Fernsehkritik: „Let’s got“ von Michael Verhoeven

Liebe zwischen Täter- und Opfernachfahren (Alice Dwyer, Max von Thun) - darf es das geben?

Liebe zwischen Täter- und Opfernachfahren (Alice Dwyer, Max von Thun) – darf es das geben?

Wenn sich Michael Verhoeven eines Stoffes annimmt, der sich mit dem Schicksal von Juden unter dem Schatten des Holocaust beschäftigt, werde ich hellhörig. Hatte Senta Bergers Gatte doch mit „Die Weiße Rose“ in den 80ern einen wahren Klassiker geschaffen, geadelt u.a. durch die Filmmusik Konstantin Weckers. Gemessen daran, war es lange zu still um den Regisseur gewesen, der u.a. drei Folgen der gelungenen Psychologen-Serie „Bloch“ inszenierte. Verhoeven hat auch das Drehbuch zu „Let’s go“ geschrieben, der Stoff lag ihm sicher sehr am Herzen. Im Vergleich zu anderen Filmen über jüdisches Schicksal im Deutschland der 20. Jahrhunderts fällt auf, dass hier fast nur die Nachwirkungen des Traumas erzählt werden. Juden im Nachkriegsdeutschland – das ist eine im Film bisher fast unerzählte Geschichte.

Um es vorweg zu nehmen: Insgesamt finde ich den Film, der am Freitag (verspätet) im ZDF lief, wunderbar. Die Regie zeigt den wahren Meister, tolle Bilder, die in ein warmes Licht getaucht sind, toller Einsatz von Musik und ein paar „Inszenierungs-Besonderheiten“, die jedoch nicht zu verstiegen wirken. Schon die ersten beiden Szenen nehmen einen ganz gefangen: Der Vogel, der zum Fenster hereinfliegt und von den beiden jüdischen Eltern liebevoll wieder hinausgeleitet wird. Die Hauptfigur Laura im Flugzeug, wobei schnell und wirksam der „Plotbeginn“ erklärt und gleichzeitig noch die Spießigkeit der Nachkriegsepoche aufgespießt wird. Das schöne Gesicht von Hauptdarstellerin Alice Dwyer scheint mühelos Tränen hervorzudrücken und zwischen verschiedenen Gemütsstimmungen zu wechseln, wozu sie hernach noch viel Gelegenheit haben wird.

Im Mittelpunkt stehen Juden, KZ-Überlebende, die in Deutschland geblieben sind. Warum? Und welchen Preis haben sie für ihre Entscheidung gezahlt? Vereinfacht gesagt, zeichnet der Film folgenden Konflikt: Juden verbargen ihr Jüdischsein aus Angst vor einer vielleicht noch immer feindlichen Umwelt. Sie entfremdeten sich dadurch ihrer Identität, während gleichzeitig die Traumatisierung – gerade weil sie nicht offen gelegt und bearbeitet wurde – weiter schwelte und an die Nachkommen weitergegeben wurde.

Im Film werden sowohl deutscher Rest-Antisemitismus als auch jüdische (bei direkten Opfern gut nachvollziehbare) Deutschenfeindlichkeit in eindrucksvollen Szenen gezeigt. Beispiel: das jüdische Mädchen Laura spielt in einer Weihnachts-Kinderaufführung die Jungfrau Maria. Eine ältere deutsche Frau sagt: „Mussten die ausgerechnet ein jüdisches Mädchen nehmen?“ Maria, die Mutter Jesu, war aber Jüdin – absurd. Oder: Ein deutscher Mann rettet der kleinen Laura das Leben, indem er sie aus dem Wasser zieht. Lauras Vater – anstatt dankbar zu sein – weist den Retter brüsk vor die Tür. Er empfindet es als Schande, sich von einem Deutschen retten zu lassen. Gleichzeitig möchte er jedoch keinesfalls aus Deutschland in die USA ausreisen. Als Laura (Alice Dwyer) erwachsen wird, verlagert sich der Konflikt auf die Frage, ob sie als Nachkriegsjüdin einen Angehörigen des Tätervolks lieben darf – keine leichte Situation für alle Beteiligten. Schließlich heiratet sie ihren Jugendfreund, den Juden Gabriel, der mit ihr in die USA auswandert.

Die Details machen die Qualität des Drehbuchs von Verhoeven aus. Bis hin zu Ding-Symbolen wie der David-Statue des Donatello (die wohl für den Kampf des jüdischen Volkes gegen eine bedrohliche Übermacht steht). Ein wenig fehlt der Geschichte der „große Schwung“. Sie wird zwar ausgezeichnet und mit einigen überaus bewegenden Szenen zu Ende gebracht, zwischendurch scheint die Handlung aber ziellos und ohne den „typischen“ Drehbuch-Spannungsaufbau dahinzutreiben. Verhoevens Film „Die Weiße Rose“ enthielt diese Spannung natürlich wegen der historisch überlieferten Ereignisse ganz automatisch. (Übrigens muss der Verhoeven-Kenner auch hier nicht auf das vertraute Gesicht von Lena Stolze, seinerzeit „Sophie Scholl“, verzichten.) Die Handlung glänzt also mit vielen schönen Details, es fehlt aber ein wenig am dramaturgischen Schwung und am „roten Faden“. Gerade dies vermittelt aber ein Gefühl von Realität, denn menschliches Leben (speziell über einen Zeitraum von Jahrzehnten) verläuft meist eher episodisch, nicht wie ein „Thriller“.

Hauptdarstellerin Alice Dwyer (bekannt u.a. durch einen anderen Film über die Folgen der Nazi-Verbrechen, „Die verlorene Zeit) bewältigt ihre anspruchsvolle Rolle bestens. Sie strahlt viel Mitgefühl, Melancholie und sanfte Ergriffenheit aus, dabei aber auch manchmal Lebenslust und Verschmitzheit. Naomi Krauss ist als Mutter ebensogut besetzt und hatte die schwere Rolle der traumatisierten, durch die Ereignisse emotional gleichsam schockgefrorenen Jüdin auszufüllen – eine Frau, die nicht mehr an das Leben glaubt und ihre Kinder deshalb scheinbar lieblos behandelt. Etwas weniger gut besetzt fand ich Maxim Mehmet als Vater. Den hat Michael Verhoeven wohl von seinem Sohn Simon Verhoeven, Regisseur der eher leichtgewichtigen Komödie „Männerherzen“, übernommen. Mehmet macht seine Sache zwar recht ordentlich, aber sein jungenhaftes Deutschkomödiengesicht wirkt bei einem solchen Stoff ähnlich deplatziert wie Matthias Schweighöfer als Marcel Reich-Ranicki. Hier hätte man sich eine eindrucksvollere (und etwas ältere) Persönlichkeit gewünscht.

Obwohl man sich über die zähe Vorliebe der Generation von Verhoeven für das Thema „Juden und Drittes Reich“ wundern kann, packen mich derartige Stoffe doch immer wieder. Geschichten von unschuldigen Opfern bringen ein Stück bitterer Wahrheit über das menschliche Potenzial zum Vorschein, ebenso aber starke Emotionenen und berührende Szenen über gegenseitige Hilfe, Zusammenhalt und Überlebenswillen in existenzieller Not. Beispiele aus deutscher Filmproduktion waren in jüngster Zeit „Wunderkinder“ (mit Konstantin Wecker) oder „Ende der Schonzeit“ (mit Brigitte Hobmeier). Gerade, weil man sich als Deutscher von Juden ja ab und zu als „zu streng“ im Sinne einer Kollektivschuld behandelt fühlt, hilft der Film, deren Psychodynamik besser zu verstehen. Er zeigt auch das Spannungsfeld zwischen dem Festhalten an religiösen Traditionen und dem Wunsch, „normal“ in der umgebenden deutschen Bevölkerung aufzugehen. Zwischen Sich-Verstecken aus tief sitzender Angst und dem trotzigen Bekenntnis „Ja, ich bin Jude“. Selbst in aktuellen Diskussionen über Israel und Antisemitismus kann man (obwohl Israel im Film kaum ein Thema ist) einige jüdische Positionen vor diesem Hintergrund etwas besser verstehen.

Ein zentrales Thema des Films ist aber vor allem die „Sekundärtraumatisierung“ der nachfolgenden Generationen, die beispielhaft an der Figur Laura gezeigt wird. In einer Szene klagt eine Jüdin auf Opferrente, obwohl ihr gesundheitlich scheinbar nichts fehlt. Indem sie den Schatten, der auf der Seele ihrer Eltern lastet, mit tragen musste, sei auch sie zum Opfer geworden, sagt sie. Lauras Vater (Maxim Mehmet) versteht anfangs nicht, was sie meint, die Tochter (Alice Dwyer) versteht es sehr wohl. Hatte sie noch kurz zuvor gegen ihre Mutter aufbegehrt („Ich kann nichts dafür, dass du im KZ warst“), so findet sie schließlich zu einer versöhnlichen Haltung. Es ist nicht ihre Schuld, dass der Schatten existiert, aber auch die Elterngeneration kann nichts dafür. Durch gegenseitiges Verständnis und Aufdeckung aller relevanten – auch der schmerzhaften – Wahrheiten, können die entfremdeten Generationen wieder zueinander finden.

Comments
  • Shanna

    Ich gucke nicht viel TV und demzufolge nur ganz bestimmte Sendungen, und den Titel hatte ich in der schnellen Übersicht mit „Lets go“ in Triviale sortiert. Durch Zufall hatte ich dann doch noch die letzten 20 min. gesehen – und war schwer beeindruckt: ein wirklich rundum wichtiger und sehr sehenswerter Film – sowohl was Handlung und Darsteller/innen betrifft wie insbesondere dieses Thema. Denn das schwere Trauma betrifft eben nicht allein diejenigen, die es selber erlebt haben – sondern auch noch die nächsten Generationen. Das sollte niemals vergessen werden und betrifft alle Überlebenden totalitärer Herrschaft und Terror.

    Ich finde es diesbezüglich auch wichtig, dass Leute, die solchen Terror selber nicht erlebt haben – anstandshalber den Mund halten, wenn sie die Betroffenen mit angebliche notwendiger „Versöhnung“ torpedieren, anstatt mit Empathie beim „Aufräumen“ behilflich zu sein….

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