Israelkritik gleich Antisemitismus?, Teil 2/2

Autor Holdger Platta

Autor Holdger Platta

Wohlmeinende Deutsche bedauern die jüdischen Opfer des Holocaust, während sie gleichzeitig auf anderen, auf zeitgenössischen Juden herumhacken, wenn diese sich in Israel gegen ein feindliches arabisches Umfeld zur Wehr setzen. So (oder so ähnlich) lauten die Vorwürfe von Freunden der aktuellen israelischen Politik gegen deren Kritiker, und rasch ist das Wort vom “neuen Antisemitismus” zur Hand. Auch “Hinter den Schlagzeilen” griff das Thema unlängst auf, als Ellen Diederich aufgrund eigener Anschauung vor Ort vom Leid in palästinensischen Siedlungen berichtete. “Darf” man das – als Deutsche/r? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Erfahrungen aus dem Dritten Reich uns mahnen, für die Menschenrechte Partei zu ergreifen – egal wo sie verletzt werden (u.a. eben auch in Israel)? Holdger Platta antwortet in seinem Artikel auf einem Vortrag von Henryk M. Broder vor dem Innenausschuß des Deutschen Bundestages und beleuchtet dann weitere Aspekte des Themas. (Den ersten Teil dieses Artikels lesen Sie ein Stück weiter unten auf dieser Seite.

Kritik an der israelischen Politik, so Broder, das ist der einzige zeitgenössische Antisemitismus, der von Bedeutung ist. Was natürlich mit anderen Worten heißt: es geht um die Installierung eines Kritikverbotes schlechthin, und nichtmal das Fragen ist noch erlaubt, das Fragen nach Misshandlungen – wir haben es von Broder hören bzw. bei ihm lesen müssen. Und damit sind wir auch bei Station fünf seines Gedankenganges angelangt, bei jener Stelle in seinem Vortrag, da dieses alles auch expressis verbis ausgesprochen wird. Broder wörtlich:

„Der moderne Antisemit glaubt nicht an die ‚Protokolle der Weisen von Zion’, dafür fantasiert er über die ‚Israel-Lobby’, die Amerikas Politik bestimmt, so wie ein Schwanz mit dem Hund wedelt.“

Ich frage: stimmt tatsächlich, dass jeder, der um die Juden trauert, die im Holocaust auf entsetzlichste Weise ums Leben gekommen sind, Weltverschwörungstheorien anhängt, die den USA (nicht „Amerika“, wie Broder schreibt!) derartige Abhängigkeit von Israel – oder gar dem „Weltjudentum“? – unterstellt? Stimmt überhaupt dieser Vergleich, der die antisemitische Erfindung des zaristischen Geheimdienstes auf eine Stufe stellt mit der – empirisch jederzeit überprüfbaren – Politik der US-amerikanischen Administration, einer Politik, die immer wieder Maßnahmen gegen die menschenfeindliche und menschenrechtsfeindliche Politik der israelischen Administration zu unterbinden hilft, in der UNO zum Beispiel? – Doch weiter im Broderschen Originaltext:

„Der moderne Antisemit gedenkt selbstverständlich jedes Jahr der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar, zugleich aber tritt er für das Recht des Iran auf atomare Bewaffnung ein.“

Ich frage: stimmt es tatsächlich, dass die Befürworter einer humanen und friedensstiftenden Politik von Seiten des Staates Israel die atomare Bewaffnung des Irans gefordert hätten – und offenkundig vor allem jene, die jährlich der Befreiung von Auschwitz gedenken?

„Der moderne Antisemit findet den ordinären Antisemitismus schrecklich, bekennt sich aber ganz unbefangen zum Antizionismus, dankbar für die Möglichkeit, seine Ressentiments in einer politisch korrekten Form auszuleben.“

Ich frage: stimmt es tatsächlich, dass Anti-Zionismus, wenn Zionismus sich derart menschenfeindlich und menschenrechtsfeindlich zu realisieren versucht wie in der derzeitigen Regierungspolitik Israels, als willkommener Unterschlupf für einen politisch-korrekten Antisemitismus herhalten muss?

Und nicht zuletzt: stimmen auch die folgenden Sätze? -:

„Der Antizionist hat die gleiche Einstellung zu Israel wie der Antisemit zum Juden. Er stört sich nicht daran, was Israel macht oder unterlässt, sondern daran, dass es Israel gibt. Und deswegen beteiligt er sich leidenschaftlich an Debatten über eine Lösung der Palästina-Frage, die für Israel eine Endlösung bedeuten könnte, während ihn die Zustände in Darfur, in Zimbabwe, im Kongo und in Kambodscha kalt lassen, weil dort keine Juden involviert sind.“

Um es deutlich zu sagen: ich kenne keinen einzigen Israelkritiker, den kalt ließe, „was Israel macht oder unterlässt“. Das Gegenteil ist richtig. Ich kenne keinen Israelkritiker, der die furchtbare, die brutale Politik der israelischen Regierungen gegenüber den Palästinensern beklagt und gleichzeitig Israel selber vernichtet sehen will. Ich kenne keinen Israelkritiker, dessen Lösungsvorschläge für die Beendigung der Konflikte in Nahost identisch wären mit einer „Endlösung“ für Israel. Nebenbei: ein ungutes ‚Wortspiel’, dieses „Lösung der Palästina-Frage“ und „Endlösung für Israel“. So furchtbar das Ende eines Staates Israel aus meiner Sicht wäre, „Endlösung“, also millionenfache, fabrikmäßig betriebene Ermordung von Menschen, wäre das nicht. Die Polen haben rund 150 Jahre auf Eigenstaatlichkeit verzichten müssen, von 1772 bis 1918. Schlimm genug. Aber schlimmer wäre gewesen, man hätte sie alle in diesem Zeitraum umgebracht. Existenz und Existenzrecht von Staaten haben einen hohen Rang. Aber Existenz und Existenzrecht von Menschen zählen für mich wahrhaft mehr. Und schließlich: ich halte in dem oben zitierten Absatz aus Broders Vortrag für blanke Erfindung, dass Menschenrechtler, die entsetzt sind von Israels menschenfeindlicher und menschenrechtsfeindlichre Politik, unbewegt lassen würde, was in anderen Regionen der Welt an menschenfeindlicher und menschenrechtsfeindlicher Politik zu beklagen ist. Wie kommt Broder eigentlich darauf?

Natürlich trifft zu, dass Menschenrechtler, die sich im Nahostkonflikt engagieren, nicht gleichzeitig auch engagieren können in Darfur oder Zimbabwe, im Kongo oder in Kambodscha (übrigens eine Aufzählung, die höchst unvollständig ist!). Natürlich trifft zu, dass Menschenrechts-Engagement noch bei jedem Menschen auf Grenzen des Leistbaren stößt, von der Zeit her, von der Arbeitskraft her, von der geistig-seelischen Belastbarkeit her. Aber daraus das Indiz für einen Neo-Antisemitismus konstruieren zu wollen, was eigentlich ist das? Um Broders Antisemitismus-Verdacht zu entgehen, müsste ein jeder Menschenrechtler ein Übermensch sein, anzutreffen gleichzeitig an allen Krisenpunkten der Welt. Könnte uns Herr Broder sagen, wie das gehen soll?

„Antisemitismus und Antizionismus sind zwei Seiten derselben Münze“, formulierte Broder zum Abschluss seines Vortrags vor dem Innenausschuss des Deutschen Bundestages – ganz so, als ob in der israelischen Politik tatsächlich Zionismus realisiert würde und nicht eine Perversion desselben.

„Der (…) moderne Antisemit verehrt Juden, die seit 60 Jahren tot sind, nimmt aber lebenden Juden übel, wenn sie sich zur Wehr setzen.“

Als Selbstverteidigung also gibt Broder die menschenfeindliche und menschenrechtsfeindliche Politik der israelischen Regierung aus. Und sein letzter Rat an die Mitglieder des Innenausschusses lautete so:

„Überlassen Sie die Beschäftigung mit dem Antisemitismus à la Horst Mahler den Archäologen, den Antiquaren und den Historikern. Kümmern Sie sich um den modernen Antisemitismus im Kostüm des Antizionismus und um dessen Repräsentanten, die es auch in Ihren Reihen gibt.“

Damit hat sich, für Broder jedenfalls, der Kreis geschlossen; lediglich das antisemitische „Ressentiment“ gegen Israel ist von Belang, lediglich Kritik an der israelischen Regierung ist noch Antisemitismus, der ernstzunehmen ist. Antisemitismus, das ist Menschenrechts-Kritik an der menschenfeindlichen und menschenrechtsfeindlichen Politik des Staates Israel. Dies die Kernbotschaft des WELT-Journalisten. Und das bedeutet nichts anderes, als daß die UN-Menschenrechts-Charta vom 10. Dezember 1948 der furchtbarste antisemitische Text ist, der nach der Beseitigung des Nationalsozialismus auf deutschem Boden das Licht der Welt erblickt hat. Man fasst es nicht.

Das, was Ellen Diederich in ihren beeindruckenden Berichten während der letzten beiden Wochen hier auf hds geschildert hat, diese furchtbaren Auswüchse einer furchtbaren Politik, ist erbärmlich in seiner Erbarmungslosigkeit. Das humane Entsetzen darüber auch nur in die Nähe von Antisemitismus zu rücken, ist demzufolge selber von entsetzlicher Inhumanität. Und auch dieses sei deutlich gesagt: diese Brutalitäten der israelischen Politik, diese Menschendemütigungen und Menschenquälereien als Zionismus bezeichnen zu wollen, käme entweder einer unsäglichen Verharmlosung dieser Taten gleich oder einer Verteufelung des Zionismus. Broder hat an dieser Stelle in seinem Vortrag den Zionismus hineinverteidigt in einen menschenrechtsfernen Bereich. Aber der Zionismus wollte niemals eine solche Politik, und er benötigt sie auch heute nicht. Der originale Zionismus hat niemals in seiner Geschichte einen solchen Freibrief für Menschenrechtsverletzungen jedweder Art ausgestellt, und auch der heutige Zionismus ist nicht angewiesen auf einen solchen Freibrief. Der originale Zionismus bezog sich vor allem auf das Buch Jesaja im Alten Testament (Kapitel 2, Verse 3ff.), in dem Doppeltes verhießen wurde: Heimstatt für die Juden in Palästina und … Frieden zwischen den Völkern dort; die berühmte Wendung „Schwerter zu Pflugscharen“ findet sich hier. Der Rabbiner Jehuda Alkalay (1798 – 1878) verband in seiner Schrift „Höre Israel“ (1843) bereits vor Theodor Herzl seine zionistische Sehnsucht mit Ideen einer modernen demokratischen Politik. Und Herzl selbst, der eigentliche Begründer des Zionismus, wollte stets nur jüdische Ansiedlungen in Kongruenz mit dem Völkerrecht und träumte Zeit seines Lebens davon, dass auch die Araber einen neuen friedlich Staat Israel begrüßen würden, so unter anderem in seinem Roman „Altneuland“ (1902). Schon in der „Balfour-Deklaration“ vom 2. November 1917 wurde festgehalten, dass die Rechte der Palästinenser gewahrt werden müssten, und Chaim Weizmann, Vertreter damals der „World Zionist Organisation“, der WZO, und später der erste Staatspräsident Israels (1948/49 – 1952) stimmte dem ausdrücklich zu. Kurz:

Der militaristische, der aggressive, der expansionistische Zionismus, dem Broder in seinem Vortrag das Wort geredet hat, implicite, ist nicht der Zionismus schlechthin. Er stellt höchstenfalls eine bestimmte Fraktion innerhalb der zionistischen Bewegung dar.

Und was ist mit den Aggressionen der Gegenseite, mit den Kriegen diverser arabischer Länder gegen Israel, mit den furchtbaren Selbstmord-Attentaten von Palästinensern? – Nun, auch wenn es mein Thema hier nicht ist („Israelkritik gleich Antisemitismus?“), ist meine Antwort diesen Akteuren gegenüber klar: es darf keine aggressiv-eskalierende Politik geben, auch nicht von dieser, der anderen Seite aus! Gerade, indem ich diese doppelte Distanz zu einer Unrechts-Politik auf beiden Seiten formuliere, bekunde ich meine Nähe zu den Menschen hüben wie drüben.

Von Beginn an lebt der Staat Israel in Angst vor seinen arabischen Nachbarn, und es hat wahrlich Gründe gegeben für diese Angst, wieder und wieder. Doch die daraus erwachsene aggressive – oft auch präventiv-aggressive – Politik hat aufgrund der darauffolgenden Gegenaggressionen diese Angst objektiv wie subjektiv nur noch verstärkt. Die Angst-Aggressions-Spirale im Nahen Osten ist unverkennbar. Und die Juden und Palästinenser – beides „semitische“ Völker übrigens! –, diese beiden Parteien gleichen eigentlich einem einzigen Heer, das sich selber umbringt.

Annexionen und Enteignungen, Kriegshetze und Raketenangriffe, Erschießungen und Folter, Vertreibungen und Inhaftierungen, Verelendung und Schikanen, Attentate und Vorenthaltung von Bürgerrechten – egal, was wir uns anschauen: auf beiden Seiten sind von beiden Seiten aus furchtbare Wunden geschlagen worden, furchtbare Verluste an Menschenleben zu beklagen. Demütigungen und Kränkungen und Verletzungen und traumatische Erfahrungen sind eingegangen in die Geschichte der Familien auf beiden Seiten dieses entsetzlichen Konflikts. Aus subjektiven Gründen, aus Angst, vermehrt man fortdauernd auf beiden Seiten die objektiven Gründe für Angst, die Anzahl der bewaffneten Einsätze, die Anzahl der Attentate undundund. Auf beiden Seiten haben es demzufolge die Verständigungsbereiten und Friedfertigen ungeheuer schwer. Der Schmerz setzt noch dem Friedfertigsten zu.

Und was uns Menschen im fernen Europa betrifft, uns Deutsche vor allem: wir sollten die allerletzten sein, die den Juden in Israel – deshalb, weil sie einmal Opfer waren oder Nachfahren von Opfern sind – mehr Moral und Reife abverlangen als allen anderen Menschen auf dieser Welt. Nach der „Sonderbehandlung“ von einst also die Forderung nach einer „Sondermoral“ jetzt! Nein, es geht um Rückkehr zu einer menschenrechtsorientierten und friedensstiftenden Politik, zu der sämtliche Menschen und Nationen auf diesem immer enger werdenden Raumschiff Erde verpflichtet sind.

Humanität ist nicht teilbar und keine Lotterie. Gerade deswegen trifft die Aussage zu: die Maßstäbe der Humanität gelten für die Vergangenheit und die Gegenwart, sie gelten für alle Beteiligte an diesem Konflikt und für alle Menschen auf diesem Erdball, sie gelten – nicht zuletzt – auch für uns, für Außenstehende wie Broder und mich.

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