Chomsky: Medien verkaufen ihr Publikum an die Werbekunden

Noam Chomsky

Er gilt als einer der namhaftesten politischen Querdenker in den
USA: der Linguist und Philosoph Noam Chomsky.  “Er spricht eine Sprache der Vernunft, die den Mächtigen und Meinungsbildnern ins Gewissen zu reden imstande ist und die Ohnmächtigen und kritisch Denkenden hoffen
lässt”, sagt die Jury des Erich-Fromm-Preises, den der 81-Jährige am
24. März 2010 in Stuttgart entgegen genommen hat. Ulrike Haak und
Matthias Krag haben Noam Chomsky zum Gespräch getroffen.Frage: Herr Chomsky, einen Großteil Ihres Lebens haben Sie dem Kampf
gegen soziale und politische Strukturen, die Sie verurteilen,
gewidmet. Gegen welchen Zustände richtet sich ihre Empörung aktuell?

Ich weiß nicht, ob man wirklich von Empörung sprechen kann. Zwei
Themen sollten jedoch permanent wichtig bleiben, weil sie mit dem
Überleben unserer Spezies zu tun haben, alles andere ist im
Vergleich dazu unwichtig: Zum einen nukleare Waffen, die fast immer
zur Zerstörung unserer Spezies führen könnten, und zum anderen
Umweltkatastrophen, die uns zwar gerade noch nicht akut bedrohen,
die uns aber bevorstehen. Je länger wir warten, desto katastrophaler
dürften sie ausfallen. Die Europäische Union hat nun die Führung
übernommen, um etwas dagegen zu unternehmen. Aber der Widerstand
demgegenüber ist in den USA und in China enorm. In den USA versucht
eine sehr mächtige und einflussreiche Gruppe, die Bemühungen der EU
zu blockieren, die der Geschäftsleute.

Frage: Die USA steht oft im Fokus ihrer Kritik. Auch Präsident
Obama, der in Europa als Held gesehen wird, der nach neuen Konzepten
sucht. Sehen Sie nicht auch einen gesellschaftlichen und politischen
Richtungswechsel in den USA?

Es gibt einen Wandel in der Gesellschaft, aber die Politik blieb
doch ziemlich gleich. Man muss sehen, dass die Euphorie, mit der
Europa auf Obama reagierte, auf einer Illusion basierte. Sie
basierte zunächst einmal darauf, dass er nicht Bush war. Bush hatte
das Ansehen Amerikas in der Welt auf das unterste Level reduziert.
Vor allem zu Beginn seiner Amtszeit war er enorm arrogant. Nicht nur
er: Seine gesamte Administration. Als zum Beispiel Colin Powell den
Einmarsch in den Irak ankündigte, erklärte er den Europäern, dass
sie selbstverständlich mitziehen müssten. Ihre eigenen
Angelegenheiten seien nicht relevant. Natürlich wollte Europa das
nicht hören. Was die Europäer hören wollten, hat dagegen Obama
formuliert: Ihr seid relevant, wir lieben Euch, zieht ruhig Eure
Truppen wieder ab. Somit basierte die Euphorie Europas ihm gegenüber
teilweise auf einer Illusion. Es gibt keinen Grund, einen wirklichen
Wandel in der amerikanischen Politik zu erwarten.

Frage: Aber ist die jüngst beschlossene Gesundheitsreform kein
Fortschritt?

Es ist ein sehr schleppender Fortschritt, aber man sollte sich
vergegenwärtigen, wo dessen Ausgangspunkt ist. Die USA haben das
schlechteste Gesundheitssystem in der industrialisierten Welt.
Amnesty International hat erst neulich eine Studie über Muttertod,
also über Mütter, die bei der Geburt des Kindes sterben,
veröffentlicht, die eine schockierende Statistik aufwies. Die USA
kommen nicht besser weg als Dritte-Welt-Länder. Das sind Umstände,
die der amerikanischen Gesellschaft und ihrem Klassenbewusstsein
geschuldet sind. Die Business-Class hat ein extrem hohes
Klassenbewusstsein und ist außerordentlich einflussreich. Somit
führen diese Leute einen andauernden Klassenkampf, um noch mehr zu
gewinnen. Das Marktprinzip gibt denen ungewöhnlich viel Macht, die
über das Kapital und die Anlagen verfügen und sie kontrollieren. In
einem Marktsystem gibt der Handelnde keine Acht auf externe Effekte,
sondern nur auf die eigenen Belange. Transaktionen finden nur zum
eigenen Profit statt. Die Kosten für andere werden nicht einmal
bedacht. Inzwischen ist man sich selbst in der Wirtschaft jedoch
über das einig, was schon so lange offensichtlich war: Dass das
Risiko unterschätzt wird. Aus mehrerlei Gründen: Einer ist, dass das
Systemrisiko nicht bedacht wird. Wenn zum Beispiel die Leute von
Goldman Sachs eine Transaktion vollziehen, dann bedenken sie nicht,
was für Auswirkungen das für den Rest des Finanzsystems hat. Das
bedeutet, dass das Risiko unterschätzt wird. Und dann kommt es zur
Krise. Das wissen Studentem bereits im ersten Semester. Aber das
ändert nichts an dem, was passiert.

Frage: Mit ihrem sprachwissenschaftlichen Hauptwerk haben Sie das
Gebiet der Linguistik haben in den 1950er und 60er Jahren
reformiert. Seitdem hat die Linguistik nur noch einen geringen
Anteil ihrer Arbeit ausgemacht. Warum?

Ich weiß nicht, wie hoch der Anteil genau ist. Ich habe zwei
parallele Leben und führe beide als Fulltime Job. Aber es ist wahr:
Allgemein hat das mehr Dringlichkeit, was uns Menschen direkt
betrifft oder bedroht. Die diese linguistischen Ausführungen, die
ich in meinem Vortrag ausführte, habe ich mir schon vor einem Jahr
überlegt, nur hatte ich noch keine Zeit, sie aufzuschreiben. Weil
sie eben nicht so wichtig sind, wie die Themen, über die wir vorhin
sprachen. Die sind für die Menschheit viel bedeutender. Deshalb
vernachlässige ich die Linguistik natürlich manchmal. Aber ich
versuche schon, beidem weiter nachzugehen.

Frage: Haben ihre linguistischen Studien ihre politische Theorien
beeinflusst?

Ich war schon lange politisch aktiv, bevor ich etwas von der
Linguistik gehört habe. Den ersten Artikel habe ich schon 1939
verfasst und da ging es eher um eine kritische Haltung gegenüber
dem, was Common Sense war. Werfen wir einen Blick auf die großen
Medien: Das sind einfach riesige Unternehmen, die ein Produkt
verkaufen. Das Produkt ist das Publikum und das verkaufen sie einem
Markt – dem Markt der Anzeigenkunden. Die großen Medienkorporationen
verkaufen also Leute an Firmen, die werben wollen. Es gibt sehr gute
Medienbetriebe und sehr kompetente Journalisten, die dort arbeiten.
Auch enge Freunde von mir. Sie wissen genau, wie das läuft. Aber ich
sage Ihnen: Würden die so weit gehen, das herauszuposaunen, dann
wären sie ganz schnell weg von der Bildfläche, weil sie dann die
Basis der Mächtigen und deren Autorität untergraben würden.

3sat-Kulturzeit 25.03.2010 / Ulrike Haak, Matthias Krag

http://www.3sat.de/dynamic/sitegen/bin/sitegen.php?tab=2&source=/kulturzeit/
themen/143123/index.html

2 Kommentare zu „Chomsky: Medien verkaufen ihr Publikum an die Werbekunden“

  1. Gerold Flock sagt:

    Tja. Den Artikel klau ich mir auch & leg CHOMSKY auf meiner Page unter INFOS in den Mülleimer der Geschichte.

  2. Balkonschlaefer sagt:

    Kann es sein, dass der zweite Link kapott ist?

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