Zinslose Kredite für eine nachhaltige Finanzkultur

Christian Gelleri

Fragen zum Thema „zinslose Kleinkredite“ an Christian Gelleri, der die erfolgreiche Regionalwährung „Der Chiemgauer“ initiierte. Seit neuestem vergibt der Verein “Regios e.V.” Unternehmenskredite in der Regionalwährung – zinslos: der dringend nötige Einstieg in ein ethisches Kreditwesen. Bitte lesen dazu auch den Artikel “Zinslose Komplementärkredite” in der Rubrik “Roland Rottenfußer”. Er verdeutlicht den Kontext dieses Interviews.

Welcher Personenkreis könnte zinslose Kredite in Regiogeld annehmen?

Alle unternehmerisch tätigen Menschen, die freiberuflich, selbstständig, mit einer GmbH oder Genossenschaft oder in einem Verein tätig sind und eine Finanzierung für ein unternehmerisches oder sozial-unternehmerisches Vorhaben benötigen.

Reine Konsumkredite werden ja derzeit nicht vergeben. Können Kleinunternehmer mit Regiogeld die für sie notwendigen Anschaffungen tätigen?

Ja, soweit die Ausgaben in einem betrieblichen Rahmen sind. Die Auslegung erfolgt unsererseits großzügig.

Wären auch zinslose Kredite in Euro denkbar? Wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?

Ja, wenn es Sparer in Euro gibt, die zinsfrei anlegen und die Verwaltungs- und Risiokosten über eine fixe Umlage gedeckt werden.
Beim Regiogeld zahlen z. B. alle Unternehmer einen Jahresbeitrag. Dies kann als Verwaltungsbeitrag gesehen werden, um verschiedene Dienste wie Mikrokredit, Regiogeld-Versorgung, Mini-Webseite usw. anzubieten. Welche Dienste der einzelne Unternehmer nutzt, ist ihm überlassen, aber es ist günstiger pauschal abzurechnen als für jede einzelne Leistung extra.

Wie könnte verhindert werden, dass zinslos ausgeliehenes Geld mit Zinsen weiter verliehen wird?

Bei Euro-Kredite könnte das passieren, aber bei Regiogeld-Krediten kann ja jedes Mitglied direkt einen zinsfreien Kredit erhalten. Warum sollte er bei einem nicht bekannten Privat-Anbieter einen Zins zahlen?
Nehmen wir mal an, ein Unternehmer vergibt Regiogeld-Kredite an Verbraucher zu 3% Zins. Da hätte ich nichts dagegen, da die Verbraucher damit immer noch günstiger fahren als mit einem Euro-Kredit.

Sehen Sie eine Möglichkeit, zinslose Kredite künftig auch ohne staatliche Unterstützung zu vergeben?

Beim Aufbau ist die Hilfe des Staates nötig, damit die Methodik entwickelt wird mit hohen Rückzahlungsquoten und Stückzahlen, die eine Effizienz des Angebots ermöglichen. Auf der Sparseite müssen Regiogelder übrig sein, die zinsfrei gespart werden. Dazu muss der Regiogeld-Wirtschaftsraum groß genug sein. Beim Chiemgauer beobachten wir bereits zunehmend das Bedürfnis zu sparen, um die Umlaufsicherungskosten zu umgehen. Sind zwar Einzelfälle, aber diese bestätigen die Theorie von Gesell und Keynes, dass eine Liquiditätsprämie einen Nullzins ermöglicht.

Und wie könnten die Verwaltungs- und Personalkosten des Kreditvermittlers finanziert werden?

Wenn das Ganze dann läuft, kann durch relativ kleine Kostendeckungsumlagen ein Angebot geschaffen werden, das zwar nicht den Nominalzins auf Null bringt, aber den „Umverteilungszins“ im Sinne der Theorie von Silvio Gesell ausschaltet. Kosten für Verwaltung und Ausfälle müssen also gemeinschaftlich von den Kreditnehmern getragen werden. Diese Kosten fließen über Löhne wieder in den Wirtschaftskreislauf zurück. Eine Umverteilung findet nicht mehr statt.

Ist die Vergabe von Eurokrediten zu einem Zinssatz von 7,5 Prozent nicht ein “Sündenfall” für die Regiogeld-Bewegung, zu deren weltanschaulichen Grundlagen doch die Zinskritik nach Silvio Gesell und Rudolf Steiner gehören?

Nein. Mikrokredite kosten 7,5% für den Kreditnehmer. Die Zinseinnahmen liegen niedriger als die Ausfallkosten und die Verwaltungskosten. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass Mikrokredite bis 20.000 laufen, aber oft sogar nur 1.000, 3.000 oder 5.000 Euro ausmachen. Wenn wir den Zins für einen Kredit über 3.000 Euro mit einem Jahr Laufzeit und monatlicher Tilgung berechnen, ergibt das Zinseinnahmen in Höhe von 112,50 Euro. Allein die Ausfälle machen derzeit bundesweit aber 4% der Kredite aus. Das allein sind 120 Euro. Diese einfachen Kalkulationen machen klar, warum eine Bank die Finger von einem solchen Kredit lässt.
Regiogelder haben zwei wichtige Schalthebel, um die Zinskosten zu senken
1. Gespartes Regiogeld ist zinsfrei. Wenn das direkt durchgereicht wird,entlastet das die Kreditnehmer.
2. Die Regiogeld-Teilnehmer bilden ein Netzwerk, das sich wechselseitig unterstützt. Wenn dies gut gelingt, sinken die Ausfälle auf nahe Null.
Wenn die Regios eG Kredite im Einzelfall auch Kredite an Kunden außerhalb der Regiogeld-Netzwerke vergibt, „verteuert“ sich der Kredit um die höheren Beschaffungskosten für Euro und um die voraussichtlich höheren Ausfallraten.

Wie kann verhindert werden, dass Kreditkunden ausgerechnet durch die Regios eG in die Schuldenfalle geraten?

Bei den Euro-Krediten vergeben wir nur kleine Kreditsummen mit kurzen Laufzeiten. Damit verhindern wir, dass sich die Kreditnehmer unbeabsichtigt in eine unumkehrbare Lage manövrieren.
Die größeren Kredite sind in der Regel zinsfreie Regiogeld-Kredite. Eine zinseszinsbedingte Dynamik entfällt. Wenn die Rückzahlung ins Stocken gerät, schaut sich die Regios eG den Vorgang natürlich genau an. Die Regios-Genossenschaft ist ja sozusagen die Gemeinschaft, die dem Einzelnen Kredit gewährt. Die Gemeinschaft sorgt gleichzeitig dafür, dass der Kreditnehmer Regiogeld-Umsätze tätigt. Da ist der Unternehmer gefordert, sein Angebot bekannt zu machen und die Gemeinschaft, dieses zu nutzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vorhaben völlig daneben geht, ist hier erfahrungsgemäß gering.

Könnten Sie sich vorstellen, dass zinslose Kredite künftig eine echte Alternative zum herkömmlichen, an Zins und Gewinn orientierten Kreditsystem darstellen könnten?

Ja. Zinslose Kredite sind in gereiften Volkswirtschaften eine wichtige Voraussetzung für eine nachhaltige Finanzkultur. Wenn die Wirtschaft kaum mehr wächst und die Nutzung der Ressourcen mäßiger vonstatten gehen muss, dann müssen wir das Geldsystem entsprechend nachhaltig gestalten. Vereinfacht gesagt erfordert ein reales Wachstum von Null einen realen Zinssatz von Null.
Bisher war Regiogeld lediglich ein Zahlungsmittel zunächst in Papierform und bei einzelnen Initiativen wie dem Chiemgauer in elektronischer Form.
Die Mikrokredite schaffen nun den Einstieg in den Investitions-Bereich. Regiogeld erfüllt mit den Zahlungsmedien, den Krediten und den Schenkungen an die Vereine erstmals alle Funktionen des Geldes und schließt gleichzeitig die heutigen Nachteile des Hortens und Spekulierens aus. Jetzt erst können wir in Anfängen von einem regionalen Geldsystem sprechen. Dieses bildet die Basis für eine solidarische Unternehmerkultur, die dazu anregt, das eigene unternehmerische Potenzial im Kontext einer nachhaltigen Regionalentwicklung zu entfalten.

Verbinden Sie mit der Verbindung von Regiogeld und Kleinkrediten eine weiter greifende Vision?

Mit großen Visionen von „blühenden Landschaften“ halte ich mich lieber zurück. Ich bin schon zufrieden, wenn nächstes Jahr 100 Unternehmer erfolgreich wirtschaften und unsere vorrangig in Regiogeld ausgezahlten Mikrokredite das Vorhaben ermöglicht oder erleichtert haben.

(Interview: Roland Rottenfußer)

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