Boston und das Ungleichgewicht der Berichterstattung

boston-marathon-2-600Jeder Mord ist für die Betroffenen und ihre Angehörigen eine furchtbare Katastrophe. Auffällig ist aber, dass unter den Toten durch Anschläge und Kriege manche „töter“ sind als andere. Sind die Opfer US-Amerikaner und dient der Vorfall der Installierung neuer „Sicherheitsmaßnahmen“, so beherrschen sie über Wochen die Weltnachrichten oder begründen gar einen „Epochenwechsel“. Unterdessen sterben unbeachtet Tausende an Hunger, behandelbaren Krankheiten oder an Kriegen, die von den Westmächten inszeniert wurden. Ellen Diederich gibt ihre ganz persönliche Antwort auf die Vorfälle von Boston.

Alle Nachrichtenkanäle sind voll von der Berichterstattung über das Attentat von Boston. Es ist tragisch und schrecklich, daß so etwas bei einer Sportveranstaltung geschehen kann. Darüber muß berichtet werden.

Eine Studie der IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War) kommt zu dem Ergebnis, daß seit dem Beginn des „Krieges gegen den Terror“ etwa 1.7 Millionen Zivilisten getötet wurden, über 1.5 Millionen im Irak, 100.000 in Afghanistan, 63.000 in Pakistan. Es waren Menschen, die keine Schuld an den Attentaten vom 11. September 2001 hatten.

„Von einer objektiven und kontinuierlichen Berichterstattung über Kriege kann keine Rede sein. Während Kriege mit sehr hohen Opferzahlen, wie zum Beispiel der seit Jahren andauernde Krieg im Kongo, kaum Beachtung findet, wird über Menschenrechtsverletzungen in Syrien laufend berichtet. In Libyen endete die Berichterstattung praktisch mit der Ermordung Gaddafis, in Bahrein verschwanden Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Tötungen von Demonstranten von der Tagesordnung. Hintergrundinformationen, historische, geographische, gesellschaftliche und kulturelle Tatsachen werden insbesondere dann nicht zur Verfügung gestellt oder verfälscht, wenn aktuelle politische Ziele dem entgegenstehen.“ (IPPNW-Report)

Sie finden den Report „Body Count – Opferzahlen nach 10 Jahren Krieg gegen den Terror“ unter http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Frieden/Body_Count_Opferzahlen2012.pdf

Ähnliches gilt für das Verhältnis in der Berichterstattung über die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken. Wochenlang waren die Nachrichten gefüllt mit der Berichterstattung über das Unglück der Costa Concordia vor Giglio. Bei diesem Unglück starben 32 Menschen. Alleine 2011 starben aber 1.500 Menschen bei der Überfahrt auf Flüchtlingsbooten im Mittelmeer. Nahezu alle Opfer waren AfrikanerInnen.

Mir ist nicht bekannt, daß das Morgenmagazin (oder andere Medien) sich in ähnlicher Breite der Berichterstattung dieser Fakten angenommen hätten. Wir vermissen diesen Teil der Berichterstattung.

Für morgen wurde angekündigt, daß Madeleine Albright über ihre Autobiografie im Morgenmagazin sprechen wird. Am 12. Mai 1996 gab Frau Albright der Journalistin Lesley Stahl ein Interview. Frau Stahl fragte: „Wir haben gehört, daß eine halbe Million Kinder unter 5 Jahren als Folge des Embargos gegen den Irak gestorben sind. Das sind mehr Kinder, als in Hiroshima gestorben sind. Ist das Embargo diesen Preis wert?“ Frau Albright antwortete: „Wir meinen, es ist diesen Preis wert.“ (Das Embargo war vor allem durch Druck der USA eingeführt worden.)

Nichts auf der Welt ist den Tod eines halben Kindes wert! Für mich ist es eine der schlimmsten Aussagen nach dem 2. Weltkrieg.
(Frau Stahl erhielt den Emmy für dieses Interview.)

Wenn alle Menschen ihre Erfahrungen mit dem 2. Weltkrieg in einer solchen Weise verarbeitet hätten wie Frau Albright, die Kriege, vor allem auch Angriffskriege, rechtfertigt und mit darüber entscheidet, daß sie beginnen, stünde kein Stein mehr auf dem anderen.

Showing 5 comments
  • Fredmaster Flash

    Danke für diesen wichtigen Beitrag.

  • Renate Paetzmann

    Vor vielen vielen Jahren, als wir noch jung waren, stritten wir mit unseren Vätern:“Was habt ihr getan – warum seid Ihr nicht aufgestanden und habt gerufen: Nein, nicht mit uns!!“ Und jetzt sind wir alt und abgestanden und tun noch viel weniger als unsere Eltern – obwohl wir alles erfahren können und wissen dürfen. Ich wäre so gerne zuversichtlich, dass es einmal eine Generation besser macht, doch ich sehe sie nicht in dieser medialen gleichgeschliffenen Welt.

  • Holdger Platta

    Liebe Renate Paetzmann,

    Du sprichst mir aus dem Herzen (offenbar gleicher Generation wie Du). Und wenn man noch hinzunimmt, daß unsere Elterngeneration zur eigenen Entschuldigung wenigstens noch Angst für sich reklamieren konnte, jedenfalls aus subjektiver Wahrnehmung heraus, fällt das Zeugnis für die heutige Gleichgültigkeit und Wegseherei so vieler Menschen noch um vieles schlimmer aus.

    Das einzige – positive! – Aber, das ich Deinem Kommentar hinzufügen möchte:

    Nein, nicht für alle gilt Dein resigniertes Urteil. Du selber zählst nicht dazu, Konstantin Wecker, auf dessen Website wir uns hier äußern können, wahrlich ebenfalls nicht, bestimmt auch nicht seine MitarbeiterInnen (wie Roland Rottenfußer hier), und es gibt auch sonst noch so manche, die sich nicht haben „gleichschleifen“ lassen. Nunja, ich hoffe, zu diesen anderen zähle auch ich ein bißchen.

    Was ich wichtig finde: daß Du, die anderen, daß wir und ich sich nicht in die eigene Isolation uns Resignation zurückverkriechen, sondern…!

    Eines der nächsten Projekte, das wir hier in Göttingen vorbereiten möchten, ist eines gegen die furchtbaren Massenmorde auf dem Mittelmeer. Also zur FRONTEX-Thematik. Wenn Du darüber informiert werden müßtest, wende Dich an Roland Rottenfußer, der diese Website hier verwaltet. Er kann/darf Dir meine Mailanschrift schicken.

  • Jonas Berger

    Ein Staat kann nur überleben wenn er nur bestimmte Informationen seinen Bürgern zu gänglich macht und unser Verhalten hilft ihm maßgeblich dabei, denn würde z.B. Nordkorea hier irgend jem. hier interessieren sofern es dort niemanden geben würde der uns mit einer Atombombe droht? Wohl kaum. Wir lassen uns lenken und unsere Ziele über die Medien defeniern. Das mag nicht bei jedem so sein, aber bei vielen ist es der Fall.

  • Brigitte Szabo

    Wir haben unsere Eltern und Großeltern nach dem 2. Weltkrieg mit Fragen gelöchert und wenig Antworten erhalten. Es wurde sehr viel verschwiegen in der Nachkriegszeit. Aber was in den letzten 20 Jahren auf der Welt an Unrecht geschehen ist und wieviele unschuldige Menschen sterben mußten, das ist auch unsere Verantwortung. Ich stimme dem Artikel zu, es ist schlimm was in Boston passiert ist, aber muß darüber 3 Tage in allen Medien berichtet werden. Wir haben weggesehen und uns still verhalten. Wo ist zum Beispiel aus der Friedensbewegung der 80er-Jahre geworden? Wofür demonstrieren die jungen Leute von heute noch? Auch die Medien haben eine große Verantwortung, der sie nicht immer gerecht werden. Aber am schlimmsten sind Politiker, die es – selbst vor Wahlen – nicht für nötig erachten, einen Dialog mit den Bürgern zu führen. Deutschland ist der drittgrößte Waffenlieferant auf der Welt – auch in Krisengebiete oft über Drittländer – keiner regt sich darüber auf. Wir haben uns alle bequem eingerichtet in unserer kleinen Welt, besonders hier in Deutschland. Wir dürfen nicht resignieren – wir müssen uns einmischen!

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