natürlich beisst Widmann live immer noch kräftige Bissen von den alten Joint-Venture-CDs runter. Er verwaltet hier ein Erbe, sein Publikum kann diese Klassiker über Drogenspürhunde, Süffelmänner und den Dockarbeiter Hank auswendig. Nicht erst „Hingabe“ aber zeigt einen Widmann mit Tiefgang und Substanz, der sich von der reinen Kiffer-Thematik längst emanzipiert und Wesentliches mitzuteilen hat.

Dazu ist Widmann sauwitzig, was auch auf der für seine Verhältnisse eher nachdenklichen CD „Hingabe“ immer wieder durchscheint – etwa in einem sehr gelungenen Song über seine Schwangerschaft, einem sehr ehrlichen Lied über die Abgründe männlicher Gehirne, in der Dada-Nummer „bubble bubble blablabla“ – oder wenn Widmann über seine chancenlose Liebe zu einer Christenlady singt: „Jesus war mein Nebenbuhler – aber Jesus war cooler!“

Tanzbar und witzig – das sind natürlich zwei absolute No-Go’s im politischen Lied! Da hilft es überhaupt nichts, wenn der Mann gegen Internet-Überwachung („Laptopwebcammann“), über fehlgeleitete Helfersyndrome („Sozialberuf“) und „Babylon“ singt, sich selber produziert und verlegt, keinen Manager hat, nicht mal einen Booker – und damit sämtliche Anforderungen an einen Independent-Künstler erfüllt. Widmann und Waldeck, das wird also voraussichtlich niemals zusammengehen. Über die Relevanz Götz Widmanns ist damit keine negative Aussage getroffen.

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3 Kommentare zu „Götz Widmann: Hingabe“

  1. Gudrun Koball sagt:

    Genau so hab ich’s erlebt! Der Artikel ist eine super Erinnerung an einen total coolen Abend. Ein Higlight war für mich auch “Das Leben sollte mit dem Tod beginnen”. So unpolitisch ist Götz Widmann aber auch wieder nicht, wie beispielsweise in: “Sozialberuf”, wo er zum Ende des Liedes drauf hinweist, warum er sich für seine Tochter was anderes wünscht: unter anderem, weil die Gesellschaft für solche Jobs fast keinerlei Anerkennung an den Tag legt.
    Ich denke, die Zeit wird noch kommen, da man ihn auch in konservativeren Liedermacherkreisen (und bei deren Publikum) richtig zu schätzen wissen wird. Lauschten meine Eltern noch ziemlich andächtig, den doch vergleichsweise leise und minimalistisch dargebotenen, manchmal gar religiös geprägten Spätwerken eines Hanns Dieter Hüsch, finde ich mich mittlerweile doch eher in den Liedern von Konstantin Wecker oder Reinhard Mey oder eben von Leuten unserer Generation wieder. Und ich betrachte mich als eher konservativ: Habe überhaupt erst mit Mitte 20 mal bewusst in irgendwelche Popmusik u.s.w. hineingehört.
    Ich finds spannend, wie verschieden es klingen kann, wenn jemand mit einer Gitarre auf der Bühne eine Botschaft rüberbringt!

  2. [...] Aufbereitung des Inhalts. Siehe zu Götz Widmann auch die Rezension von Donna San Floriante http://hinter-den-schlagzeilen.de/2009/12/15/gotz-widmann-hingabe/ [...]

  3. [...] Artikel weiterlesen…Der gleiche Beitrag ist auch auf Konstantin Weckers Webmagazin hinter-den-schlagzeilen.de erschienen.Artikel als pdf:http-::www.jungewelt.de:2010:01-13:030.php Leave a Reply [...]

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