Nicht der Mühe wert, Herr Piketty!

PikettyKapitalThomas Piketty hat mit dem Mammut-Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ viel Furore gemacht. Eigentlich sollte man sich freuen, wenn jemand messerscharf erkennt, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht (ach ja?) und damit auch noch Erfolg hat. Georg Rammer ist dennoch nicht überzeugt, dass die Zeit für die Lektüre der über 900 Seiten gut investiert ist. Zu viel höhere Mathematik, zu wenig Anteilnahme am konkreten Schicksal der Betroffenen, wirft er dem Star-Autor vor.

Lieber Herr Piketty!

Sie haben sich ja wahnsinnig viel Arbeit gemacht! 912 Seiten! War das wirklich notwendig? Ich muss Ihnen leider sagen: Nein. Sie hätten es sich viel einfacher machen können. Angesichts der Begeisterung, die Sie mit Ihrem Wälzer ausgelöst haben, ist das sicher eine gewagte These. Aber oft ist ja so: Der Inhalt eines Werkes ist bescheiden, erstaunlich ist die Medienhype, die darum gemacht wird.

Nun, Sie offenbaren in Ihrem dicken Werk die wichtige Erkenntnis: Die Reichen werden immer reicher und die Armen haben nichts davon – im Gegenteil. Wissen Sie was? Ich, der ich ja gar kein Wissenschaftler bin, ich hätte Ihnen kiloweise Daten und rechtfertigende oder wütende Kommentare dazu liefern können: Ja, die Kluft wird immer größer, die Gier der Reichen kennt keine Grenzen und die Menschen am anderen Ende stürzen ins Elend.

Am anderen Ende? Das trifft es nicht: Die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung besitzt gerade mal 1,4% des gesamten Nettovermögens. Und die Reichsten, gerade mal 1%, besitzen mehr als 90% der Bevölkerung. Aber das ist doch nicht neu, Herr Piketty! Lesen Sie keine Zeitung? Haben Sie denn nichts von der Kampagne UmFairTeilen gehört? Oder von Blockupy? Inzwischen verkünden es sogar die Bastione bürgerlicher Leitmedien wie FAZ und Zeit und Spiegel: „Krasse Ungleichverteilung der Einkommen und des Vermögens ist gefährlich. Ein wahrer Billionen-Segen erfreut die Großerben.“ (Die Zeit)

Gestatten Sie mir eine Frage: Meinen Sie das ernst mit dem ganzen mathematischen Brimborium, mit dem Sie Ihr „Grundgesetz des Kapitalismus“ beweisen wollen? Anscheinend haben Sie es geschafft, damit sogar Nobelpreisträger wie den ehrenwerten Paul Krugman zu beeindrucken. In den „Blättern“ lobt er Ihr „opus magnum“, mit dem Sie „unseren Ökonomiediskurs verwandelt“ haben. Weil Sie nachweisen, dass „selbst heutzutage Kapital- und nicht Arbeitseinkommen an der Spitze der Einkommensverteilung vorherrschen.“ Wie bitte? Das soll neu sein? Auf einem mathematischen Gesetz beruhen?

Lieber Herr Piketty, so viel Naivität traue ich Ihnen nicht zu. Das ist doch keine Mathematik, das ist Kapitalismus! Ich glaube, der gehorcht nicht der Mathematik, sondern Ihr „Gesetz“ funktioniert, weil es Klassen und Herrschaft einer Elite gibt! Die machen eben die Gesetze so, dass Ihr „Gesetz“ hinten herauskommt. Sie haben doch sicher auch schon von Agenda 2010 und Troika und Austeritätspolitik gehört, oder? Na also. Und Herr Steinmeier erzählt noch heute den Arbeitgebern, dass es doch er und seine Partei waren, die mit ihren Steuergesetzen und der ganzen Deregulierung dafür gesorgt haben, dass es so ist wie es ist! Er ist immer noch ganz stolz darauf.

Gut, Sie können mir natürlich entgegenhalten, dass die Wirtschaftswissenschaft das alles nicht zur Kenntnis genommen hat. Da geb ich Ihnen recht. Seit Milton Friedman und seinen Boys aus Chicago und allen Nachfolgern auch bei uns in Deutschland wie Herr Sinn oder die Fünf Weisen gab und gibt es in der Tat nur noch die Weisheit des Marktes. Da hatte niemand mit einer abweichenden Meinung eine Chance, weder in der „Wissenschaft“ noch in der Politik. Aber auch das sollten Sie wissen, Herr Piketty, das sind eben keine Wissenschaftler, sondern Märchenerzähler, die von dem Wahnsystem sehr gut leben können. Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Neurotiker und einem Psychotiker? Der Neurotiker baut Luftschlösser, der Psychotiker wohnt darin – und der Psychiater kassiert die Miete. Das gilt offensichtlich auch für die Neoliberalen.

Das alles und noch viel mehr hätten Sie wissen können, lieber Herr Piketty, wenn Sie sich zum Beispiel mit der Zeitungsausträgerin unterhalten hätten, die bei mir im ersten Stock wohnt und nachts um halb vier aufstehen muss, vorsichtig, um die Kinder nicht zu wecken. Oder mit Millionen anderer Menschen mit ihren Niedriglöhnen und ihrer Wut auf die Steuerhinterzieher und Fondsmanager. Darf ich Ihnen einen Tipp geben? Gehen Sie mit offenen Augen durch die Welt. Und reden Sie mit den Leuten. Nur noch jeder 12. meint, dass es auf der Welt im Allgemeinen gerecht zugeht. Dagegen sagen vier von fünf BürgerInnen: Auf die Interessen des Volkes wird kaum Rücksicht genommen.

Hoffentlich sind Sie jetzt nicht enttäuscht, dass Sie die ganze Mühe umsonst auf sich genommen haben. Aber die geradezu hymnischen Ovationen (und die Einkünfte von dem Megabestseller) werden Sie sicher über die Enttäuschung hinwegtrösten. Ich meine, es ist nicht alles verloren; ab und an schimmert bei Ihnen auch die Erkenntnis durch, dass „keine Heuchelei zu groß ist, wenn die wirtschaftlichen und finanziellen Eliten ihre Interessen verteidigen müssen.“ Da kommen wir der Wahrheit schon etwas näher.

Hätten Sie nach einer kurzen Zusammenfassung der skandalösen Ungleichheit wenigstens einige Ideen skizziert, wie in dieser „kannibalischen Weltordnung“ (Jean Ziegler), in der „der Mensch als Konsumgut betrachtet wird“ (Papst Franziskus) und die Eliten „mit geballter Wucht einen Klassenkampf von oben inszenieren“ (Wilhelm Heitmeyer) die Herrschaft dieser Klasse gebrochen werden kann, ich hätte Sie für den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften vorgeschlagen. Wir wissen viel darüber, wie es in der Welt läuft. Der Milliardär Warren Buffet sagt es ganz offen: „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.“ Aber immer noch ist es nicht gelungen, das zu ändern.

Ihr
Georg Rammer

Showing 8 comments
  • Jakobiner

    Dass die Reichsten und eine Elite immer den grössten Abteil am „Nettovermögen“hatten ist ja schon seit Anbeginn des Kapitalismus so. Das soll keine Rechtfertigung sein, aber so zu tun, als seien die Vermögensunterschiede dieser krassen Art erst ein Produkt der Neuzeit, ist ja auch völlig daneben.Nebenbei: Im Feudalismus war es noch krasser…Was hat sich daran verändert? Die Frage ist auch: Hat sich der Lebensstandard der unteren Vermögensgruppen und der Arbeiterklasse und des Mittelstandes absolut verschlechtert oder nur relativ in Vergleich zu den reicher gewordenen Reichen? Die Formel „Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer“muss man ja mal darauf abklopfen, ob der Lebensstandard der Armen sich verschlechter oder verbessert hat, denn wenn der Reichtum exorbitant wächst, bedeutet dies ja vielleicht auch nur eine relative Verschlechterung des Verhältnisses, kann aber eine absolute Verbesserung gegenüber früher bedeuten.Mal überspitzt gesagt: Lebt ein Sozialhiolfeempfäner von 1949 in Deutschland besser oder schlechter als ein Sozialhilfeempfänger von 2014?Waren die Lebensverhältnisse in der VR China unter Mao gerechter oder ist der Lebensstandard der Arbeiter, Bauern, Mittelklasse vielleicht nicht doch seit Deng Xioapuings Wirtschaftsreformen seitdem gestiegen trotz oder gerade weil die Reichsten halt reicher wurden? Wenn wir dieses Buch und den ersten Kommentar ernsthaft diskutieren wollen, muss man darüber reden, ob man an den „Trickle-down-Effekt“der Globalisierung glaubt oder nicht.

  • Ella Janson

    05.07.2014 05:42:04 [T-Online]
    Elf Millionen Euro für null Tage Arbeit bei Schaeffler
    Während sich die Parteien in Deutschland bis zuletzt um den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde zankten und Wirtschaftsverbände dagegen Sturm liefen, zeigt ein Vorgang beim Autozulieferer Schaeffler, wie die Kohle in oberen Etagen großer Unternehmen zum Teil verpulvert wird. So bekommt der Beinahe-Chef Klaus Deller des fränkischen Konzerns – sozusagen für null Tage Arbeit! – elf Millionen Euro. Eine Summe, für die ein normaler Arbeitnehmer mit einem Jahresgehalt von 50.000 Euro 220 Jahre lang schuften müsste.
    http://www.t-online.de/wirtschaft/jobs/loehne-gehaelter/id_70096020/autozulieferer-schaeffler-elf-millionen-euro-fuer-null-tage-arbeit.html

    Leistung muß sich doch lohnen! Wenn alle Minderleister das begriffen haben, geht es ihnen zumindest psychisch wieder besser.

    Ist das Trickle- down oder Trickle – up? Dafür gibt es ja bald die Null-Euro-Arbeiter, ein Vorschlag aus der SPD übrigens, der Partei, die sich beim Guter Cop, schlechter Cop- Spiel für die Rolle des letzteren entschieden hat. Hauptsache weg von der Straße, damit die Down-under nicht aus Verzweiflung sich schaden und nach der Flasche greifen. In Hongkong soll es ja Käfigmenschen geben, die in einem kleinen einsehbaren Verschlag, nach getaner Sklavenarbeit, regenerieren dürfen. Käfighaltung ist besser als Bodenhaltung und nicht unbedingt schlechter als Freilandhaltung.

    Also so gesehen , gebe ich meinem Vor“schreiber“ völlig recht,denn alles ist relativ!

    Interessante, empfehlenswerte Lektüre: Der Text wurde vor 15 Jahren veröffentlicht und man kann ganz prima selbst überprüfen, warum es sich ausgedowntrickelt hat. Eine große Gruppe ist schon down, downer geht es nicht, sozusagen das gesellschaftliche Downsyndrom, und es gibt kontinuierlich Nachschub!
    http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit

  • Jakobiner

    Sieh an, die gute alte Krisisgruppe von Robert Kurz und ihr „Mainfest gegen die Arbeit“.Bobby ist inzwischen schon Geschichte–hier aus einem Nachruf auf ihn:

    Ein wesentlicher Kapitalismuskritiker Deutschlands stirbt: Robert Kurz ist tot

    Ein wesentlicher marxistischer Kapitalismuskritiker und Theoretiker der Linken ist als Opfer eines Ärztepfuschs in einem neu privatisierten Krankenhaus gestorben. Welch eine Ironie und welch ein Zynismus, dass ein Kritiker des Neoliberalismus, Kapitalismus und Arbeitsfetischismus dem Neoliberalismus selbst zum Opfer fällt. Der SPIEGEL veröffentlichte einen Kurzartikel über ihn, ansonsten herrscht bis auf einige Blogs und linke Insiderzeitungen (freitag, taz) Funkstille. Inhaltlich ist über Robert Kurz und die Krisis-Gruppe nicht viel zu lesen –wenn überhaupt dann in abstraktem Soziologendeutsch.Jeder kennt Zizek als gehypten Ideologieimport, doch wer kennt Robert Kurz?Daher soll einmal kurz erklärt werden, worin die wesentliche Innovation des Marxismus bei Robert Kurz und seiner Krisisgruppe samt der Zeitschrift Exit bestand.(http://www.exit-online.org/)

    Robert Kurz gehört zu der aussterbenden Spezies deutscher Linksintellektueller, die ihren Marx noch in allen drei Bänden original gelesen haben und Marxexegsen anstellen konnten. Daher lasen sich viele seiner Schriften sehr abstrakt-theoretisch und marxiologisch-soziologendeutsch, besonders, wenn es über das Wertgesetz ging. Deswegen hat er auch nie eine breitere Leserschaft gefunden, da der Typus Marxoriginalleser halt ausstirbt. Dennoch hat er seine lichten Momente gehabt, wenn er seine Theorie auch einmal in einfachen, verständlichen Artikeln verfasste.Bestes Beispiel: Das” Manifest gegen die Arbeit”. Wo liegt das Erwähnenstwerte von Robert Kurz?

    Der wesentliche Unterschied zu allen anderen Marxisten war, dass er die Vergötterung der Arbeit kritisierte. Für Kurz waren all jene Linken und sogenannte Arbeiterparteien nicht besser als ihre bürgerlichen und faschistischen Counterparts, da sie den Arbeitsfetischismus vergötterten. Ob nun protestantische Arbeitsethik, jakobinischer Arbeitsethos,Lenins Ausspruch „Wer nicht arbeitet, soll nicht essen“ bis zur SPD „Arbeit, Arbeit, Arbeit“—vom totalitären Anspruch des „Arbeit macht frei“ der Nazis waren all diese Bewegungen nie weit entfernt. So schrieb Kurz:

    „Die politische Linke hat die Arbeit immer besonders eifernd verehrt. Sie hat die Arbeit nicht nur zum Wesen des Menschen erhoben, sondern sie damit auch zum vermeintlichen Gegenprinzip des Kapitals mystifiziert. Nicht die Arbeit galt ihr als Skandal, sondern bloß ihre Ausbeutung durch das Kapital. Deshalb war das Programm sämtlicher “Arbeiterparteien” auch immer nur die “Befreiung der Arbeit”, nicht aber die Befreiung von der Arbeit.“

    Kurz sah den Hauptwiderspruch darin, dass alle Parteien und gesellschaftlichen Gruppen die Arbeit als Selbstwert vergötterten, die faktische ökonomische Entwicklung des Kapitalismus aber immer weniger Arbeit liefere—vor allem die Mikroelektronik würde dazu führen, dass alle Arbeitssubstanz wegrationalisiert würde, bzw. dass auf der einen Seite immer mehr Arbeitslast den immer weniger verbleibenden Arbeitenden aufgebürdet würde und andererseits immer mehr Überflüssige an den Rand der Gesellsclhaft und des Existenzminimums gedrückt würden.Der Kapitalismus lasse nicht zu, dass die Arbeitszeit für alle verkürzt werde, also die tendenzielle Befreiung von der Arbeit, sondern eben, dass immer weniger verbleibende Arbeiter immer mehr und länger arbeiten müssten, während immer mehr Leute aus dem Produktionsprozess ausgesteuert würden und über Sozialsysteme aufgefangen würden. Aufgrund des Terrors des Arbeitsfetischismus würde den verbleibenen mehr arbeitenden Menschen sowie den überflüssig gewordenen Menschen staatliche Repressionen zu teil, um diese gegeneinander auszuspielen, um den Arbeitsfetischismus aufrecht zu erhalten, der aufgrund der Wegrationalisierung der Arbeit wie auch das Versprechen auf Vollbeschäftigung immer mehr zur leeren Hülle wird.Kurz sieht diese Tendenz schon bei Fords Massenproduktion und sieht, wie der Kapitalismus immer mehr auf neue Sphären ausweicht: Auf Staatsverschuldung, auf eine New Economy, die auf Erwartungen von Gewinnerwartungen spekuliert, die diese gar nicht mehr einhalten können und nach dem Platzen der New Economy das letzte Ausweichmanöver in die Finanzindustrie und deren Finanzblase, die ebenso platzen muss. In der mikroelektronischen Revolution sieht er aber eine innere absolute Schranke des Kapitalismus gekommen, der zu dessen Kollaps führen würde. Ähnlich, aber anders als Max Otte in seinem Buch „Der Crash kommt“,, sah Kurz auch schon den Finanzcrash und alle möglichen Auswirkungen kommen: Repressive Polizeistaaten, die die Wegrationalisierten und Unzufriedenen unterdrücken, Rückkehr nationalistischen, religiösen und ethnischen Fanatismus, Auflösung der Staatsstrukturen, Umwandlung politischer Entscheidungsträger zu alleinigen Exekutivkräften des Marktes, etc.

    Was gibt es bei Kurz zu kritisieren: Zum einen, dass er eine Ende des Kapitalismus kommen sieht, obgleich dieser auch schon nach dem Finanzcrash 1929 totgesagt wurde und trotzdem wieder erblühte. Kurz hätte darauf wahrscheinlich geantwortet, dass 1929 die Welt noch nicht so globalisert wie heute sei und er damalige Crash nicht mit einem heutigen globalen Crash vergleichbar sei, da dieser viel weitergehende Wirkungen hätte. Die globale Ausweitung des Kapitalismus wäre eben auch sein Ende, da es keine Nische mehr gibt in dem sich das Wertgesetz und die Wegrationalisierung der Arbeit mehr vollziehen kann. Meine Ansicht: Die Welt ist bei weitem noch nicht globalisiert und es gibt immer noch genug Entwicklungsräume für den Kapitalismus. Dennoch hat Kurz recht, wenn er tendenziell darauf hinweist, dass auch der Kapitalismus mal auf seine globalen Grenzen stossen wird. Ob das in 30 Jahren oder 100 Jahren sein wird, lasse ich selbst einmal offen.

    Wo man aber eben mit Robert Kurz konform gehen kann, ist dass der Kapitalismus ein Krisensystem ist, der auch brutale Seiten hat, die regelmässig immer wieder aufbrechen und latent vorhanden sind.Und das kann eben grausame Entwicklungen hin zu sozialem Massenelend. Faschismus, Nationalismus, Islamismus, etc, , ja auch neuen Weltkriegen bedeuten.

    Zum anderen: Dass die Mikroelektronik nicht die letzte technologische Innovation und absolute Schranke des Kapitalismus sein wird, die Rationalisierungswellen auslöst und dass sich hier auch immer neue Arbeitskräfte ergeben—wie schon bei Fords Thin Lizzy. Zumal wenn sich neue Staaten wie China und Indien industrialisieren und die Globalisierung noch lange nicht ihr Ende erreicht hat, ergeben sich neue Spielräume.

    Zum dritten: Wenn man die Befreiung von der Arbeit fordert, kann man aber ebenso Müssiggang und wirtschaftliche Regression fordern.Die Frage bleibt also, ob die Marktwirtschaft nicht die erträglichste Form der Arbeit ist, zumal nicht alle Arbeit wegrationalisert werden kann und auch unbequeme Jobs bleiben, die man dann verteilen müsste und zumal die Planwirtschaften kein besseres Modell hervorgebracht haben—im Gegenteil. Robert Kurz wie auch die Krisisgruppe blieben die Antwort schuldig, wie denn eine neue Ökonomie anders aussehen sollte.Nur gegen Arbeitsterror zu sein, ist ja auch ein wenig wenig.

    Eine gute Quelle zum Verständnis von Robert Kurz ist sein Streitgespräch mit Karl Held (Marxistische Gruppe/Gegenstandpunkt), welcher ein scharfer Kritiker von Kurz und seiner Theorie von den vermeintlich absoluten Schranken des Kapitalismus und seines Kollapses ist –zu hören unter:

    Krise: Business as usual oder mit Volldampf in den Kollaps? Karl Held & Robert Kurz

    http://www.youtube.com/watch?v=M3ecFcCWZoY

    Warum sich Karl Held und Robert „Bobby“ Kurz bei allen Differenzen so gut verstanden, war die Gemeinsamkeit, dass sie nicht mehr auf die Arbeiterbewegung oder überhaupt noch auf ein revolutionäres Subjekt setzten, sondern nur noch auf Aufklärung durch Theorie, die sich nie in die niederen Gefilde des praktischen Klassenkampfes reinbegeben wollten.

  • Jakobiner

    Zu Ella Janson:

    1) Pitekky liefert doch nur statistsches Material zu den USA und sagt, dass die Einkommensungerechtigkeit zugenommen hat. Er sagt aber nichts zur absoluten Lage der „Underdogs“.Sind die schlechter als vor 10 Jahren oder vor Reagan oder nicht? Dies wird aus dem Artikel gar nicht erschliessbar.
    Ebenso, ob die Verallgemeinerung auf Deutschland, andere Staaten oder die Welt vorgenommen werden kann.Also,wenn ich auf diesen Relationen so rumreite, weil der Artikel über Pitekky keinerlei Orientierungshilfe dazu gibt.
    Und nun nehmen wir selbst einmal an, den deutschen Underdogs ginge es besser als 1949, dann ist wiederum die relative Frage, woran man dies bemisst. Soll der Lebenstandard von 1949 als Orientierungshilfe dienen oder aber nicht der gesellschaftliche Reichtum 2014?

    2) Die Frage, die sich eben auch stellt,wenn man schon mal Robert Kurz und sein Manifest gegen die Arbeit zitiert: Stimmt es denn, wenn Robert Kurz postuliert, dass mit der mikroelektronischen Revolution nur noch überflüssige Arbeitskräfte produziert werden und keine neuen Arbeitsplätze? Eigentlich wurde dies nach jeder technologischen Revolution prophezeit, aber die realen Verhältnisse haben eben neue Industrien mit neuen Arbeitsplätzen entstehen lassen.Das und anderes ist auch der Kritikpunkt von Karl Held (Theoretiker der Marxistischen Gruppe–inzwischen auch leider verstorben) , dass Robert Kurz und viele Linke die alte Zusammenbruchs- und Verelendungstheorie des Marxismus immer wiederkäuen und neu auflegen trotz des wirtschaftlichen Erfolgs des Kapitalismus.Auch fragt sich eben, warum es denn nie zu einer Revolution kam, wenn der Kapitalismus in den USA und der Welt nur Elend geschaffen haben. Das erklärt sich eben durchaus dadurch, dass die kapitalistische Globalisierung in breiten Teilen der Welt für eine Verbesserung der Lebsnverhältnisse gesorgt hat. Das bedeutet umgekehrt nicht, dass alee Probleme gelöst wären, es keine Armut, Land Grabbing, Einkommensungleichheiten,ökologische Zerstörung etc. gäbe, aber es bedeutet eben auch, dass Indien und China keine Hungersnöte mehr kennt, diese selbst in Afrika selten geworden sind, sich international eine breite Mittelschicht aufbaut, die Arbeietrklasse besser bezahlt wird trotz Wanderarbeit statt Geschuifte in der Landwirtschaft.usw.Die Frage ist auch, warum es im Kernland des Kapiatlismus, den USA, nicht zu revolutionären Erhebungen kommt, wenn Pitekky solche Einkommesdifferenzen aufzeigt.Aber das würde übersehen,was ich als erstes schon anführte: Dass die Einkokmensdifferenzen schon immer so stark waren und die Mittelschiocht und Arbeieterklasse aber dennoch ihren Anteil an dem enorm gewachsenen Reichtum erhielt.Dazu kommt noch im Falle der USA, dass die meisten Immigranten aus beschisseneren Verhältnissen kamen und vor ihnen flüchteten und den American Dream träumten.Deshalb hat auch der Rassenkrieg, die soziale Revolution in den USA nie stattgefunden, die immer prophezeit wird und wurde.

    3) Was ich an Pitteky zumal interessant finde: Er nenn seine Studie „The Capital in the 21st centuiry“ , also in Anspielung auf das Kapital von Marx (Karl und seinen christlichen Adepten Reinhard Marx).Hier offenbart sich auch ein anderer Zugang zum Thema: Pitteky ist in der Tradition des anglosächsischen posivititischen Empirismus, der sich vor allem auf Statistken stützt. Karl Marx hat sein „Kapital“ wirtschafts-philosophisch ohne Statistiken, sondern als logisches Gedankengebäude geschrieben, das die Arbeitswerttheorie im Zentrum hat, das Gesetz der tendenziell fallenden Profitrate als dynamische Triebkraft rausdestiliert und dann die Entwicklungsgesetze des Kapitalismus formuliert. „Capital in the 21st Century“scheint hingegen nur beweisen zu wollen, dass Einkommensunterschiede existieren, was in den USA wohl schon als gefährliche revolutionäre Erkenntnis gilt–aber eben ohne weiteren Tiefgang.

  • Jakobiner

    Dazu ist auch interessant, dass die Hauptkapitalismuskritiker gar nicht mehr aus den Reihen der Linken kommen, sondern aus dem Kapital selber. So etwa George Soros, der vor Spekulanten wie sich warnt und meint dass die staatliche Deregulierung, die im Sinne des Finanzklapiatls getroffen wurde, in riesige Finanzkrisen führe und daher Regulierung fordert. Man müsse Leute wie ihn selbst darabn hindern, solche Spekulationen vronehmen zu können.Oder Warren Buffet, der sehr offenherzig verkündte: „Natürlich gibt es einen Klassenkampf, aber von oben nach unten und wir gewinnen ihn“–dies nicht nur als zynisches Machtbekenntnis, sondern auch mit der Forderung Finanz- und Unternehmenssteuren zu erhöhen.Man kann dies schizophren nennen, man kann dies auch als Vorgefühl der Kapitalisten sehen, dass wenn sie es zu heftig treiben, ein neues 1929 wieder die Folge sein wird.Jedenfalls warnen Kapitalisten inzwischen mehr vor sich selber als viele Linken dies noch tun.

  • Jakobiner

    ^Man kann jetzt das Nichtstattfinden von Revolutionen mittels Repression erklären, mittels geheimdienstlicher Aktivitäten wie die NSA-Präventivaufklärung der NSA, BND, Verfassungsschutzes,etc. zur Copunterinsurgency. Man kann es sich aber eben auch mit dem Trickle-down-Effekt der Globalisierung erklären und dem, was Leinin die „Verbürgerlichung der deutschen Arbeiterklasse“durch Sozialstaat, Krnakenversicherung und andere Massnahmen der k<pitalistischen Staaten nannte.Wahrscheinlich ist es ein Zusammenspiel aus beidem.Aber das Ausbleiben vo sozialen Erhebungen, gar Revolutionen hängt eben schon mit dem Trickle-Down-Effekt zusammen.

  • Jakobiner

    Zuletzt noch: Ernest Mandel hatte mal in den 70er Jahren sein Buich geschrieben „Monopolkapitalismus in den USA“, in dem er behauptete, dass die US-Wirtschaft durch 8 Familien kontrolliert werde: Den Morgans, den Rockefellers, den Fords, etc.Schon damals wurde von einem Neofeudalismus gesprochen.Nun würde mich interessieren: Wieviele „Familien“kontrollieren denn heute die USA? Sind es denn nur Familien oder eben nicht AGs oder das Finanzkapital? Haben sich die USA entfeudalisiert?
    Auch ein interessanter Bericht auf ARTE: Park Avenue 740 in New York–die teuerste Immobilie, in der der Kapitaladel sitze. Zuvor noch als Rockefeller- und Standard Oil-Gebäude betitelt, haben nun Goldmann Sachs. J.P.Morgan, Blackstone und anderes Finanzkaoital dieses repräsentative Gebäude bezogen. Also Umschichtungen innerhalb des Kapitals. Aber die Pitteskystory, dass die USA in den früheren Zeiten sozial egalitärer gewesen wären, untermauert dies gerade nicht.

  • Jakobiner

    Allerzuletzt noch: Oft wird ja gesagt, der Kapitzalismus verwandele sich in einen Monopolkapitalismus und in einen Neofeudalismus..Was diese Leute immer mit ihren “Monopolen”haben.Erstens meint ihr damit bestenfalls Oligopole, Kartelle, Trusts,etc. Zweitens gibt es immer Zentralisations- und Konzentrationsprozesse, aber eben auch gegenläufige Bewegungen.Drittens entstehen auch immer wieder neue Industrien und neue Unternehmen, die gesamte New Economy spricht dafür oder eben der Aufstieg des Airbus trotz des damaligen Monopols von Boeing.Desweiteren kommen noch die ganzen emerging markets, russische, chineische, indische,etc. Betriebe neu zum Weltmarkt, was eine neue Dynamik reinbringt–weit entfernt von “Monopolen”..Viertens gibt es dann auch immer wieder staatliche Gegenreaktionen gegen zuviel “Monopol”/Oligopolbildung. Damals gegen Rockefellers Standard Oil, die zerschlagen wurde, dann gegen die IG Farben, die zerschlagen wurde, möglicherweise demnächst Google, da es 80% des Marktes an Suchmaschinen inzwischen kontrolliert und die Kritik lauter wird.
    Ihr stellt euch den Kapitalismus immer als feudalistsiches System von Monopolen ala Lenin vor.Marx hat dieser Auffassung immer wiedersprochen. Das ist auch der inhaltliche Bruch zwischen Marxisten und LeninistenWas mich an dieser “Monopolkritik”zum einen nervt, ist die Vorstellung, dass der Kapitalismus eine Verantsaltung sei, die neofeudalistisch durch Monopole geprägt sei und daher nicht die Dynamik der Konkurrenz hätte. Zum zweiten und noch viel wesentlicher. Die “Monopolkritik”ist oft eine kleinbürgerliche Kleinstproduzentenkritik.Egal ob man eine Wirtschaft kommunistisch oder kapitalistisch oder als Mischform organisiert: Für die meisten Grossprojekte und viele Grossproduktionen können eben nur wenige Grossbetriebe diese Produkte herstellen und man kann sie nicht in Kleinproduktion, womöglich noch Manufakturen herstellen.Eine moderne Industriegesellschaft ist im wesentlichen-egal ob kommunistisch oder kapitalistisch–durch Grossbetriebe gekennzeichnet.Daher bedeutet die Kritik an “Monopolen”oft auch Kritik an der massenindustriellen Grossproduktion und wird esoterisch. Dies wurde auch mal in einem Artikel über Futurismus anhand der damaligen Neuen Linken gut dargestellt–Zitat:
    “ANTIAUTORITÄRE NEUE LINKE und die APOLITISCHEN ALTERNATIVEN.
    Diese wiederum hatten zwar zum Motto »weder Ost noch West«, ergingen sich aber dann nur in »Antiautorität«, »Spontaneität« und selbsteitler »Individualität«, die erst einmal bei sich anfangen wolle und »erweitertes Bewusstsein« mittels Sex & Drugs & Rock&Roll als revolutionierendes Subjekt benannte (Langhans: »Was kümmert mich Vietnam, solange ich Orgasmusschwierigkeiten habe«). Was irgendwie klein, dezentral, spontan, selbstbestimmt, bewusstseinserweiternd, Nische im patriarchalen Technoschweinesystem und der bösen großen Welt gedeutet wurde, war von daher GUT. Marx war hier manchmal Stichwortgeber, aber las man doch lieber seinen Rudi Dutschke, Ernst Bloch, Lucas, Adorno & Horkheimer, Bakunin, Proudhon, T. Leary, Satre, schmauchte Hanf oder schmiss einen Trip, organisierte sich dann in der Anti-AKW-Bewegung, Ökobewegung für Frieden, Liebe – überall und nirgendwo zugleich. Motto: ja nicht organisiert, hatte man doch verständlicherweise die alten ML-Gruppen mit ihrem demokratischen Zentralismus satt. Technik war per se nun im Kontrast das BÖSE. Landkommune, Ökobauerhof, Selbstgehäkeltes und Ghandispinnrad, WG für Urbane und andere Großstadtindianer. D.h. die sog. Neue Linke war das Abziehbild der sog. Alten Linken – nur mit anderem Vorzeichen.Böse Grossproduktion versus idyllisch-romantischer Kleinstproduzenten.”
    http://www.streitblatt.de/streitblatt/sb9/futurismus.html

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