Finanzkrise in Walhall

Alberich raubt den Ring. Gemälde von Hans Makart, 19. Jh.

Alberich raubt den Ring. Gemälde von Hans Makart, 19. Jh.

Die Bayreuther Festspiele, die im „Wagner-Jahr“ 2013 besondere Beachtung finden werden, sind äußerlich auch ein kulturbeflissenes Schaulaufen von Reichen und Politikern. Auf der Bühne dagegen dürfte Frank Castorfs Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ wieder der Geldgier und dem Machtwahn ans Bein pinkeln. Der Wagner des „Rings“ war entgegen gängigen Vorurteilen kein „Rechter“. Eher schon ein Anarchokommunist, der in damals schon materialistischen Zeiten eine Botschaft der Liebe und der Freiheit verkündete. (Roland Rottenfußer)

Preisfrage: In welchem Werk kommen Zwerge und übermenschliche Wesen vor und ein Ring, der seinem Träger die Weltherrschaft verheißt, ihn aber in Gefahr bringt, selbst der Versuchung der Macht zu erliegen? Viele denken dabei zuerst an Frodo, den Ringträger und an Tolkiens Epos „Der Herr der Ringe“. Tatsächlich war es aber zuerst Wagners vierteiliges Opernwerk „Der Ring des Nibelungen“, auf das diese Beschreibung zutraf. Der Nibelungen-Zyklus, entstanden zwischen 1851 und 1874 ist ein Vorläufer des Fantasy-Genres. Ebenso haben Wagners Art der Orchestergestaltung, sein Stil des musikalischen Gefühlsausdrucks sowie die Leitmotivtechnik (Einsatz wieder erkennbarer musikalischer Motive für Personen, Gegenstände und Situationen) zweifellos die Filmmusik geprägt.

Während Richard Wagner also so offensichtlich modern ist, steht sein Name aus anderen Gründen in keinem hohen Ansehen. Schuld daran ist zum großen Teil der Komponist selbst, der mit „Das Judentum in der Musik“ eine berüchtigte antisemitische Schrift verfasste. Schuld ist aber auch die Verwertung seiner Musik und seiner Themen durch Hitler und das Nazi-Regime – unterstützt durch die Wagner-Schwiegertochter und Hitler-Freundin Winifred Wagner. So gibt es keine Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg, bei der nicht als Begleitmusik der „Walkürenritt“ oder ein anderes Wagnerstück erklingt. Dass Wagner neben martialischer auch unendlich zarte Musik geschrieben hat, erschließt sich erst bei näherer Kenntnis.

„Nazi“ oder „Anarchist“

Es erscheint schwierig, den Menschen Wagner zu mögen, und auch seine Musik polarisiert die Menschen schnell in Enthusiasten und erbitterte Gegner. Falsch ist es aber, den Komponisten generell in die rechte Ecke zu schieben. Viel realistischer ist das Bild eines Mannes, der zum Maßlosen, zum Extrem neigte – und da schlug das Pendel eben auch einmal nach ganz links aus. Der 35-jährige Richard Wagner, damals Kapellmeister in Dresden, geriet in die Wirren der deutschen Revolution von 1848/49. Er war befreundet mit dem Berufsrevolutionär Michail Bakunin, einem der bis heute bekanntesten Vertreter des Anarchismus. Der deutsche Komponist schrieb damals über das russische Anarcho-Urgestein: „Alles an ihm war kolossal mit einer auf primitive Frische deutenden Wucht“.

Auf Bakuninis Einfluss ist möglicherweise die pyromanische Zerstörungswut zurückzuführen, die sich in Wagners Werk und Denken immer wieder zeigt. Das 1949 entstandene Gedicht „Die Not“ ist quasi ein Vorgriff auf den Brand von Walhall: „Die Fackel, ha! Sie brenne helle, sie brenne tief und breit,/ zu Asche brenn’ sie Statt und Stelle,/ dem Mammonsdienst geweiht!“ Auf heutige Verhältnisse übertragen, wäre das eine Aufforderung zum Niederbrennen der Börsen und Banken. Warum dieses Verbalgewalt? Wagner sah nicht nur die Herrschaft des Geldes, sondern die Herrschaft schlechthin als Zeichen einer Dekadenz der alten Ordnung an, die es zu überwinden galt.

„Die Macht zerbrechen“

„Ich will zerstören die Herrschaft des einen über die anderen (…) Ich will zerbrechen die Gewalt der Mächtigen, das Gesetzes und des Eigentums. Zerstören will ich die bestehende Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche Völker, in Mächtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme teilt. (…) Zerstören will ich die Ordnung der Dinge, die Millionen zu Sklaven von Wenigen und diese Wenigen zu Sklaven ihrer eignen Macht, ihres eignen Reichtums macht.“ (Aus der „Revolutionshymne“, 1949) Wagner deutet hier auch eine „Lösung“ an, die man als Vorausdeutung auf die Figur des Siegfried interpretieren kann: Das eigentlich Heilige sei der „freie Mensch“, und er fügt hinzu: „Nichts höheres ist denn er.“

Wagner flieht vor den Revolutionswirren in die Schweiz, wo er in Tribschen am Zürcher See sein Nibelungenwerk konzipiert. Der Revolutionär Richard Wagner ist von dem Künstler nicht sauber zu trennen, da er in dem „Kunstwerk der Zukunft“ selbst einen revolutionären Akt sieht. In grandioser Selbstüberschätzung sieht er sich als Volkserzieher, der in der Tradition der griechischen Tragödie mittels eines Gesamtkunstwerks erhabene Ideale in die Seelen der Menschen pflanzt. Der „Neue Mensch“, der aus den intendierten Umwälzungen hervorgeht, ist gleichzeitig frei und in der Lage solidarisch zu agieren. Ein anarcho-kommunistisches Programm, wenn man so will. Wie Bakunin sieht Wagner Gott und Staat, religiöse Gebote und gesetzliche Normen als ein und denselben repressiven Symptomkomplex an. Beide Feindbilder werden später in der Figur von Wotan, dem Herrschergott, verdichtet. Allerdings wird der gereifte Wagner die Macht später etwas differenzierter darstellen, sieht den „Realpolitiker“ zerrieben zwischen Machtgier und Lebensmüdigkeit, taktischer Rücksicht und dem Impuls zum Guten und Liebevollen. Entscheidend ist: Im „Ring des Nibelungen“ zerlegt der Komponist/Dichter die Macht (die er in seinen frühen Aufwallungen noch pauschal verdammt) in zwei Komponenten zerlegt: Wotan und Alberich.

Der Fluch des Goldes

„Eigentum ist Diebstahl“ – dieser Satz des Anarchisten Proudhons könnte einem wohl in den Sinn kommen, wenn man beobachtet, wie Alberich im „Rheingold“ das Böse in die Welt bringt. Er raubt das Gold aus der Tiefe des Rheins, wo es von den Rheintöchtern bewacht wird. Eigentum ist inkompatibel mit Liebe. Diese Botschaft markiert die Philosophie des Opernwerks gleich ganz zu Beginn. Nur wer die Liebe verflucht, kann aus dem Rheingold den Ring der Macht schmieden. Diese Regel diente den Naturkräften als Absicherung, denn welcher gesunde Mensch würde schon freiwillig auf das höchste Gut, die Liebe, verzichten? Schwerenöter Alberich vermag es. Die Frauen, vertreten durch die niedlichen Rheintöchter, verschmähen ihn sowieso. Warum dann nicht die Liebe verschmähen und einer perfiden Ersatzbefriedigung frönen: der Lust, der ganzen Welt seinen Willen aufzuzwingen? „Nur wer der Minne Macht entsagt, nur wer der Liebe Lust verjagt, nur der erzielt sich den Zauber, zum Reif zu zwingen das Gold.“ Die Macht- und Geldgier ist in die Welt getreten, weil der Naturstoff Metall seiner natürlichen Umgebung entrissen und in einen materialisierten Machtanspruch verwandelt wurde. Und weil sich ein kranker Geist seiner eigenen innersten Natur, der Liebe, entfremdete.

Alberich versucht seine individuelle Neurose zum Problem der ganzen Welt zu überhöhen: „Wie ich der Liebe abgesagt, alles, was lebt, soll ihr entsagen! Mit Golde gekirrt, nach Gold nur sollt ihr noch gieren.“ Der perfide Plan des Zwerges ist offensichtlich aufgegangen – mit Auswirkungen bis hinein in die heutige Ära des Turbokapitalismus. Alberich verliert den Ring an Wotan. Als der Gott ihm den Ring entreißt, belegt ihn Alberich jedoch mit einem Fluch: „Wer ihn besitzt, den sehre die Sorge, und wer ihn nicht hat, den nage der Neid. Jeder giere nach seinem Gut, doch keiner genieße mit Nutzen sein!“

Dilemma der „Realpolitik“

Wotan wiederum muss den Ring dem Riesen Fafner als Entlohnung für den Bau der Götterburg Wallhall überlassen. Aus dem Riesen wird später ein abscheulicher Lindwurm. Der Drache der Siegfried-Sage, der den Nibelungenschatz bewacht, steht für das hortende, unfruchtbare Kapital. Eigentum wird hier zum Selbstzweck und hat vor allem ausschließende Funktion: Der gefährliche Drache vor der Höhle verhindert, dass Kapital in Umlauf kommt und anderen Menschen dient. Dem „Eigentümer“ selbst, der zu dumpfer, tierischer Existenz herabgesunken ist, bringt dieses Kapital aber keinerlei Nutzen. Solange Reichtum „aufgeräumt“ ist, schadet er nicht unmittelbar. Der Ring als Teil des Nibelungenschatzes symbolisiert jedoch das Missbrauchspotenzial angehäufter Reichtümer. Was der dumpfe Fafner nicht vermag, ein Wissender wie Alberich könnte es vollbringen: das schlummernde Kapital zu einem gefährlichen Machtinstrument umzumünzen. Es droht eine „Weltherrschaft der Lieblosigkeit“ (wie es der Begleittext zum „Ring“ von Patrice Chereau formulierte).

Gott Wotans Versuch, Fafner den Ring zu rauben, dient weniger dem Zweck, ihn selbst zu besitzen. Er weiß, dass auch ihn der Ring „verderben“ würde. Vielmehr geht es darum, das Machtinstrument dem Bösen zu entziehen. Hier verfängt sich Wotan allerdings in einem sehr modern anmutenden „Dilemma der Realpolitik“. Als oberster Gott basiert seine Macht auf dem Gesetz, auf Verträgen mit anderen Gruppierungen, etwa den Riesen und den Zwergen. Zu diesen Gesetzen gehört nun einmal der Schutz des Eigentums. „Der durch Verträge ich Herr, den Verträgen bin ich nun Knecht“, klagt der Göttervater. Wer dem rechtmäßigen Eigentümer den Ring entreißen will, handelt zwar in Wotans Sinne, muss es aber gegen seinen erklärten Willen tun. Dies kann nur einem Gesetzlosen gelingen, einem Rebellen. Die Botschaft des „Rings“ ist also eine anarchische. Durch Gesetzlosigkeit allein wird einen höhere Ordnung erfüllt, in der die von Alberich verratene Liebe noch höchstes Weltgesetz ist.

Die Geburt des Ungehorsams

Was nun folgt, ist die Geburt des Ungehorsams, die im „Ring des Nibelungen“ irritierender Weise eine reifere Form von Gehorsam ist. „Der, entgegen dem Gott, für mich föchte, den freundlichen Feind, wie fände ich ihn?“, hadert Wotan. Die Rebellion – in der Welt von Wagners Mammutwerk entspricht sie dem heimlichen, innersten Verlangen des Gesetzgebers. Wo sich der Machthaber selbst dem ursprünglichen Geist entfremdet hat, auf den die Ordnung gegründet war, besteht ein Widerstandsrecht. Es ist eine hoch brisante Konstellation, die man sich mit Blick auf das Widerstandsrecht im Grundgesetz und in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung einmal vergegenwärtigen sollte.

Im Musikdrama ist Wotans Tochter Brünnhilde, „Die Walküre“, die erste Rebellin. Sie steht Wotans Lieblinssohn Siegmund im Kampf gegen Hunding bei, obwohl Wotan Siegmunds Tod befohlen hatte. Vielleicht liegt darin der tiefere Sinn der von den Widerstandskämpfern um Graf Stauffenberg gewählten Bezeichnung „Operation Walküre“. Nur durch Rebellion gegen Deutschland (seinen Führer) kann man Deutschland dienen. In der Oper wäre Siegmund dieser Widerstandskämpfer gewesen, fähig den Drachen aus eigener Kraft zu besiegen und dem Hort den Ring zu entreißen. Siegmund aber steht Wotan noch zu nahe. Und er ist ein Gesetzloser, ein blutschänderischer Ehebrecher. Das Gesetz verlangt, dass er fällt, und Siegmund ist noch nicht stark genug, es mit Wotan aufzunehmen.

Alberichs später Sieg

Auftritt „Next Generation“. Erst Siegmunds Sohn Siegfried kann gelingen, was dem Vater verwehrt blieb: Er erschlägt den Drachen, gewinnt den Ring und entmachtet wenig später den Göttervater. Er haut ihm den Speer entzwei, in den die Runen der Verträge geritzt sind – Symbol seiner Macht. Die Götter sind abgesetzt – es lebe der freie Mensch, der aus eigener Verantwortung handelt. Freilich geht das Ganze, wie man weiß, übel aus. Obwohl Siegfried den Ring, der ihm zufällt, nicht bewusst missbraucht, fällt er doch dessen „negativer Energie“ zum Opfer. Siegfried fällt durch den Speer von Alberichs Sohn Hagen, der stellvertretend für seinen Vater in den Besitz des Ringes gelangen will. „Der Götter Ende dämmert herauf“, und der Ring als Symbol der zweckentfremdeten Naturkraft, fällt zurück an die Rheintöchter. Der Kreis schließt sich.

Folgt nun eine Ära ohne Kapitalhortung und Machtmissbrauch, geschaffen von freien Menschen für freie Menschen, die sich von der Bevormundung der Götter befreit haben? Die Frage richtet sich an uns alle, die Zuhörer und Zuseher bei diesem grandiosen kosmischen Drama. Wollen wir unsere Welt Alberich überlassen, dem Feind der Liebe, der aus Machtanhäufung eine dumpfe Ersatzbefriedigung zieht? Oder halten wir es lieber mit Wagners früher (nicht vertonter) Version des Schlussgesangs aus der „Götterdämmerung“? Dort heißt es: „Selig in Lust und Leid lässt die Liebe nur sein.“

Showing 2 comments
  • Holdger Platta

    Lieber Roland,

    das ist eine glänzende Darstellung der Tetralogie „Ring des Nibelungen“, mit sehr viel wichtigen Zusatzinformationen. Wieso kann man so etwas nicht nachlesen in der TAZ, im ND, in der JW?

    Holdger

  • Claudia Edam

    D A N K E !

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