
Margot Käßmann
Konstantin Wecker begleitete den Weg der mittlerweile zurückgetretenen Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche in drei Tagebucheintragungen. Sein Fazit: Es sind immer die falschen, bei denen sich das Gewissen regt. 23.Februar:
Die Frau Käßmann hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, höre ich.
Gegen den Afghanistankrieg sein und besoffen Auto fahren, das passt nämlich nicht zusammen, heisst es.
Wir haben einen Finanzminister, der in den größten Parteienfinanzierungsskandal der Nachkriegsgeschichte verwickelt gewesen ist, ein weitverzweigtes Netz von Schwarzgeldkonten angelegt und 100.000 Mark in cash von einem Waffenhändler kassiert hat und davon hinterher nichts mehr wusste.
Ein Glaubwürdigkeitsproblem allerdings hat die EKD-Vorsitzende Margot Käßmann. Sie fährt nämlich betrunken Auto und ist gleichzeitig gegen einen völkerrechtswidrigen Krieg.
Wir haben einen Außenminister und Vizekanzler, dessen Partei sich von einem Hotelkettenbesitzer mit Millionenbeträgen schmieren lässt, um hinterher den Hotels die Steuern zu senken. Der Ministerpräsident des bevölkerungsstärksten Bundeslandes lässt sich derweil von Konzern-Lobbyisten stundenweise für vertrauliche Gespräche mieten wie ein politischer Callboy.
Wie aber soll man einer Frau, die mit 1,56 Promille über rote Ampeln fährt, glauben, dass sie aus guten Gründen gegen den Afghanistan-Krieg ist?
Wir haben eine Bundeswehr, in deren Kasernen im Vollrausch junge Rekruten misshandelt werden. Wir führen seit acht Jahren einen sinnlosen, völkerrechtswidrigen Krieg in einem weit entfernten Land. Wir haben einen Bundesverteidungsminister, der einen Luftangriff mit mehr als 100 toten Zivilisten für angemessen erklärt und eine Bundesregierung, die das Ausmaß des Massakers monatelang vertuscht hat.
Und da leisten wir uns eine EKD-Vorsitzende mit solch einem gigantischen Glaubwürdigkeitsproblem?
Es ist schon wirklich großartig, mit welchem Hurra jetzt die Wogen der moralischen Entrüstung über Margot Käßmann zusammenschlagen. Nur gut, dass wir keine anderen Sorgen haben als eine Landesbischöfin, die besoffen Auto fährt und ansonsten ganz einfach recht hat…
Margot Käßmann hat also offensichtlich einen Fetzenrausch gehabt.
Mir wird die Frau immer sympathischer, muss ich gestehen!
24. Februar:
Der EKD-Rat spricht Margot Käßmann das ungeteilte Vertrauen aus. http://www.sueddeutsche.de/,tt2m1/politik/938/504154/text/ Damit ist der moralinsaure Mäuseaufstand wohl schon wieder beendet. Immerhin ist Frau Käßmann ja auch nicht ADAC-Vorsitzende…
24. Februar (abends):
Zefix! Jetzt ist Frau Käßmann zurückgetreten, obwohl sie das nicht tun hätte müssen und das Vertrauen des EKD ausgesprochen bekommen hatte. Ich muss sagen, ich bin geschockt über diesen Schritt und finde es jammerschade – aber es beeindruckt mich auch, mit welcher Kraft sie für ihren Fehler gerade steht. Wenn ich bedenke, welche Skandale andere Leute veranstalten, ohne dafür die entfernteste persönliche Verantwortung zu übernehmen, ringt mir die Entscheidung Margot Käßmanns größten Respekt ab. Rüttgers macht es zum Beispiel anders: der opfert einen Hiwi und bleibt selber an der Macht kleben… Trotzdem: das ist eine wirklich schlechte Nachricht! Denn Leute wie Margot Käßmann brauchen wir dringend!
Ich bin schon vor vielen Jahren aus der ev. Kirche ausgetreten.
Obwohl ich Frau Käßmann nie persönlich kennen lernen durfte, war sie für mich der erste und einzige Lichtblick bei diesem Verein seit ich lebe. Ihre lockere Art war und ist mir sehr sympathisch. Liegt vielleicht auch daran, dass sie gerade mal 3 Tage älter ist als ich. Nun ist sie zurückgetreten, hat aber niemals zurückgetreten, obwohl sie selbst gar heftigst getreten wurde. Ihren Rücktritt vom Amt der Landesbischöfin kann ich deswegen auch gut nachvollziehen.
Wer sich mit gewissen Kreisen anlegt,
http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/19/0,3672,7965587,00.html
http://www.evlka.de/content.php?contentTypeID=4&id=12357
lernt das irdische Leben mit seiner teilweise bigotten und spießigen Menschlichkeit nicht unbedingt von seiner Schokoladenseite kennen.
http://www.welt.de/politik/deutschland/article5703909/Bischoefin-Kaessmann-veraergert-die-Politik.html
- Alkohol getrunken
- Auto gefahren
- Bei Rot über die Ampel
- Polizei ausgerechnet dann zur Stelle (Kommissar Zufall? – Ach nein, stimmt ja, das war einfach nur Pech!)
- Ein paar Stunden später steht es in der BLÖD-Zeitung! (Woher wussten die das denn so schnell?)
Okay, nennt mich einen Verschwörungstheoretiker, aber irgendwas ist hier megafaul!?! Ein bisschen viel Zufall auf einmal.
Wow, wie so oft wird hier wieder einmal Ursache mit Wirkung vertauscht.
Wollen wir allen Ernstes Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Deutschland, die betrunken mit 1,5 Promille Auto fahren? Kann es denn angehen, dass man auf das Fehlverhalten von anderen schaut (Schäuble und co.) damit man Frau Käßmann entschuldigt?
Wir wollen an der Spitze unserer Gesellschaft integre Menschen, die mit gutem Beispiel vorangehen, oder? Wenn Frau Käßmann eine so tolle Frau ist, wieso fährt Sie denn dann betrunken Auto? Und damit wird Sie Herrn Wecker sympathisch? Peinlich, peinlich.
Sorry Freunde, aber jeder hat in der Bekanntschaft Leute, die im Straßenverkehr durch Alkoholeinfluß anderer zu Schaden oder gar zu Tode gekommen sind. Das ist keine entschuldbare Tat sondern gemeingefährlich. Egal aus welchem Grund Frau Käßmann zur Flasche gegriffen hat, ist das Trinken an sich ja auch nicht das Problem, sondern das anschließende Autofahren.
@Maverick
Wenn die Bildzeitung keinen Kontakt zur Polizei hätte, um solche Geschichten mitzubekommen, wer denn sonst? Da sind wir doch froh, dass es Presseleute gibt, die den ein oder anderen Skandal aufdecken, oder? Die meisten Sauereien haben doch Journalisten aufgedeckt. Dazu braucht es keine Verschwörung, sondern nur ein gutes journalistisches Handwerk.
Ich bin zwar nicht christlich gläubig, aber ein Zitat möchte ich jetzt doch anbringen: “Wer ohne Schuld ist,d er werfe den erste Stein”. Ja, Frau Käßmann hat einen Fehler gemacht. Und sie hat die Konsequenzen gezogen. Wenn ich sehe, welche Politiker heute noch auf ihren Sesseln kleben, ob Schäuble, Koch oder wie sie alle heißen, dann denke ich hat man schon das Recht, Käßmann mit diesen Leuten zu vergleichen. Denn Käßmann hat etwas, was den allermeisten Politikern mittlerweile komplett abgeht: Charakter.
@Stuntman: Die Bildzeitung (oder so gut wie jedes andere Mainstream-Medium) und “gutes journalistisches Handwerk” in einen Zusammenhang zu bringen ist – entschuldigen Sie die klaren Worte – an Dummheit nicht zu überbieten. Wo ist denn der Mainstream, wenn es um das Aufdecken wirklicher Schweinereien geht? Und das sage ich, der seine Großeltern mit 14 Jahren durch einen besoffenen Raser verloren hat und der selbst beim Autofahren konsequent 0,0 Promille einhält.
@Stuntman
Gääähn! – Echt langweilig was Du da so bringst.
Weißt Du Bub, ihre Autofahrt unter Alkohol ist nur Mittel zum Zweck für diesen erbärmlichen Rudeljournalismus à la Bild eine Frau fertig zu machen, die in ihren Äußerungen etwas zu weit nach links geraten ist in dieser unserer, na nennen wir sie mal Republik. Einfach nur billig und platt. Pfui Deibel!
Na ja, jetzt hast Du ja Deine Pflicht erfüllt und hier Deine Duftmarke hinterlassen. Nun aber schnell wieder ab zu Papa Diekmann ins Körbchen. Nicht, dass Du noch verloren gehst.
@Werner Niedermeier
Sie haben uneingeschränkt Recht. Viele Politiker kleben an ihren Sitzen. Das sollte jedoch nicht Anlass sein, es ihnen nach zu tun, oder? Von daher hat Frau Käßmann die einzig richtige Konsequenz gezogen. Wenn gleich ich doch noch zu Bedenken gebe, wie charakterstark jemand ist, der mit 1.5 Promille sein Auto steuert. BTW Oliver Wittke, ehemaliger Verkehrsminister in NRW, ist zurückgetreten wegen Geschwindigkeitsübertretung. Auch unter Politikern gibt es Leute, die wissen, was zu tun ist. Lothar Späth nahm den Hut wegen einer Urlaubsreise. Peter Hartz wegen einer Prostitutionsaffäre. Scharping wegen einiger Bilder mit Freundin im Pool u.s.w… diese Liste könnte lange werden. Anstand und Moral sind hohe Werte, die wir erhalten sollten.
@Maverick
Ja, ja, die von der Bildzeitung sind die eigentlich bösen Jungs. Diese alte Platte können Sie gemeinsam mit G. Wallraff auflegen, aber als Argument taugt sie nichts. Zumal Frau Käßmann diesen Schritt ja aus eigener Entscheidung gemacht hat. Wie Herr Wecker treffend schreibt, “obwohl” der Rat der EKD ihr sein Vertrauen ausgesprochen hatte. Nicht die Journalisten von der Bildzeitung sind betrunken gefahren sondern Frau Käßmann.
Stuntmännchen kommt geschlichen
und schaut beim Wecker rein…
Also: Unsympathisch ist mir der Enthüllungskrampf und das Eigenmissverständnis einer sogenannten Zeitung als Pranger der Nation. Bis jetzt gibt es kein abgeschlossenes rechtliches Verfahren, und es gab da also auch keinen Bedarf, die Öffentlichkeit einzuschalten.
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Sympathisch ist Frau Käßmann, und den Rücktritt finde ich achtenswert, als ihre eigene Entscheidung. In dem, was ich von der Sache weiß, liegt vielleicht eher Grund zur Sorge um sie, als Anlass zu öffentlichem Geschrei.
Sympathie ist aber eine Kategorie, die nichts mit rechtlichen Normen und deren Einhaltung zu tun hat oder haben sollte.
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Dass nun aber ausgerechnet Mitarbeiter der Bildzeitung hier die eigene moralische Überhöhung betreiben, in dem sie so tun, als wären sie in der Lage, Frau Käßmanns Haltung und Glaubwürdigkeit anzuerkennen: Mir graut. Ich finde sie jetzt nicht, aber von A. Paul Weber gibt es eine Lithographie zum Thema der öffentlichen Erlegung durch die Presse.
Unsympathisch ist mir weiterhin, wenn Mitarbeiter der sogenannten Zeitung unter Pseudonym damit drohen, Sympathiekundgebungen interessant zu finden.
Anstand ist sicher ein hoher Wert – die sogenannte Zeitung wirkt da aber nach meinem Eindruck extrem kontraproduktiv.
Gruß Clas
Frau Käßmann wurde von vielen, auch von Konstantin Wecker, für ihre Haltung zu Afghanistan gelobt. Darüber kann man streiten.
Nicht streiten kann man meiner Meinung nach über ihre Verurteilung des Krieges der Alliierten gegen die Nazis. Hätte man die weitermachen lassen sollen, bis ihnen “die ganze Welt gehört” hätte und “alles Scherben gefallen” wäre?
@Stuntman: Richtig, wir wollen an der Spitze unserer Gesellschaft integere Menschen. Und daher ist es nur konsequent, daß Frau Käßmann den Schritt zurück getan hat. Ebenso sollten es die Leute tun, die Konstantin Wecker erwähnt hat… und viele andere mehr. Damit die Spitzen unserer Gesellschaft wieder interger werden!!!
Moin, moin,
Frau Käßmanns Statement zum 2. Weltkrieg kenne ich nicht; jeden Krieg grundsätzlich abzulehnen, mag ich mir nicht verbieten lassen, schon gar nicht ohne Diskussion.
Der Schluss: Weil der Krieg ein eher gutes Ziel verfolgte, sind alle Aktionen derer, die diese guten Kriegsziele verfolgen, ebenfalls gut und gibt es Opfer nur auf der Seite der Guten und Täter nur auf der Seite der Bösen: Ist mir zu kurz. Dass man nicht einmal drüber streiten können soll, mag zutreffen; da spielen dann aber Wahrnehmungsunterschiede der potentiell Beteiligten hinein.
Außerdem ist es schädlich, weil es Menschen, die sich oder ihre Angehörigen als Opfer erlebt haben, dem umgekehrten Kurzschluß zutreibt, und der liegt im Extrem bei denen, die dann nur noch deutsche Opfer sehen wollen.
Das gehört dann zu den Ansichten, die so falsch sind, das nicht mal das Gegenteil zutrifft.
Gruß aus Todenbüttel
Clas
@ Clas Lehman
Meine Formulierung war unglücklich und missverständlich, dafür bitte ich um Nachsicht. Natürlich muss man das diskutieren können. Was ich sagen wollte: gegen Afghanistan gibt es viele gute Gründe, gegen die Alliierten im Falle Nazi-Deutschland viel, viel weniger. Ich persönlich finde gar keine. Aber das ist ein weites Feld….
Moin, Peleo,
Einverstanden, da habe ich Dich also, hypersensibilisiert durch auch schon quer im Halse sitzende, sehr pauschal rüberkommende Revisionismuszurückweisungen anderer Leute, mißverstanden… -ismus ist fast immer schlecht, aber revidieren, im Sinne von wieder anschauen, muß man Geschichte ständig, auch wenn das Ergebnis natürlich nicht allzu oft eine grundsätzliche Neubewertung sein kann.
Ein Übel war der Krieg immer und überall; die Argumente für die Notwendigkeit, ihn aus der Position der Allierten zu führen und dann auch zu gewinnen, waren sicherlich überzeugender, als sie das in den Kriegen seither waren.
Dennoch lässt das Ergebnis Fragen offen: Soviel Tod und Verletzung und Zerstörung, ohne dass auch nur eine messbare Überproportionalität bei den eigentlichen Nazis festzustellen ist…? Es gibt sogar Beispiele für, ich will es mal Vermögensbildung nennen, die im Krieg durch Raub, Arisierung und Zwangsarbeit begann und mit leichtem Knick, wenn überhaupt, in der BRD weiterging. Auch die Nachkriegskarrieren mancher alter Nazis legen doch den Verdacht nahe, die absolute Bekämpfungswürdigkeit sei so sehr nachhaltig nicht erlebt worden…
Also: wenn man möchte, dass ich die Notwendigkeit eines Krieges auch im Rückblick anerkenne, sollte die anschließende Bereinigung mit zivilen Mitteln sich nicht darin erschöpfen, einen Paradegreis, als Belegexemplar exklusiv im Knast aufzubewahren… Die Resozialisierung der anderen hätte doch zumindest die Rückgabe oder jedenfalls Enteignung geraubten Gutes zur Voraussetzung gehabt und musste m. E. nicht unbedingt in gehobener Position im Öffentlichen Dienst erfolgen… Dass aber irgendwelche gehobeneren Nazis nach dem Krieg auch nur längere Zeit zu händischen Aufräumarbeiten herangezogen worden wären: Ich habe davon keine Kenntnis.
Aus alle dem schließe ich, man war sich eigentlich näher, als es die Worte und Taten im Krieg vermuten ließen. Ob das heißt, dass man ohne den Krieg hätte auskommen können, weiß ich nicht. Die Nazis hatten ihn ja angefangen, und damit war er da.
Gründe könnte es also demnach nur geben gegen die Art, ihn zu führen, und das ist tatsächlich ein weites Feld…
In dem Zusammenhang finde ich das völlige Leugnen deutscher Opfer, zumal Unschuldiger, einfach falsch, leicht widerlegbar und damit auch unklug. Denn natürlich sind Bombenopfer nicht selber schuld, zumindest bei Kindern sollte das offensichtlich sein, und bei Nichtnazis auch. Denn die Notausgänge aus dem Reich waren ja man knapp, schlecht ausgeschildert und meist blockiert…
Meine Mutter war damals in Dresden, und sie hat es überlebt. Welchen Status sie damals hatte, wie sie es erlebt hat, hat sie mir nicht mehr erzählt, sie starb, als ich Kind war. Indirekt erfuhr ich, es sei grauenvoll gewesen.
Ich bin entschieden gegen die Vereinahmung ihres Traumas durch irgendwelche Fahnenschwenker. Ich halte aber auch nichts davon, es überhaupt zu leugnen.
Aus alledem folgt, dass ich gerade aus dem Andenken an die Opfer deren Aneignung durch irgendwelche nunmehrigen Nazis nicht dulden will, dass gerade aus dem Gedenken heraus solche Trauerm Ärsche blockiert werden müssen.
Es war ein Versäumnis, solche Daten nicht wahrgenommen zu haben, so ist da ein Vakuum, in das sich furzen lässt, um im Bild zu bleiben. -
Gruß Clas
Hallo Clas Lehman,
danke für Ihr Verständnis. Was Sie über Dresden und die Art der Kriegsführung usw. sagen, findet meine Zustimmung.
Ich würde gern noch etwas ergänzen. Dies ist ja der Blog von Konstantin Wecker, den ich sehr schätze. Ich hatte sogar ein wenig gehofft, er würde sich in die Diskussion einschalten.
Krieg ist das Schlimmste überhaupt, schlimmer als Krankheiten und Naturkatastrophen, weil menschengemacht. Da scheint konsequenter Pazifismus das einzige Gegenmittel. Ich bin durch die Antikriegslieder von Hannes Wader, Reinhard Mey und eben auch Konstantin Wecker sozialisiert worden. Allerdings gibt es von ihm eines, das mich schon damals irritiert hat:
“Wenn ihre Krieger kommen, mit Bomben und Gewehren, dann woll´n wir sie umarmen, dann woll´n wir uns nicht wehren”. Und ich habe mich damals schon gefragt, ob das eine Richtschnur für die Polen, Russen, Niederländer, Franzosen usw. gewesen wäre, als sie von Nazi-Deutschland überfallen wurden. Und was war mit den Sowjets und ihrer Weltrevolution? Selbst Wolf Biermann sang von der Erde, die er lieber “tot-rot” haben wollte als nicht-kommunistisch.
Seither beschäftigt mich dieser Widerspruch und ich finde keine Lösung.
Moin, Peleo,
womöglich wäre das eine Richtschnur gewesen, aber da bin ich, als Deutscher, denn doch ein wenig befangen, das zu fordern, dass sie das getan hätten haben sollen… Ob es deswegen falsch gewesen wäre – ?
Im Zusammenhang mit den mongolischen Eroberungen Chinas gab es die Kaiserliche Armee, die besiegt wurde, es gab unmenschliche Metzeleien, es gab große Gesten der Verachtung gegenüber den Barbaren, und es gab einen Chinesen, der als gefangen verschleppter Sterndeuter und, der Schilderung nach: liebevoller Lehrer Einfluß auf die Söhne Dschingis Khans nehmen konnte, zumindest auf Kubilai, der dann als Kaiser wohl nicht die schlechteste Regierungszeit, auch für die Chinesen, hatte. Ich finde, das kommt dem nahe, dem Umarmen. Man kann das aber schlecht von anderen fordern, man kann es höchstens selber tun, vielleicht vorschlagen und darf nicht erwarten, verstanden zu werden. Und wenn ich mir die heutigen Nazis angucke und die Bilder von den damaligen, dann weiß ich auch nicht, ob ich das geschafft hätte…
Andererseits weiß ich aus den Kriegserlebnissen meines Vaters, dass es auch da Sternstunden der Menschlichkeit gegeben hat… Nun war er auch kein Nazi, aber eine Wehrmachtsuniform hatte er immerhin an, und ich weiß von mindestens zwei Erlebnissen, wo das menschliche wirksamer war, es also aus dem Entweder töten Oder getötet werden einen dritten Ausweg gab.
Und den Biermann hatte ich in der Strophe eigentlich so verstanden, dass er die Erde lebend rot haben wollte, um das sonst unvermeidliche tot-rot zu vermeiden. Dass es nur die beiden Alternativen gab, scheint mir irrig, die Welt ist mehrdimensional, und eine solche Alternative verengt das.
Der Widerspruch ist nicht wirklich zu lösen, nicht auf der Ebene der Kategorien, in der formuliert ist, scheint mir. Eine solche Fragestellung, die zwei oder mehrere so heterogene und unüberschaubare Gebilde wie Staaten auf die Ebene des Streites zwischen zwei Personen projeziert, ist nie richtig. Natürlich kann man sich wehren, aber legitimer Weise mittels einer Armee?
Manchen Fragen muss man es zunächst gestatten, fortzubestehen…
Gruß Clas