Altersarmut – eine Betroffene berichtet

WartezoneArmut ist ein hässliches Wort, aber es bleibt noch immer sehr im Allgemeinen. Wie fühlt es sich an, wenn Schuhe kaputt sind, man sich die Reparatur aber nicht leisten kann? Wenn Verwandte erkranken, Hartz IV aber nur eine Fahrt ins Krankenhaus pro Monat erlaubt? Wenn man sich fragen muss, ob man lieber das Internet abbestellt oder auf die Mitgliedschaft in der Leihbücherei verzichtet? Altersarmut ist eine verschärfte Form der Armut, weil sie mit Perspektivlosigkeit einhergeht. Die Aufforderung „Such dir doch einen Job“ (schon für manche Junge und Gesunde ist das schwer) wird bei Älteren vollends zum Hohn. Nur politisch kann den Betroffenen geholfen werden. Ellen Diederich berichtet aus eigener Erfahrung.

Immer häufiger begegnet mir in meinem Umfeld, gerade auch von wohlmeinenden, sich selber als gut informierte Menschen begreifend, Unachtsamkeit in der Wahrnehmung der Situation armer Menschen, oberflächliche Stellungnahmen.

Ich habe es satt, mich entschuldigen zu müssen, dass ich dieses oder jenes nicht machen kann. Ich kann auch nicht einfach darüber berichten, weil es bei den anderen immer so ankommt, ich will etwas von ihnen.

Ich will auch meine Interessen nicht in erster Linie von den „wissenschaftlichen Fachleuten“ vertreten sehen. Wir sind die Fachleute, wir, die wir in der Situation sind!

Besonders verletzend sind Fragen und Bemerkungen von FreundInnen, die sich einfach nicht in unsere Lage hineindenken können. M. fragt mich, ob ich zu einer Ausstellungseröffnung im Haus der Frauengeschichte nach Bonn komme. Ich brauchte Hilfe in einigen computertechnischen Fragen, K. sagt mir, in Düsseldorf gibt es solche Kurse, ich werde gefragt, ob ich mit zu occupy Aktionen nach Frankfurt kommen möchte. Solche Fahrtkosten, Eintrittspreise kann ich mir nicht leisten.

Was heißt Altersarmut? Was heißt Ausschluss aus dem sozialen und kulturellen Leben?

Ausschluss heißt: Keine Möglichkeit der Teilnahme an Aktionen, weil ich mir das Fahrgeld nicht leisten kann, keine Bücher, keine Musik CDs mehr kaufen zu können, kein Kinobesuch, keine Zeitung, kein Fotografieren mehr. Keine Möglichkeit, Wohnungs- oder Haushaltsgerätereparaturen vornehmen zu können. Kleidung war mir nie wichtig, ist aber manchmal notwendig. Mein Wintermantel ist 19 Jahre alt, das letzte Paar Schuhe habe ich vor 7 Jahren gekauft.

Es gibt Brutalitäten, die im Wortsinn herzzerreißend sind: Für Transport sind monatlich 24.05 € vorgesehen. Meine Mutter, sie ist 92 Jahre alt, todkrank, lebt in einem Altenheim in Dortmund. Eine Fahrt dort hin mit Bus und Bahn von Oberhausen aus kostet 21 €.
Einmal im Monat also kann ich mir einen Besuch leisten – oder muss das Geld vom Essensbudget, von den Ausgaben für Kommunikation abzweigen.

Ich bin mein ganzes Leben lang politisch sehr aktiv gewesen. Altersarmut heißt, nicht mehr zu politischen Aktionen und Veranstaltungen gehen zu können. Am nächsten Sonnabend ist ein Treffen in Bonn, 30 Jahre nach der großen Kundgebung der Friedensbewegung im Hofgarten. Ich habe damals und bis heute unendlich viele Aktionen, auch diese in Bonn mitorganisiert. Eine Fahrkarte nach Bonn und die Gebühr von 20 € kann ich mir nicht leisten.

Ich hätte sehr viel beizutragen zu diesem Treffen, da ich nicht aufgegeben, Fotoausstellungen, Dia-Schauen und Vorträge gemacht habe über Friedensaktionen, über Palästina/Israel, über Gewaltbereitschaft, die Friedensnobelpreisträgerinnen, die Weltfrauenkonferenzen in Nairobi und Peking, das Friedenszelt. das wir dort organisiert hatten als einen Ort, an dem Frauen aus so genannten Feindesländern in den Dialog kommen konnten, über das Atomtestgebiet in Nevada, über die Zapatisten in Mexiko, über Globalisierung und die Auswirkungen auf Krieg und Frieden usw.
Ich habe eine große Sammlung von kunstvoll gearbeiteten Bannern zu den verschiedenen Fragen des Friedens zusammengetragen. Banner zu Petra Kelly und Bertha von Suttner, zum Staatsterrorismus, zu Palästina/Israel, zu Star Wars usw.

Die Teilnahme kann ich mir nicht leisten.

Die Armutsrealität aber zwingt mich in die Knie, Sie ist begleitet von Krankheiten, Schlaflosigkeit, wachsendes Unbehagen, sich mitzuteilen.

Um Hartz IV und Grundsicherung aus der Abstraktion herauszuholen,
hier einige Konkretisierungen:

Was den Armen zu wünschen wäre
Für eine bessere Zukunft?
Nur dass sie im Kampf gegen die Reichen
So unbeirrt sein sollen
So findig
Und so beständig wie die Reichen im Kampf
Gegen die Armen sind.

Erich Fried

BERECHNUNGEN FÜR DEN LEBENSUNTERHALT DURCH DIE ADMINISTRATION
FÜR MENSCHEN, DIE VON HARTZ IV ODER VON GRUNDSICHERUNG LEBEN MÜSSEN

Im alten Sozialhilfegesetz hieß es: „Sozialhilfe soll ein Leben in Würde ermöglichen.“ Das Wort „Würde“ ist im neuen Gesetz gestrichen. Bei der alten Sozialhilfe gab es einmalige Beihilfen zum Lebensunterhalt: Anschaffungs- und Reparaturkosten für Haushaltsgeräte, Bekleidungsbeihilfen, Schulbücher, Zahnbehandlungen.

Wie sieht es heute aus?

„Grundlage (für die Regelsätze) sind die tatsächlich statistisch ermittelten Verbrauchsausgaben von Haushalten in unteren Einkommensgruppen.“
§ 28 Absatz 3 des SGB XII

Um die Armut ein Stück weit aus der Abstraktion herauszulösen, hier die konkreten Auflistungen des Hartz IV Satzes:

Monatliches Hartz IV Einkommen 100% für 2013 385 €

Davon können nach den Berechnungen der Statistik ausgegeben werden für:

Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke 135.63 €

Das sind 4.52 € pro Tag
Dieser Teil des Budgets wird von den Betroffenen
notwendigerweise gekürzt, wenn die Beträge für andere Teile,
Telefon, Strom, Wasser usw. nicht ausreichen. Das ist der Normalfall.

Alkoholische Getränke, Zigaretten 0,00 €

Bekleidung und Schuhe 32.09 €

Mein Wintermantel ist 19 Jahre alt.

Von dem Budget für Schuhe: 6.15 €
Die letzten Schuhe habe ich mir vor 7 Jahren gekauft.
Von dem Budget für Schuhreparatur: 0.69 €
Eine Schuhreparatur (Sohle und Absätze kostet um die 20 €)
Schuhe dürfen also nur alle 2 Jahre kaputt gehen.

Wohnung: Wasser, Strom, Brennstoffe 31.92 €

Das ist leider (k)ein Witz!

Einrichtungsgegenstände für den Haushalt 28.95 €

Gesundheitspflege 16.41 €

Hygieneartikel, Zahncreme, Seife, Toilettenpapier
Rezeptfreie Arzneimittel
Durchfall kann man sich nicht mehr leisten, Monatsbinden auch nicht

Verkehr 24.05 €

Eine Fahrt zum Arbeitsamt kostet 4 €
Eine Fahrt ins Altenheim nach Dortmund zu meiner todkranken
Mutter kostet 21.oo €

Nachrichtenübermittlung 33.74 €

Telefon, Radio/Fernsehen, Computer
Die rote Linie ist schnell überschritten, Zeitung, Telefon
und Internet werden zu Luxusgegenständen

Freizeit, Unterhaltung, Kultur 42.45 €

„Nicht mehr geschützt für Erwerbslose sind Gegenstände,
die zur Befriedigung, geistiger, kultureller und wissenschaft-
licher Bedürfnisse dienen. Bücher und Schallplatten z.B.“
Vorschlag von Seiten der Administration: Bücher verkaufen!
Vielleicht sollte man Erwerbslosen, Grundsicherungsabhängigen
die Fernsehprogramme steuern, nur noch die privaten mit ihren
Verdummungsprogrammen zeigen?

Bildungswesen 1.47 €
Was kostet ein Buch, ein Kurs bei der VHS?

(Für Kinder von 6–14 Jahren ist für Bildung vorgesehen) 1.23 €

Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen 7.56 €

Ein Eis und einen Kaffee im Monat

Andere Waren- und Dienstleistungen 27.98 €

Davon Renovierung und Instandhaltung der Wohnung 1.69 €
Für 60 qm braucht man ca. 800 € man spart also 40 Jahre
Kostet die Reparatur eines Haushaltsgerätes 0.72 €
Etwa 80 €, muß man 11 Jahre sparen
Anschaffung von Radio und Fernsehen 2.48 €
Für ein Gerät von 300 € müsste man 11 Jahre sparen

Hartz IV
Nimmt man die römische IV als Buchstaben, so heißt Hartz IV abgekürzt HIV.
Es gibt durchaus Parallelen mit Aids – HIV positiv – und Hartz IV: Ausgrenzung, keine Zukunftsperspektiven, Verweigerung von Heilung, von bezahlbaren Lösungen.

„Hartz IV heißt die neue Krankheit, die sich am dem 1. Januar 2005 epidemieartig bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ausbreitet: Ursache: Soziale Ungerechtigkeit, Symptom: Armut.“
Gabriele Gillen, Hartz IV

„Und was ist denn Hartz IV? Hartz IV ist offener Strafvollzug. Es ist die Beraubung von Freiheitsrechten. Hartz IV quält die Menschen, zerstört ihre Kreativität. Wir brauchen ein Recht auf Einkommen. Ein Recht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen.“
Götz W. Werner (dm-Märkte), „Ein Grund für die Zukunft: Das Grundeinkommen“, rückseitiges Deckblatt

Ellen Diederich, Lothringer Str. 64 – 46045 Oberhausen
Tel. 0208/853607, email: Friedensa@aol.com

Showing 51 comments
  • Marzella Höll

    Zuerst werden Arbeitslose zu Faulenzer abgestempelt.
    Dann werden sie auch noch finanziell diskriminiert.
    Nun kann man die einfachen Arbeiter zusätzlich finanziell ausbeuten.
    Dann werden die Arbeitsverträge prekär.
    Jetzt droht man mit Einwanderern, die ihnen die miesen Jobs auch noch streitig machen.
    Dann wirbt man mit festen Jobs bei der Armee.
    Nun zettelt man Kriege an, bei denen die Prekären drauf gehen.
    Endlich sind die oberen 10% die Kriegsgewinnler, auch wenn der Krieg verloren geht.
    Jetzt kann man wieder aufbauen und das Geld gut anlegen.
    Dann kann man Leute wieder billig einstellen und Gewinne erzielen.
    Damit die Gewinne immer weiter steigen müssen Leute entlassen werden.
    Nun werden die Arbeitslosen als Faulenzer abgestempelt …

    lost in next generation

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