Laudatio auf Noam Chomsky anlässlich der Verleihung des Erich-Fromm-Preises an den großen US-amerikanischen Linguisten, Medien- und Regierungskritiker. Von Peter Zudeick. (Anmerkung: Konstantin Wecker war bei der Preisverleihung anwesend. Seine Eindrücke findet Ihr in den “Notizen”.)An den genauen Zeitpunkt kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es muss um 1965/66 herum gewesen sein. Ich bereitete mich auf das Abitur vor und hatte mich bei der Fulbright-Kommission um einen Studienaufenthalt in den USA beworben. Man muss bei Fulbright mehrere Prüfungen machen, es gab viele Bewerber, ich gehörte zu den letzten zehn oder zwölf, die in die Endausscheidung für zwei oder drei Plätze im Fulbright-Programm kamen. Man musste vorher drei Universitäten in den USA angeben, an denen man gerne ein Studienjahr verbringen würde. Ich hatte unter anderen das Massachusetts Institute of Technology angegeben und erklärte auf Nachfrage, dass dies meine erste Präferenz sei. Wieso? Eine technische Hochschule bei meiner geisteswissenschaftlichen Ausrichtung? Ja, denn da gibt es einen gewissen Noam Chomsky, Professor für Linguistik und Philosophie, der eine interessante Theorie entwickelt hat. Mein Philosophie-Lehrer am Gymnasium hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Ach ja? Die Herren, drei Amerikaner, zwei Deutsche, wussten von nichts. Dafür wollten sie aber wissen, was ich überhaupt an Sprachwissenschaft interessant finde, wieso ich – neben Philosophie – Germanistik studieren wolle. Weil nicht nur die Struktur von Sprache spannend ist, sondern auch ihre Geschichte, im Deutschen eben die Herkunft aus dem Gotischen über das Althochdeutsche und Mittelhochdeutsche, dazu Literatur, wie sie aus der mündlichen Überlieferung in die Literarisierung hineinwächst, sich aber als Mündlichkeit in Märchen, Sagen, Liedern erhält und durchhält. Aha! Dann war das ja völlig richtig, was Hitler und die Nazis wollten, eben das Germanische betonen. Ich muss dreingeschaut haben wie ein Schaf, so fassungslos war ich. Und konnte nur noch stammeln, was denn wohl Germanistik mit ahistorischem Germanenkult und Sprach- und Literaturgeschichte mit Adolf Hitler zu tun hätten. Die Herren lächelten milde, nachsichtig, verständnisinnig. Ich war durchgefallen. Und kam nicht nach Cambridge und nicht in Kontakt mit Noam Chomsky.
Der kam dann anders zustande. 1967 begann ich mein Studium in Köln, und einer der jungen Germanistik-Dozenten, der ansonsten Proseminare in Gotisch, Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch abliefern musste, bot ein Seminar zur modernen Linguistik an. Das war Neuland. Natürlich nicht so, dass noch keiner vom Strukturalismus gehört hätte, von Saussure, von der Kopenhagener Schule, der Prager Schule. Allgemeine Sprachwissenschaft ist schon immer betrieben worden, auch in Köln gab es ein Institut für Sprachwissenschaft, es gab deutsche Strukturalisten wie Hansjakob Seiler oder Harald Weinrich oder Manfred Bierwisch in der DDR. Aber man blieb man doch eher unter sich. Bezeichnenderweise sind die frühen Arbeiten deutscher Linguisten überwiegend in englischer Sprache verfasst worden, die scientific community war anglo-amerikanisch. Linguistik als Mode gab es in Deutschland noch nicht, das fing gerade an. Vor allem der Schub, der in der modernen Linguistik seit den 50er Jahren aus den USA gekommen war, war in Deutschland noch nicht registriert worden. Wohlgemerkt: In der universitären Lehre nicht. „Die moderne Linguistik hat nun auch in Deutschland an den Universitäten Fuß gefasst.“ So beginnt das Vorwort zu einer Einführung in die Sprachwissenschaft 1970. Wir waren früher.
Ohne wirklich zu wissen, was da auf uns zukam, fanden wir das erstmal spannend. Die hermeneutische Germanistik, das sich einfühlende, sich in den Text einwühlende Verstehen, das berühmte Begreifen, was uns ergreift, diese aus den 50er Jahren herüberwehende Spießerparodie der Philologie – das war es nicht. Strukturen zu verstehen, das versprach Klarheit statt Sprachwolken. Und so haben wir Texte gelesen, die es auf deutsch noch nicht gab. Uriel Weinreich zum Beispiel. Jerrold J. Katz zum Beispiel. Noam Chomsky zum Beispiel. „Aspects of the Theory of Syntax“ hatten wir als Raubdruck. Wir setzten uns – und das ist keine romantische Verklärung im Rückblick – nächtens in kleinen Gruppen zusammen, um diese Texte miteinander zu übersetzen, damit wir im Seminar damit und daran arbeiten konnten.
Und so lernten wir Oberflächen- und Tiefenstrukturen kennen, zeichneten Syntax-Stammbäume, konnten unsere Kommilitonen mit Begriffen wie „Generative Transformationsgrammatik“ erschrecken, vertieften uns in die Probleme von Spracherwerb und Universalgrammatik – und allmählich kam uns zu Bewusstsein, dass wir uns mit einem wegweisenden Ansatz beschäftigten, den man getrost revolutionär nennen durfte und darf. Ich werde Sie jetzt nicht mit den fachwissenschaftlichen Auseinandersetzungen um Chomskys Theorie behelligen, nicht mit der „Chomsky-Hierarchie“ oder der Computerlinguistik – denn im Zentrum dieser Lobrede soll anderes stehen.
Nur ein Hinweis noch: Anfang dieses Jahres erschien in der Zeitschrift „Geo“ ein Reisebericht über das Volk der Piraha in Amazonien. Geo-Reporter hatten Daniel Everett begleitet, Linguistik-Professor an der Illinois State University. Nichts Außergewöhnliches. Vier Jahre vorher hatte der „Spiegel“ über Everetts Lebenswerk berichtet, immer mal wieder greifen deutsche Medien das Thema auf, meistens wenn ein US-Magazin eine Story vorgelegt hat. Professor Everett gehört zu den Unermüdlichen unter den Chomsky-Widerlegern in der Sprachwissenschaft. Er will beweisen, dass Chomsky Unrecht hat mit seiner These, dass die Menschen zwar Unterschiedliches sprechen, aber letztlich aufgrund eines angeborenen Regelwerks, einer tiefen Grammatik, die bei allen prinzipiell gleich ist. Nein, sagt Everett, Sprache ist ein Produkt unserer Lebensweise, ist nicht Natur, sondern Kultur. Sie sehen: Ein sehr alter Streit, den gab’s bei Humboldt schon.
Die Piraha in Amazonien nun können keine komplizierten Sätze bilden, sie kennen keine Nebensätze, und das heißt: Es gibt keine Rekursion, also Wiederholung einer Struktur als Teil von sich selbst. „Das ist das Haus, das der Mann gebaut hat, der im Lotto gewonnen hat.“ Durch Nebensätze übersetzt eine Sprache rekursive Gedanken in Grammatik. Rekursion ist nach Chomsky ein Wesensmerkmal menschlicher Sprachen. Will sagen: Die Piraha können sich im Sprechen nicht auf Gesprochenes beziehen. Behauptet Everett. Und damit wäre Chomsky endgültig erledigt.
Der Streit muss und kann hier nicht entschieden werden, interessant ist nur, wie verbissen er gelegentlich geführt wird und wie anhaltend. Die Pointe ist eine andere. In einem Leserbrief an „Geo“ schreibt ein Professor aus Berlin: „Wenn der Satz ‚Toís Rede: Die Nuss ist unter dem Bananenbaum’ von den anderen Mitgliedern der Sprachgemeinschaft dahingehend verstanden wird, dass ich damit über Toís Rede rede“ (und nicht nur sage: Da ist Toís Rede, und da ist die Nuss unter dem Bananenbaum), „dann habe ich mich mit meinem Satz auf einen anderen Satz bezogen, habe also einen anderen Satz in meinen Satz eingebettet. Natürlich liegt damit Rekursion vor.“ Und er folgert: „Chomsky ist so leicht jedenfalls nicht zu besiegen.“ Kann man sich als Wissenschaftler eine schönere streitige Aktualität wünschen?
Denn Streit, das macht die Lebendigkeit von Wissenschaft aus. Mit Heraklit zu sprechen: polemos pater panton, der Streit ist der Vater aller Dinge, die Auseinandersetzung über das, was uns wichtig ist. Wem nichts wichtig ist, der muss nicht streiten. Und das gilt auch und erst recht für den politischen Menschen Noam Chomsky. Ich habe gerade in der Wissenschaft viele Menschen kennengelernt, die die hohe Kunst der Selbstaufspaltung beherrschen. Hier bin ich Wissenschaftler, und da bin ich Mensch, vorzugsweise Privatmensch, und politischer Mensch bin ich eigentlich nur, wenn’s gar nicht mehr anders geht. Dieser Typus ist weit verbreitet. Umso mehr haben mich immer die Menschen fasziniert, die sich selbst als ein Ganzes verstehen, als Einheit, und dies keineswegs als besondere Anstrengung verstehen, sondern als etwas durchaus Selbstverständliches.
1969 erschien das erste Buch von Noam Chomsky auf deutsch, eben die „Aspekte der Syntax-Theorie“, ein Jahr später „Sprache und Geist“. Mit einem Anhang „Linguistik und Politik“. Linguistik und Politik? Ja, eben, das war diese Selbstverständlichkeit. Es handelte sich um ein Interview mit der „new left review“, und es ging um den Vietnam-Krieg, um Marxismus und Anarchismus, um das Palästina-Problem, um die Bürgerrechtsbewegung, die Studentenbewegung. Und das Beeindruckende war: Da sprach kein Salon-Intellektuel- ler, der zu allem, was angesagt war, das passende Stichwort parat hatte. Sondern der Mann wusste Bescheid.
Zum Beispiel über Lenin. Der in „Staat und Revolution“ und in den „April-Thesen“ eine Theorie entwickelt hatte, an der sich die eigene Praxis blamierte: Mit der Zerschlagung der Räte, der Unterdrückung der Arbeiteropposition. Der Rosa Luxemburgs Lenin-Kritik kannte und wusste, was die freiwillige Assoziation der Massen für eine revolutionäre Bewegung bedeutet. Das hat der gelesen?
Und da standen dann Sätze wie: „Grundsätzlicher Widerstand gegen den Krieg führt direkt zu grundsätzlichem Widerstand gegen den Imperialismus und die Ursachen des Imperialismus und somit zur Bildung einer grundsätzlich anti-kapitalistischen Bewegung.“ Ja, so sprachen wir auch auf Vollversammlungen und Demonstrationen.
Aber hier sprach einer, der materialreich darlegen konnte, was US-Imperialismus vor, im und nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutete: Die Finanzierung des französischen Indochina-Kriegs, bevor die USA die Sache in Vietnam dann selbst in die Hand nahmen. Die Unterstützung von Militärdiktaturen in Griechenland, in Korea, in Guatemala und El Salvador, die Förderung von Terror-Regimes in Angola und Mozambique und so fort.
Eine der entscheidenden Fragen ist dabei: Wie kommt es, dass die Öffentlichkeit so wenig über diese Dinge weiß? Oder wissen will? Wo doch Informationen aller Art zumindest in westlichen Gesellschaften frei verfügbar sind? Chomsky nennt das „Orwells Problem“. Orwell war beeindruckt von der Fähigkeit totalitärer Systeme, der Bevölkerung Lügen zu erzählen und Wirklichkeiten vorzutäuschen, die allen offenkundigen Tatsachen widersprechen. Chomsky sagt: Auch in demokratischen Gesellschaften wollen die Mächtigen die öffentliche Meinung unter ihre Kontrolle bringen, und in gewisser Weise gelingt ihnen das auch. Weil es genug Journalisten, Publizisten, Wissenschaftler, PR-Experten gibt, die den Menschen genau das erzählen, was den Interessen der vor allem ökonomisch Mächtigen dient.
Als Journalist bin ich natürlich häufig mit solchen Thesen konfrontiert und muss derlei Behauptungen selbstverständlich und aus voller Überzeugung zurückweisen. Erstens sind es sowieso immer die anderen, die ihren Job schlecht machen, zweitens sind wir hier in Deutschland und nicht in den USA, und drittens ist die überwiegende Mehrheit der Journalisten zumindest bemüht, ihren Lesern, Hörern, Zuschauern nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit über diese Welt zu berichten. Das ist ganz ernst gemeint, und daran halte ich auch fest.
Aber ich muss doch hin und wieder an „Orwells Problem“ denken. Bei Lesungen oder Podiumsdiskussionen werde ich häufig gefragt, wie es denn sein kann, dass fast kein Journalist vor der großen Finanzkrise gewarnt hat. Dann muss ich sagen: Wie denn? Fast alle einflussreichen Wirtschaftsjournalisten haben bei Vertretern der neoklassischen Ökonomie studiert, sie sind zum Teil selber Anhänger dieser Theorie. Da ist viel Milton Friedman unterwegs, viel Friedrich Hayek, vor allem die Überzeugung, dass Markt Freiheit bedeutet, dass am Markt nicht herumgefummelt werden darf, weil sonst alles zusammenbricht. Dass alles zusammenbricht, weil der Markt sich austoben durfte, weil die Marktradikalen buchstäblich von der Kette gelassen waren, diese Wahrheit bricht sich erst jetzt Bahn. Sogar in der Wirtschaftspresse.
Aber es geht nicht nur um die Presse, um die Medien und deren Verantwortung, es geht darüber hinaus um die Verantwortung von Intellektuellen insgesamt. 1969, also im selben Jahr wie „Aspekte der Syntax-Theorie“ erschien auch die Aufsatz-Sammlung „Amerika und die neuen Mandarine“ in deutscher Übersetzung, die auch einen Artikel aus der „New York Review of Books“ vom Februar 1967 enthält: „Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen“.
Da ist zu lesen: „Für eine privilegierte Minderheit hält die westliche Demokratie die Muße, die Einrichtungen und die Ausbildung bereit, die es ihr erlauben, die Wahrheit zu suchen, die sich hinter dem Schleier von Verzerrung und Verdrehung, Ideologie und Klasseninteresse verbirgt, unter dem die gegenwärtigen geschichtlichen Ereignisse sich uns darstellen.“ Und weiter: „Die Intellektuellen haben die Verantwortung, die Wahrheit zu sagen und Lügen aufzudecken.“ Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Nicht in den USA, sagt Chomsky. Nicht erst mit dem Vietnam-Krieg, aber mit ihm ganz besonders hat Amerika sein Gewissen verloren, vor allem die Intellektuellen um Präsident Kennedy waren weder bereit noch fähig, die Wahrheit zu sagen, weil sie selbst zu sehr in die Lüge verstrickt waren. Sie sind zu neuen Mandarinen geworden, also zu Höflingen, die sich um der Teilhabe an der Macht willen korrumpieren lassen.
Die Rezeption in der studentenbewegten Öffentlichkeit der Bundesrepublik war natürlich positiv – dass ein US-Intellek-tueller so klar und deutlich auf der Seite der Kriegsgegner war, war nicht eben alltäglich. Während der Linguist Noam Chomsky zumindest in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit auch in Deutschland präsent blieb, verschwand der politische Mensch Chomsky aber bald wieder aus dem gesellschaftlichen Mainstream. Die intellektuellen Moden wechseln eben relativ schnell. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre war Chomsky ein Suhrkamp-Autor, aber dann kam nicht mehr viel. 1977 und 81 noch je ein wissenschaftliches Buch, Politisches nicht mehr. Auch hier zeigt sich, dass Suhrkamp eben auch – neben vielem Positiven – ein intellektuelles Modehaus war und ist.
Aber das heißt nicht, dass Noam Chomsky hierzulande im „Gedächtnisloch“ verschwunden sei, wie gelegentlich zu lesen ist. Wie in den USA, so wurde er auch in Deutschland eher von linken Verlagen weiter verlegt, von linken Medien und Webseiten beachtet. Und die kritische Öffentlichkeit in Deutschland, ob links, liberal, links-liberal oder aufgeklärt-konservativ ist dabei nicht so wichtig, hat in Chomsky immer einen Verbündeten gesehen. Denn es ist ja ganz angenehm, auf einen US-amerikanischen Intellektuellen verweisen zu können, wenn mal wieder jede Kritik an einer US-Regierung als Anti-Amerikanismus abgetan und gebrandmarkt wird, so wie jede Kritik an einer israelischen Regierung als antisemitisch denunziert wird.
Nur: Das mit dem Anti-Amerikanismus ist nicht so ganz einfach, wie wir wissen. Schließlich sieht sich auch Noam Chomsky diesem Vorwurf immer wieder ausgesetzt. Und auch hierzulande halten es viele eher für Starrsinn als für Beharrlichkeit, dass Chomsky seit nunmehr über vierzig Jahren ein politischer Kämpfer für Freiheit und Gleichheit und gegen Unterdrückung ist. „Chefankläger der USA“ wird er in der „taz“ tituliert. „Wann immer ein Unrecht auf der Welt begangen wird, Noam Chomsky ist kommentierend zur Stelle“, heißt es weiter. Anläßlich der Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises 2004 in Oldenburg schreibt die „taz“: „Links ist einfach da, wo man in aller Gelassenheit Recht hat – und unter sich bleibt: Die Debatte mit Chomsky findet im abgelegenen Uni-Audimax statt.“ Dass der Saal randvoll war, dass die Veranstaltung für einige Hundert Interessierte in die Vorhalle übertragen wurde, erfuhren die Leser nicht.
Diesen gönnerhaft-spöttelnden Grundton hatte der „Spiegel“ schon 1970 angeschlagen: „Chomsky ist ein Prophet, ein zorniger, gelegentlich ein vor Empörung stotternder, ein am Übel dieser Welt leidender“, hieß es da. „Großvater der
Amerika-Kritiker“ und „Michael Moore für Intellektuelle“ tönt es fünfunddreißig Jahre später anlässlich eines Chomsky-Auftritts in Berlin. Da mag dieser inzwischen als „intellektueller Popstar“ titulierte Mann Massen vor allem auch junger Menschen anziehen, immer volle Häuser haben, es nützt
nichts. Allenfalls attestiert ihm die „Süddeutsche Zeitung“, er sei „über vier Jahrzehnte die Stimme der politischen Jugend geblieben.“ Und auch das ist nicht unbedingt freundlich gemeint.
Was nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland viele stört, ist die Konsequenz, mit der Chomsky seinem Auftrag folgt, als Intellektueller die Wahrheit zu suchen und Lügen aufzudecken. Das geht vielen nicht nur deshalb auf die Nerven, weil mit der Suche nach Wahrheit auch Irrtümer und Irrwege verbunden sind. Sondern weil Kritik irgendwie obsolet geworden sein soll, nicht mehr zeitgemäß.
Es gibt hierzulande seit einiger Zeit eine halb-intellektuelle Mode, die Kritik als Amt des Intellektuellen für völlig antiquiert hält. „Konformisten des Andersseins“ nennt der Medienwissenschaftler Norbert Bolz die „Warner und Mahner“, die - stur auf ihren uralten Überzeugungen beharrend – den ganz normalen Lauf der Dinge zur Bedrohung stilisieren. Und er verkündet kurz und bündig das „Ende der Kritik“. Was vor allem für die Journalisten gelten soll. „Der kritische Aufklärungsjournalismus ist überholt“, sagt er. „Seine Vertreter sind nur noch damit beschäftigt, die Vergangenheit zu verklären.“ Aber er sieht auch gute Entwicklungen: „Spiegel-Storys sind heute glatter und unkritischer – und damit zeitgemäßer.“ Er meint das durchaus ernst. Sein Buch erschien 1999.
Zwei Jahre später, nach den Terror-Anschlägen vom 11. September, war in der Zeitschrift „Merkur“ („Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“) zu lesen, was die These vom „Ende der Kritik“ im Ernstfall heißt. Die Argumentation im Zeitraffer: Der kritische Intellektuelle ist ein nützlicher Idiot – in Diensten des Terrors, versteht sich. „Politischer Provinzialismus“ mache sich hierzulande breit, dessen Erörterung der Geschehnisse nichts als „pseudotheoretische Ablenkung“ sei. In einer Situation wie dieser dürfe man nicht denken, sondern müsse „handelnd reagieren“, heißt es.
Das ist erkennbar die Sprache von 1914, als das Kriegsgeschrei vieler Intellektueller genau von diesen Parolen durchsetzt war: Gesetz des Handelns, Feigheit des Räsonierens, Stunde der Tat. Das war damals intellektueller Wilhelminismus. Und wie müsste man das heute nennen?
Vielleicht „Amerikanismus“ als Gegenbegriff zu „Anti-Amerikanismus“. Denn genau um den geht es in diesen Auseinandersetzungen. Das wird Noam Chomsky immer wieder vorgeworfen, das wurde und wird hierzulande jedem vorgeworfen, der auf altmodische Weise kritisch ist. Und weil der Laudator gerne über sich spricht, wenn er den zu Ehrenden lobt, damit von dem Glanz auch etwas auf ihn abfalle, will ich das auch tun. Das nämlich ist meine Erfahrung mit – wiederum ganz altmodisch gesprochen – aufrechten Intellektuellen wie Noam Chomsky: Es geht um mich. Und jetzt werde ich mit dem alten Horaz mal ganz pathetisch: „Nam tua res agitur, paries cum proximus ardet.“ Zu deutsch: Es geht um deine Sache, wenn die Wand des Nachbarn brennt.
Ich habe immer allergrößte Schwierigkeiten mit dem Begriff Anti-Amerikanismus gehabt. Ich weiß nicht wirklich, was genau das sein soll. Außer dass dahinter offenbar ein absolutes Denkverbot steckt. Nun wird man einwenden können: Stell dich doch nicht so dumm. Eine anti-amerikanische Tradition zieht sich von den deutschen Romantikern über Deutschnationale bis zu den Nazis und parallel dazu von den Linkshegelianern über die Arbeiterbewegung bis zur Studentenbewegung und heutigen sogenannten Globalisierungsgegnern.
Mag sein, andererseits ist es manchmal ganz nützlich, sich dumm zu stellen. Natürlich gibt es eine Tradition, die an Amerika die sogenannte „Kulturlosigkeit“ und „Geschichtslosigkeit“ kritisiert. Ich zögere schon bei diesen Worten. Denn von Kritik, von Unterscheidung, von Analyse kann dabei ja wohl nicht die Rede sein. Es handelt sich um einen Affekt, dessen Dummheit man leicht entlarven kann. Ein Affekt, der Anstoß nimmt an Äußerlichkeiten, gerade mal auf dem Niveau des Schimpfnamens „Krauts“, den Engländer für Deutsche gefunden haben. Bin ich „anti-französisch“, wenn ich für die Neigung, Frösche zu essen, eher Spott als Verständnis aufbringe? Keiner würde auf diesen Gedanken kommen. Was mich auf den Gedanken bringt, dass der Begriff „Anti-Amerikanismus“ von flammenden Anhängern eines „Amerikanismus“ erfunden worden sein muss.
Freilich haben viele des „Anti-Amerikanismus“ Verdächtige diese Schimpfe gerne angenommen. Bei Apo-Demonstrationen gab es immer mal wieder „USA-SA-SS“-Transparente. Die wir damals so abstrus und lächerlich fanden, dass wir gar nicht weiter drüber geredet haben. Aber sie fehlen in keiner Foto-Dokumentation über „die“ Apo. Ja, freilich, es gab einige, vielleicht sogar viele, die sich selbst für anti-amerikanisch hielten, weil sie gegen den Vietnam-Krieg waren. Manchmal nervte diese Begriffslosigkeit. Sogar einem alten DKP-Kämpen wie Franz-Josef Degenhardt ging das auf den Geist. Er hat damals in einem kleinen Lied daran erinnert, dass die USA auch das Land von Angela Davis und Martin Luther King und Pete Seeger und anderen sind. „Bei aller Wut: Vergesst das nicht“, sang er.
Die Anti-Amerikanismus-Polemiker müsste doch irritieren, dass gerade die Apo-Generation auf eine Art und Weise amerikanisiert war, wie sich das heute wohl kaum noch einer vorstellen kann. Die Literatur: Ernest Hemingway, J.D. Salinger, Upton Sinclair, Sinclair Lewis. Musik: Jazz, Rhythm and Blues, Rock’n’Roll, Popmusik insgesamt. Kleidung, Gestus, Politik. Generationen sind so sozialisiert worden, und die Apo-Generation war die erste. „Anti-amerikanisch?“ Das genaue Gegenteil. Es war eine ganz spezifische Art von „Amerikanismus“, eine Zuneigung zu einem Land, einem Volk, das man nicht kannte, das aber immerhin Hitler besiegt, das die Freiheit gebracht hatte. So wuchs man auf. Und dann trübte sich das Bild, kamen Berichte über McCarthy, über Rassismus, kam Korea, kam Vietnam. Das war eine Art enttäuschte Liebe. Aber kein Anti-Amerikanismus. Was für ein Schmarren.
Denn Amerika war immer noch auf unserer Seite. Woody Guthrie sang: „This land is your land, this land is my land“. Und Langston Hughes dichtete: „I, too, am America“. Und Harry Belafonte sagte: „Ronald Reagan ist anti-amerika-nisch, nicht ich.“ Selbst die Protestformen, gerade die Protestformen – Demonstrationen, Besetzungen, sit-ins – kamen von drüben, alles amerikanisch. Weltweit übrigens. Die amerika-freundliche, aber gleichzeitig amerika-kritische Haltung ruhte auf dem schlichten Gedanken, dass die Interessen eines Volkes oder der Mehrheit eines Volkes oder einer unterdrückten Minderheit eines Volkes nicht unbedingt durch die jeweilige Regierung repräsentiert werden. Dieser schlichte Gedanke sollte in Zeiten des Kalten Krieges und in Zeiten der Kommunistenhatz in den USA verabschiedet werden. Durch McCarthy und seine Spießgesellen, die dekretierten, dass „amerikanisch“ nur das sein darf, was gerade offizielle Regierungspolitik ist. „Unamerikanische Aktivitäten“ hieß alles, was sich dem nicht beugen wollte. Die Karriere des Begriffes „anti-amerikanisch“ und „Anti-Amerikanismus“ nimmt spätestens hier ihren Ausgang.
Und die Linie führt genau zum 11.9.2001. Denn die Konfrontation ist die nämliche: Wir haben Terrorakte, wir haben Tausende von Opfern, und wir müssen fragen, welche Strategie geeignet ist, die Urheber dieser Terrorakte zu finden und unschädlich zu machen. „Unschädlich“ heißt, dass diese Verbrecher keinen Schaden mehr anrichten können. Erreiche ich das dadurch, dass ich ein Land militärisch angreife? Dass wiederum Unschuldige getötet werden? Wieviele afghanische Kinder müssen sterben, damit die Tränen der Kinder getrocknet werden, die ihre Eltern bei den Terrorakten von New York und Washington verloren haben? Es mag ja sein, dass es keinen anderen Weg gibt als den von den USA militärisch eingeschlagenen. Ich war und bin der festen Überzeugung, dass es der falsche Weg war und ist. Aber das ist in diesem Zusammenhang gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass wir immer wieder erleben müssen, dass die Diskussion über diese Dinge mit der „Anti-Amerikanismus“-Keule totgeschlagen werden soll. Nicht nur von Politikern: Dass Politiker Intellektuellen-Schelte betreiben, sei konzediert. Das passt. Schlimm ist, dass Intellektuelle selbst in diese Kerbe hauen, dass sie sich freiwillig kastrieren lassen oder selbst kastrieren, indem sie sich ihrer wichtigsten Werkzeuge begeben: Differenzieren, analysieren, argumentieren.
Ich habe mich von Noam Chomsky in alledem immer großartig bestätigt gesehen. Man muss mit ihm nicht immer gleicher Meinung sein. Die Anschläge vom 11.9. als gleichsam logische Reaktion der Dritten Welt auf die imperialistische Politik der USA zu sehen, das wäre mir zu kurz gegriffen. Wenn es das einzige Argument wäre, was es ja nicht ist. Die Politik von Kennedy und anderen US-Präsidenten mit Hitler und den Nazis zu vergleichen, das ist mir ein bisschen zuviel. „Noam Chomsky ist der Großmeister der Hitlervergleiche.“ Hat auch der „Spiegel“ geschrieben. Wir Deutsche sind da aus guten Gründen etwas zurückhaltender.
Für das Recht eines Holocaust-Leugners auf freie Rede einzutreten – da habe ich zuerst gezuckt und gedacht: Was macht der denn da? Es geht um die Faurisson-Affäre, um einen französischen Literaturwissenschaftler und seine Leugnung des Nazi-Völkermords an den Juden. Und ich war dann und bin bis heute höchst beeindruckt davon, wie Chomsky seinen Standpunkt erklärte: Faurisson mag schrecklichen Unsinn reden, aber man kann ihm nicht das Recht nehmen, dies öffentlich zu tun. Chomsky weist darauf hin, dass er während des Vietnam-Kriegs öffentlich dafür eingetreten ist, dass selbst Kriegsverbrecher ihren Standpunkt vertreten dürfen. Dieselbe Haltung zeigte er gegenüber Wissenschaftlern, die angeblich die genetische Minderwertigkeit von Schwarzen „bewiesen“ haben. Soviel Konsequenz, dachte ich mir, würde ich nicht aufbringen. Aber ich habe allergrößten Respekt vor dieser Art von aufrechtem Gang.
Chomsky ist „ein alter Moralist und Weltverbesserer“, das las ich vor ein paar Jahren in einer Buchrezension. So was ist meistens nicht sehr freundlich gemeint. Der Weltverbesserer hat keinen allzu guten Ruf. Ich muss gestehen: Mir waren Weltverbesserer immer sympathischer als Weltverschlechterer. Von denen gibt es sowieso viel zu viele.

Bravo!!!
Vielen Dank für den leidenschaftlichen und sehr persönlichen Eindruck und Vermittlung der Arbeit und der Denkweise eines Mannes den es sich lohnt umso mehr kennen zu lernen!
Rüdiger Fleck