Eine künstlerisch vielseitige Familie

Theo Prosel, Urgroßvater von Prinz Chaos II., hat "die schönen Madln ned erfunden".

Theo Prosel, Urgroßvater von Prinz Chaos II., hat „die schönen Madln ned erfunden“.

Theo Prosel war ein bekannter Wienerlied-Texter. Wie bei den Hörbigers und den Böhms zeigten etliche seiner Nachkommen musische Begabung, so dass man von einer Künstler-Dynastie sprechen kann. Ein Familienzweig ragte nach Bayern hinein und brachte den Liedermacher Prinz Chaos II. hervor. HdS-Schreiberling Alexander Kinsky war bei „Der Simpl-Goethe und die Nachtigall“ im Theater Drehleier, wo man das Angedenken Prosels feierte.

Der 1889 in Wien geborene Theo Prosel war ein dichterisches Talent, das im Ersten Weltkrieg in russische Gefangenschaft geriet und danach in München landete. Ab 1920 konnte man ihn, nach einem Engagement bei Karl Valentin, im von Kathi Kobus geleiteten Kabarett Simplicissimus in der Türkenstraße sehen, das er dann ab 1935 als Pächter und 1941 als Käufer (von seinem Freund Adolf Gondrell) übernahm. 1921 heiratete er die Wiener Opernsängerin Julia Dietrich-Prosel. Prosels literarisches Kabarett brachte neben Literaturbearbeitungen und Lyrik auch Sketches aus dem Alltag. Prosels bekanntester Liedtext ist wohl das Wienerlied „Ich hab die schönen Maderln net erfunden“. Das Lokal wurde 1944 durch eine Bombe zerstört. 1946 startete Prosel am Platzl in München den „Neuen Simpel“, doch nach der Währungsreform musste er 1950 Konkurs anmelden. 1954 wirkte Theo Prosel noch in dem DEFA-Film „Der Ochse von Kulm“ mit. Er starb 1955 in München.

Das Künstlerische brach sich auch bei den nachfolgenden Generationen Bahn, und daran darf das Publikum in der Drehleier herzlich Anteil nehmen und staunen über die vielfältigen Talente.

Prosels Tochter ist die Schauspielerin Theodora Diehl, mittlerweile 91 und körperlich wie geistig fit wie alle anderen in der Drehleier nicht. Sie erzählt ungemein lebendig und mit Anekdoten gespickt sowie mit Textproben vertieft aus dem Leben ihres Vaters und von der eigenen Jugend, etwa wie die Kinder nach 22 Uhr vom Zimmer über der Kabarettbühne bei den Vorstellungen mithören konnten, oder wie nach Jahren endlich eine Videokassette mit dem DEFA-Film angesehen werden konnte.

Prosels Enkelin Gabriele Kirner-Bammes und ihr Mann Peter Bammes, der „Roggensteiner Bänkelgsang“, überraschen das Publikum mit historischen Moritaten und Couplets. Gabriele singt und spielt dazu Gitarre oder indisches Harmonium, Peter spielt Klarinette. Und das Publikum bekommt auch Gelegenheit, mitzusingen.

Verschiedene Familienmitglieder, etwa auch Prosels Enkelin Karin Lehndorfer, spielen in netten Alltagspointensketches mit, die uns zum Doktor oder an einen Wirtshaustisch führen. Da ist auch Gast Dodo La Fayette (Chris Schmidt) mit dabei.

Urenkelin Heida Lehndorfers Stimmpotential deckt die Bandbreite von der „Lili Marleen“ (dessen Erstfassung im Simpl aufgeführt wurde) über Musical bis zum Schlager „Ich will keine Schokolade“ ab, und bei diesem Lied reißt sie das Publikum am meisten mit.

Eine noch ausgeprägtere starke Musicalstimme hat Prosels Ururenkelin Svenja Heise, die ebenfalls einige Kostproben ihres Könnens bringt, wie auch Heida teilweise mit Playbackbegleitung.

Urenkel Prinz Chaos II., manchmal auch als Das Körperkollektive Identitätsprojekt oder als Florian Kirner im Universum zugegen, besticht nicht nur als versierter Ringelnatz Rezitator und robust auftretender Schauspieler in einem Sketch, sondern noch vielmehr als Kabarettsänger von Gnaden. Ob er nun in die Welt des Simplicissimus einführt, Texte des Urgroßvaters vertont oder das Publikum ganz in die Gegenwart holt mit eigenen Liedideen, so wie er die vielfach auch sehr ernsten, kurzen, in ihrer Wirkung durchaus tiefgehenden Lieder vorträgt, packt er das Publikum sofort allein schon mit seinem intensiven, eindringlichen, vehement textdeutlichen Vortrag. Bei Prosels berühmtem Wienerlied singt er die Strophen, den Refrain singen Heida und er zusammen, ein für den Wiener im Publikum (vom Prinzen zu Beginn als Geheimrat speziell begrüßt) wirklich berührender Höhepunkt des Programms. Genauso ans Herz geht ein Lied des Prinzen für die Urgroßmutter, wieder von ihm mit der Gitarre begleitet, von Heida gesungen. Unter die Haut gehen des Prinzen Lieder „Wenn eine ganze Stadt in Not ist“, „In Weitersroda“ (da stellt er auch sein Schloss vor – und das Simpl Lokal, das er darin eröffnet hat) und das zärtliche „…dass man sich wärmt in der Nacht“, während „Der Michael Jackson zieht nach Olching“ endgültig demonstriert, was der Wiener im Publikum schon beim Wienerlied feststellen muss – der Prinz ist halt doch ein (künstlerisch originell-einmaliger) Bayer, kein Wiener.

Vor der Pause und zu Beginn des zweiten Teils dominiert die Chronologie des Lebenslaufs von Theo Prosel, unterstützt mit Diaprojektionen, Ton- und Filmzuspielungen, danach gibt es Liedblöcke, und zwischendurch werden Sketches eingeflochten. Das ergibt eine bunte, vielfältige Revue einer erstaunlich vielseitigen Familie. Den Abschluss macht, von allen zusammen vorgetragen, Prosels „Münchner Lied“.

Finale auf youtube:
YouTube Preview Image

Wenn sich irgendwann irgendwo die Gelegenheit ergibt, dieses Programm zu besuchen – unbedingt hingehen!

Informationen zu Theo Prosel (dort auch Links zu den meisten Mitwirkenden):
http://www.theo-prosel.de/

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