Der 87-jährige Portugiese José Saramago macht mit seinem jüngsten Roman „Cain“ wieder einmal Furore. Es wird vielfach als blasphemisch empfunden. Viele bekamen durch die Verfilmung von „Die Stadt der Blinden“ mit Julianne Moore (2008) erstmals einen Zugang zum Werk des Literatur-Nobelpreisträger. Doch da gibt es noch mehr zu entdecken: scharfe politische Anklage, gepaart mit grotesken Szenarios und brillanter Sprachakrobatik. (Roland Rottenfußer)
Wie entsteht Reichtum? Wie entsteht Armut? In José Saramagos Roman „Die Stadt der Blinden“ wird exemplarisch der Sündenfall geschildert, der zu einer ungleichen Verteilung der Güter führt. In einer ehemaligen Irrenanstalt ist eine Gruppe von Blinden unter Quarantäne eingeschlossen. Wer das Gelände verlässt, wird von den Wachen erschossen. Ansteckungsgefahr. Die Blinden müssen sich komplett selbst verwalten, nur das Essen wird täglich dreimal von „außen“ geliefert – für jeden ein Essenspaket, genau abgezählt. Das funktioniert eine Weile, bis es einem der Blinden gelingt, einen Revolver in die Unterkunft zu schmuggeln. Von jetzt an gibt es das Essen nicht mehr umsonst, sagt er. Von jetzt an verteilen wir das Essen, und jeder muss dafür bezahlen, wenn er nicht verhungern will. Zur Bekräftigung seines Machtanspruchs schießt er in die Luft.
Die eingeschüchterten Blinden liefern ihm ihren Schmuck, ihren spärlichen Besitz, sogar ihre Eheringe aus. Dann kommt der zweite Schock: Die neue „Führungselite“ teilt jedem seine Ration zu: nur noch die Hälfte dessen, was jeder zum Überleben braucht. Vorerst sind die Opfer gegenüber der „Mafia“ machtlos. Während sie mit Hunger und Wut im Bauch ausharren, stapeln sich die Essenspakete im Zimmer der neuen Herren. Es ist viel mehr als diese überhaupt selbst vertilgen können. Das Essen verfault und stinkt zum Himmel – so wie die Ungerechtigkeit dieser Situation.
Die zerbrechliche Zivilisation
Es ist unschwer zu erraten, dass Saramago hier ein Gleichnis für die Situation auf unserem Planeten schaffen wollte. Die einen haben im Überfluss, die anderen zu wenig. Die Geschichte zeigt, dass in einer Welt begrenzter Mittel die Armut des einen den Reichtum des anderen bedingt – und umgekehrt. Der beklemmende Roman zeigt aber noch mehr: Wie inhuman und grausam sich Menschen verhalten können, wenn sie eine Gelegenheit sehen, dies straffrei und – da sie unter Blinden sind – unbeobachtet tun zu können. Dies gilt für die Obrigkeit, die alle Maßstäbe des Rechtsstaats vom Tisch fegt, sobald ein „nationaler Notstand“ es scheinbar erfordert. Und es gilt für die Blinden, die in jeder Ecke ihre Notdurft verrichten und einen Zustand unbeschreiblicher hygienischer Verwahrlosung verursachen.
Wer ein bisschen Macht ergattert, nutzt diese ohne jede Scham aus. Die genannte „Mafia“ fordert am Ende sogar Sex mit den Frauen der Quarantäne-Station – Selbsterniedrigung gegen etwas zu beißen. Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral. Das Szenario, das Saramago hier zeichnet, erscheint düster, geradezu misanthropisch. Die Eisdecke, der Zivilisation ist dünn, scheint der Autor sagen zu wollen. In Ausnahmesituationen kann sie zerbrechen, und der Morast menschlicher Niedrigkeit quillt durch die Öffnungen nach oben. Hat diese pessimistische Weltsicht irgendetwas mit dem Leben des Autors zu tun?
Ein Spätberufener
José Saramago wurde 1922 in einem kleinen Dorf in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Heute ist er also 87 Jahre alt. Die Familien seiner Eltern waren Landarbeiter, die auf den Latifundien der mächtigen Großgrundbesitzer schuften mussten. „Saramago“ heißt auf Portugiesisch der Ackerrettich, eine verbreitete Nahrung unter den Armen. Der richtige Name des Autors lautet de Sousa. 1924 zog die Familie nach Lissabon um, wo der Vater als Polizist arbeitete. Obwohl der Junge schon früh durch Intelligenz auffiel, konnten sich die Eltern nicht leisten, ihn auf eine höhere Schule zu schicken. Jahre lang musste er sich als Kfz-Mechaniker durchschlagen. Was er als Schriftsteller und Journalist erreicht hat, verdankt er eigener autodidaktischer Schulung. Viel Zeit verbrachte er in Lissabons Bibliotheken, bis sein Sprachtalent so weit gediehen war, dass er gelegentlich etwas veröffentlichen konnte.
Erst ab 1976 allerdings, im Alter von 54 Jahren, gelang es Saramago hauptberuflich von Bücherschreiben zu leben. Sein literarischer Durchbruch erfolgte gar erst 1980 mit „Hoffnung im Alentejo“. Eine erstaunlich späte Berufung. In den 40er-Jahren arbeitete Saramago in der portugiesischen Sozialwohlfahrt, was im Zusammenhang mit seiner Herkunft aus bäuerlichem Milieu sein soziales Gewissen geschärft haben dürfte. Damals war er schon verheiratet und Vater einer Tochter. 1949 allerdings verlor er aus politischen Gründen seinen Posten beim Staat. Man muss dazu wissen, dass seit 1933 (ein Datum, das aufhorchen lässt) in Portugal der Diktator António de Oliveira Salazar regierte. Der portugiesische Faschismus ist – verglichen mit dem deutschen, italienischen und spanischen – zu wenig bekannt. Wo man flüchtig von ihm weiß, wird er meistens noch immer unterschätzt.
Früchte des Zorns in Portugal
Niemand allerdings, der den bewegenden und aufrüttelnden Roman „Hoffnung im Alentejo“ kennt, wird die Grausamkeit des Salazar-Regimes jemals wieder verkennen. Der Roman zeichnet die Geschichte portugiesischer Landarbeiter über einen Zeitrahmen von fast 100 Jahren und drei Generationen. Die Figuren, die der Autor entwirft, sind eher exemplarisch als individuell. Sie skizzieren eine Epoche portugiesischer Geschichte von „ganz unten“ gesehen, aus der Perspektive der Armen und Entrechteten. Das Buch kann es zweifellos mit großen sozialen Enthüllungsromanen wie „Germinal“ (Emile Zola) und „Früchte des Zorns“ (John Steinbeck) aufnehmen. Wer es liest, erfährt durch die präzise Analyse des Autors, wie eng polizeiliche Repression und wirtschaftliche Ausbeutung der Arbeiter durch die Grundbesitzer damals verzahnt waren (und gewiss nicht nur in Portugal). Er erfährt von der menschenverachtenden Behandlung der Niedriglohnsklaven durch ihre Herren und von den grausamen Verhörtechniken der Geheimpolizei, die Saramago in einer unvergesslichen Szene aus der Perspektive von in der Gefängniszelle umher kriechenden Ameisen beschreibt.
Solche skurrile Wendungen, die jedoch eine ernst zu nehmende Botschaft transportieren, sind für den Schriftsteller typisch. Er gilt deshalb vielen als der „neue Kafka“ – schafft er es doch immer wieder, eine beklemmende Atmosphäre zu kreieren, die oft auch im Zusammenhang mit staatlichen Behörden steht. Er erfindet drastische Situationen, die zwar nicht immer „realistisch“ erscheinen, jedoch immer wahr. Etwas die Geschichte von einem kleinen Land, in dem der Tod eines Tages beschließt, seine Arbeit einzustellen. Jeder lebt nun mit der Perspektive, für immer zu existieren. Die Angst vor Überbevölkerung grassiert, doch wer scheidet freiwillig aus dem Leben? („Eine Zeit ohne Tod“, 2005). Oder die Erzählung „Die Stadt der Sehenden“ (2004), in der bei einer Parlamentswahl plötzlich eine extrem niedrige Wahlbeteiligung festgestellt wird. Die selbstgerechte Politikerkaste nutzt die Chance jedoch nicht, um sich selbst in Frage zu stellen. Vielmehr wird das Volk beschimpft und mit Repression und Überwachung in Zaum gehalten. Irgendwie kommt einem das bekannt vor.
Unbeliebter „Prophet“
Saramago provoziert. Er tat dies seit Beginn seiner literarischen Karriere, die sich erst richtig entfalten konnte, als mit der „Nelkenrevolution 1974“, der friedlichen Besetzung der Latifundien durch die Landarbeiter, die Diktatur am Ende war. (Salazar war schon 1968 an einem Schlaganfall verstorben). José Saramago ist für viele Menschen nach wie vor der einzige portugiesische Schriftsteller, den sie kennen. So wie Madredeus die einzige bekannte portugiesische Musikgruppe bleibt – bekannt aus Wim Wenders’ Film „Lisbon Story“. Der Nobelpreis 1998 stabilisierte seine Ausnahmestellung innerhalb der Literaturszene seines Landes. Unumstritten ist der „Starautor“ dennoch bis heute nicht – ganz im Gegenteil. Saramago ist Kommunist und radikaler Atheist – ein aufrechtes linkes Urgestein, wie es seit den Tagen von Brecht und Sartre selten geworden ist. Und aus Portugal ist seit Salazar wohl der Faschismus, nicht aber der konservativ-klerikal-unternehmerische Machtklüngel verschwunden.
Der jüngste der Skandale, die José Saramago mit seinem Werk ausgelöst hat, datiert auf das Jahr 2009. Der greise Autor stellte in einer portugiesischen Stadt sein neuestes Werk „Cain“ vor. In seiner Rede sagte er: “Die Bibel ist eine Anleitung für schlechte Moral und hat einen großen Einfluss auf unsere Kultur und sogar auf unsere Lebensweise. Ohne die Bibel wären wir anders, und wahrscheinlich bessere Menschen.“ Konsequenterweise fühlten sich nun sowohl Katholiken als auch Juden durch den Autor verletzt, was diesen nicht sonderlich beeindruckte. Er hakte nach: „Gott ist grausam, eifersüchtig und unerträglich. Er existiert nur in unserem Kopf.“ In „Cain“ steht – ähnlich wie in Steinbecks „Jenseits von Eden“ – der verachtete, „böse“ der beiden Söhne Adams im Mittelpunkt. Auch Gott selbst tritt auf. Eine brisante Mischung, die wie Saramagos erstes „religiöses“ Buch, „Das Evangelium nach Jesus Christus“ (1991), für weitere heftige Angriffe sorgen wird.
Die Wurzeln der Blasphemie
Man muss hierzu aber auch die politischen Hintergründe von Saramagos antireligiöser Haltung sehen. Hier geht es nicht um modischen Neo-Atheismus im Fahrwasser eines Richard Dawkins. Die Jahrzehnte andauernde Kumpanei klerikaler Kreise mit Diktatur und Großgrundbesitzern hat Saramago offenbar tief geprägt. In seinem Werk erhebt sich der unterdrückte Aufschrei von Generationen von Landarbeitern, deren Frömmigkeit durch die Volksberuhiger im Talar schamlos ausgenutzt wurde. Jesus selbst ist nicht Ziel seiner Angriffe. Diesen betrachtet der Autor allerdings schlicht als einen Menschen. Auch das geht den Dogmatikern der Kirche natürlich bereits zu weit, weshalb die konservative Regierung 1992 den Namen Saramagos von der Liste der Kandidaten für einen europäischen Literaturpreis strich.
Internet-Rezensentin Pilar del Rio schreibt über „Cain“: „Erhobenen Hauptes, denn so muss man der Macht gegenübertreten, ohne Angst oder übertriebenen Respekt, hat José Saramago ein Buch geschrieben, das uns nicht kalt lassen wird, das beim Leser Unbehagen und vielleicht auch ein wenig Angst auslösen wird. Aber, Freunde, große Literatur ist dazu da, sich wie ein Dolch in unsere Körper zu bohren und uns nicht einzulullen.“ Vielleicht könnte man diese Beschreibung als charakteristisch für das Gesamtwerk Saramagos bezeichnen. Einlullend ist er gewiss nicht. Man hasst ihn oder man liebt ihn; selten lässt er jemanden gleichgültig.
Die Würde des Einzelnen
Ohne Hoffnung jedoch lässt der Schriftsteller seine Leser nicht – und in dieser Beziehung hinkt auch der Vergleich zu Franz Kafka. Der Einzelmensch, so die Botschaft Saramagos, ist fähig, sich den beherrschenden negativen Strömungen der Zeit zu widersetzen und für sich selbst und seine Umgebung einen Funken Menschlichkeit zu realisieren. Die Mehrheit der Menschen ist gewiss dumpf und zumindest latent grausam, das heißt aber nicht, dass du und ich es auch sein müssen. In „Die Stadt der Blinden“ gibt es, obwohl die ganze Welt erblindet ist, eine Frau, die rätselhafter Weise sehen kann. Sie bewahrt sich einen Kern menschlichen Anstands selbst unter widrigsten Umständen. Sie will beweisen, dass der bedrängte Mensch nicht mit Naturnotwendigkeit zum Tier absinken muss. Dass seine „höheren Fähigkeiten“ überstehen können – Würde, Rücksicht und Mitgefühl.
Die Frau, die sehen kann, wird zur Führerin einer Gruppe von Blinden, die gemeinsam eine Insel der Menschlichkeit schaffen. Vielleicht ist es immer so: Nur wenige gehen mit offenen Augen durch die Welt. Aber diese Wenigen besitzen die Kraft, ein Beispiel zu geben und andere mitzureißen. Und wenn es nur darum geht: zu demonstrieren, dass die Dunkelheit nicht allumfassend ist.
