Klaus Ernst und Gesine Lötzsch sind die designierten Nachfolger an der Parteispitze von DIE LINKE. Aus diesem Anlass hier ein Porträt des WASG-Gründers aus der Jungen Welt, April 2006.
von Donna San Floriante
Die Rettung kam aus dem Süden. Genauer: ungeahnt aus Schweinfurt. Die Rettung schaute aus wie die Kreuzung von Elmar Wepper und Jörg Wontorra, wie der Sportlehrer einer Untermenziger Hauptschule, Erdinger Weißbier, 3er BMW. Der Name der Rettung war Klaus Ernst, aber natürlich heißt die Rettung in Bayern andersherum, also: der Ernst Klaus.
Treibt man sich dieser Tage in den von der Linkspartei besetzten Stockwerken des Jakob-Kaiser-Hauses herum, dem Abgeordnetentrakt des Deutschen Bundestages, bekommt man verschiedentlich die Einschätzung zu hören, der Stern des Klaus Ernst sei im Sinken begriffen. Der Mann habe, so wird ebenso großzügig wie -kotzig kolportiert, durchaus seine Verdienste und den Ausbruch der SPD-Linken aus der Schröder-Partei ganz wesentlich befördert. Aber nun sei die Sache auf einem etwas höheren Niveau angelangt, »ebend«, und dieser Ernst, der robuste Regionalligakicker, tauge halt nicht für die Bundesliga.
Am Donnerstag sprach Klaus Ernst in Köln, und weil die simple Ankündigung »Klaus Ernst kommt!« im Normalfall nur die ganz Großen des Politgeschäfts ankündigt, war man doch skeptisch. IG-Metall-Geschäftsstellenleiter auf dem Lenintrip – grauenhaft. Dann die Querelen, in Berlin, in Meck-Pomm, und die Verdächtigungen, gerade er, Klaus Ernst, plane längst, sich unbequemer WASG-Mitglieder, kurzerhand und durch unlautere Methoden, zu entledigen.
Klaus Ernst überraschte. Und Klaus Ernst überraschte durchweg positiv. Zunächst der Redner Klaus Ernst. Direkt provokant Bayerisch fordert er mehr »Angaschmaaah«. Das kommt im volkstümlich gestimmten Köln sicher besser an als in Hannover oder Hamburg. Aber daß er schon auf der Dialektebene jeden Versuch sich anzupassen, sich verbiegen zu lassen, souverän unterläßt, verleiht dem Mann eine gewisse Glaubwürdigkeit. Und: Klaus Ernst ist ein exzellenter Rhetoriker. Locker steht er am Pult, strahlt eine gegen jedes Sektierertum immunisierende Gemütlichkeit aus, lächelt viel und bringt das Publikum auch oft zum Lachen, wobei er stellenweise wirkliches Kabarett-Talent zeigt. Aber Klaus Ernst sagt auch, daß er stinksauer ist. Und das sagt er so, daß man seine Wut spürt. Er sagt Worte wie »Knechtschaft«, »Kapitalistenknechte«, »Klassenkampf« oder »Ausbeuter« – gute Worte, wichtige Worte. Und wenn Klaus Ernst fordert, wir müßten uns wehren wie die Franzosen, dann heißt das aus seinem Mund: »Das Land lahmlegen, daß es kracht!«
Darf man ihm das abnehmen? Meint der das ernst, der Ernst? Oder ist das ein ewiges Wahlkampfmanöver, links überholen, rechts einparken, das grüne Trauma? Seine Themen sind klassisch, gewerkschaftlich, 70er-Jahre-mäßig: die Rente, Gesundheit, Umverteilung. Die große Vision fehlt, der messianische Impetus beschränkt sich auf das Praktische, das Machbare, den nächsten, sehr konkreten Schritt. Ein Realo?
Vielleicht nicht, jedenfalls nicht so. Bei Klaus Ernst wird das Praktische visionär, etwa wenn er berichtet, wie sie in Schweinfurt auf der Straße waren, unter Rot-Grün, dreimal, viermal, während der Arbeitszeit und zu Tausenden: Politische Streiks! Die sind natürlich nicht erlaubt, in der BRD, und Klaus Ernst vermittelt glaubwürdig den Eindruck, daß ihm das total wurscht ist. Er ist keiner, der vom Paradies kündet. Aber er ist auch kein Buchhalter. Er ist einer, der sich wehrt. Und Klaus Ernst bringt eine Fähigkeit mit, die der deutschen Linken bitter abgeht: Klaus Ernst kann organisieren. Er kann schlagkräftige Strukturen aufbauen. Zehn Prozent bei den Wahlen und 150 Mitglieder hat die WASG in Schweinfurt. Der schlagzeilenträchtige Landesverband Mecklenburg-Vorpommern hat gerade so viele Leute im ganzen Land. Köln, der größte Kreisverband der WASG bundesweit, hat 300 Mitglieder.
Vielleicht ist nach einem jahrzehntelangen Niedergehen der Linken der erste Schritt auf die Straße auch der notwendige erste Schritt zu einer neuen Vision. Klaus Ernst sagt oft, floskelhaft, »ein Stückweit« und manchmal klingt das eher komisch, etwa wenn er ruft: »Es reicht! – ein Stückweit …« Erneut kommt Skepsis auf. Wird er auch den zweiten Schritt mitgehen, den dritten gar und den vierten?
Klaus Ernst steht für eine neue Ernsthaftigkeit in der politischen Praxis der Linken, aber inhaltlich ist er offen, nach links. Klaus Ernst wird mitgehen, und das von ihm ins Rollen gebrachte Projekt wird gelingen, wenn … wenn diese praktischen Qualitäten nicht mit Mißtrauen umlagert werden und die Ränkespiele der Internet-Revolutionäre Klaus Ernst nicht zur Unzeit zu Fall bringen. Wenn er und Leute wie er ihr Organisationstalent kraftvoll entfalten können: wenn es eins, zwei, viele Schweinfurts gibt.