„Das Weihnachtsfest wird wunderbar …“

"Der Zinsgroschen" - ein schönes Jesus-Bild von Tizian

"Der Zinsgroschen" - ein schönes Jesus-Bild von Tizian

„… mit Kindermoden aus Uschis Basar“, heißt es in Gerhard Polts Sketch „Kindermodenschau“, den wir zu Weihnachten auf „Hinter den Schlagzeilen“ veröffentlichen. Nun ist der Sketch recht alt, aber wunderbar wird das Fest trotzdem: mit Liedern, Artikel und Kabarett auf Weckers Webseite. Vom 23. Dez. bis 4. Januar läuft bei uns eine Art Ferien-Notprogramm, da wir ja auch mal Urlaub machen müssen.

Mit der Funktion „Vorprogrammieren“ werden wir in dieser Zeit einige klassische Beiträge veröffentlichen. Schaut doch zwischendurch mal rein, wenn Ihr Lust habt und lasst Euch überraschen. Da Artikel zum politischen Tagegeschehen fehlen werden, ist das „Weihnachtsprogramm“ auch keineswegs typisch für die Art und Weise, wie wir Hinter den Schlagzeilen künftig gestalten werden. Im Januar geht’s in bewährter Weise weiter.

Weihnachten ist die zum Kommerz-Amoklauf degenerierte Geburtstagsfeier für einen Menschen, der nach allem, was wir über ihn wissen, mit Kommerz nicht viel am Hut hatte. Die Botschaft, die sich ursprünglich mit Jesus verbindet, wäre eigentlich eine gute. Zumindest können wir sie, wenn wir guten Willens sind, aus dem Evangelium heraus oder in es hinein lesen.

Prägend ist für mich noch immer das Jesusbild, das aus Hans Küngs Buch „Existiert Gott?“ spricht. Küng spricht dort folgendermaßen über den Gott des Neuen Testaments: „Ein Gott, der den Menschen selber zum Maßstab seiner Gebote macht, der die natürlichen Grenzen zwischen Genossen und Nichtgenossen, Fernsten und Nächsten, Freunden und Feinden, Guten und Bösen aufgehoben wissen will durch Vergeben ohne Ende, Dienen ohne Rangordnung, Verzichten ohne Gegenleistung, durch die Liebe. (…) Darum ging es: um einen neuen Gott, der sich von seinem eigenen Gesetz gelöst zu haben schien, einen Gott nicht der Gesetzesfrommen, sondern der Gesetzesbrecher, ja – so muss man zugespitzt sagen – einen Gott nicht der Gottesfürchtigen, sondern der Gottlosen!“

Ob jedem der Begriff „Gott“ behagt oder nicht – angesprochen ist eine Form von Religion, die nicht nur ethische Regeln aufstellt, sondern auch den Verstoß dagegen in größtmöglicher Weitherzigkeit gleichsam schon präventiv umarmt. Es wäre die einzige für mich mögliche und erträgliche Form von institutioneller Religion. Spiritualität an sich ist ohnehin frei und befreiend, ewig und immer neu, an keine Kirchenbänke und Traditionen gebunden. Wenn Jesus das wirklich so gesagt und gewollt hat, wie Küng ihn interpretiert, feiere ich auch gern seinen Geburtstag.

Wir mokieren uns gern über den Weihnachtsrummel und betrachten all das – gerade als Linke als eigentlich unter unserem Niveau. Trotzdem überkommt viele Menschen um diese Zeit noch immer eine Grundstimmung, die ich mit „Nachdenklichkeit“, „Besinnung“, „Rückzug“, „Warmherzigkeit“ umschreiben würde – Stimmungen also, die nicht nur in der kapitalistischen Kommerzwelt, sondern auch in der Welt von politisch Oppositionellen oft fehlen. Denn auch der politische Aktivist ist ja nicht nur Aktivist. Der beißende Sozialkritiker ist nicht nur Kritiker. Der Mutmacher ist nicht rund um die Uhr von unbedingt Durchhaltewillen beseelt, sondern manchmal auch einfach nur traurig darüber, wie politisch alles gelaufen ist. Es gibt wahrscheinlich in den meisten von uns Seelenregungen, die am Schlichten und Bejahenden Festhalten wollen, am Geborgenen und manchmal sogar „Altmodischen“. Das schenkt Kraft, um sich hinterher wieder dem scharfen Wind des Belastenden und Komplizierten auszusetzen, dem wir uns freilich werden stellen müssen.

Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen schrieb über die Jugend: „Sie geben sich respektlos und sehnen sich danach, achten zu können“. So ähnlich geht es mir manchmal (obwohl selbst kein Jugendlicher mehr). Und deshalb verlinke ich in der Musikrubrik von Hinter den Schlagzeilen mit Vorliebe Künstler, die ich achten und wertschätzen kann. Ohne sie wäre die politische Landschaft, die mit beispielloser Penetranz immer mehr in die falsche Richtung abdriftet, manchmal nur sehr schwer auszuhalten. Neben Kritik und Spott ist auch immer wieder ein „Herzöffner“ dabei. Denn das Herz – so ist es jedenfalls bei mir – will sich nicht ausschließlich im Hass auf den Kapitalismus verkrampfen, sondern manchmal auch weich werden, schwärmen und sich verströmen, ohne dass dabei das Hirn völlig ausgeschaltet werden muss. Dazu verhilft mir oft das zugleich gefühlvolle und intelligente Chanson wie es Brel oder Wecker, Pollina oder Mey pflegen und das man in der Radiolandschaft von „Bayern 3“ bis „Antenne Bayern“ vergeblich suchen wird.

In diesem Sinne eine gute Zeit und auf zu neuen Taten im kommenden Jahr!

Roland Rottenfußer

Kommentieren