Der 72-jährige Bernard Glassman aus den USA zählt zu den weltweit wichtigsten Pionieren eines sozial engagierten Buddhismus. Er ist der Gründer der Zen-Peacemaker, die sich international für Frieden und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Im Juni kommt er zu einer gemeinsamen Veranstaltung mit Konstantin Wecker nach Berlin, um Wege eines sozial engagierten Handelns aufzuzeigen, das auf spiritueller Weisheit basiert. Erstveröffentlichung in der Printausgabe von “connection” http://connection.deVon Christa Spannbauer
Du bist einer der wichtigsten Vertreter eines sozial engagierten Buddhismus und seit vielen Jahren darum bemüht, Spiritualität und soziales Engagement zusammenzubringen. Viele Menschen auf dem spirituellen Weg meinen, dass sie genug für eine bessere Welt tun, indem sie für den inneren Frieden meditieren. Sozial engagierte Menschen betrachten dies hingegen als reichlich egoistisch. Wie können wir den Graben zwischen diesen beiden Positionen überbrücken?
Als Zenlehrer führe ich meine Schüler an Herausforderungen heran, die für unsere Zeit und für die Welt, in der wir leben, charakteristisch sind, damit sie dadurch die Einheit und Verbundenheit allen Lebens erfahren können. Hierbei fühle ich mich den drei Grundsätzen der Zen-Peacemaker verpflichtet. Unser erster Grundsatz ist das Nichtwissen, der zweite ist das Zeugnis ablegen und der dritte Grundsatz ist das liebevolle Handeln.
Mit Nicht-Wissen ist nicht gemeint, dass wir uns kein Wissen aneignen sollten. Es geht vielmehr um die Nicht-Anhaftung an unser Wissen. Denn das ermöglicht es uns, in jede Situation völlig offen hineinzugehen.
Zeugnis ablegen heißt, den Dualismus zwischen dir und dem Objekt aufzuheben. Wenn du Zeugnis ablegst vom Leiden und du selbst leidest dabei nicht, dann legst du kein Zeugnis ab. Zeugnis ablegen von Freude ist Freude. Zeugnis ablegen vom Leiden ist Leiden.
Der dritte Grundsatz ist das liebevolle Handeln. Es geht ums Tun! Misch dich ein! Es reicht nicht aus, über Missstände zu diskutieren oder Interviews darüber zu lesen. Wenn du den Raum des Nicht-Wissens und des Zeugnis-Ablegens öffnest, dann wächst in diesem die Fähigkeit zu liebevollem Handeln.
Mein größtes Anliegen ist es, Zeugnis vom System abzulegen, denn mir ist bewusst geworden, dass wir zwar Menschen würdigen, die sich um die Verlierer dieses Systems kümmern, dass wir zugleich aber diejenigen umbringen, die das System an sich verändern wollen. Großartige Menschen wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi wurden ermordet, weil sie das System veränderten. Ich glaube, dass beides möglich ist: sich um die Menschen zu kümmern, die hier und jetzt unsere Hilfe brauchen und sich zugleich für eine Veränderung des gesamten Systems einzusetzen. Wenn du auf jemanden triffst, der hungrig ist, dann gib’ ihm etwas zu essen. Das spricht dich aber nicht davon frei, dich für ein besseres Sozialsystem zu engagieren, in dem niemand mehr hungern muss.
Manche Menschen werden richtig ärgerlich, wenn sie feststellen müssen, wie viel im Argen liegt und wie viel zu tun ist. Sie fragen: »Wie kann ich überhaupt etwas bewirken? Ich habe doch nur zwei Hände!« Und ich frage sie dann: »Was ist das Beste, was du jetzt tun kannst?« Als die Kannon (in Japan wird Kannon verehrt als mythische Figur, die das Mitgefühl verkörpert, so wie bei uns die Madonna; Anm. d. Red.) das Bodhisattva-Gelübde ablegte, alle Wesen zu retten, zerbrach sie in Tausende von Stücken. Wenn du nur auf deine eigenen begrenzten Möglichkeiten blickst, dann findest du immer gute Gründe, dich nicht zu engagieren. Wenn du dich aber als Teil der Welt und damit als die Welt selbst begreifst, dann verfügst du über unendliche Ressourcen.
Diese Sichtweise führt dich zu einer gänzlich anderen und meines Erachtens erfrischend rebellischen Zenpraxis. Was ist Zen für dich?
Mein Lehrer Maezumi Roshi betonte immer, das Zen ein Synonym für das Leben ist. Die Übung, die Einheit allen Seins zu erfahren, bedeutet, das Leben in seiner Ganzheit zu erfassen. Das kann also nicht nur die Zeit sein, die wir auf dem Meditationskissen verbringen.
Ich möchte das mit dem folgenden Beispiel deutlich machen: Stell’ dir vor, ich hätte eine Krankheit, die darin besteht, dass ich die Einheit des Lebens nicht erfahren kann. Nehmen wir mal an, mein rechter Arm hat den Namen Bubela und der linke Sally. Mein Kopf heißt Bernie. Sally und Bubela haben zwar viel studiert und meditiert, doch nicht die Einheit des Lebens erfahren. Sie sprechen nur darüber. Nun sieht Sally, dass Bubela blutet, doch sie sagt sich: Mein spirituelles Training hat mich nicht gelehrt, mich zu engagieren. Also stirbt Bubela. Und Bernie stirbt. Und Sally stirbt.
Oder nehmen wir an: Bubela und Sally sind Aktivisten. Bernie ist hungrig, doch die beiden streiten darüber, wer die besseren Methoden entwickelt hat, ihm zu helfen. Währenddessen stirbt Bernie an Hunger. Und Bubela und Sally sterben. Wäre ihnen die Einheit des Körpers bewusst gewesen, hätten sie als erstes Bernie etwas zu Essen gegeben.
In der zeitgenössischen Spiritualität ist die Ansicht, dass wir uns zuerst um unseren inneren Frieden kümmern sollten, bevor wir uns für den Frieden in der Welt engagieren können, fast schon zu einer Art spirituellem Dogma geworden. Wie siehst du das?
Wie viele andere spirituelle Lehrer betont auch Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, dass wir uns der Entwicklung des inneren Friedens widmen müssen. Doch er rät zugleich auch, sich aktiv einzubringen und dies jeden Tag zu üben. Zu mir kommen viele Leute und bedanken sich für meine Ermutigung zum Engagement, denn ihre eigenen Dharma-Lehrer hatten sie davon abgehalten. Als John F. Kennedy ermordet wurde, war ich selbst noch ein junger Lehrer und riet meinen eigenen Schülern, die handeln wollten, sie sollten erst ihre spirituelle Praxis intensivieren, denn sonst, so dachte ich damals noch, würden sie vielleicht das Falsche tun. Heute glaube ich, dass die Ansicht, es gäbe ein ›richtiges Handeln‹, uns vom Handeln abhält. Schau’ genau hin und frage, wie du helfen kannst. Was immer du dann auch tust, ist das Beste, was du in diesem Moment tun kannst.
Manche Leute sagen, dass sie durch die buddhistische Praxis die Klarheit und die Einsicht für ihre soziale Arbeit erhalten. Die Zen-Peacemaker haben hier eine andere und weitaus radikalere Ansicht, denn für uns ist die soziale Arbeit die spirituelle Praxis. Ich habe Probleme damit, wenn mir Leute sagen, wie sehr sie sich auf ihren nächsten Retreat freuen, weil sie dann wieder Zeit für ihre Spiritualität hätten. Darin zeigt sich für mich, dass ihre Spiritualität nicht in ihrem alltäglichen Handeln verankert ist.
Ich selbst stamme aus einer Tradition, die keinen besonderen Ort für Spiritualität braucht, weil diese ihren Sitz im Alltag hat. Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem hatten die Juden beschlossen, durch das wöchentliche Sabbatmahl den Esstisch im eigenen Haus zu einem heiligen Ort zu machen, an dem sich alle versammelten. Dadurch konnte die religiöse Tradition am Leben erhalten werden, denn es brauchte dafür tatsächlich nicht mehr als einen Esstisch.
Dein soziales Engagement als buddhistischer Zenmeister ist tief in der christlich-jüdischen Tradition der Nächstenliebe verankert. Trotz dem ersten Gelübde im Zen, das die Rettung aller Lebewesen zum Inhalt hat, ist im Zen nicht viel an tätiger Fürsorge für die Armen und Schwachen zu finden. Was sind hierfür die Gründe?
In den asiatischen Gesellschaften, in denen der Buddhismus entstand, oblag die Fürsorge für die Schwachen vor allem der Familie und nicht der Gemeinschaft. In der Regel übergab die Familie ein Kind an das Kloster. Die Mönche hatten keine Besitztümer, trugen abgelegte Kleider und lebten von dem, was ihnen gegeben wurde. Die meisten Mönche hatten ein Gelübde abgelegt, kein Essen selbst zuzubereiten und kein Geld zu besitzen. Sie ernährten sich von Almosen. Ihre ursprüngliche Aufgabe bestand darin, zu studieren und zu praktizieren, und nicht darin, der Gemeinschaft zu dienen. Ein Jünger Buddhas hätte niemals das tun können, was Jesus mit den Händlern im Tempel tat.
Hans Küng, der von der katholischen Kirche mit einem Redeverbot belegt wurde, hat in seinem Werk die Schatten aufgezeigt, die bis heute in den Religionen zu finden sind. So existierte im Buddhismus zu Zeiten von Shakyamuni der Glaube, dass nur männliche Mönche zur Erleuchtung fähig wären. Heute sagen zwar die meisten Buddhisten, dass sie an Gleichberechtigung glauben, doch der Schatten besteht weiter, weil männliche Mönche immer noch als höherwertig wahrgenommen werden.
Wir dürfen bei dem Ganzen auch nicht vergessen, dass im japanischen Buddhismus die Kampfkünste eine enge Verbindung mit dem Zen eingingen. Samurai-Krieger wägten sich jenseits der Subjekt-Objekt-Unterscheidung, wenn sie jemandem den Kopf abschlugen.
Es gibt immer wieder Kritiker, die meinen, dass deine Zenpraxis doch eigentlich nichts anderes sei als sozialer Aktivismus und dass deine Schüler weniger Zenschüler als vielmehr Streetworker seien. Sie fragen, wie deine Schüler zur Erleuchtung gelangen können, wenn sie statt in der Zenhalle zu meditieren in AIDS-Hospizen arbeiten und Obdachlosen auf den Straßen helfen. Was antwortest du diesen kritischen Stimmen?
Diese Fragen begleiten mich, seitdem ich mit meinem sozialen Engagement begann, und ich habe sie von Anfang an nicht verstehen können. Glauben Menschen denn wirklich, dass das Engagement für ihre Mitmenschen ihnen kostbare Zeit für ihre Meditation rauben würde oder ihnen gar die Gelegenheit der Einheitserfahrung vermasseln könnte?
Würde man einem Schullehrer, der Zen praktiziert, den Vorwurf machen, dass er zu viel seiner Zeit mit Arbeit und mit seinen Schülern verbringt?
Vielleicht liegen die Gründe für diese Kritik auch darin, dass Menschen sich bedroht fühlen. Als ich mit meiner Arbeit im sozialen Brennpunkt Yonkers begann und mit Obdachlosen und Arbeitslosen auch aus der afro-amerikanischen Community zu arbeiten begann, sagte mir ein befreundeter Geistlicher: »Bernie, die Priester in Yongster werden dich dafür nicht mögen, denn du tust genau das, was sie eigentlich tun müssten. Und eben deshalb werden sie dich bekämpfen.«
In den USA haben wir mittlerweile die Notwendigkeit des sozialen Engagements auf dem spirituellen Weg erkannt. In Europa wird euch diese Frage wahrscheinlich noch ein weiteres Jahrzehnt umtreiben.
Was gibst du deinen Schülern mit auf den Weg, das sie befähigt, sich mitten in das Leid der Welt zu begeben, ohne dabei ihr spirituelles Vertrauen in das Leben und ihre innere Balance zu verlieren?
Hotei, der lachende Buddha, hat hierfür alle wichtigen Dinge in seinem Sack. Auch wir können unseren Sack mit vielen verschiedenen Werkzeugen füllen, um dann jeder Situation so unbefangen, unvoreingenommen und offen wie nur möglich zu begegnen. Es gibt gute Werkzeuge, die uns darin unterstützen, etwa die drei Grundsätze der Peacemaker. Für mich ist die Meditation eine große Hilfe, mich im Nicht-Wissen zu üben. Ich kenne aber auch Menschen, die den Zustand des Nicht-Wissens ohne Meditation erlangen. Die effektivste Methode ist das, was ich ein »plötzliches Eintauchen« nennen würde. Dies ist ein Zustand, der sich unserem Verstand entzieht. Wir begeben uns selten freiwillig in einen solchen Zustand. Er begegnet uns oft mit dem Tod eines geliebten Menschen. Viele Praktizierende erleben dieses plötzliche Eintauchen bei den Auschwitz-Retreats oder den Obdachlosen-Retreats. Der erste Tag in Auschwitz überwältigt jeden Menschen vollständig. Zeugnis abzulegen bedeutet, in der Situation zu bleiben, sich ihr ganz auszuliefern und doch standzuhalten.
Die spirituellen Zentren in Deutschland sind voll mit Menschen, die der wohlhabenden Mittelschicht angehören. Spiritualität ist geradezu eine Domäne für Menschen mit einem guten Einkommen und einem höheren Bildungsgrad. Wir könnten sogar zugespitzt sagen, dass Spiritualität etwas für Privilegierte ist, die es sich leisten können, nach Erleuchtung zu streben. Wie können wir Spiritualität zugänglich machen für alle Menschen?
Viele spirituelle Zentren wurden als eine Art Elite-Klub geschaffen, um die Armen draußen zu halten. Wer kann es sich schon leisten, seinen Partner und seine Kinder hinter sich zu lassen, um für längere Zeit in ein Zen-Zentrum zu gehen? Zu Beginn der buddhistischen Bewegung in den Staaten haben tatsächlich viele Menschen ihre Jobs und ihre Familien verlassen, um einen monastischen Weg zu gehen. Auch ich selbst habe, als meine eigenen Kinder klein waren, meditiert, anstatt diese wertvolle Zeit mit ihnen zu verbringen.
Ich kenne in den USA nur eine buddhistische Gruppe, die sich schon frühzeitig den Belangen der Armen, insbesondere auch aus der afro-amerikanischen Bevölkerung, annahm, und dass waren die Soka Gakkai. Sie waren anfangs noch etwas rigide und dachten, sie wären die einzigen, die das Richtige täten, doch mittlerweile sind sie offener geworden. Indem sie Teil nahmen am Leben der Afro-Amerikaner erkannten sie, welche Art von Unterstützung diese brauchten. Die anderen Zengemeinschaften boten zu dieser Zeit nur klösterliche Modelle an.
Wir können die bestehenden Zustände nur ändern, wenn wir an ihnen Teil haben. Afro-Amerikaner kamen auch in unser Greyston-Projekt, weil wir unsere spirituelle Praxis den Gegebenheiten vor Ort anpassten. In Greyston haben wir mit den Leuten nicht meditiert, dafür jedes Treffen mit einer kurzen Zeit der Stille begonnen. Die Menschen waren davon begeistert. Traditionen entstehen und werden dann weitergegeben, wenn ihre Begründer Zeugnis ablegen von dem, was die Menschen brauchen und daran Teil nehmen.
Seit mehr als zehn Jahren kommst du jährlich nach Auschwitz, um dort mit Menschen aus der ganzen Welt ein Retreat im ehemaligen Konzentrationslager zu halten und der Toten zu gedenken. Was hat dich Auschwitz in den vergangenen Jahren gelehrt? Und was kann Auschwitz jeden von uns, der auf dem spirituellen Weg ist, lehren?
In Auschwitz bin nicht ich der Lehrer, sondern der Ort selbst ist der Lehrer. Auschwitz ist ein unglaublicher Lehrmeister, er führt Menschen in Situationen, in denen sie gar nicht anders können als zu lernen und zu verstehen. Wir bringen für die Auschwitz-Retreats Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen, Ländern und religiösen Traditionen zusammen. Es kommen die Kinder der Überlebenden und es kommen die Kinder der SS-Täter. Wer hier mit dabei ist, schätzt sich so ein, das aushalten zu können, doch wenn sie alle im gleichen Raum aufeinander treffen, entstehen viele Reibungspunkte. Wer in diesem Kessel bleibt, mit dem geschehen entscheidende Veränderungen. Die Menschen, die nach einer Woche Auschwitz verlassen, sind nicht mehr dieselben wie zuvor.
In einem Retreat freundete sich ein jüdischer Mann mit einer deutschen Frau an. Dann erfuhr er, dass ihr Vater der Kommandant des Lagers war, in dem seine ganze Familie umgekommen war. Er wurde von Zorn überwältigt und sie von Schuld. Doch nachdem sie durch alle diese Emotionen gegangen waren, umarmten und küssten sie sich.
Im kommenden November werden wir einen Auschwitz-Retreat mit Jugendlichen halten. Hierfür werden junge Menschen aus Israel, aus den arabischen Ländern, aus Deutschland und der ganzen Welt zusammenkommen.
In einem Interview, dass du vor einiger Zeit in Auschwitz gegeben hast, sagtest du: »Es gibt einen Teil in jedem von uns, der es uns möglich macht, andere Menschen zu entwürdigen. Wir aber wollen diesen Teil in uns nicht anschauen und berühren. Auschwitz stellt das Weltmonument dieser Verleugnung dar.« Wie können wir mit diesem Teil in uns so umgehen, dass er nicht weiterhin Leid in der Welt verursacht?
Der erste Schritt hierfür ist das Erinnern. Erinnern führt dazu, dass die auseinandergefallenen Teile wieder zusammengefügt werden. Nach unserem achten Jahr des Erinnerns der Opfer von Auschwitz schlug Heinz-Jürgen Metzger, der Koordinator der Peacemaker-Arbeit in Europa, vor, sich auch der Täter zu erinnern. Sein eigener Onkel war damals kastriert worden, weil er sich geweigert hatte, seine Arbeit als SS-Mann auszuführen. Heinz-Jürgen hatte davon erst nach vielen Jahren erfahren, weil sich seine Familie für das Verhalten des Onkels geschämt hatte. Nachdem Heinz-Jürgen diesen Vorschlag eingebracht hatte, drohte über die Hälfte der Anwesenden damit, den Retreat zu verlassen.
Ich selbst brachte diesen Vorschlag in einem späteren Retreat erneut ein und dessen Umsetzung stellte uns vor große Schwierigkeiten. Der Täter zu gedenken, bedeutet, ihre Namen ebenso zu nennen wie die Namen derer zu rezitieren, die gemordet wurden. Um den Hass zu überwinden, bedarf es jedoch einer Veränderung des Umgangs mit den Tätern. Wir hielten eine Zeremonie im ehemaligen SS-Wachturm ab, in der sich alle Anwesenden an eine Situation erinnerten, in der sie selbst Täter waren oder in der sie mit einem Täter in ihrem eigenen Leben konfrontiert waren.
Natürlich stellt sich hier die Frage: Wie weit kann und muss man beim Erinnern gehen? Wenn es sich aber um eine Welt handelt, müssen wir dem Ganzen gedenken. Wo also könnten wir mit dem Erinnern aufhören? Genau hier, meine ich, sollten wir unsere spirituelle Praxis ansiedeln. Indem wir in die Räume in uns selbst gehen, die die Täter damals öffneten.
Es geht auch darum zu erkennen, wen wir ausschließen, und die Ausgeschlossenen einzuladen. Normalerweise meiden wir die Außenseiter des eigenen Klubs. Das aber führt im schlimmsten aller Fälle zu Auschwitz, es führt zu Krieg, zu Lynchmorden und zum Gay Bashing.
Ich selbst bin Demokrat. Ich habe niemals für die Republikaner gestimmt. Ich lade aber Republikaner in mein Haus ein, um mit ihnen zu reden. Auch wenn ich die Ansichten der Republikaner nicht mag, kann ich deswegen doch nicht einen Menschen ablehnen, der sie wählt. Jede Meinungsverschiedenheit und jeder Konflikt bedarf einer Lösung. Wenn du eine Fraktion nicht an den gemeinsamen Tisch lädst, dann ist der Ausschluss das, was den Lösungsprozess verhindert, er ist die Achillesferse des Ganzen.
Wenn dir das schwer fällt, dann nimm’ eine rote Clownsnase. Stell’ sie dir an einer Person vor, die du verabscheust. Ich habe das mit Bush gemacht. Du wirst diesen Mann dann nicht mehr hassen können. Du wirst sagen: Wie lächerlich! Er ist ein Clown. Wir alle sind Clowns!
Dein Buch »Anweisungen für den Koch« ist in der buddhistischen Literatur ein Klassiker geworden und wurde nun auch in Deutschland neu aufgelegt. Der Untertitel lautet im Original: »Instructions for living a life that matters«. Wie sieht ein solches Leben aus?
Ein Leben, das Bedeutung hat, ist ein Leben, in dem wir aufhören darüber zu klagen, wie schrecklich unser Leben doch sei. Wir halten nicht nach einem besseren Leben Ausschau, denn dieses unser Leben ist einzigartig und großartig, genau so, wie es gerade ist, Augenblick für Augenblick.
Am 13. Juni 2010 um 20 Uhr trifft der Liedermacher und Pazifist Konstantin Wecker Bernard Glassman in der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin, unter dem Motto »Es geht ums Tun und nichts ums Siegen«. Veranstalter ist Spuren der Weisheit (www.spuren-der-weisheit.de) und Edition Steinrich. Kartenvorverkauf: www.edition-steinrich.de
Christa Spannbauer, (M.A. phil.) ist freie Journalistin und Mitorganisatorin der Veranstaltung mit Bernard Glassman und Konstantin Wecker in Berlin. Ihr Buch »Im Haus der Weisheit. Spirituelle Lehrer und Lehrerinnen sprechen über ihre Visionen für unsere Zeit« ist 2008 im Kösel-Verlag erschienen. www.spuren-der-weisheit.de
Konstantin Wecker über Bernie Glassman:
“Hier mischt sich endlich ein großer spiritueller Meister in die Belange der Welt ein, hier kämpft einer mit seinen angesichts der Mittel der Mächtigen fast ohnmächtigen Mitteln beherzt gegen Ungerechtigkeit und Willkür, Dummheit und Unverstand. Das Buch »Anweisungen an den Koch« sollte Pflichtlektüre für alle noch nicht ganz korrumpierten Unternehmer, Bänker und Konzernchefs werden! Bernie Glassman rät, sich nicht aus der Welt zu meditieren, sondern die Meditation in die Welt hineinzutragen, ins Geschäftsleben, in die Familien, in die Herzen der Menschen, um diese vor der endgültigen Erstarrung zu bewahren.”
Buchtipp: Bernard Glassman: Anweisungen an den Koch. Edition steinrich, 2010
Link zur Autorin: http://www.spuren-der-weisheit.de/
Weitere Artikel zu Spiritualität, Politik und Bewusstsein in der Mai-Ausgabe von “connection”: http://connection.de
Bezugnehmend auf den (Gott sei Dank) wieder entfernten Artikel von Idar-Oberstein:
Herr Wecker ist mit Menschen wie einem Herrn Glassman bestens bedient und kann dieses ewig gestrige Gerede äußerst gelassen betrachten, wenn nicht sogar völlig außer Acht lassen.
http://www.youtube.com/watch?v=eGBL_Bi_TXY
“Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit,
gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.”
(Jiddu Krishnamurti)
http://www.youtube.com/watch?v=nmY51RjGCvM&feature=PlayList&p=137C772C4238177B&playnext_from=PL&index=0&playnext=1
diesen sehr interessanten Artikel habe ich bereits mehrmals gelesen.
und die drei Grundsätze der Zen-Peacemaker, denen sich Bernard Glassman
verpflichtet fühlt, die er lebt und versucht weiter zu geben – halte ich für sehr bewundernswert!
dennoch verstehe ich das mit dem Zeungnis ablegen noch nicht so ganz!
also ich meine ja auch, wir lernen oder können eigentlich nur durch erlebte
Erfahrung einer Situation ein wirkliches und ehrliches Mitgefühl entwickeln
woraus dann bestenfalls eine liebevolle Handlung erwächst. nur sehe ich ja
auch an mir – es ist nicht in allen Situationen möglich. gut vielleicht fehlt mir da einfach der spritituelle Zugang – ich weiß es nicht. aber ich meine
hiermit natürlich die Ungerechtigkeiten und Probleme in der ganzen Welt!
die Weisheit und Klugheit von Bernard Glassman kann ich nur bewundern!
ich bin nur etwas skeptisch, ob wir hiermit alle Probleme unseres Daseins
lösen können!? die Retreats die in den KZs veranstaltet werden, halte ich persönlich für etwas bedenklich.
aber ich erwarte den Abend voller gespannter Freude und werde versuchen,
den Ansatz von Bernard Glassman weiter zu ergründen u. mich einzulassen.
sein Grundsatz – misch dich ein – ist natürlich der einzig richtige Weg!
- der Weg ist das Ziel – ich weiß.., es reicht nicht aus sich nur zu empören!
Gestern im Gasteig die interessante Veranstaltung erlebt. Welch ein Glanz, welch eine Ruhe, welch ein Charisma dieses amerikanischen Zenmeisters, der sich im Carl-Orff-Saarl verbreitete!!!!
Es war schon interessant, die unterschiedliche Ausstrahlung dieser beider Männer zu erleben, der eine, der mit seiner unbändigen Vitalität immer wieder alle begeistert, der andere, der mit seinen leisen bis lautlosen Tönen eine ganz andere Art des Zaubers verbreitet.
DANKE Bernie, danke Konstantin!!!!
Und über eines könnt ihr euch sicher sein. Es klingt weiter, es wirkt weiter….