Bretton Woods – der Jahrhundertbetrug

US-Delegation in Bretton Woods

Heute stellt der US-Dollar mit großem Abstand die wichtigste Währung der Welt dar. Er dominiert den internationalen Handel mit Öl, Metallen, Rohstoffen, Nahrungsmitteln etc. ebenso wie die weltweiten Zentralbankreserven, die zu rund 65 Prozent in US-Dollar gehalten werden. Die Entwicklung des US-Dollars zur Weltleitwährung festigte die Position der USA als Supermacht und hat die Welt in einer Weise geprägt wie nur wenige historische Ereignisse. Seine Sonderrolle erhielt der US-Dollar im Jahr 1944 durch die Konferenz von Bretton Woods, einem Kurort im US-Bundesstaat New Hampshire. Allerdings gestaltete sich diese Konferenz nicht etwa so, wie häufig angenommen: Denn keineswegs hatten sich die dort vertretenen 44 Nationen nach sachlichen Debatten auf den US-Dollar als Weltleitwährung geeinigt. Der Vertrag ist vielmehr das Ergebnis eines beispiellosen Betrugsmanövers. (Georg Zoche)

Georg Zoches Buch „Welt Macht Geld“ entstand in jahrelangen Recherchen und basiert u.a. auf bisher weitgehend unbekannten Protokollen der amerikanischen Zentralbank, Tagebucheinträgen von Henry Morgenthau und Aufzeichnungen von John Maynard Keynes.

Die US-amerikanischen Vorbereitungen, den US-Dollar als Weltleitwährung einzusetzen, begannen bereits mit dem Kriegseintritt der USA: Nur eine Woche nach dem Angriff auf Pearl Harbour, am 14. Dezember 1941, beauftragte Finanzminister Henry Morgenthau seinen Berater Harry Dexter White mit der Planung einer neuen Weltwirtschaftsordnung. Bereits zwei Wochen später stellte White ein zwölfseitiges Memorandum vor, das er in den folgenden Monaten mehrfach überarbeitete. Am 8. Mai 1942 überreichte er Morgenthau einen voluminösen Entwurf, der bereits Planungsunterlagen für eine internationale Währungskonferenz enthielt, auf der die neue Weltwirtschaftsordnung beschlossen werden sollte.

Der Entwurf von White sah vor, dass der US-Dollar das britische Pfund als die international vorherrschende Währung ablösen sollte. White wies darauf hin, dass dieser Plan auf massiven Widerstand treffen würde, da es nicht im Interesse der übrigen Nationen sein könnte, die USA derart zu begünstigen. Vielmehr würden es die meisten Länder der Welt vorziehen, den internationalen Handel in einer neutralen, nicht-nationalen Währung abzurechnen. Am 12. Mai 1942 lobte Morgenthau den „masterly job“ von White und übermittelte die Entwurfsunterlagen an Präsident Roosevelt. In seinem Begleitschreiben merkte Morgenthau an, dass es von größter strategischer wie ökonomischer Bedeutung sei, nun mit der Umsetzung des Plans zu beginnen. Dieser Empfehlung folgte Roosevelt.

Ein „genialer“ Coup

In einem Aspekt waren sich die Nachkriegs-Pläne Nazi-Deutschlands und der USA erschreckend ähnlich: Beide wollten die eigene Währung als Leitwährung einsetzen, an die die anderen Nationalwährungen dann mit festen Wechselkursen angebunden sein sollten. Nazi-Deutschland hätte nach einem Sieg einfach die Reichsmark per Dekret in diese Position erhoben. USA als Demokratie mussten einen anderen Weg wählen: die Durchsetzung ihrer Interessen per internationaler Konferenz.

Im Detail entwickelte sich dieser Vorgang überaus komplex und dauerte über zwei Jahre – schließlich mussten die Nationen dazu gebracht werden, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln. Wie den USA das Unwahrscheinliche gelang und sie mittels der Währungskonferenz von Bretton Woods das gewünschte Ergebnis herbeiführten, kann heute in den Archiven nachgelesen werden: Denn die über Jahrzehnte unter Verschluss gehaltenen und ehemals streng geheimen Unterlagen sind heute frei zugänglich. Etwa das Tagebuch von Morgenthau oder die Aufzeichnungen der Federal Reserve.

Den Gegner umarmen

Für die USA bestand das größte Hindernis im Vorschlag Großbritanniens. Denn der bereits 1941 von John Maynard Keynes ausgearbeitete Plan sah genau das vor, was White als den Willen der meisten Nationen ausgemacht hatte: die Schaffung einer supranationalen Währung. White war klar, dass das US-amerikanische Ansinnen keinerlei Aussichten auf Erfolg hätte, wenn man die Nationen der Welt frei entscheiden lassen würde. Daher musste der britische Vorschlag aus der Debatte genommen werden. Dies gelang den USA, indem sie bereits zwei Jahre vor der Konferenz bilaterale Gespräche mit Großbritannien aufnahmen. Ziel dieser Gespräche sollte der Entwurf eines gemeinsamen anglo-amerikanischen Vorschlags sein, der dann als Grundlage der späteren Konferenz dienen sollte. In den Vorgesprächen verschwiegen die USA jedoch, dass sie den US-Dollar als Weltleitwährung einsetzen wollten und schlugen stattdessen die Verwendung von Unitas vor – allerdings blieb rätselhaft, welche Eigenschaften Unitas haben sollten.

Am Ende dieser über 15 Monate andauernden Vorverhandlungen unterzeichnete Keynes das gemeinsam erarbeitete Statement of Principles und übergab es White, erhielt jedoch kein von White unterzeichnetes Exemplar – was kaum überrascht, da White bereits plante, dessen Wortlaut zu ändern. Denn an Morgenthau übermittelte White eine andere Version, in der „gold-convertible currency“ und „holdings of convertible exchange“ bereits durch „dollars“ ersetzt waren – obwohl er wusste, dass Keynes diese Änderungen nicht akzeptieren würde. White ging einfach davon aus, dass ihm das Austauschen dieser Wörter später auch auf der Konferenz von Bretton Woods gelingen würde.

Die Konferenz von Bretton Woods

Aufgrund seines überragenden internationalen Ansehens war Keynes der Einzige, der Whites Pläne ernsthaft hätte gefährden können. Daher war es zentraler Bestandteil der Strategie von White, seinen Widersacher erst gar nicht in die Debatte eingreifen zu lassen. Dies erreichte er auf einfachste Weise: Er unterteilte die Konferenz von Bretton Woods in die zwei parallelen Schienen „Währung“ und „Bank“ und ernannte Keynes zum Vorsitzenden des Bereichs Bank. So war Keynes an den Gesprächen über die Währungen nicht beteiligt, zu dessen Vorsitzendem sich White selbst ernannte.

Die Konferenz wurde von einer Scheindebatte dominiert: den so genannten Quoten. Um das eigene Stimmgewicht zu erhöhen, mussten die Nationen möglichst hohe Quoten für sich erkämpfen und sich entsprechend gegen die jeweils anderen Nationen durchsetzen. Diese Konkurrenzsituation verhinderte, dass sie sich auf der Konferenz gegen die USA verbünden konnten. Letztlich war diese hitzige Debatte jedoch ein Scheingefecht: Denn es stand von vornherein fest, dass einzig die USA Vetorecht erhalten würden und die Bretton-Woods-Institutionen entsprechend dominieren könnten.

Dollars werden zu Gold

Auf der Konferenz herrschte ein babylonisches Sprachengewirr, da viele der Delegierten des Englischen nicht mächtig waren. Die Verwirrung erfuhr eine weitere Steigerung durch das von White ausgedachte Verfahren, das die eigentlichen Vorgänge der Konferenz möglichst komplex gestaltete und es den Delegierten so unmöglich machte, den Überblick zu behalten. Selbst Whites eigene Mitarbeiter konnten den Verhandlungen nicht mehr folgen. Whites wichtigste Finte bestand jedoch darin, sämtliche Fragen, die sich in der offenen Debatte als schwierig herausstellten, an „Spezialkomitees“ zu übergeben, die dann hinter geschlossenen Türen verhandelten. Diese Komitees konnte er dann mit seinen eigenen Leuten besetzen und so das erwünschte Ergebnis herbeiführen. Oder sie international besetzen, dann aber nicht einberufen.

All diese Kniffe schufen die Grundlage für den eigentlichen Trick: den US-Dollar zur Weltleitwährung zu küren, ohne dass die 730 übrigen Delegierten davon erfahren würden. Dieses Ziel erreichte White, indem er in den Dokumenten das Wort „Gold“ einfach durch die Worte „Gold und US-Dollar“ ersetzte und einige zusätzliche Textpassagen einfügte. Wie ihm dieses Kunststück unbemerkt gelingen konnte, ist im Tagebuch von Morgenthau sowie in den Aufzeichnungen der Federal Reserve dokumentiert. Am 13. Juli 1944 – die Delegierten hatten bereits zwei Wochen Konferenzmarathon hinter sich – teilte White Morgenthau mit, dass sich bei der nun bevorstehenden Nachmittagssitzung der Commission I alles entscheiden würde: „Diese Sitzung heute Nachmittag ist extrem wichtig. Hier entscheidet sich in den meisten Punkten, ob wir Fische fangen oder nur unsere Köder verlieren.“

Unterschrieben ohne Prüfung

Während dieser Sitzung gelang es White, die weitere Ausarbeitung des Textes an ein „Spezialkomitee“ zu übertragen. Nun hatte White absolute Kontrolle, denn das von ihm einberufene Spezialkomitee bestand nur aus ihm selbst und seinen engsten Mitarbeitern. Noch am gleichen Abend begannen White und seine Mitarbeiter mit der Umarbeitung des Entwurfs und waren schließlich die ganze Nacht bis drei Uhr morgens mit den Klauseln beschäftigt, die den US-Dollar zur Weltleitwährung machen sollten. Als White damit fertig war, teilte er Morgenthau stolz mit, dass der Entwurf nun in einem exzellenten Zustand sei – während die Delegierten der anderen Nationen von diesen Sinn umkehrenden Änderungen nicht in Kenntnis gesetzt wurden.

Sechs Tage später und drei Tage vor dem Ende der Konferenz berief Morgenthau am 19. Juli 1944 um 21 Uhr eine spätabendliche Sitzung ein. Im Verlauf dieser Sitzung wurde das unter US-amerikanischer Führung stehende „Conference Secretariat“ autorisiert, aus den Unterlagen der Kommissionen die endgültige Textfassung des Bretton-Woods-Vertrags zu erstellen. Ferner wurde beschlossen, dass dieser „Final Act“ in der späteren Plenarsitzung nicht mehr geändert werden könnte, sondern von den Delegierten nur noch unterschrieben werden sollte. Hierdurch erhielten White und seine Mitarbeiter die absolute Kontrolle über den Inhalt des „Final Act“, an dessen Fertigstellung sie nun Tag und Nacht arbeiteten. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass es den Delegierten nicht mehr möglich sein würde, den Text zu prüfen, da die Konferenz bereits ihrem Ende zuging.

Tragische Entwicklung

Schließlich, am 22. Juli 1944, endete die Konferenz von Bretton Woods mit einem Galadiner, bei dem zahlreiche Reden gehalten wurden, die voll des Stolzes über das Erreichte waren und der „Final Act“ zur Unterschrift auslag. Einige der Delegierten unterzeichneten ihn noch am selben Abend, andere am nächsten Morgen vor ihrer Abreise. Dessen tatsächlichen Inhalt sollten sie jedoch erst Wochen später erfahren. Es dauerte Monate, bis das eigentliche Ergebnis der Konferenz ans Licht kam. Es führte u.a. zu heftigen Protesten der britischen Regierung, die diesen durch Betrug zustande gekommenen Vertrag zunächst nicht ratifizieren wollten. Schließlich mussten sie jedoch dem US-amerikanischen Druck nachgeben.

Dieser Betrug ist mehr als tragisch: denn ohne ihn hätte sich die heutige Finanzkrise nicht entwickeln können, da das zur Krise führende enorme Ungleichgewicht zwischen den USA und der Welt erst durch die Sonderrolle des US-Dollars ermöglicht wurde. Kaum auszumalen, wie sich die Welt entwickelt hätte, wenn sich 1944 eine Weltwirtschaftsordnung nach den Vorschlägen Großbritanniens durchgesetzt hätte. Dies hätte u.a. bedeutet: Der Welthandel wäre in den letzten sechs Jahrzehnten zinsfrei gewesen, also frei vom Zwang zum ständigen Wirtschaftswachstum. Die Dritte Welt hätte sich besser entwickeln können, und die Finanzierung großer Kriege – etwa Vietnam und Irak – wäre kaum möglich gewesen.

Buchtipp:
Georg Zoche: Welt Macht Geld. Blumbar Verlag, 352 Seiten, 19,90 €

Fußnoten:
i) http://www.imf.org/external/np/sta/cofer/eng/index.htm
ii, iv, v, ix-xi, xiii-xiv) Morgenthau Diaries 473, 527, 753 und 754,
Franklin D. Roosevelt Library, Hyde Park NY
iii; vii-viii, xv-xvi) Vgl. van Dormael, Armand, Bretton Woods: Birth of a
Monetary System. London: Macmillan 1978
vi) Vgl. Moggridge, Donald (Hrsg.), The Collected Writings of John Maynard
Keynes, Volume XXV: Activities, 1940–44 – Shaping the Post-war World: The
Clearing Union. Basingstoke: The Macmillan Press Ltd. 1980
xii) Boerneuf notes, Board of Governors of the Federal Reserve System,
Washington, D.C.: Bretton Woods Institutions.

Comments
  • BoKa

    Mit der folgenden Charakterisierung des Kapitlismus hat
    J.M. Keynes alles gesagt.

    “ Der Kaspitalismus basiert auf der Überzeugung,
    dass wiederwärtige Menschen mit wiederwärtigen Methoden,
    für das allgemeine Wohl sorgen werden.“
    John Maynard Keynes

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