Berliner Tafelmusik

Käthe Kollwitz: "Arbeitslos"

Käthe Kollwitz: „Arbeitslos“

Was sich bewährt hat, sollte man nicht künstlich immer wieder in Frage stellen. So auch das Prinzip Almosen statt Gerechtigkeit. Wer aus angefaultem Gemüse die noch essbaren Stellen herauspfriemeln darf, ist erst mal beschäftigt, ruhig gestellt und halbwegs satt. Und er weiß, wo sein Platz in der Gesellschaft ist: ganz unten. Schlange stehen auf dem Gnadenhof statt Arbeit und Würde – die vertafelte Gesellschaft geht in die nächste Runde. (Von Holdger Platta)

Darf das denn wahr sein? Die Berliner Tafel bedankt sicht in einer Anzeige (abgedruckt im „Freitag“ vom 17. Oktober) bei sich selber „für 15 Jahre Engagement“ – und hängt dann noch den unglaublichen Satz an: „Wir freuen uns auf die nächsten 15 Jahre!“

Wie bitte?

War den Damen und Herren von der Berliner Not-Einrichtung für die Ärmsten der Armen nicht klar, was sie damit zu Papier gebracht haben? Neben Eigenlob – das bekanntlich stinkt! – die Hoffnung, dass es mit diesem Hartz-IV-Elend noch mindestens fünfzehn Jahre weitergehen möge?

Ich will diesen „engagierten“ Menschen deren Güte nicht absprechen und schon gar nicht diesen Tafeln ihre derzeitige Notwendigkeit. Aber geht das mit dieser Art Herzenswärme und mit dieser Art Stolz auf sich selber nicht doch ein bißchen zu weit? Deshalb nämlich, weil man mit dieser Nachweismöglichkeit für die eigene Nächstenliebe den Arbeitslosen gleich fünfzehn weitere Almosenjahre an den Hals wünscht? Sollte den BetreiberInnen von der Berliner Tafel verborgen geblieben sein, dass ihre Einrichtung zur Zeit zwar bitter notwendig ist, doch eines eben nicht zu leisten vermag: Die Not zu wenden?

Robert Walser, der Schweizer Schriftsteller, notierte einmal: „Hilfe ohne Herz ist Demütigung.“ Und was ist diese Hilfe ohne Hirn? – Mir scheint: schreckenerregender Edel-Narzißmus!

Nicht auszuschliessen, diese Gutmenschen der Berliner Tafel feiern ihr Jubiläum sogar mit Tafelmusik. Nicht ausgeschlossen, sie spielen sich selber dabei sogar zum Tanz auf. Den Hilfsbedürftigen aber spielen sie mit dieser übelwünschenden Nächstenliebe nur übel mit!

Showing 9 comments
  • MacPaul

    Man nennt es auch Scheinhilfe, die oft zur Machtausübung angewendet wird.

  • Izmir Übül

    Bliebe noch hinzuzufügen, dass viele edle Spender die Tafeln missbrauchen, um ihren Biomüll kostengünstig und steuermindernd zu entsorgen (allein an der Berliner Tafel bleiben jährlich ca. 40.000 Euro an Entsorgungskosten hängen).

  • Izmir Übül

    P.S. Wer etwas gegen Lebensmittelverschwendung tun will, der muss viel früher ansetzen, da die meisten Lebensmittel vernichtet werden, BEVOR sie überhaupt in den Handel kommen: http://youtu.be/Q48FtqC0AJU

  • Renate Reetz

    Sich hier und in diesem Bericht über die Einrichtung Tafel lustig zu machen ist echt Armselig.Ihr solltet lieber über Hart 4 Schimpfen und herziehen.Viele Hartz 4 Empfänger und Rentner wüssten nicht wie sie ohne die Tafel zurecht kommen sollten. Und wenn das so weiter geht wird diese Einrichtung auch in 15 Jahren noch bitter NÖTIG sein ……………..Also Sarkasmus ,Häme und Spott mal schön stecken lassen was diese Leute leisten ist nicht mit Gold auf zu wiegen und eine 15 Jahres Feier sei ihnen von Herzen gegönnt

  • Izmir Übül

    @Renate Reetz: Es hat sich bewährt, einen Artikel erst einmal richtig (!) zu lesen, bevor man ihn kommentiert.

  • Holdger Platta

    Liebe Renate Reetz,

    natürlich hast Du Recht, daß es wichtiger ist, den menschenrechtswidrig viel zu niedrig berechneten Hartz-IV-Regelsatz zu kritisieren – eine sogenannte „Grundsicherung“, die in Wahrheit „Abgrundsicherung“ ist.

    Bitte schau Dich auf dieser Website um und auch sonst im Internet, dann wirst Du feststellen, daß genau dieses seit vielen Jahren den Hauptteil meiner publizistischen Arbeit ausmacht!

    Klick zm Beispiel mal an „Kleinrechnerei als Großbetrug“! Oder leih Dir irgendwo das Buch „Kaltes Land“ aus, das ich vor einem Jahr mit Rudolph Bauer herausgegeben habe (auch zum Buch gibt es viele Hinweise im Internet). Da findest Du die von Dir eingefordete Hartz-IV-Kritik zuhauf und aufs detaillierteste.

    Aber das eine tun, heißt, das andere nicht lassen. Erneut darf ich daran erinnern, daß wir uns nicht in falsche Entweder-Oders hineinreden lassen sollten, wo das Sowohl-Als auch dringend erforderlich ist.

    Am vergangenen Wochenende fand in Berlin ein ganzer Kongress zum Thema „Tafeln“ statt (bitte anklicken „armgespeist“!). Ich wie viele andere ReferentInnen haben dabei wieder und wieder auch Hartz-IV kritisiert, sehr detailliert. Aber eben auch die Tatsache, daß mit der bundesweiten Tafelbewegung aus einem grundgesetzlich garantierten Rechtsanspruch auf ein menschenwürdiges Exisenzminimum Almosenwillkür geworden ist mit sehr oft sehr menschenunwürdigen Begleiterscheinungen. Dazu vor allem jetzt auch das hervorragende Buch „Schamland“ von Stefan Selke(nebenbei: Mitorganisator des Berliner Kongresses).

    Im übrigen: ich habe mich nicht über die Tafeln „lustig gemacht“. Ich habe die todtraurige Tatsache kritisiert, daß sich nachweisbar wichtige Führungsleute der Tafelbewegung auf 15 weitere Jahre dieser todtraurigen Tatsache „freuen“. Wahrlich, die Freude ist also überhaupt nicht meinerseits, auch die Lustigkeit nicht. Du verwechselst da den Kritiker mit den Kritisierten!

    Izmir Übül schreibt ganz richtig – Danke! -, daß man einen Artikel erst einmal richtig lesen sollte, bevor man ihn kommentiert. Diese Genauigkeit verlange ich mir als Autor ab, jedoch auch den LeserInnen. Können wir uns darauf einigen?

  • peter

    Dem Autor ist hundertprozentig zuzustimmen,wir brauchen keine Tafeln,wir brauchen Selbstbestimmung!

  • Izmir Übül

    Wer etwas gegen Lebensmittelverschwendung tun will, der muss viel früher ansetzen, da die meisten Lebensmittel vernichtet werden, BEVOR sie überhaupt in den Handel kommen:

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1754524

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