Gärten für mehr Toleranz

Interkultureller Garten Wuhlegarten, Berlin

Einmal im Jahr lädt die Stiftung Interkultur, München, zu einem Netzwerktreffen VertreterInnen der inzwischen über 80 interkulturellen Gärten Deutschlands ein. Dieses Mal fand das Treffen in Berlin-Marzahn statt. Interkulturelle Gärten bringen mehr Grün in die Stadtlandschaft und fördern die Gemeinsamkeit von Deutschen und MigrantInnen in der Nachbarschaft. Dabei lernt man nicht nur Menschen, sondern auch Pflanzen und schmackhaftes Gemüse aus anderen Ländern kennen. Ein Protest auch gegen Sortenarmut bei Saatgut, Gen-food und „Selbstmordsamen“. (Ellen Diederich)
Noveen Ahmad und ich kommen aus Oberhausen, wo wir im Interkulturellen Frauengarten zusammen arbeiten. Noveen kommt ursprünglich aus Pakistan. Mit ihren schönen langen schwarzen Haa-ren und ihrer traditionellen pakistanischen Frauenkleidung ist sie unschwer als „Ausländerin“ zu erkennen. Marzahn hat einen traurigen Ruf: Endlose Plattenbauten, Arbeitslosigkeit über 16%, das sind 23.386 Menschen, darunter sind 2.281 Jugendliche. Das Durchschnittseinkommen beträgt 875 €, es gibt einen sehr hohen Anteil von Hartz IV-Abhängigen, extrem viele ausländerfeindliche Taten. Die NPD hat drei Sitze im Stadtparlament. Auf dem Weg nach Marzahn wird mir etwas mul-mig. In der S-Bahn schaue ich mich genau um, sehe Blicke auf Noveen gerichtet. Unten an der S-Bahn treffen wir Christa Müller, die Geschäftsführerin der Stiftung. Sie hilft uns mit den Koffern die lange Treppe hoch.

Die Tagung findet im Don Bosco Haus statt. Don Bosco war ein katholischer italienischer Priester, der sich im 19. Jahrhundert als Priester und Pädagoge für junge Menschen, die ohne Chance waren, eingesetzt hat. Heute gibt es weltweit Zentren, die seinen Namen tragen. So eben auch in Marzahn. Das Zentrum ist relativ neu, wurde 2008 fertig gestellt. Direkt an der S Bahn Haltestelle gelegen, ist es auffällig durch den Rundbau des neuen Gebäudes, in dem Empfang, Cafe und Essräume untergebracht sind. Die Anmeldung und Verteilung der Zimmer geht zügig vor sich. Die Frauen der Stiftung haben gut vorgearbeitet. Die Zimmer sind hell und freundlich. Das ganze Haus macht einen freundlichen Eindruck. Das bestätigt sich in den nächsten Tagen. Wir werden sehr gut versorgt, das Essen ist vegetarisch, sehr schmackhaft gekocht. Es ist eine Atmosphäre der liebevollen Aufmerksamkeit, die uns umgibt. Im Innenhof ist ein schöner kleiner Garten angelegt.

Das Treffen findet in einem Zirkuszelt statt. Zwei Zelte sind etwa 100 Meter vom Zentrum entfernt aufgebaut, als ständige Einrichtung. Über dem Tor zum Eingang steht: Cabuwazi, Manege GmbH. Wir erfahren, dass in diesen beiden Zelten mehrere Jugendfördermaßnahmen stattfinden. Jugendliche, die in der Regel keinen Schulabschluss und Ausbildungsplatz haben, können hier zwischen einem halben und einem Jahr Förderung bekommen. Sie können in verschiedenen Bereichen arbei-ten: Holz, Maler und Lackierer, Metall, PC, Hauswirtschaft, Küche, Gästbetreuung. Sie erhalten Hilfe bei Schuldenproblemen, Wohnungsbeschaffung, Suchtproblematik. Sie können auch im Kinder- und Jugendzirkus Cabuwazi mitarbeiten. Die Erfahrung zeigt: „Zirkuspädagogik führt die Ju-gendlichen an ihre Leistungsgrenzen heran, ermutigt aber dazu, sie zu erweitern. Somit ist Zirkus-pädagogik als Ermutigungspädagogik zu verstehen.“ (Aus dem Heft: Startklar, Das Don-Bosco-Zentrum Berlin)

Die Tagung der Stiftung steigt an diesem heißen Freitagnachmittag (34 Grad schwüle Hitze) gleich in das zentrale Thema des Treffens ein: Kulturpflanzenvielfalt in Interkulturellen Gärten. Etwa 110 Teilnehmerinnen nehmen am Treffen teil. Es ist das zehnte Treffen, das die Stiftung organisiert. Vorherige Städte waren u.a. Berlin, Potsdam, Mecklenburg. Kassel, München, Hannover.
Christa Müller begrüßt die TeilnehmerInnen und verliest das Grußwort des Berliner OB Klaus Wowereit.

Benny Haerlin von Save The Seeds – Zukunftsstiftung Landwirtschaft referiert über die Gefährdung unseres Saatguts. Er beschreibt wie das Saatgut, das älteste Kulturgut der Menschheit, heute in Gefahr ist. 10.000 Jahre wurde Saatgut von Generation zu Generation weitergegeben. Die Generationen vor uns entwickelten neues Saatgut in biologischer Vielfalt in lokalem und regionalem Bezug. Wie wichtig Saatgut allen bisherigen Generationen war, erläuterte er am Beispiel des durch die Deutschen besetzten Leningrads: Der großen Hungersnot während der Besetzung fielen 900.000 Menschen zum Opfer. Die Forscher des biologischen Davidoff Instituts weigerten sich dennoch, das Saatgut aufzuessen, „das tut man nicht“. In den letzten 100 Jahren sind 75% der Viel-falt des auf der Erde vorhandenen Saatguts verschwunden. Die Anzahl der traditionell von Bauern gezüchteten Pflanzen beträgt 1,9 Millionen. Kommerzielle Sorten, die heute im Handel sind, machen etwa 72.500 aus. An Hochleistungssorten sind etwa 8.000 im Handel. Die hauptsächlichen Sorten, die heute an Getreide angebaut werden, sind: Reis, Mais, Weizen und Gerste. Immer mehr Getreide wird als „Spritgetreide“ angebaut, also für den Autoverkehr.

Heute befinden sich bereits 67% des Saatgutes in den Händen der Saatgut Multis:

Die 8 größten Unternehmen:

1. Monsanto, USA
2. Dupont/Pioneer, USA
3. Syngenata, Schweiz
4. Groupe Limagrain, Frankreich
5. KWS, Deutschland
6. Land-O Lakes, USA
7. Sakata, Japan
8, Bayer Crop, Japan

Heute gibt es etwa 130 Millionen Hektar Land, auf dem gentechnisch veränderte Pflanzen gezüchtet werden. In Europa ist der Anbau verboten. In der letzten Woche aber wurde bekannt, dass durch die Niederlassung der US Firma Pioneer Hi Bred in Buxtehude für 2.000 Hektar gentechnisch veränderter Mais zu Aussaat in fünf deutsche Bundesländer geliefert worden ist. Das Gentechnik Gesetz sieht in Deutschland bis zu drei Jahren Gefängnis für diejenigen vor, die nicht zugelassene Genpflanzen freisetzen.

Im Kontext des Klimawandels werden bis 2080 viele Länder das, was sie heute noch anbauen, nicht mehr anbauen können. Anstrengungen, dem entgegenzuwirken, werden hauptsächlich durch die Entwicklung von Genen und gentechnisch veränderten Pflanzen unternommen. Seit 1986 haben sich Hybridzüchtungen mehr als verdoppelt.

Überall auf der Welt haben Bauern und Bäuerinnen von der Ernte des letzten Jahres einen Teil für die nächste Aussaat zurückbehalten. Nun haben Konzerne wie der US Konzern Monsanto ein Saatgut entwickelt, das nur für eine Ernte gebraucht werden kann. Es hat sterile Nachkommen, vernichtet sich selbst. „Dieses Saatgut nennt man Selbstmord Samen und es bedeutet, dass die Bauern jedes Jahr neues Saatgut kaufen müssen.

Der nächste Vortrag von Dr. Thomas Gladis von der Stiftung Kaiserstühler Gärten zeigte sehr beeindruckende Fotos von verschiedenen interkulturellen Gärten, in denen die Unterschiedlichkeit von Gartenarbeit sinnfällig wurde. Anbauweisen kollidieren manchmal extrem mit deutschen Vorstellungen von Ordnung im Garten durch die Bürokratie. Der Garten eines türkischen Kollegen, in dem die Pflanzen nicht in Reih und Glied ausgesät waren, sondern wild durcheinander wuchsen, Wein angebaut wurde, der sich an einer Pergola hochrankte, wurde durch die Ordnungsbehörde zerstört. Es wurde deutlich, wie weitgehend das Saatgutwissen von MigrantInnen in Deutschland ist und wie sehr es das hiesige Wissen ergänzen und befruchten kann.

Am Samstagvormittag wurden verschiedene Gärten vorgestellt:

Der Interreligiöse Garten, Wuhlegarten in Berlin Köpenick
Der Wuhlegarten ist ca. 4.000 qm groß, der Käutergarten etwa 100 qm. Brigitte Kranacher befasst sich seit Jahren mit der Wirkung von Kräutern und stelle ihr umfangreiches Wissen vor. Interreligiös heißt der Garten, weil sich dort Menschen der verschiedenen Religionen treffen. Es gibt keine religiösen Pflanzen, aber es gibt Pflanzen, die zu bestimmten Festen der Religionen genommen werden und eine Bedeutung haben wie z.B. die Grüne Sauce zum Gründonnerstag, das Pesachfest hat bestimmte Pflanzen usw. Frau Kranacher hatte eine ganze Reihe Kräuterpflanzen mitgebracht, die die TeilnehmerInnen mitnehmen konnten.

Der Rosenduftgarten ist ein Teil des Südosteuropakomitees. Er wurde während des Bosnienkrieges von Bosnierinnen gegründet. Dort wurden eine Kräuterspirale, Kinderbeete und Hochbeete angelegt. Pflanzen aus Bosnien wie Okra Schoten, Bohnen, alte Sorten, Mais. Keine Hybridpflanzen sind dort zu finden. Sie haben große Probleme mit Krähen, die sich genüsslich über die Pflanzen hermachen. Rosenduftgarten heißt dieser Garten aber zuallererst, weil dort Roden aus Bosnien, aus deren Blättern man Rosenwasser machen kann, angepflanzt werden.

Roland Wüst stellte den Garten der Nationen in Hassloch, Rheinland Pfalz vor. Dieser Garten ist ca 4 Hektar groß. Zuzüglich gibt es noch Flächen für eine Nutztierhaltung. Dort werden ca. 1.000 Sorten angebaut, deren Samen vertrieben wird. Das Ziel ist: Gefährdete Sorten regelmäßig anzubauen und einen Teil des Samens wieder in den Verkehr bringen. Daneben gibt es den Garten der Nationen e.V. Er ist ca. 1.200 qm groß, in 14 Parzellen aufgeteilt, es gibt einen Geräteschuppen, Feuerstelle, Obstbäume, 2 Wasserstellen und einen Kindersandkasten. Die beiden Teile bilden eine fruchtbare Kooperation, lernen voneinander. Sie machen Fortbildung, haben gemeinsame Projekte: Paprika, Mais, biologische Landbewirtschaftung. Informieren sich über Bestäubungsbiologie, Befruchtungsverhältnisse, Blattlausschwebfliegen zur Bekämpfung von Blattläusen u.a.

Konrad Bucher vom Schaugarten des Interkulturellen Gartens Neuperlach bei München zeigte anhand des von ihnen herausgegebenen Kalenders, welche Pflanzenvielfalt dort inzwischen angebaut wird. Es gibt Nutzpflanzen vom Mittelalter bis heute, vor allem aber auch die durch die MigrantInnen mitgebrachten Pflanzen. In dem Kalender sind die Pflanzen in verschiedenen Sprachen erläutert.

Am Samstagnachmittag fuhren wir zum Pyramidengarten in Berlin Neukölln. Dieser Garten liegt unmittelbar am ehemaligen Flughafen Tempelhof. Er ist ca. 800 qm groß, Anbaufläche hauptsächlich mit Gemüse und einigen Blumen, Kinderspielecke und 3 kleine ehemalige Verwaltungsgebäude des angrenzenden Friedhofs befinden sich auf dem Gelände. Es ist tröstlich, eine grüne Oase inmitten einer so durch Technik bestimmten Umgebung zu sehen: Flughafen, vierspurige Straßen, nicht endender Autoverkehr.

Die GärtnerInnen luden uns zum Essen ein: Chili sin Carne und ein afrikanisches Gericht mit Erdnusssauce und Hirse. Tee, Säfte, Wein waren reichlich vorhanden, ein großes Feuer brannte im Garten. Der Nachmittag war entspannt, viele Einzelgespräche fanden statt, eine Möglichkeit, sich etwas besser kennen zu lernen.

Am Sonntagmorgen informierte uns Rudi Vögel vom Verein zur Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg über rechtliche Probleme im Kontext von Saatgut. In Deutschland dürfen nur vom Bundessortenamt anerkannte Samen in den Umlauf gebracht, d.h. verkauft werden. Alternativen zum Markt sind: Schenken, tauschen, leihen. Man kann auch Tauschringe aufbauen und Saatguterhaltungsgruppen aufbauen. Vor allem dann, wenn man mit Sorten arbeitet, die eben nicht vom Bundessortenamt anerkannt sind.

Eine Gefahr sieht Rudi Vögel durch den weltweiten Handel mit Saatgut. Mit der Einfuhr von fremdländischen Gemüse, Saaten und Pflanzen kommen auch deren „Mitbewohner“ wie Milben, Insekten, Bakterien mit. In ihrer ursprünglichen Heimat richten sie kaum Schaden an, hier aber kann der Schaden enorm groß sein. Von daher ist eine Pflanzenschutzkontrolle hier angebracht.
Regeln als Hilfe, nicht Vorschriften zum Nutzen für wenige ist der entscheidende Grundsatz.

Weitere Seminare sind auf regionalen Ebenen geplant. Im Oktober wird es in Marburg ein Seminar über die Arbeit mit Kindern in Interkulturellen Gärten geben. Die Stiftung fördert unter anderem in Göttingen ein Projekt: Frauen und Gesundheit in Interkulturellen Gärten. Najeha Abid aus Göttingen koordiniert das Projekt. Ab Herbst kann die in die verschiedenen Städte eingeladen werden. Die nächste Netzwerktagung soll voraussichtlich in Marburg/Lahn stattfinden.

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