Arbeitslosigkeit als Urlaubsparadies

Hängematte„Man kann den Kampf um das Bewusstsein der Menschen nicht gewinnen, wenn man permanent den Kampf um deren Unterbewusstsein verliert.“ Ständig werden wir aber von „eingebetteten“ Medien mit sinnverdrehenden Formulierungen bombadiert: „Sozial ist, was Arbeit schafft“, „Fördern und Fordern“, „Friedenserzwingende Maßnahmen“. Holdger Platta nimmt diesmal den Slogan „soziale Hängematte“ ins Visier.

Früher wurde es einmal „soziales Netz“ genannt, offenbar in Anlehnung an die Sicherheitsnetze, die für Zirkus-Artisten unten über der Manege aufgehängt wurden: gemeint war das System der Gesellschaft, Menschen vor dem Absturz ins soziale Nichts, ins Elend, zu bewahren – im Falle der Arbeitslosigkeit zum Beispiel. Und die Erarbeiter des Grundgesetzes haben noch gewußt, wieso sie den Sozialstaat derart zentral in unserer Verfassung abgesichert haben, vor allem in den Artikeln 1, 20 und 28 (wo es um Menschenwürde und Sozialstaat ganz unmittelbar geht), aber auch in den Artikeln 14 und 15 (wo die Sozialpflichtigkeit des Eigentums im Mittelpunkt steht)

Sie erinnerten sich noch, die sogenannten „Mütter“ und „Väter“ des Grundgesetzes, dass die Weimarer Republik nicht zuletzt an diesem Mangel an sozialem Rechtsstaat zerbrochen war. Sie hatten begriffen – bis weit in die Reihen der CDU hinein, damals jedenfalls -, dass Menschen der Demokratie verloren gehen und die Demokratie den Menschen, wenn die Demokratie den Einzelnen vor dem völligen Absturz nicht mehr zu bewahren weiß, wenn sie nicht einmal mehr imstande ist, ein Leben oberhalb des Existenzminimums sicherzustellen. Eine Demokratie, die vor derartigem Elend die Menschen nicht mehr schützt, die schützt auf Dauer auch sich selber nicht mehr. Aber: lang, lang ist’s her! Und – es wird zu zeigen sein -: für die Neoliberalen heute scheint dies alles nur noch kalter Kaffee von gestern zu sein! Hier der Beleg:

Immer häufiger tauschen die Neoliberalen in ihrer Propaganda den Begriff des „sozialen Netzes“ gegen den hämischen Begriff der „sozialen Hängematte“ aus. Und die Neoliberalen wissen sehr genau, weshalb. Wir auch? – Nun, werfen wir doch einen genaueren Blick auf diese Propagandasprache! Schon jetzt: es lohnt sich, die suggestive Wirkung dieses Slogans zu analysieren. Welche Spontan-Assoziationen stellen sich also ein – noch bei jedem von uns, so denke ich -, wenn wir den Begriff „Hängematte“ vernehmen?

Erstens: Ich vermute, die erste Assoziation, die im Kopf der meisten von uns aufkommen dürfte, wenn sie das Wort „Hängematte“ vernehmen, dürfte das der entspannten Untätigkeit sein. Wer in der „Hängematte“ liegt, arbeitet nicht. Er faulenzt, ruht, schläft vielleicht sogar (schließlich: er liegt, er sitzt nicht mal!). Kurz: eine durch und durch beneidenswerte Situation!

Zweitens: Zumeist ist diese Assoziation behaglicher Freizeit und Untätigkeit aber noch mit einem weiteren Einfall verknüpft: „Hängematte“, das klingt irgendwie nach Ferien, nach Reise. Fast zwangsläufig scheint diese Hängematte in unseren Köpfen ausgespannt zu sein zwischen zwei Palmen, irgendwie klingt „Hängematte“ nach Tropen-Urlaub – jedenfalls drängt sich die Assoziation südlicher Länder auf. Ist ja auch klar: Hängematten pflegt man nicht in seiner Wohnung zu installieren, zumindest in aller Regel nicht, sondern draußen. Und das lohnt sich nur, wenn es das Klima erlaubt. Nicht zuletzt aber: kam eine solche Hängematte nicht schon bei Robinson Crusoe auf seiner fernen Insel im Pazifik vor? Werben nicht Reiseprospekte, wenn es um Malediven oder Seychellen geht, gern mit dieser Erholungsmetapher?

Womit drittens unvermeidbar bei diesem Begriff der „Hängematte“ sogar die Bedeutung der Fern- oder Weltreise mitschwingt – und damit sogar etwas wie Luxus. Wer in der Hängematte liegt, irgendwo weit weg, draußen in der Welt, dem geht es in jederlei Hinsicht gut, also auch in finanzieller. Ist schon interessant, wo man landet, wenn man den Suggestionen dieses Begriffes folgt. Schon jetzt kann man sagen: beim genauen Gegenteil von Wirklichkeit!

Denn: es handelt sich ja bei den Menschen in der sogenannten „sozialen Hängematte“ um Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, die mittlerweile unter elendsten Bedingungen dahinvegetieren müssen, nicht aber um Fernreisende und Nichtstuer aus der Jetset-Welt. Und in Verbindung mit dem Beiwort „sozial“ wird aus der elenden Zwangsuntätigkeit der Arbeitslosen geradezu ein asozialer Tatbestand. Die „soziale Hängematte“ deutet die Zwangsuntätigkeit der Arbeitslosen in Faulenzerei um. Diese Propaganda soll einer uninformierten und unbetroffenen Bevölkerung vorgaukeln, den Ärmsten der Armen in der Bundesrepublik gehe es bestens. Und das heißt natürlich: viel zu gut!

Übertreibe ich? Halten die hier wiedergegebenen Assoziationen zum Begriff der „sozialen Hängematte“ einer empirischen Überprüfung Stand? Faulenzertum, Luxus – ist das, im Zusammenhang mit Arbeitslosen und „sozialer Hängematte“, nicht arg weit hergeholt?

Nun, sehen wir einmal von einer besonders merkwürdigen Äußerung ab, von der Formulierung des Ex-Kanzlers Helmut Schmidt, der einmal sogar von „gut gepolsterten“ Hängematten sprach, so werden wir auch anderwärts – und ohne diese Sprachidiotie – fündig:

Dirk Niebel zum Beispiel, FDP-Entwicklungshilfeminister, begründete seine Ablehnung der „sozialen Hängematte“ unter anderem damit (vergessen wir nicht: es geht um das soziale Sicherungssystem der Bundesrepublik, das mittlerweile nicht mal mehr das Existenzminimum der Menschen und Restformen eines menschenwürdigen Lebens zu garantieren vermag!): „Der Fleißige darf nicht dem Faulen helfen!“, deshalb Abschaffung der „sozialen Hängematte“! Da finden wir, aufs klarste ausgesprochen, das angebliche Faulenzertum von SozialhilfebezieherInnen und arbeitslosen Menschen auf den Punkt gebracht! Der Rauswurf aus der Arbeitswelt, der Absturz ins soziale Nichts, wird zur Faulheit, zum Charaktermangel der betroffenen Menschen. Und die richtige Konsequenz aus diesem Charaktermangel Faulheit ist, so Niebel, daß diesen Ärmsten der Armen keinerlei Hilfe mehr zusteht, weil es damit doch an die Geldbörsen der „Fleißigen“ geht. Dies also zu Humanität und Sozialstaatsverständnis der FDP! Und was ist mit der von mir angesprochenen Luxus-Suggestion, die mit der „Hängematte“ verknüpft ist?

Nun, werfen wir einen Blick auf die Publikationen des Springer-Konzerns! Haben wir da nicht alle noch – aus der „Bild-Zeitung“ – „Florida-Rolf“ in Erinnerung, der aufs genaueste, als Fernurlauber bei Miami sowie Sozialhilfeempfänger, dem geschilderten Bild des Gesellschaftsausbeuters von unten zu entsprechen schien? Doch schauen wir auch in den Online-Dienst der Springer-Zeitung „Die Welt“ hinein. Da faselt der anonyme Verfasser tatsächlich davon, dass die Sozialhilfe in der Bundesrepublik „allzu üppig“ bemessen sei. „Üppig“, „allzu üppig“? – Da haben wir durchaus die Luxus-Unterstellung. Und wenn der betreffende „Welt“-Deuter hinzufügt, durch eben diese „allzu üppige Sozialhilfe“, würden die betreffenden Menschen „immobilisiert“, „der Arbeit entwöhnt“, und die Hilfe ließe diese Menschen „erschlaffen“: dann bedient auch dieser Online-Dienst eines angeblich seriöseren Blatts aufs genaueste das Klischee vom Sozialhilfeempfänger als Faulpelz – auch hier wird so getan, als ob dieser Zwangsuntätige ganz freiwillig arbeitslos geworden wäre.

Wieso all diese Schmähungen? Wieso dieses Verdrehen von Wirklichkeit?

Nun, ich sehe für diese menschenverachtende Propaganda, die den Menschen auch noch Schuld gibt an ihrem Elend, vor allem drei Motive am Werk:

Es liegt zum einen im ökonomischen Interesse dieser neoliberalen Sprücheklopfer, sich den Sozialstaat vom Halse zu schaffen. So oder so: Sozialstaat kostet Geld. Allein dies wollen diese Herrschaften nicht mehr.

Es dient zum zweiten der moralischen Selbstentlastung. Wenn Charakterfehler der Armen und Arbeitslosen Schuld sind an deren Schicksal, können es eigener Fehler oder solche der eigenen Wirtschafts- und Politik-Eliten nicht mehr sein. Und wenn es im Grunde asoziale Strolche sind, diese Sozialhilfeempfänger und Arbeitslosen, haben die auch keinen menschlichen Anspruch auf Hilfe mehr. Bestens kann man mit diesen Propaganda-Suggestionen also eigenes Versagen verschleiern.

Und zum dritten soll mit diesem suggestiven Gequatsche von der „sozialen Hängematte“ nicht zuletzt die arbeitende Bevölkerung aufgehetzt werden gegen dieses angeblich unverschämt faulenzende Arbeitslosenheer. Wobei nicht zu übersehen ist: Je schlechter es die arbeitenden Menschen haben, desto größer die Chance, dass bei den Arbeitenden diese Propaganda auch verfängt. Wem es an seinem Arbeitsplatz nicht gut geht, glaubt leicht, dass es der Arbeitslose in Wahrheit doch viel besser habe. Schnell wird da aus der „sozialen Hängematte“ in den Köpfen der Menschen, die sich bis zum Zusammenbruch abrackern müssen in den Betrieben ihrer Konzernherren, die besonnte Hängematte der Sozialhilfeempfänger am tropischen Badestrand!

Fazit mithin: Die Metaphorik von der „sozialen Hängematte“ macht aus der Zwangsuntätigkeit der Arbeitslosen so etwas wie einen ewigen Urlaub, aus ihrem Elend ein Luxus-Leben. Und auf die Menschen, die sich an ihrem Arbeitsplatz oft bei spärlichster Bezahlung und unter menschenunwürdigsten Bedingungen abrackern müssen, wirkt das fast wie Unverschämtheit und Provokation. Die wahren Ausbeuter der Gesellschaft scheinen, aus dieser Perspektive betrachtet, die Ärmsten der Armen in unserer Gesellschaft zu sein, nicht aber die sogenannten Eliten in Wirtschaft und Politik. Verkehrte Welt! Psychotricks! Aber so funktionieren die Slogans. Und: so sollen sie funktionieren!

Das bedeutet aber:

Man bleibt wehrlos, wenn man in dieser Hinsicht ahnungslos bleibt. Man muss bei öffentlichen Debatten auch diese untergründigen Psychotricks analysieren. Man kann den Kampf um das Bewusstsein der Menschen nicht gewinnen, wenn man permanent den Kampf um deren Unterbewusstsein verliert. Man benötigt deshalb dringend eine aufklärerische Psychologie, die sich dieser manipulativen Psychologie unnachgiebig, beharrlich und konsequent in den Weg stellt.

Showing 12 comments
  • Clas Lehmann

    Moin, moin!

    Da gibt es vieles zu tun und richtig zu verwenden. Auch der Missbrauch des Wortes „Reform“ für „neoliberales Austeritätsgedöns“ ist ja einfach semantisch falsch. Oder die Besetzung des Begriffes „Wissenschaft“ durch die Chemie- und Agrarindustrie…

    Und auch in diesen beiden Fällen handelt es sich nicht um irrigen, sondern um sehr bewußt irreführenden Sprachgebrauch.

    Wenn dann noch mit Textbausteinen Legotexterei betrieben wird, reizworttröpfelnderweise… und die Medien von den PR-Schreibern übernehmen, erzeugt das hässliche Stimmungen.

    Ziel erreicht.

    Gruß Clas

  • Volker

    Sie übertreiben nicht, Herr Platta.
    In der Psychologie heißt es, dass das Unterbewusstsein stärker ist, als der Verstand. Das ist eine Tatsache.
    Und genau dieses Unterbewusstsein, das den Mensch teilweise irrational beeinflusst, wird hierbei als schändliches Machtinstrument eingesetzt. Sie verwenden die Bezeichnung “ Psychotricks“, was noch sehr moderat ausgedrückt ist. Ich würde dies eher als Missbrauch bezeichnen. Im Grunde ein Vebrechen, wenn Menschen auf Menschen gehetzt werden.

  • H.Ewerth

    Gut erklärt. Ergänzend möchte ich noch daran erinnern, dass bereits während der NS Zeit, die Propaganda: „Sozial sei was Arbeit schafft, damals in leicht abgewandelter Form auch schon gebraucht wurde nämlich: „Sozial ist wer Arbeit schafft.“ Das diese Propaganda wieder in Deutschland von vielen sofort unterschrieben werden würde, zeigt doch wie viel Einfluss Medien haben. Denn nach dieser Definition wäre ein Arbeitslager eine soziale Einrichtung. Wie sagte schon Müntefering öffentlich: „wer nicht arbeitet braucht auch nicht zu essen“

  • Bernie

    Stimme zu, zumal ich vor einiger Zeit mit einem Klempner-Meister, der sich offiziell als CDU und Thatcherist outete, eine Diskussion hatte wo er meinte, dass ich doch auch der Meinung wäre, dass sich „Leistung“ wieder lohne müsse.

    Außerdem arbeitet er – ab und an – bei HartzIV-Empfängern, und der „Luxus“ – „jeder hat einen eigenen PC“ wäre nicht zu leugnen, zumal er ihn mit eigenen Augen gesehen hätte.

    Tja, mir wurde die Diskussion zu blöde, da ich an diesem Tage noch andere Arbeiten zur erledigen hatte, aber ich bereue heute noch warum ich ihn nicht gefragt habe, ob die Menschen, die er selbst als „im Luxus lebend“ beschrieben hatte, denn Arbeit hätten, d.h. Aufstocker, die ihren spärlichen Lohn mit HartzIV aufgestockt haben.

    Ich meinte übrigens auch noch, dass sich „Leistung wieder lohnen“ müsse, und man 2008 ja gesehen hätte wohin das Nichtleisten von Börsenfritzen die Weltwirtschaft geführt hat. Tja, was soll ich sagen, der – mir persönlich eigentlich sympathische – Klempnermeister drehte mir die Worte im Mund um und meinte, dass ich doch auch der Meinung wäre, dass Leistung sich lohnen würde, und er es nicht einsehen würde mit seinen Steuern für die faulen HartzIV-Empfänger aufzukommen. Er lobte einen Wurstverkäufer namens Hoeneß – noch vor dem Steuerskandal…..

    Tja, wie bereits erwähnt, siehe oben, die Diskussion mit dem Klempnermeister, wurde mir zu blöde, und ich brach die ab…..

    ….interessant daran ist nur, dass die Journalistin Ulrike Herrmann von der Taz (soviel ich mich erinnere) tatsächlich richtig lag, die Mittelschicht meint, dass die Oberschicht zu ihr gehört, und die, die anders denken sind selbst schuld….

    Trauriger Gruß
    Bernie

  • Bernie

    Ergänzung:

    Er meinte übrigens, auf meinen Hinweis, dass uns ja die Banken in die Krise reingeritten haben – und Merkel nur eine Bauchredner-Puppe der Deutschen Bank ist – nur, dass „du es ja mit den Banken hast“…..

    Tja, unbelehrbar eben, solche Menschen, und ich bin sicher, dass es noch einige Wirtschaftskrisen braucht bis die es kapieren, dass das Problem im kapitalistischen System liegt, und nicht beim arbeitslosen Menschen…..

    Gruß
    Bernie

  • Karola

    Zu Berni.
    Lieber Berni, man braucht keine Wirtschaftskrisen, sondern eine Presse, die sich wieder der Eindeutigkeit und ursprünglichen Inhalte der Worte bedient.

    Und wir brauchen in den Schulen einen Deutschunterricht, der auf diese Verwicklungen aufmerksam macht, sinnfassend lesen, in Zusammenhängen denken, was ein Text wirklich sagen will, wo die Fallstricke sind, denn in der Politik sind tatsächlich Psychologen am Werk, überwiegend die, die aus der Ratten-Verhaltenspschologie kommen und dann hat man diesen Sch…., der erst entkodiert werden muss. Eine anstrengende Sache, doch je mehr man es übt, desto schneller geht das.

    Der Artikel macht sehr gut vor, wie das geht und macht deshalb auch Hoffnung.

  • Bernie

    @Karola

    Hast recht 😉

    Gruß
    Bernie

  • Buggi

    Ist doch ein alter Hut. Der Kaiser schuf den „Franzmann“ als Feindfigur fürs Volk, die braunen Clowns schufen den „jüdischen Bolschewismus“ und die „Volksschädlinge“ als Feindfiguren. Im kalten Krieg warens zwecks Aufrüstung die bösen „Kommunisten“ Als die keine Lust mehr hatten, wars die Achse des Bösen etc. pp.
    Die Methode der Regierenden, die unter der Tarnkappe Demokratie dem Kapital und nur diesem zu dienen haben ist eigentlich schon langweilig. Nicht nur H4, auch Kriege wurden und werden so verkauft. Vergleicht mal nur die Methodik des „Stürmer“ ,der „BILD“-Blätter und RTL – selbe Sosse nur mal so mal anders angerührt (noch). Lest als Denkhilfe mal wieder LTI von Klemperer.
    Und dass das Unterbewußtsein zwecks Manipulation anzusprechen ist, das lernt jeder Umschüler im Grundkurs Verkaufsgespräch.
    Meint Ihr, als die Merkelei jüngst beim Medienkartell Springer übern roten Teppich tappelte, haben die dort über Elfriedes Geburtstagskuchen geplappert?
    Und die Auftraggeber für das ganze Gebräu? Na dann nehmt mal in diesem Land hier Worte wie „Kapitalismus“ oder gar „Ausbeutung“ in den Mund. Da erhaltet ihr ganz fix ein niedliches Aktenzeichen bei der Exekutive unserer „Wir“-Gesellschaft.

  • Holdger Platta

    Lieber Buggi,

    stimmt einschränkungslos: diese Psychotricks sind ein „alter Hut“, und dieser alte Hut soll „Aubeutung“ und „Kapitalismus“ ein seriöses Outfit verleihen.

    Dennoch – ich erlebe das in Gesprächen fast täglich – wirken diese Psychotricks nach wie vor, bei sehr vielen jedenfalls, und Karola hat sehr zutreffend beschrieben, daß diese Decodierungen deshalb immer noch dringend erforderlich sind.

    Das Beste wäre, wenn Texte wie der meine allmählich überflüssig werden, weil sie diese Entschlüsselungsfähigkeit weiterzugeben vermögen. Noch aber, scheint mir, sollten diese Propagandatechniken weiter auf den Prüfstand kommen, und auch die glänzenden Analysen von Viktor Klemperer in LTI (= „Lingua tertii imperii“, „Die Sprache des Dritten Reichs“) sind deswegen noch lange nicht überholt.

    Danke Euch beiden – wie auch den anderen! – für die Kommentierungen und Hinweise!

  • franklin.62

    Ja, danke!

    Genau so wünsch ich mir ‚Aufklärung‘.

    Und ich möchte den Kontrast zwischen den Worten der Massenmedien und ihren unterbewussten Assoziationen noch verschärfen.

    ‚Leistungslose Einkommen‘ kenne ich tatsächlich zuhauf, sogar namentlich, wenn auch nicht persönlich.

    Solange Menschen ernsthaft glauben,
    daß Geld arbeitet,
    spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, mich zu unterhalten.

    Ich habe davon viel Zeit und viel Reflektion und ich danke ihnen dafür!

    Und ich bemühe mich, beides intensiv zu nutzen, wenn auch nicht zu deren oder meinem Nutzen

    Für Demokratie und Rechtsstaat. Und Medienkompetenz 😉

    gruß efka
    .

  • Marxist

    Das Elend kleinbürgerlicher Kapitalismuskritik liegt darin die Systemfunktion für die Folge einer Verschwörung des Systempersonals zu halten. Derartige Deutungen würden nicht verfangen wenn sie nicht anschlußfähig an die Erscheinung des Kapitalismus in den Köpfen wären.
    Es ist keine Verschwörung sondern Ausdruck einer kollektiven Verpeilung, ganz so wie die „Evidenz des Faktischen“ auch heute noch dafür sorgt daß wir davon reden daß die „Sonne aufgeht“ obwohl wir es seit Galilei besser wissen.
    Bestandteil dieser kollektiven Verpeilung sind etwa daß die Lohnhöhe Resultat der Leistung der konkret-nützlichen Arbeit wäre, daß das Einkommen des persönlichen Kapitalisten sich ausschließlich seiner eigenen Leistung verdanke, daß Arbeit eine Sache wäre (und nicht ein Prozess) die der Arbeit“geber“ dem Arbeit“nehmer“ zum Wegschaufeln hinschmeißt etc.
    Dieses Kritikelend glaubt das Böse käme nur von einem persönlichen bösen Willen und hat das System als blinden Fleck. Der Systemzwang vermittelt sich aber dem Einzelnen über die Konkurrenz als Äußerlicher, er kommt nicht aus den unhinterfragbaren inneren Tiefen der Personen.
    Anders als bei den Nazis (LTI) sind derartige Umdeutungen (Hängematte) nicht böser Wille sondern systemnotwendige Erscheinungen im Überbau.

  • Granado

    @H.Ewerth
    „Sozial ist wer Arbeit schafft“ ist von Hugenberg, vor der NS-Zeit. Er wurde dann als Chef der DNVP für einige Monate Superminister in Hitlers Koalitionsregierung, dann überflüssig.
    Schau mal in die Vita, bzw. bei Youtube.

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