Kopenhagen und die Guillotine

Ram1792skyVon Donna San Floriante

„Die Kunst, vernetzt zu denken. Ideen und Werkzeuge für einen neuen Umgang mit Komplexität“ heißt das Buch von Frederic Vester, welches ich mir vom Bücherregal meines Vaters angle. Eine ansprechende Lektüre, und Vester ist ein Praktiker. Er kritisiert nicht nur das alte Paradigma des rein produktorientierten, linearen Denkens, das in Ursache-Wirkung-Beziehungen analysiert und unendliche Datenmengen aufhäuft, ohne die wesentlichen Systemzusammenhänge zu begreifen. Er stellt auch nicht nur dar, wie ein neues, vernetztes, an Wechselwirkungen und langfristigen Entwicklungen ausgerichtetes Denken und Handeln aussehen müsste.

Vester hat vielmehr konkrete Fallbeispiele im Angebot. Eine Großschlachterei, die sich mit einer dezentralen, kleinräumigen Struktur völlig neu aufstellt. Die seit vier Jahrzehnten ungelöste Verkehrsproblematik einer Kleinstadt, die durch konsensbasierte Entscheidungsprozesse eine ökologisch und stadtpolitisch sinnvolle Lösung findet. Eine ganze Region in China, die nach ganzheitlichen Prinzipien und mit dem Ziel, ökologischer Nachhaltigkeit und nachhaltiger Lebensqualität geplant und gestaltet wird. Das neue Design einer Flugzeugkabine, das wirtschaftliche Erfordernisse und die Wünsche der Fluggäste genial verbindet. Frederic Vester kann auf Erfolge verweisen.

Vesters Buch ist, trotz der Angst um die Menschheit, die er im letzten Satz formuliert, von einem erfreulichen Optimismus der Machbarkeit durchdrungen. Ja, es gibt gewaltige Probleme und wir müssen handeln. Aber wir wissen in etwa, wie die Lösungen aussehen oder zumindest, wie sie entwickelt werden können, wir haben das technologische Know-How und zunehmend auch die nötige Einsicht, unser Verhalten und die Organisation der Welt rechtzeitig entscheidend umzustellen.

Das Problem: „Die Kunst, vernetzt zu denken“ ist ein Buch aus dem Jahre 2001. Professor Vester ist im Jahre 2003 verstorben. Und 2009 ist es noch immer nicht gelungen, auch nur den Anstieg der CO2-Emissionen spürbar zu verlangsamen, es scheitern die Staatschefs der Welt weiter vor sich hin.

Die „Nuller Jahre“

Die „Nuller Jahre“ des 21. Jahrhunderts, eingeleitet mit dem Dammbruch reaktionärer Irrationalitäten am 11. September 2001, werden tatsächlich in den Geschichtsbüchern dastehen als ein verlorenes Jahrzehnt: eine Zeit, in der man die Katastrophe kommen sah, aber entschied, sich lieber vor einem anderen, bequemer zu bekämpfenden Szenario zu fürchten und den Blick besser dahin zu wenden.

Den Terrorismus nämlich kann man fürchten und bekämpfen (lassen), ohne den eigenen Alltag nennenswert zu verändern, man kann sich sogar einreden, es werde geradezu die Art und Weise, wie man lebt, am Hindukusch gesichert und verteidigt. Die wirkliche Rettung der Welt aber, und Frederic Vester hat das immer wieder wissenschaftlich belegt, erfordert ein radikales Umsteuern in der Gesamtorganisation unserer Gesellschaft. Sie erfordert nicht notwendigerweise einen geringeren Lebensstandard, obwohl auch das zumindest im sogenannten „Westen“ ziemlich sicher blüht. In jedem Fall aber braucht es radikale, einschneidende Veränderungen des Alltags. Denn rein technische Lösungen reichen, wie Vester in zahlreichen Simulationen bewiesen hat, keineswegs aus. Die alles entscheidende Variable im komplexen System unserer Biosphäre ist: das Verhalten der Spezies Mensch. Wenn sich hier nichts grundlegend ändert, wird das System kollabieren.

Überlebenstrieb paradox

Nun gibt es sie immer noch, die Verharmloser und Leugner des Klimawandels. Noch gefährlicher als diese bezahlten Schreiberlinge der Industriegiganten sind aber vielleicht noch jene, die auch nach dem Desaster von Kopenhagen finden: Na, immerhin haben sich mal alle Staaten getroffen und miteinander geredet! Diejenigen also, die von der Dringlichkeit der Situation immer noch nichts begriffen haben, die immer noch so tun, als könne man das Ruder dann eben im nächsten Jahr herumreissen oder im übernächsten, und die vor allem eines nicht verstehen: es gibt Interessengruppen, deren Überlebenstrieb als Gruppe dem Überlebenstrieb der Spezies Mensch diametral entgegengesetzt ist. Und dieser Block hat momentan die Macht und die Möglichkeiten, jedes effektive Umsteuern zu blockieren. Schlimmer: er setzt weiterhin in größtem Umfang Weichenstellungen der fatalsten Art und mit weitestreichenden Folgen durch. Etwa in Deutschland die, den Atomausstieg wieder zurückzunehmen, eine neue Generation Kohlekraftwerke zu bauen, den Kauf neuer Autos mit der alten, verheerenden Technologie der Verbrennungsmotoren zu subventionieren, Banken zu retten statt, mit einem Bruchteil dieser aberwitzigen Beträge: die Biosphäre.

Es ist die große Schwäche von Vesters Ansatz, dass seine Modelle immer vom guten Willen aller am Entscheidungsprozess Beteiligten ausgehen, dass die Modelle seines „Sensitivitätsmodells“ in sich funktionieren, aber nicht die Frage beantworten, wie man die Ideen und Werkzeuge des vernetzten Denkens vor gezielter Destruktion und rücksichtsloser Sabotage schützen kann, wie man das Richtige durchsetzen kann gegen Einflüsse, die Kruziment noch eins bewusst und absichtlich auf das Falsche zusteuern?

Genau das ist aber der Fall. Und wir tun gut daran, uns dieser Tatsache zu stellen: es gibt Menschen, deren subjektiver Überlebenstrieb sich gegen das objektive Überlebensinteresse der Menschheit richtet!

Vernunft & Guillotine

Das ist an sich keine völlig unbekannte Erfahrung. Auch vor der Französischen Revolution war alles vorhanden und bekannt, was nötig gewesen wäre, um rechtzeitig umzusteuern. Voltaire saß auf seinem Landgut zu Ferney und war mit seinem brillanten Geist und seinen scharf geschnittenen Sätzen zu einer europäischen Großmacht des Intellekts aufgestiegen. Der Appell an die Vernunft griff auch in den denkenden Teilen des Adels um sich, gerade dort gab es Reformer, auch im Klerus bildete sich eine Front der Aufklärung. Die technischen Möglichkeiten, die Probleme der Zeit durch sinnvolle Massnahmen zu lösen, nahmen rasant zu.

Zur Revolution von 1789 ff aber kam es, weil diese Fraktion der Gutwilligen, der Denkenden, der Veränderungsbereiten innerhalb der herrschenden Klasse unterlag. Diejenigen, die jeglichen Kontakt zur Gesellschaftsmehrheit verloren hatten, die nichts kommen sahen bis zum bitteren Ende und rücksichtslos und immer dreister nur die Verteidigung ihres Status Quo betrieben … diejenigen waren es, die jede evolutionäre Lösung der sozialen Krise dieser Zeit erfolgreich hintertrieben. Sie hatten nichts begriffen, hörten nicht das Murren und die immer wildere Agitation in den Vorstädten, aber sie setzten sich innerhalb der herrschenden Klasse durch, gegen die Reformkräfte, gegen die Aufgeklärten und Weitsichtigen.

Es sind solche Entwicklungen, die den Weg zur evolutionären, schrittweisen Veränderung eines in die Krise geratenen Systems blockieren und dann nur noch zwei Optionen übrig lassen: den weiteren, sich beschleunigenden Verfall des Systems – oder aber die Entmachtung der besagten Klasse durch revolutionäre Prozesse. Es zerreißt also entweder den Topf und es gibt es riesengroße Sauerei in der ganzen Küche, oder aber der Deckel kommt runter, man rührt dreimal kräftig um und stellt den Herd ein, zwei Stufen runter … und deckt schon mal den Esstisch!

Metropolenzynismus

Das Problem in der Gegenwart und im Gegensatz zur Krise Frankreichs vor gut 200 Jahren könnte sein, dass die Gruppe von Menschen, die sabotiert und in die falsche Richtung steuert, eben nicht nur eine winzige Schicht von Superreichen oder die Lakaien einiger Monopole sind.

Die mit gigantischem Beharrungsvermögen auf ihrer (relativen) Macht sitzen bleiben und damit die Welt in den Abgrund jagen, das sind leider auch einige Hundert Millionen Bewohner der Industriestaaten, die sich manche sinnvolle Maßnahme durchaus leisten könnten, aber dann eben doch wieder bei Lidl einkaufen, weil’s billiger ist, und mit dem Flugzeug in den Urlaub düsen, weil’s da schön ist und sich beim Bau ihrer Häuser das Nutzwassersystem eben doch nicht leisten wollen, während sie sich die Dreiecksbadewanne aber eben schon leisten.

Machen wir uns nichts vor: während Bangladesh und Tuvalu absaufen, ist das mehrheitliche Interesse der Metropolenbevölkerung darauf gerichtet, in Ruhe sein Feierabendbier genießen zu können. Wir sind so heillos kaputt, dass uns die ganze Verantwortungslosigkeit unseres alltäglichen Handelns schon gar nicht mehr auffällt. Wir sitzen vor den Fernsehern oder surfen im Internet und verfolgen den Klimagipfel in Kopenhagen, wie ein Sportereignis: mal sehen, ob die das schaffen, ich glaub ja nicht dran – es fehlt nur, dass wir Tippgemeinschaften in der Kantine gründen, ob die Rettung der Biosphäre gelingen wird oder nicht.

In jedem Fall bleiben wir, in alledem und allesamt: Zuschauer. Besorgte Zuschauer oder gelangweilte Zuschauer, besoffene Zuschauer oder bekiffte Zuschauer, wir empören uns über „die da oben“ oder lassen es auch bleiben, in jedem Fall: wir bleiben sitzen und seufzen vom Gang der Welt!

Eine gewisse Hoffnung besteht nun darin, dass man diesen Eindruck, es bewege sich nichts in der Welt und alle Menschheit schaue nur zu, eben vor allem als Bewohner der guten, alten ersten Welt gewinnt. Denn Kopenhagen war ja nicht nur ein Scheitern, es war auch eine Rebellion der Schwellenländer und der Dritten Welt gegen die diplomatische Arroganz und Pool Position der westlichen Industriestaaten!

Man lesen die Rede von Hugo Chavez beim Klimagipfel, man richte den Blick in jene Erdteile, die von Europa und den USA seit Jahrhunderten niedergefahren werden wie von einer Dampflok und man stellt fest: die Rebellion hat ja längst begonnen, … nur eben nicht bei uns, sondern im Süden des Planeten: gegen uns! Und wir, die linken, kritischen, aufgeklärten Bevölkerungsteile der Metropolen? Wir sollten uns demnächst überlegen, ob nicht auch wir von diesem anhebenden Sturm mit großer Berechtigung hinweggefegt werden, wenn wir nicht endlich, endlich, endlich übergehen von der passiven Empörung zur echten Aktion.

Meine Eltern übrigens, haben diesen Schritt getan. Sie taten ihn harmlos und etwas hilflos auch, es sind eben meine Eltern. Aber sie haben ihn getan! Am letzten Verhandlungstag zu Kopenhagen standen sie zu einem Schweigekreis auf dem Marktplatz ihrer kleinen Münchner Vorstadt, wie damals, zu Zeiten der Friedensbewegung. Irgendein örtlicher Spinner, der nach seinem Burnout als leitender Angestellter zum Esoteriker und Umweltaktivisten mutiert ist, hat die Sache angeleiert…

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