In Politik (Ausland), Roland Rottenfußer

Christoph Pfluger aus Solothurn (Schweiz) gibt seit 1992 den „Zeitpunkt“ heraus, ein Blatt, das aus der gleichgeschalteten Presselandschaft angenehm hervorsticht: freiheitlich, umweltfreundlich, bodenständig, konstruktiv-kritisch. Jetzt beteiligt er sich als unabhängiger Kandidat an den Nationalratswahlen am 23. Oktober 2011. Dies ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Die Plattform „parteifrei.ch“ stellt ein willkommenes Gegengewicht zur erdrückende Dominanz der Parteien dar. Und ein politisches Programm, gespeist aus dem Geist des „Zeitpunkt“, ist nicht weniger als eine Sensation. Besonders im Fokus des Kandidaten: Geld gehört in die Hände der Gemeinschaft, es darf nicht länger von Privatbanken herausgegeben und kontrolliert werden. (Roland Rottenfußer)

Christoph Pfluger macht ernst. Jemand, der jahrelang als bissiger Kommentator das politische und ökonomische Geschehen begleitet hat, mischt sich nun selbst ein. Dabei war der 57-jährige nie jemand, der es beim Nörgeln belassen hat. „Ich möchte in meinem Magazin nicht nur über die fallenden Bäume schreiben, nur weil sie viel Lärm machen“, sagt er. „Ich will die wachsenden Wälder dokumentieren: die vielen kleinen, positiven Projekte, die zusammen Vorboten einer besseren Welt sind.“ Irgendwann reichte es ihm nicht mehr, darüber nur zu scheiben.

Angefangen hat alles bei einem Treffen zwischen ein paar Männern, die über die Parteispendeninitiative von Lukas Harder (Verein zur Förderung von Bürgerinitiativen) diskutieren wollten. „Plötzlich war die Idee einer unabhängigen Liste von Parteilosen auf dem Tisch.“ Sie sollte eine Antworte geben auf den „Frust vieler MitbürgerInnen über den Parteienknatsch und die Resignation vieler Ex-Politiker unterer Chargen.“ Die Plattform „parteifrei.ch“ war geboren. Sie basiert auf einigen Prämissen aus, die sofort einleuchten – auch übertragen auf deutsche Verhältnisse:

– Die Zustimmung zu den Parteien nimmt insgesamt ab.
– Andererseits leisten Parteifreie schon jetzt in den Gemeinden gute Arbeit, besetzen in der Schweiz rund 45 Prozent aller Exekutivposten
– Parteien verschleissen viel Kraft im Kampf gegeneinander. Oft werden richtige Lösungen blockiert, weil sie von der „falschen“ Partei vorgeschlagen wurden.
– Da Parteien als identisch mit „der Politik“ wahrgenommen werden, führt die Parteienverdrossenheit dazu, dass sich Menschen zurückziehen. Dies ist jedoch gefährlich für die Demokratie, die von engagierten Bürgern lebt.

Nun stellte sich für die Aktivisten die Frage, wer denn konkret als Kandidat bei den im Oktober anstehenden Nationalratswahlen antreten sollte. Schnell kam man auf die Idee, das erprobte Schreib- und Redetalent Christoph Pfluger nach vorn zu schicken. Der ließ sich in die Pflicht nehmen, obwohl er nicht der Typ ist, der nach der großen Öffentlich giert. „Damit verbunden ist die Pflicht, mich als Person ins Licht zu stellen, was mir grundsätzlich nicht sehr genehm ist. Aber es gehört einfach dazu.“
Besonders wichtig ist dem frisch gebackenen Kandidaten ein Thema, an dem er sich schon im „Zeitpunkt“ immer und immer wieder gestoßen hat: Er nennt es „gerechtes, verfassungsmäßiges“ Geld. Gemeint ist ein legaler, über Jahrzehnte geduldeter Skandal, der vielen Missständen der Wirtschafts- und Finanzwelt zugrunde liegt. Laut Schweizer Verfassung darf nur der Bund Münzen und Banknoten herausgeben. Die Praxis sieht jedoch anders aus: „Die privaten Banken erschaffen unbares Geld und erhöhen damit die Geldmenge nach eigenem Ermessen und mit minimaler Kontrolle durch die Nationalbank. Dieses unbare Geld wandert vor allem in den Wertpapierhandel und ermöglicht dort satte Gewinne für wenige. Die Realwirtschaft indes gerät unter grossen Profitdruck, muss sparen und Arbeitsplätze auslagern. Die Folgen sind Arbeitslosigkeit, Umweltschäden, teure Bankenrettung – noch mehr Schulden.“ Wird Christoph Pfluger in den Nationalrat gewählt, will er sich dafür einsetzen, „dass nur noch die Nationalbank Geldmittel in Umlauf bringen darf und dass die Währungspolitik der Realwirtschaft dient.“
Zu diesem ehrgeizigen Ziel kommen weitere sympathische Themen, die den „Zeitpunkt“-Lesern schon lange bekannt sind, etwa die „Entwicklung lebenswerter Nachbarschaften“. Pfluger: „Wir wohnen hier, arbeiten dort, müssen zum Einkauf weg, zur Erholung, zur Begegnung, für die Kultur – das Wichtige im Leben scheint immer dort zu sein, wo wir nicht sind. Dieses zerstückelte Leben ist ungesund, psychisch anstrengend, verursacht hohe Kosten und zerstört die sozialen Bindungen. Die Entwicklung lebenswerter Nachbarschaften ist deshalb von grösstem individuellem und gesellschaftlichem Nutzen.“
Und zum Thema Freiheit und Gerechtigkeit: „Auf einer reichen Insel in einem Meer der Armut kann kein Mensch glücklich sein. Als freiheitsliebender Mensch bedaure ich es sehr, dass die Freiheit im Neoliberalismus zur Ellbogenfreiheit verkommen ist. Wahre Freiheit respektiert die Freiheit zur Selbstentfaltung aller Lebensformen – der anderen Menschen, der Tiere und Pflanzen, der ganzen Kreatur.“
Hat eine Kandidatur mit solchen Ideen überhaupt eine Chance – noch dazu ohne Unterstützung der großen Parteiapparate? Christoph Pfluger erklärt, dass das Schweizer Wahlrecht unabhängigen Kandidaten eine größere Chance gibt als das deutsche. Eine „sichere Sache“ ist sein Einzug ins Schweizer Parlament natürlich trotzdem nicht. Christoph setzt auf Mundpropaganda und die Vernetzung seiner Seiten im Internet. Mit dem „Zeitpunkt“ und www.zeitpunkt.ch hat er außerdem ein (kleines) Propagandainstrument in Händen, über das mancher andere Kandidat froh wäre. Auch eröffnete der Kandidat unlängst das „Wahlbistro Solothurn“, in dem er Bürger zum Mitdiskutieren einladen will.
Zu wünschen wäre es ihm, dass er viele Menschen mit seinen Ideen anstecken kann: „Ich finde in allen Parteien unterstützenswerte Anliegen und sympathische Menschen, besonders wenn sie sich vertraulich äußern. Aber ich halte es für einen großen Verlust an politischer Energie, wenn Volksvertreter die Parteiräson vor ihre eigene Überzeugung stellen müssen und die Wahrheit nur noch ‚unter uns gesagt’ zum Ausdruck bringen.“ Die Politik braucht mehr Überzeugungstäter, die mit offenem Visier arbeiten. Aber dazu müssen sie unabhängig sein – wie Christoph Pfluger.

http://www.parteifrei.ch/nationalratswahlen-2011/kanton-solothurn/christoph-pfluger/
www.zeitpunkt.ch

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