Die Papstwahl und die Situation in Lateinamerika

PapstFranziskusUm den neuen Papst “Franziskus” richtig einzuschätzen, ist es wichtig, die Verhältnisse in Lateinamerika gut zu kennen. Es ist der Kontinent der großen Befreiungstheologen, aber auch der unerträglichen Kumpanei des Klerus mit diversen Militärdiktaturen. Wo ist Jorge Mario Bergoglio einzuordnen und was ist von diesem Papst zu erwarten? Ellen Diederich war oft für politische Aktionen in Lateinamerika und betrachtet die Situation dort vor allem auch aus der Perspektive der Frauen.

Das ist ein interessanter Schachzug der katholischen Kirche, diesen Bischof, der „eine arme Kirche“ möchte, zum Papst zu wählen.

Ich fürchte, der Kampf um den Weg der Veränderungen in Lateinamerika wird jetzt heftiger entbrennen.

In Kürze sind die Wahlen in Venezuela nach dem Tod von Hugo Chavez. Venezuela mit all seinen Mängeln steht für einen Weg der Veränderung in Richtung Sozialismus des 21.sten Jahrhunderts, für die Ausgebeuteten und Beleidigten (Rudi Dutschke) in ganz Lateinamerika. U.a. heißt das Verstaatlichung oder Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien, Aufbau von Produktion, umfassende Sozialprogramme, Investitionen in Bildung, Gesundheit und Wohnungsprogramme. In ganz Lateinamerika hat dieser Weg in den letzten sieben Jahren wichtige Veränderungen ergeben.

Mit großer Aufmerksamkeit habe ich beobachtet, was sich Lateinamerika in vielen Teilen entwickelt. Eine Welle des Aufstandes z.B. gegen die Privatisierung von Wasser, für Landreformen, gegen die Abholzung des Regenwaldes, gegen Hunger haben große Teile des Subkontinents erreicht. Es gab eine Reihe von Regierungswechseln. Hätte man mir vor ein paar Jahren gesagt, ein Indio wird Präsident von Bolivien und ein ehemaliger Befreiungstheologe der von Uruguay – ich hätte es nicht für möglich gehalten. In Chile und Brasilien haben Frauen hohe Regierungsposten. In Venezuela ist es in fünf Jahren gelungen, das Analphabetentum weitgehend zu beseitigen, dort haben alle das Recht auf kostenlose Gesundheitsversorgung,

Die Kirche der Armen, die radikale Veränderungen in Lateinamerika versucht hat, war die der Befreiungstheologie. In Basisgemeinden unter Umgehung der kirchlichen Hierarchien haben die Armen für sich selber gesprochen. In diesem Konzept wird Erlösung nicht wie in der traditionellen Theologie ausschließlich spirituell verstanden, sondern als eine sozialpolitische und ökonomische revolutionäre Veränderung.

Die Befreiungstheologen haben sich gegen die Militärdiktaturen in Lateinamerika engagiert. Viele von ihnen sind im Gefängnis gelandet oder ermordet worden. Ich habe in El Salvador Jon Sobrino, einen der wichtigsten Vertreter der Befreiungstheologie kennen gelernt. Er ist Lehrer an der Jesuitenuniversität in San Salvador. Sechs seiner Kollegen, sowie die Köchin und deren Tochter wurden ermordet. Sobrino entging dem Massaker, weil er zu der Zeit zufällig nicht in San Salvador war. Sobrino hat mich unglaublich beeindruckt, er ist warmherzig, einfach, charismatisch, mit einem sehr scharfen Verstand. Bergoglio ist grundsätzlich ein Gegner der Befreiungstheologie. Selbst Bischof Oscar Romero, zu Beginn seiner Amtszeit kein besonders fortschrittlicher Kirchenmann, haben die Erfahrungen in El Salvador mit der Diktatur dazu gebracht, sich mit “dem Volk” zu solidarisieren. Der Vatikan wollte ihn dafür des Amtes entheben lassen.

Roberto D’Aubuisson, der Chef der Todesschwadronen und Vorsitzender der faschistischen Arena Partei kam dem zuvor, Romero wurde während des Gottesdienstes in der Kathedrale von San Salvador durch eine Todesschwadronen ermordet. D’Aubuisson war Absolvent der “School of the Americas” einer Ausbildungsstätte des US Militärs in Fort Benning, Georgia, USA. An dieser Schule sind etwa 60.000 lateinamerikanische Männer zum Foltern und Töten ausgebildet worden.
(Siehe auch den vom WDR ausgestrahlten Dokumentarfilm: Die Mörderschule)

Soweit ich gelesen habe, hat Bergoglio mit der Junta des argentinischen Militärs in der Zeit von 1976 bis 1983 paktiert. Nahezu die ganze katholische Amtskirche hat in den verschiedenen Ländern Lateinamerikas (wie auch in Europa mit Franco, Mussolini, Salazar und Hitler) in großen Teilen mit den Diktaturen kollaboriert. Bergoglio wird vorgeworfen, 2 Jesuiten Priester, Francisco Jalics und Orlando Yorio, im Mai 1976 an die Militärdiktatur ausgeliefert zu haben. Sie arbeiteten unter seiner Aufsicht als Ordensprovinzial von Buenos Aires.

Phillip Lichterbeck schreibt im “Tagesspiegel” vom 14.3.: “Die Männer galten in Kirchenkreisen, aber auch bei den Militärs, als ‘Guerilleros’, weil sie Sozialarbeit in einem Armenviertel leisteten. Doch sie lehnten Bergoglios Gesuch ab. Sie seien keine Guerilleros, sagten sie, und baten Bergoglio als ihren Vorgesetzten darum, dies der Junta zu vermitteln. Bergoglio versprach, ein Wort für sie einzulegen. Jalics und Yorio, aber auch andere Zeugen, beschrieben später, wie Bergoglio sein Wort brach und die Priester stattdessen denunzierte. Er ließ der Junta eine Nachricht zukommen, dass die Priester nicht mehr unter dem Schutz der Kurie stünden. Bald darauf wurden sie entführt. Es existiert ein Dokument, aus dem hervorgeht, dass Bergoglio einem Beamten der Junta indirekt empfahl, den Reisepass von Jalics nicht zu verlängern, um so dessen mögliche Ausreise zu verhindern.”

Der Vatikan hat gestern scharf gegen diese Information protestiert. Es sei der Versuch von linken Kreisen, die versuchten, Bergoglio zu diskreditieren, hieß es in der Erklärung.

In der Zeit der Diktaturen in Lateinamerika bildeten sich Komitees der „Mütter der Verschwundenen”. Es waren Frauen, deren Angehörige verschwunden waren oder ermordet wurden. Den Anfang der Mütterkomitees machten die Mütter von der Plaza del Mayo in Buenos Aires. Ihre Forderung war: “Lebendig habt ihr sie genommen, lebendig wollen wir sie zurück”. Die Mütterkomitees demonstrierten jede Woche auf den zentralen Plätzen ihrer Städte, um nach den Verschwundenen und Ermordeten zu fragen. Sie waren sehr gefährdet, mehrere sind ermordet worden.

Ich habe lange mit den Komitees der Mütter der Verschwundenen, insbesondere den Co-Madres Oscar Romero in El Salvador, zusammen gearbeitet, war während des Krieges dort, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Im Zusammenhang dieser Arbeit habe ich mich intensiv mit den Formen der Diktaturen und der Kräfte, die hinter ihnen standen, beschäftigt.

Vor zwei Tagen wurden Frauen aus dem Mütter Komitee in Buenos Aires zur Wahl von Bergoglio befragt. Sie wandten sich sehr scharf gegen diese Wahl, einmal in Bezug auf die Geschichte, zum anderen in Bezug auf die konservativen, frauenunfreundlichen Vorstellungen des neuen Papstes, was Gleichberechtigung, Abtreibung, Verhütung, Scheidung und gleichgeschlechtliche Beziehungen angeht. Vor drei Tagen, also nach der Papstwahl, haben die Vereinten Nationen ein neues Gesetz zur Gleichberechtigung von Frauen weltweit beschlossen. Dem widersprach neben einigen muslimischen Ländern und Rußland vor allem der Vatikan.

Verpfuschte Abtreibung ist heute die Todesursache Nr. 1 für Frauen unter 40 Jahren in Lateinamerika. Wer gegen Abtreibung, Verhütung, Anerkennung von Homosexuellen, die Auflösbarkeit der Ehe ist, kann nicht den Anspruch erheben, die Mehrheit der Menschen zu vertreten. Auch die Haltung, daß Frauen nicht Priester werden oder andere Ämter einnehmen können, hat sich mehr als überlebt.

Jedenfalls sehe ich die Wahl dieses Papstes u.a. als einen Versuch der katholischen Kirche, die Deutungshoheit in Lateinamerika über das, was mit den “Armen” geschehen soll, stärker wieder zurück zu bekommen.

So wie Karol Wojtyla eine große Rolle im Umsturz von Osteuropa gespielt hat, wird dieser Papst eine wichtige Rolle in Lateinamerika spielen. Was Bergoglio gestern in der Pressekonferenz gesagt hat, der Vatikan und die Kirche seinen keine politischen Kräfte, ist schlicht und einfach falsch.

Bergoglio mag persönlich ein bescheidener Mann sein. Gut so, denn der Prunk der katholischen Kirche, insbesondere im Vatikan, ist unerträglich. Mit dem Bus oder der Straßenbahn zu fahren anstatt in einer gepanzerten Luxuslimousine sollte für den Nachfolger Petri und für den, der die Werte von Jesus Christus vertritt, selbstverständlich sein.

Den Vatikan aus seinen korrupten Bank- und Waffengeschäften zu lösen, wäre ein überfälliger Schritt.

Wir werden sehen.

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