Für eine inwendig warme Zukunft

Konstantin Weckers Rede bei der Massendemo am 16.10. gegen Stuttgart 21: gegen Polizeigewalt, gegen den Machtklüngel aus Wirtschaft und Politik, für eine Volksabstimmung, für eine lebendige Demokratie, die sich nicht darauf beschränkt, dass der Bürger alle vier Jahre ein Kreuzchen auf dem Wahlzettel machen „darf“.
Liebe Freunde

Ich bin heute hier, weil ich mich mit Eurem zutiefst demokratischen, bewundernswert gewaltfreien Widerstand solidarisch erkläre und Euch vielleicht mit meinen Liedern etwas Mut machen kann.

Ich muss Euch keine Argumente mehr nennen, warum man endlich etwas tun muss gegen diese mafiöse Verfilzung aus Politik und Wirtschaft, gegen die Mauscheleien mit Aufsichtsratsposten, gegen die Schmiergelder, die zur üblichen Geschäftspraxis mancher Firmen zu gehören scheinen – Ihr kennt die Argumente alle, sonst wärt Ihr nicht hier.

In den letzten Tagen bin ich von den Stuttgart 21-Befürwortern hauptsächlich mit dem Argument beschimpft worden, ich solle mich als Bayer nicht in die Belange der Stuttgarter einmischen.
Und das wollte ich eigentlich auch anfangs nicht.

Aber spätestens seit dem brutalen Polizeieinsatz geht Stuttgart 21 alle an. Herr Mappus wollte Macht demonstrieren und ist ein Sück ohnmächtiger geworden dabei. In einer Demokratie ist für Polizeieinsätze dieser Art nun mal die Politik verantwortlich:
Das heisst Herr Mappus soll gefälligst zurücktreten und sich bei den Opfern entschuldigen! Wir sind doch nicht im Iran!

Der Kampf hier in Stuttgart ist symbolhaft für viel mehr. Auch im Bund haben wir es mit großen Lobbys von großen Konzernen zu tun, die die Politik diktieren. Auch weltweit bestimmen große Konzerne und die Finanzmärkte die Geschicke der Politik. Es geht immer mehr nur um ihre Profite – und nicht um Menschen und Umwelt
Und hier geht es um mehr als einen Bahnhof – hier geht es um die Frage: In was für einer Republik wollen wir leben!

Euer Erfolg wird die Demokratie in diesem Land beflügeln. Den ganzen Sommer haben wir erlebt, wie Teile der Eliten in Diskussionen über Migration, Religion, Kultur die Bevölkerung spalten wollen, damit keine Solidarität entsteht. Sie wollen das Land spalten – Ihr eint es in gutem Sinne.

Und es gibt noch einen Grund, warum ich als Münchner gekommen bin: Wir haben bereits ein ähnlich törichtes Projekt gekippt in München: Der Transrapid ist weg! Also mit Hartnäckigkeit ist was zu erreichen – den Transrapid gibt es nur noch auf youtube – in Form einer kabarettreifen Rede Edmund Stoibers.

Vielleicht kann man ja Herrn Mappus auch dazu bewegen uns zu erklären wie man in 10 Minuten vom Hauptbahnhof zum Flughafen kommen wird …

Und Herr Grube – kümmern Sie sich doch erst mal im Allgemeinen um eine viel zu teure, schlecht gewartete Deutsche Bahn, bevor Sie Stuttgart unterwandern. Wir wollen kein Baustöpple sondern einen sofortigen wirklichen Baustopp dieses gigantischen Immobilienprojekts. Und letztlich muss die Entscheidung in die Hand der Bevölkerung gelegt werden – durch einen Volksentscheid.

Dies ist nur möglich, wenn wir weiter in Bewegung bleiben, aufklären, Interessen aufdecken, uns einmischen – dann wird Demokratie lebendig! Eine neue politische Kultur wächst dann, wenn wir unsere Stimme nicht nur bei Wahlen abgeben, sondern sie vor allem dann erheben, wenn über unsre Köpfe hinweg regiert wird.

Vielleicht stellt sich hier die Frage, ob die sogenannten Volksvertreter noch das Volk vertreten. Oder sollen sie einem Vorschlag von Bert Brecht folgen: „Wenn der Regierung das Volk nicht mehr passt, soll es doch das Volk auflösen und ein neues wählen.“ Machen wir es aber bei der nächsten Wahl doch lieber andersherum.

Stuttgart 21 soll ein großes Zukunftsprojekt sein? Ein Projekt für die Zukunft des Kontostandes des Tunnelbohrers Herrenknecht und seiner Spezis ganz sicher.

Aber ich denke mal, wir brauchen eine andere Zukunft. Eine menschliche, solidarische, eine Zukunft nicht gegen die Natur, sondern im Einklang mit der Natur, eine Zukunft in der auch die Reichen einsehen, dass Schluss sein muss mit dieser unersättlichen Gier, eine weibliche Zukunft, eine Zukunft des Miteinander, eine Zukunft, in der einfache, hart arbeitende Menschen ordentlich bezahlt werden. Eine Zukunft, in der sich jeder Politiker schämen muss, in Stuttgart Milliarden rauszuschmeissen und Hartz IV-Empfängern das Elterngeld zu streichen.

Eine inwendig warme Zukunft.

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