In Ellen Diederich, Politik (Ausland), Politik (Inland), Spiritualität
Wüste in Nevada: Unter diesem Himmel bekommt man ein Gefühl für die Größe des Universums

Wüste in Nevada: Unter diesem Himmel bekommt man ein Gefühl für die Größe des Universums

Ellen Diederich hat Konstantin Weckers Buch „Mönch und Krieger“ gelesen. Für sie der Anlass, ihm einen Brief zu schreiben. Bei Religionen sieht sie überwiegend deren deformierende Wirkung auf den menschlichen Geist. Aber auch sie kennt das Gefühl, „in etwas Größerem aufgehoben“ zu sein: in weiter Landschaft, beim Singen von Liedern und in der Gemeinschaft mit gleichgesinnten Aktivist/innen, die – oftmals unter großen Gefahren – für eine gerechte Sache eintreten. Freilich ist der größte Feind mystische Gipfelerlebnisse die unbarmherzige politische Realität.

Lieber Konstantin,

ich lese das Buch Mönch und Krieger, das Du zuletzt geschrieben hast. Ich lese es langsam, will verstehen, warum Du diesen, wie ich finde, merkwürdigen Titel, gewählt hast. Ich habe keine christliche Erziehung gehabt, zum Glück kann ich sagen. Die Ängste, die Du eindrucksvoll beschreibst, sind an mir vorbei gegangen.

Wenn wir zu den Aktionen jeweils Anfang Januar in Köln gegen Kardinal Meißner und seinen Soldatengottesdiensten gingen, bin ich zweimal auch in den Dom gegangen. Ich wollte hören, was der Kardinal zu sagen hatte. Etwa 2.000 NATO Soldaten aller Waffengattungen kommen in den Dom. In der ersten Reihe jeweils der aktuelle Verteidigungsminister mit devoter Verbeugung vor Meißner. Meißner sagte z.B. „Einem Gott lobenden Soldaten kann man guten Gewissens die Waffen überlassen, denn in betenden Händen sind die Waffen sicher“. Wir haben eine Dokumentation zu den Soldatengottesdiensten gemacht.

Ich bekam geradezu Erstickungsanfälle, weil ich oben in der Kuppel mit einem Mal die Seelen all der Opfer der Katholischen Kirche sah, die Frauen, die als Hexen verbrannt wurden, die der indianischen Menschen aus den Amerikas, die heilige Elisabeth von Marburg, die auf Befehl ihres Beichtvaters Konrad von Marburg sich zu Tode geißelte, und andere. Ich habe viele Jahre gegenüber der Elisabeth Kirche in Marburg, heute eine protestantische Kirche, gewohnt, erst sehr spät von ihrem wirklichen Schicksal erfahren.

Aber eben auch, wenn ich an die Verbrechen denke, die den Kindern gegenüber gemacht wurden und werden, wie Angst bei ihnen erzeugt wird, abgesehen von den sexuellen Gewalttaten. Ich musste den Dom schnell verlassen, auch der Protz und Reichtum widerten mich an.

Zu einer Aussage aus dem Teil, den ich bis jetzt gelesen habe, bin ich anderer Meinung. Auf S. 36 sagst Du: „Die mystische Erfahrung hat niemals mit Inhalten zu tun, von denen andere meinen, dass wir an sie glauben sollten. Immer geht es darum, was wir selbst erlebt haben. Nur da, wo man sich selbst erfahren kann, beginnt ja das Leben überhaupt interessant zu werden. Wo man nicht nur über sich nachdenkt – was notwendig ist -, sondern wo man die Vernunft transzendiert. Wo man in eine Wirklich eindringt, die aus mehr als dieser Rationalität besteht.“

Ich komme aus einer ganz anderen Tradition, aus einer sozialistischen Familie. Ich habe sehr früh über die Kämpfe gehört, vor allem auch durch die Lieder. Meine Mutter hat immer mit mir gesungen, ich kannte sehr früh die „Volkslieder“, aber auch die Moorsoldaten, die Internationale u.a. Keine Klassik, was ich schade finde.

Ich muss das nicht alles selber erleben, ich habe früh über die Zusammenhänge gehört, kann es als Teil einer Geschichte begreifen, in der ich aufgehoben bin. Das gilt für die großen Balladen aus Irland, z.B. über Kevin Barry, „Women of Ireland“ und viele andere, „Venceremos“, „El pueblo unido“ aus Chile, „Grandola Vila Morena“ aus Portugal. Das Lied und die politische Entwicklung die es ausdrückt, haben mich dann später animiert, öfter nach Portugal zu fahren, um zu sehen, was das bedeutet. Heute bei den Demonstrationen gegen die Auflagen der EU wird Grandola wieder gesungen, berichtete mir eine portugiesische Freundin. Ich war bei Aktionen vor dem Gefängnis, in dem Otelo de Carvalho, ein Symbol der Nelkenrevolution, eingesperrt war, habe mit für seine Freilassung demonstriert, war in Grandola.

Lieder wie „Mujer del Vietnam“ und „Los dos pigeones morenos“ von meinem Lieblingssänger Ali Primera aus Venezuela gehören dazu. Die Inhalte seiner Lieder sind revolutionär im guten Sinne, weil er ausspricht, was ist, eingebettet in eine Poesie, die grandios ist, seine Melodien sind zum dahin schmelzen, seine Stimme geht mir bis in die Fußspitzen. Leider ist er sehr früh durch einen Unfall gestorben. Hugo Chavez hat kurz vor seinem Tod noch beantragt, dass Ali Primera zum Nationalerbe von Venezuela erklärt worden ist. Das ist auch geschehen. „We shall overcome“, das meiste von Pete Seeger, aus seinen Dokumentationen über die Lincoln Brigade, „Strangers and Cousins“ von der Welttournee mit seiner Familie, die Lieder der US-amerikanischen Arbeiterbewegung. Er hat uns mit seinen Liedern so viel über Geschichte und Zusammenhänge erklärt!

Ich habe, zum Glück(!) nicht alle die Zustände selber erleben müssen. Aber ich verstehe sie, sie sind ein Teil von mir geworden im Bewusstsein davon, dass es Bewegungen waren und sind, die sich für Ziele einsetzen, für die auch unsere Anstrengungen heute sind.

Eines meiner Lieblingslieder aus der Frauenfriedensbewegung ist: „We are gentle, angry women, and we are singing, singing for our lives“! (Wut und Zärtlichkeit).

Zweimal war ich beim Michigan Women’s Music Festival. Einmal im Jahr treffen sich an die 10.000 Frauen in den Wäldern von Michigan, um eine Woche lang Musik zu machen und zu hören, Filme zu sehen, Diskussionen zu führen. Die Begrüßung bei der Ankunft ist: „Welcome home!“ Eine Zeltstadt wird aufgebaut, die eine Ahnung davon gibt, wie es sein wird, wenn Frauen mehr in die Stadtplanung gehen. Wie für Behinderte gesorgt werden kann, für Kranke, wie es ist, wenn wir die Hüllen fallen lassen können, weil alle Frauenkörper ohne Scham gezeigt werden können,
groß, klein, dick, dünn. Wie auch bei kleinen Beschwerlichkeiten für Freude gesorgt werden kann, wenn in den langen Schlangen vor der Essensausgabe keine Langeweile aufkommt, weil immer irgendwelche Frauen Clownin spielen oder Szenen aus Theaterstücken. Wenn alle mithelfen bei allen Arten der Arbeit und wenn überall Musik erklingt. Chöre und Spirituals, Rockmusik, Punk, Liedermacher auftreten. Holly Near hat dort gesungen, Ronnie Gilbert, beide Mitglieder von HARP, der berühmten Gruppe, Holly Near, Arlo Guthrie, Ronnie Gilbert und Pete Seeger.

Alle diese Erfahrungen sind Erfahrungen des Aufgehobenseins in einer weltweiten Bewegung, die sich gegen Herrschaft und Krieg, für Menschenrechte, Frauenemanzipation und den Erhalt das Planeten historisch und heute eingesetzt hat und einsetzt.

Ich muss das nicht alles selber erlebt haben. Das alles ist Teil von mir, meine Geschichte, die Geschichte meiner Vorfahren. Sie haben als einfache Menschen gekämpft. Wenn man in den Tagen des Women’s Music Festival in den Wäldern ist, man Tag für Tag, Nacht für Nacht überall Musik, Lieder hört, Freundlichkeiten begegnet, dann ist da ein großes Glücksgefühl, ein Gefühl von „Aufgehoben sein“. Das ist mehr als Mystik!

Es gibt zum Teil mystische Erfahrungen, bei Verhaftungen „We shall overcome“ zu singen, um die Angst zu brechen oder:

You can forbid nearly everything,
but you can’t forbid me to think
and you can’t forbid my tears to flow
and you can’t shut my mouth, when I sing.

You can forbid nearly everything
But you can’t forbid me to dream
And you can’t forbid my laughter to soar
And you can’t shut my mouth when I sing.

Oder
Hand in hand the line extend
all around the nine mile fence
thirtythousand women sing
Bring the message home:
Carry Greenham home ….

als die dreißigtausend Frauen den Zaun von Greenham Common umarmten, der die Cruise missile einschloß, damit den tausendfachen Tod und ihn in einen Zaun des Lebens verwandelten. Blumen, Kinderkleider, Wünsche, Bilder wurden in den Zaun hineingeflochten. Das englische Wort „arm“ hat ja die doppelte Bedeutung: Arm und Waffe. „Arms are for linking“, Arme sind zum Umarmen, haben die Frauen gesagt.

Das war eine sehr mystische Erfahrung!

Oder als wir eine Blockade in Mutlangen machten, in der ersten Reihe alles ehemalige Gefangene aus deutschen Konzentrationslagern in ihrer Häftlingskluft und wir sangen: „No more Hiroshima, no more Nagasaki, what we want is Peace.“ Ich redete mit den US Soldaten, versuchte klar zu machen, dass wir ihren „Schutz“ durch die Pershing II nicht wollten. Es gibt einen Film über viele dieser Erfahrungen.

Tagelang haben wir vor der Nato in Brüssel gesessen, nachdem wir zu Fuß dort hin von Dortmund aus gelaufen waren. Wir wollten unbedingt mit den Generälen sprechen und sind nicht weggegangen, bis sie uns empfangen haben. Lennon’s „All we are saying, is give peace a chance“ und „Imagine“ haben wir gesungen immer und immer wieder. Das wurde dann zur mystischen Erfahrung.

Die wurde allerdings schnell aufgehoben, als wir dann endlich rein durften und jede von uns 6 Frauen einen Bewacher mit MG bekamen und wir gründlich durchsucht wurden.

Die größte mystische Erfahrung habe ich im Atomtestgebiet in Nevada gemacht. Dort haben wir zusammen mit Menschen aus der indianischen Nation der Shoshone, die dort seit Tausenden von Jahren leben, Aktionen gegen die Tests gemacht. Den Shoshone ist das Land widerrechtlich enteignet worden. Sie haben im 19. Jahrhundert die Erlaubnis gegeben, eine Eisenbahnlinie durch ihr Land zu bauen. Später hat die US Regierung dann ein großes Stück Land beansprucht, um das Atomtestgebiet dort zu bauen. Die Erlaubnis haben die Shoshone nie gegeben. Das beanspruchte Land ist etwa so groß wie Dänemark. Die US Regierung hat den Preis Mitte des 20sten Jahrhunderts nach dem Wert berechnet, den die Weißen zurzeit der Eisenbahnlinie, also etwa 100 Jahre zuvor, angenommen hatten. Da die Shoshone das Land nicht verkauft haben, das ist nach ihrer Tradition unvorstellbar, hat die US Regierung das Geld auf ein Bankkonto getan. Die Shoshone haben es nicht angerührt. Inzwischen ist das ganze Gelände atomar verseucht. Die Tests waren zunächst oberirdisch. Es sind Krater entstanden, die eine ähnliche Struktur haben, wie die auf dem Mond. Die US-Astronauten haben es als Testgelände für ihre Mondflüge genutzt. Später waren es unterirdische, heute subkritische Tests.

Die Shoshone haben uns eingeladen. Ich habe ein Permit, dass ich mich auf ihrem Land aufhalten darf. Wir haben gemeinsame Aktionen gemacht, sind verhaftet worden. Das Gelände gehört nicht zum US Militär, sondern zum US-Energieministerium. Bewacht wird das Gelände von der privaten Sicherheitsfirma Bechtel. Das ist die Firma, die auch im Irak einen Großteil der privaten „Sicherheits“Kräfte stellt. Die Bewacher sind schrecklich. Sie fahren in ganz flachen, langen, offenen Autos, fast liegend, durch das Gelände. Sobald wir versuchten, den Zaun zu überqueren, jagten sie uns, nahmen uns fest, auch die Shoshone.

Die Stiftung, mit der ich so lange zusammen gearbeitet habe – Foundation for a compassionate society – hat das Geld gegeben, im Oktober 1992, zum 500sten Jahrestag der Kolumbus Landung in den Amerikas ein großes Stück Land in der Nähe des Testgebietes zu kaufen und es den Shoshone zurück zu schenken, damit sie dort einen Ort haben, von dem sie nicht mehr vertrieben werden können. Ein kleines Stück haben wir behalten. Dort ist aus Lehm und Stroh ein kleiner Tempel errichtet worden. Er ist den Göttinnen aller Zeiten gewidmet. Die Göttinnenfiguren haben ja für die Kulturen immer bestimmte Frauenbilder symbolisiert. Der Tempel ist zu den vier Himmelsrichtungen und nach oben hin offen. In der Mitte ist eine Feuerstelle.

Bilder und Statuen der Göttinnen vieler Kulturen sind dort aufgestellt. Große Statuen von Madre del Mundo und Sekhmet, die in den unterschiedlichen Regionen Ägyptens entweder Göttin des Krieges, der Krankheit, der Heilung und der Fruchtbarkeit, war. (Mönch und Krieger?) Sie hat eine menschliche Gestalt und einen Löwenkopf.

Unsere Tage am Testgebiet fingen gegen 4 Uhr morgens an. Wir bildeten einen Kreis, ein Feuer in der Mitte, wir gingen, eher tanzten um das Feuer, es wurden Melodien gesungen, Tabak angezündet. Der Kreis bewegte sich so lange, bis die Sonne auf ging.

Die Shoshone zeigten uns, wie sie so viele Jahre mit der unwirtlichen Natur gelebt haben. Tagsüber ist es sehr heiß, nachts um den Gefrierpunkt. Im Sommer gibt es in den Ebenen kein Wasser, sie mussten in die Berge. Die Bergketten sehen aus wie zu Stein gewordene große schwarze Wellen. Die Shoshone lehrten uns, zu sehen, dass die Wüste nicht leer ist, zeigten uns die Pflanzen, erklärten, welche zur Nahrung taugten, zeigten uns die Tiere, die hier überleben.

Einander ganz nah zu sein, war hier möglich. Lieder spielten eine große Rolle. Das war gut für mich. Ich war vorher mehrfach während des Bosnienkrieges dort, habe viel mit den vergewaltigten Frauen und der Misere danach zu tun gehabt, wurde unendlich traurig. Ich hatte die Lieder verloren, konnte nicht mehr singen.

Dort, in Nevada, habe ich die Lieder wieder gefunden. Hier lernte ich u.a. „We are gentle, angry women, and we are singing, singing for our lives …“ – Wut und Zärtlichkeit –

Ich lud Angela Davis in das Testgebiet ein, stellte sie Corbin Harney, dem spirituellen Sprecher der Shoshone vor. Leider gibt es immer noch zu wenig Berührung zwischen den afroamerikanischen und den indianischen Bewegungen, so ist jeder Kontakt wichtig. Angela hatte mich nach Fasias Tod eingeladen, eine Zeit lang bei ihr in Oakland zu verbringen.

Es waren Menschen aus allen Kontinenten, die zu den Aktionen kamen. Sie kamen aus Hiroshima, einige waren LKW Fahrer, die in den Atomminen gearbeitet hatten, wir aus unserem Kampf gegen die Stationierung von Atomwaffen in Europa, engagierte Menschen aus Australien und UmweltaktivistInnen, die sich mit den Shoshone verbündeten.

Wir brachten die Statue „Madre del Mundo“, geschaffen von der indianischen Künstlerin Marsha Gomez, in das Testgebiet. Die Landschaft ist so weit, so großartig. Die Sonne, der Mond und die Sterne sind jeden Tag in ihrer ganzen Schönheit, aber auch in der Härte der Hitze der Tagesmitte und der Kälte der Nacht zu sehen. Ich bin überhaupt nicht religiös aufgewachsen. Aber hier spürte ich, dass ich Teil von etwas Größerem bin, von Unendlichkeit. Eine sehr tiefe, sehr mystische Erfahrung.

Aber auch hier brach die Mystik, wir wurden mit den politischen Realitäten konfrontiert. Die Bechtel-Leute sind brutal. Wir wurden verhaftet, in offene Käfige gesperrt, ohne Wasser, der Sonne ausgesetzt. Dann in Busse verfrachtet und irgendwo, viele Kilometer entfernt, ausgesetzt.

Wir gaben nicht auf, kamen wieder und wieder. Fuhren nach Las Vegas, das ist die nächst größere Stadt, machten Öffentlichkeitsarbeit über Radio und Fernsehen. Bei den Shoshone und im „größten Vergnügungszentrum“ der Welt, in Las Vegas, sind die Krebserkrankungen wesentlich höher als sonst in den USA.

In den letzten Wochen haben wir erfahren, daß es große Programme gibt, um neue Atomwaffen zu entwickeln. Einen Teil dieser Arbeit wird durch die Commerzbank finanziert.

Wann hört der Wahnsinn auf? Wir haben doch nur ein Wasser, eine Luft, eine Mutter Erde.

Viele Grüße
Ellen Diederich

Leave a Comment

Start typing and press Enter to search