Offener Brief an Wolf Biermann

Wolf Biermann und Rudi Dutschke: Würden sie sich heute noch verstehen?

Wolf Biermann und Rudi Dutschke: Würden sie sich heute noch verstehen?

Ellen Diederich schreibt an Wolf Biermann unter dem noch frischen Eindruck von dessen Auftritt vor dem Deutschen Bundestag. Ellen kannte Wolf schon sehr lange, seine Lieder gaben ihr einmal Mut und Trost im politischen Kampf. Das scheint jetzt vorbei. Streicheleinheiten holt sich Biermann mittlerweile von CDU und SPD, in deren Konzept des Linken-Bashings sich der Liedermacher perfekt einfügt. Was ist nur aus dir geworden, Wolf? „Uns bleibt, was gut war und klar war“ – und es leider nicht mehr ist.

Lieber Wolf,

doch ich nenne dich noch so. Als ich Dich zum ersten Mal sah, warst Du unendlich traurig, damals, im November 1976, ein paar Tage nach Deiner Ausbürgerung in Wallraffs Wahnsinnsbüro, wo Du Unterschlupf gefunden hattest. Alle paar Minuten klingelte das Telefon, so viele Menschen wollten etwas von Dir oder Dir Trost geben. Ich besuchte Dich mit einem Freund aus Paris, der für Liberation ein Interview machen wollte. Du hattest Angst, wusstest nicht, ob, wie und wann Du Deine Frau, FreundInnen und Angehörige wieder sehen würdest. Es war Dir kalt. Ich schenkte Dir meine bolivianische Wollmütze. Ein paar Tage später schriebst du mir einen Brief, in dem Du über Deine Befürchtungen erzähltest. Der Brief schloss mit den Worten: „Und ich wohne jetzt in deiner Wollmütze.“ Ich freute mich, dass sie Dir ein kleines bisschen Wärme geben konnte.

Wir setzten Himmel und Hölle in Bewegung, machten Flugblätter, sammelten Petitionen, Unterschriften, schickten sie an die DDR Regierung, diskutierten öffentlich, forderten die Rücknahme der Ausbürgerung. Ich bekam Ärger mit der DKP in Marburg, wo ich zu der Zeit lebte. Es ging bis hin zur Androhung von Prügeln, weil ich das Biermann Komitee initiiert hatte. Das Gegeifere in der Zeitung UZ war an Widerlichkeit nicht zu überbieten.

Letzte Woche sah ich einen Ausschnitt Deines Auftritts im Bundestag und bin richtig erschrocken. So ein eitles Gehabe eines Menschen, um den ich und viele andere sich mal sehr gesorgt haben, es macht mich fassungslos. Was ist mit Dir passiert?

Erinnerst Du dich noch? An damals, den 13. November 1976, den Tag an dem Du zum ersten Mal in der Bundesrepublik, in Köln, ein Konzert geben konntest? Mein Freund Jakob Moneta, zu der Zeit Chefredakteur der Zeitung der IG Metall, hatte es mit Hilfe der Gewerkschaft geschafft, Dich nach Köln einladen zu können. Deine Lieder, die Du in der DDR geschrieben und gesungen hast, begleiteten uns schon lange, sie waren Teil unserer Widerstandsaktionen.
Vom ersten Lied an ging es um die Freiheit – „nehmt euch die Freiheit, sonst kommt sie nie“-, um den aufrechten Gang, um Lebenslust und Poesie. Seine Lieder waren frech und zart, gefühlvoll und messerscharf. Und er passte in keine politische Schublade. Als antiautoritärer Linker lag er quer zum realen Sozialismus, dem er die sozialistischen Ideale als Spiegel vorhielt.

„’So oder so – die Erde wird rot‘ eröffnete er und berief sich dabei auf Marx: Die Menschheit findet entweder einen Weg zum Kommunismus oder sie versinkt in Barbarei.“ Das schrieb Ralf Fücks, heute Heinrich Böll Stiftung. Wir hatten ein Gespür für Ehrlichkeit, Deine Lieder waren zu der Zeit ehrlich, Du konntest über Deine Erfahrungen und Gefühle in guter Form und treffend berichten, so dass es sehr eingängig war, was Dir und vielen anderen passiert ist. Sie waren Mut machend und bedeuteten Trost.

Ja, auch wir brauchten das hier. Wir lebten in der Bundesrepublik Deutschland ja nicht auf der Insel der Seligen, wenn wir in den Widerstandsbewegungen engagiert waren. Gegen den Vietnam-Krieg, die Atombewaffnung, die Notstandsgesetze, den Besuch und die Hofierung des Schahs von Persien, den Bau von Atomkraftwerken, gegen die Berufsverbote, die Startbahn West, für Frieden, für Frauenemanzipation, für eine andere Kindererziehung, für Schulen und Universitäten, die allen Kindern und StudentInnen gleiche Chancen geben sollten.

Wie oft kam meine Post aufgerissen an, im Umschlag irgendwelche idiotischen Reiseprospekte, die Briefe und Flugblätter nicht mehr drin. Wie oft war mein Telefon tot, wenn ich Veranstaltungen mit Rudi plante. Rudi und ich haben Dich in Hamburg besucht, über vieles diskutiert.

Und ihn, Rudi, meinen Freund und Geliebten, haben sie vor allem über die Bild-Zeitung so in das Schussfeld gestellt, dass dieser verblendete junge Mann, der Neonazi Josef Bachmann, tatsächlich drei Kugeln auf ihn abgab.

Erinnerst Du Dich an die Lieder, die Du am Tag seiner Beerdigung im Audi Max der Berliner Universität gesungen hast? Oder hast Du auch die Lieder aus der Zeit abgelegt?

Erinnerst du Dich noch, Wolf?

„Drei Kugeln auf Rudi Dutschke. Ein blutiges Attentat.
Wir haben genau gesehen, wer da geschossen hat.
Ach Deutschland, Deine Mörder. Es ist das alte Lied.
Schon wieder Blut und Tränen.
Was gehst du denn mit denen?
Du weißt doch, was Dir blüht.“

Und Du hast gesungen:

“Mein Freund ist tot. Und ich bin zu traurig,
Zu traurig, um große Gemälde zu malen.
Sanft war er, sanft, ein bisschen zu sanft.
Wie alle echten Radikalen. …“

Erinnerst Du dich? An die Eiseskälte am Tag der Beerdigung? An unsere Fassungslosigkeit? Daran, dass wir als Linke keine Rituale haben, wenn jemand gestorben ist? An das große lange Gedicht, das Erich Fried an dem Tag für Rudi gemacht hatte?

“Was ich von dir gelernt habe
bleibt jetzt vielleicht zu wenig
Aber ich hätte vielleicht von dir schon genug gelernt
wenn ich nichts von dir gelernt hätte außer das eine:
Dass Freiheit Güte und Liebe sein muss
und dass Güte und Liebe
Freiheit sein müssen. Und wirkliche Güte und Liebe
nicht nur ein Begriff von Güte und Liebe
denn sonst bleibt auch die Freiheit nur ein Begriff.
Und dass der Kampf um Freiheit und Güte und Liebe
nicht ohne Freiheit und Güte und Liebe geführt werden kann.“

Als ich Deinen Auftritt im Bundestag gesehen habe, stellte ich mir vor, ich hätte das zusammen mit Rudi angesehen. Ich denke, Rudi hätte versucht, es zu verstehen, wie er immer versuchte, zu begreifen, was sich hinter dem Verhalten zeigt. Aber ich denke, das, was da letzte Woche geschah, ist nicht mehr zu verstehen. Dein eitles Gehabe, deine unwichtigen Gefechte mit der Partei „Die Linke“. Rudi und ich waren nie dem System des „Realen Sozialismus“ nah, wo „alles real ist, nur nicht der Sozialismus“, wie Rudi immer gesagt hat. Ich höre seine gute heisere Stimme, ich denke, er würde Dich fragen: „Mensch, Wolf, was machst Du da?“

Haben wir keine anderen Probleme als die Partei „Die Linke“? Kennst du eigentlich Menschen, die dort arbeiten? Die, die ich bei Friedens- und Frauenaktionen, im Kampf gegen Hartz IV kennen gelernt habe, sind von dem ehemaligen DDR System weit entfernt.

Haben wir nicht viel eher Probleme mit dem, was Erich Fried so beschrieb: „Wir, die reichen Länder werfen alle drei Tage eine Atombombe, alle drei Tage sterben so viele Menschen an Hunger, dem Mangel an sauberem Wasser und dem Vorenthalten von Medikamenten, wie beim Abwurf der Atombombe auf Hiroshima gestorben sind.“ Und das sind vor allem Kinder, Wolf. Ich mache seit 52 Jahren Friedensarbeit, bin in vielen Kriegsgebieten gewesen, habe diese Arbeit nicht aus dem sicheren Abstand der Theorie, des Geldes, der Wissenschaft oder der Kunst gemacht. Ich bin hingegangen, habe versucht, zu begreifen, was das heute bedeutet: Krieg. Auch, um den Menschen, die jetzt in der Situation sind, zu zeigen: Ihr seid nicht allein. Ich habe Mütter im Arm gehalten, denen das Kind verhungert, gerade gestorben war. Wir sind auch an diese Orte gegangen, weil wir zeigen wollten: Wir nehmen das wahr, was Euch geschieht, wir versuchen Öffentlichkeit herzustellen. Dabei sind wir selber in Situationen gekommen, in denen wir dachten: Jetzt ist es auch für uns soweit.

Besonders viel gelernt haben wir bei den Weltfrauenkonferenzen. In Nairobi kamen wir aus der Hochzeit der Friedensbewegung in Europa gegen Atomwaffen -nach Afrika, um uns dort mit 14.000 Frauen aus der ganzen Welt zu treffen. Ja, sagten die Afrikanerinnen, Euer Kampf gegen die Atomwaffen ist wichtig. Bei uns gibt es eine andere Waffe, die täglich tötet. Das ist der Hunger. Sie nennen, wie ich finde, berechtigterweise, den Hunger: Waffe.

Vielleicht hattest du nie die Gelegenheit, an unseren Anstrengungen, Feindbilder abzubauen, um einen drohenden Atomkrieg zu verhindern, teilzunehmen.

Nachdem wir bei der Weltfrauenkonferenz in Nairobi das Friedenszelt als den Ort organisiert haben, an dem Frauen aus so genannten Feindesländern in den Dialog kommen konnten, stellten wir fest, dass so viele Missverständnisse, Vorurteile, Kriegsvorstellungen auch damit zusammenhängen, dass wir zu wenig über „das Leben der Anderen“ wissen. Wir entschieden uns nach Nairobi, in die Länder zu fahren, die man uns als Feindesländer deklariert hatte. Der Prozess des Abbaus von Feindbildern, insbesondere mit den Ländern in Osteuropa, war ein langer, mit vielen unterschiedlichen Bemühungen, Treffen, Aktionen und auch Rückschlägen. Da war der Versuch, in die Gipfelgespräche zwischen Reagan, später Bush und Gorbatschow in Genf, Reykjavik, Malta, Washington die Friedensvorstellungen der Frauen einzubringen. Da waren die regelmäßigen Treffen von Frauen aus allen Nato und Warschauer Pakt Ländern. Da war die Einladung von Gorbatschow an 3.000 Frauen aus der ganzen Welt, sich eine Woche lang im Kreml zu Friedensgesprächen zu treffen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Kremls so viele Frauen dort, es war schon ein ungewöhnliches, gutes Bild. Da waren die Fahrten durch die Länder Osteuropas, bei denen wir viele Hundert Menschen trafen, Menschen, die teilweise den 2. Weltkrieg noch erlebt hatten und solche, die sich aktuell aktiv für Frieden einsetzten.

Die Feindbilder lösten sich Stück für Stück auf, die Begegnungen waren berührend, vor allem für uns als Deutsche, die wir unmittelbar mit den Zeugnissen der Verbrechen der deutschen Wehrmacht in diesen Ländern konfrontiert wurden. Und wir lernten, der Krieg ist nicht vergessen, sondern tief im Bewusstsein der Menschen. Trotzdem erfuhren wir Freundlichkeit und keine Feindseligkeit. Diese Erfahrungen haben unsere Anstrengungen und Friedenssehnsucht bestärkt.

Wir waren hoffnungsvoll. Spätestens mit dem Fall der Mauer dachten wir: Ja, jetzt sind wir ein großes Stück weiter. Und heute, mit einem Mal gibt es es wieder: Das Reich des Bösen, wird das Kriegsgeschrei täglich lautender und bedrohlicher.

Um das zu begreifen, versuchen wir, uns die Prozesse der Globalisierung klar zu machen, die Gier. Es gibt Stimmen, die uns in der Analyse helfen, so die von Susan George. Sie ist eine der Initiatorinnen von attac, sagte bei einem Treffen in Stockholm:

„Wenn man das Arbeitsvermögen weltweit betrachtet, so sind in den nächsten zehn Jahren etwa die Hälfte der Menschen überflüssige Menschen. Und sie müssen auf die eine oder andere Weise von dieser Erde verschwinden.“ Als ich das hörte, traf mich ein Schock, ich dachte: Ja, genau das geschieht ja längst, durch Hunger, Kriege, die wir, die reichen Länder, in unserem Interesse anstiften, durch Krankheiten, die leicht heilbar wären, durch die Verseuchung und die Privatisierung von Wasser, durch die Zerstörung der Ozonschicht, den Klimawandel, dem Bau von immer mehr Atomkraftwerken und neuen Generationen von Atomwaffen, der Zerstörung vieler natürlicher Ressourcen für unsere Gier nach immer mehr Produktion von Dingen, die wir nicht brauchen, der Globalisierung in all ihren Facetten.

Auch wenn Du Dich nicht mehr als Linken siehst, wie auch immer Du Dich jetzt bezeichnest, ich meine, diese Probleme gehen Dich etwas an, egal, wie Du zur Linken stehst. Sie gehen jedes lebende Wesen an.

Und Deine Umarmung mit Angela Merkel setzt meinem Unverständnis die Krone auf. Sie war zu der Zeit, in der Du nicht auftreten durftest FDJ Funktionärin in der DDR. Sie ist, als inzwischen „mächtigste Frau der Welt“ an vorderster Stelle an den Verbrechen des Kapitalismus, den Kriegen, den Waffenlieferungen, der Beschneidung der Lebensmöglichkeiten von Millionen Menschen in der EU und weltweit beteiligt. Die BRD ist auf Platz 3 der Weltrangliste an Waffenexporten. Unter der Leitung von Frau Merkel.

Was hat Rudi Dir damals gesagt: „Wolf, Du bist denen noch zu nah, die Dich aufgenommen haben und Dich seit Jahren bei der Stange der Isolation halten, bist nicht mehr nahe genug denen, um die es bei der Sozialismus-Frage geht, den Beleidigten, Erniedrigten, von der Entfremdung nicht frei gewordenen.“ (Rudi Dutschke, Offener Brief an Wolf Biermann, 28.4.1976 in: Wolf Biermann, Liedermacher und Sozialist, Hamburg, 1976, S. 72.)

Nah denen, die an den Machtzentralen der DDR vorgaben, für eine pervertierte Form des Sozialismus zu sein. Du wolltest so gerne anerkannt sein. Und heute? Wem bist du heute nah?

Damals versuchtest Du noch, Dein Auftrittsverbot während des Festivals der Jugend in Ostberlin endlich zu durchbrechen. Du schriebst das Che Guevara Lied, reichtest es ein, batest um Erlaubnis, auftreten zu können. Es wurde Dir verwehrt, Du sangst es trotzdem auf dem Alex. Die von uns kritisierte Zeile im Refrain blieb:

„Uns bleibt, was gut war und klar war,
dass man bei Dir immer durchsah
und Liebe, Hass und nie Furcht sah,
Commandante Che Guevara.“

Wenn wir das sangen, hieß es: „Und Liebe, Hass und auch Furcht sah …“ Die Heldenverehrung der Linken war mir immer ein Rätsel, genau wie das Schwadronieren von Dir über „den Wohlklang der Stalin Orgeln, die Eleganz automatischer Raketen in Ho Chi Minhs Himmeln, die Schönheit der Maschinenpistole über der Schulter eines Guerilla Kämpfers.“ Nein Wolf, Wohlklang, Eleganz und Schönheit sind keine positiven Begriffe im Krieg. Das kann man nur aus dem sicheren Abstand der Kunst so beschreiben.

Ich habe mich viele Jahre um vergewaltigte Frauen aus Bosnien gekümmert, mit den Müttern der Verschwundenen in El Salvador zusammengearbeitet, war während des Krieges dort und in anderen Kriegsregionen, habe Frauen aus der Guerilla kennen gelernt, deren Familien man abgeschlachtet hatte.

Carmen wurde von sechs Soldaten vergewaltigt, sie haben ihr eine Brust abgeschnitten. Lauras Mann, ein Gewerkschafter, wurde an einem Hubschrauber aufgehängt und ins Meer geworfen. Sie selber wurde von den Todesschwadronen geholt, gefoltert und vergewaltigt. Annas vierjährige Tochter wurde nach unserer Reise durch Europa, um über Salvador aufzuklären, mit Absicht von einem Militärfahrzeug angefahren und schwer verletzt. Die Liste kann ich endlos weiter schreiben. Da ist kein Platz für Wohlklang, Eleganz und Schönheit. Die Frauen hatten sich entschieden zu kämpfen aber mit dem Bewusstsein, dass sie von der nächsten Stunde an lieber etwas anderes machen möchten. Sie haben nicht noch die beschissene Lage heroisiert.

Ja, wir brauchten Deine Lieder, auch wenn wir einiges kritisierten, hielten uns an Texten fest, sie gaben uns Luft. So u.a.:

„Warte nicht auf bessre Zeiten
Warte nicht mit deinem Mut
Gleich dem Tor, der Tag für Tag
An des Flusses Ufer wartet
Bis die Wasser abgeflossen
Die doch ewig fließen.“

Deine Lieder und die von Walter Mossmann gaben uns zu der Zeit ein Stück politisches Zuhause. Es kamen andere SängerInnen aus Deutschland dazu: Der frühe Degenhardt, Fasia, Konstantin Wecker, vor allem auch internationale Künstlerinnen, Ali Primera aus Venezuela, Pete Seeger, Bob Dylan, Joan Baez aus den USA, Victor Jara und Inti Illimani aus Chile, Mercedes Sosa aus Argentinien, Mikis Theodorakis und Maria Farantouri aus Griechenland, Miriam Makeba aus Südafrika, José Alfonso aus Portugal, um einige zu nennen.

Und ein Stück politisches Zuhause zu bekommen, war notwendig, denn wir wurden bedrängt. Ein halbes Jahr ging Zivilpolizei vor unserem Haus auf und ab, als ich im Sekretariat des Rus-sell Tribunals zur Lage der Menschenrechte in der BRD arbeitete. Es war, soweit ich weiß, das einzige Mal, dass in Bonn überlegt wurde, ob es möglich wäre, uns, den Mitarbeitern des Tribunals, die bürgerlichen Rechte abzuerkennen. Wir griffen im Tribunal die Berufsverbote auf, die Beschneidung der Verteidigerrechte, die Bedingungen in den Gefängnissen, Stammheim usw. Nie mit der Intention, die Politik der RAF zu rechtfertigen, im Gegenteil.

Das mit der Polizei vor unserem Haus war für meine Kinder sehr schlecht. Freunde von ihnen durften auf einmal nicht mehr bei uns schlafen.

Ja, wir hatten Reisefreiheit, sofern wir Geld hatten, zu reisen. In den Kabaretts konnte offen über die Regierung polemisiert werden. Die Bespitzelungen durch die Geheimdienste hier kamen erst langsam heraus. Ich habe meine Verfassungsschutzakte bis jetzt noch nicht sehen können. Ich hätte gerne, vor allem nach dem, was im Kontext der Neonazis jetzt heraus kommt, einen Ort, wo wir mal dort hineinsehen können, was alles über uns gesammelt wurde.

Deine Lieder bestärkten uns, dann zum Beispiel, wenn wir unter den Druck der Wasserwerfer geraten sind, verprügelt und durch die Polizei, festgenommen wurden.

Zum Beispiel an diesem 13. November 1976, Deinem großen Tag in Köln. Es war auch der Tag der ersten großen verbotenen Demonstration gegen den Bau des Atomkraftwerks Brokdorf. Wir brauchten kein Tschernobyl und kein Fukushima, um den Wahnsinn der Atomkraft zu begreifen. Trotz der Verbote waren an die 40.000 Demonstranten gekommen. Es war unendlich kalt, ein schneidender Wind fegte über die flachen, bereiften Felder und Wiesen der Wilster Marsch. Es war der Tag, an dem ich die Angst vor Hubschraubern gelernt habe. Die Hubschrauber umkreisten uns, kamen runter, die Mannschaften sprangen heraus und jagten uns zu den Wasserwerfern und prügelnden Polizisten. Es gab viele Verletzte und Festnahmen.

Abends, wieder zuhause, wurde Dein Konzert aus Köln übertragen. Ich war allein, in der WG war niemand sonst zuhause. Ich saß, eingehüllt in Decken, wurde äußerlich wieder warm und empfand den Wärmestrom, der so selten vom Fernsehen für uns ausgeht, er wärmte das Innere. Das Publikum in Köln ging mit jeder Deiner Bewegungen und Deiner Bewegtheit mit. Und Du hast gesungen, als ob Du all die Jahre des Auftrittsverbotes nachholen wolltest. Und wir wollten Dich hören und sehen. Und Du wurdest von uns getragen.

In einem Brief an Dich hatte Rudi versucht, zu beschreiben, wie er Freundschaft sah: „Es handelt sich insoweit immer um geladene, immer wieder latent in Bereitschaft stehende Interessen, Träume und Phantasien, um schaffen zu können. Es geht um Arbeit und Leben in voller Mannigfaltigkeit. Freundschaft wäre somit Ausdruck der Tätigkeit von schaffenden Freunden und Freundinnen, (Genossinnen und Genossen) usw. In der Geschichte als Aufeinanderfolge von Generationen erfolgen also immer wieder sinnlich-unmittelbare Prozesse der Sammlung von Erfahrungen, Interessen, Bedürfnisse, um arbeiten, leben und lieben zu können. Wenn sich zwar durch die Gattungsgeschichte der Menschheit eine gewisse Kontinuität von Freundschaft im allgemeinen zieht, so ergibt sich dennoch, so würde ich sagen, dass die je besondere Produktions- und Daseinsweise spezifische Freundschaftsverhältnisse, besondere Verkehrsformen ergibt, neue Inhalte und Widersprüche prägend sind. Erst in diesem Kontext hat sich die Schaffenskraft der Freundschaft zu entfalten, kann sich aber auch gleichermaßen der ‚Keim des Zerfalls‘ anbahnen. D.h. jene Leere, jene Phantasielosigkeit, in welcher man sich nichts mehr zu sagen hat. Dann sind Schonzeit und Distanz überfällig, neue Diskussionen und neue Beziehungen notwendiger denn je.“
(Rudi Dutschke, ebenda, S. 68 ff.)

Das ist das Stadium, das jetzt endgültig erreicht wurde, Schonzeit und Distanz sind überfällig. Die Tendenzen waren schon lange zu sehen.

Wolltest Du im Bundestag jetzt noch einmal im Mittelpunkt stehen wie damals? Das ist gründlich schief gelaufen. Oder vielleicht auch nicht für Dich. Wie ich sah, hattest Du viel Beifall von der CDU und der SPD. Vielleicht genügt Dir das ja jetzt. Endlich angekommen im Schoß der Mächtigen.

Herzlichen Glückwunsch oder Beileid, wie Du willst.

Mir bereitete dieser Auftritt wirklich Ekel. Die guten Lieder haben einen bitteren Beigeschmack bekommen, so bitter, dass ich sie nicht mehr hören möchte. Aber die meisten habe ich noch immer in meinem Gedächtnis, kenne sie auswendig. Sie bleiben.

Adios Wolf

Ellen Diederich, Oberhausen, 18.11.2014
Friedensa@aol.com

Showing 25 comments
  • Siewurdengelesen

    Das ist nur Füttern eines Trolls und schenkt Wolf Biermann mehr Aufmerksamkeit, als er inzwischen verdient.
    Hoffentlich war die Aktion im Bundestag sein letzter großer Auftritt, jeder blamiert sich halt, so gut er kann.

  • Piranha

    Es ist vor allem der Ekel, der überdauernd bleibt.

    Den Sekundärgewinn haben zugleich die „Zonenwachtel“ und das „Kuckucksei“ samt Konsorten mit der öffentlichen Demontage Biermanns.

  • Harzpeter

    Vielleicht möchte er auf seine alten Tage ja auch nur endlich mal ebenfalls auf der „Siegerseite“ stehen…

  • Sledgehammer

    Herr Biermann erweckt, so man sich auf Spurensuche begibt den Eindruck, als sei es ihm von jeher bei seinem Buhlen um Bedeutung, primär um Anerkennung durch den jeweiligen Machtkomplex gegangen.
    Seine Rolle als Protegé („kleiner Bruder“) von Margot Honecker liegt bis heute weitgehend im Nebel, ebenso wie die konkreten Umstände seiner Ausbürgerung.
    Vielleicht hat sein Bruder ja recht, als der ihm einst süffisant unterstellte, dass Wolf Biermann wohl inzwischen über zuviel Grund- und Immobilienbesitz in Hamburg verfüge, um sich seiner Wurzeln zu erinnern und über die Jahre glaubhaft zu bleiben.

  • Tonton

    Wenn auch sein Auftritt im Bundestag recht Geschmacklos daher kam und sein gestriger Auftritt bei Jauch recht demaskierend wirkte, so sollte ihn doch keiner dafür verurteilen.
    Scheinbar ist sein Weg, den er so konsequent beschreitet, notwendig, … sicherlich ist er es!

  • eulenfeder

    …ein GROSSARTIGER brief – Liebe Ellen – sicher bist Du nicht nur enttäuscht, es wird auch weh tun.
    ich bin auch immer gleichermassen entsetzt wenn ‚alte freunde‘ sich derart vebogen haben dass sie nicht mehr zu erkennen sind.
    die ‚ideale‘ für die man gelebt hat – waren sie echt ?, wenn derart verschwunden ?
    mit der zeit kann man müde werden – vom ständigen ankämpfen im gegenwind, möchte ein bischen ruhe auch, aber sich verleugnen deswegen – das ist furchtbar anzusehen – ich spüre dann oft stolz in mir – aufrecht geblieben geblieben zu sein.
    Danke auch dass Du hier so persönliches offenbarst.

  • Schwiegertochter

    es ist immer wieder traurig, (und leider auch peinlich)
    zu sehen, wie sich alte Leute verändern,
    und wie schnell der geistige Verfall voranschreitet,
    sobald man/frau es erst mal erkannt hat.

    nach dem was Wolf Biermann gestern bei Jauch gesagt hat,
    hatte ich eine herbe Errinnerung,
    meine Schwiegermutter ist für ähnliche Worte im Pflegeheim „ruhiggestellt“ worden …

    Liebe Ellen Diederich,

    ich denke, Wolf Biermann wird den Brief gar nicht mehr verstehen …

    ansonsten meine Lieblings-Buch-Titel zur Zeit:

    von Idioten umzingelt,
    von Psychopathen umgeben

  • sisifus

    Liebe Ellen Diederich,

    vielen Dank für Ihre wunderbaren Worte, die mich an meine Jugend erinnert haben. Ich war in Köln auf Wolf’s Konzert von der Gewerkschaft veranstaltet. Wie hat uns Wolf damals aus der Seele gesungen, es waren auch noch einige Chilenen da, es hatte 1972 der Putsch in Chile stattgefunden. Wie oft habe ich damals Victor Jara gehört, Mercedes Sosa, Intillimani…gehört. Tief erschüttert.
    Als ich Wolf Biermann im Bundestag im TV erlebte, war ich entsetzt. Als
    er Angela Merkel und Gauck umarmte, hat es mich geschüttelt.
    Wie kann sich ein Mensch so verbiegen? Wie kann er denen, die uns
    immer noch mit ihrer Macht ausbeuten und vor allem dieses neue Feindbild aufbauen, jeden Tag, immer mehr, dass ich wieder Angst habe
    vor so einer Enwicklung und davor was noch entstehen kann.
    Sie haben mich mit Ihren Wochen an all das schöne erinnert, wofür wir gekämpft haben. Heute kann ich leider wegen meines Alters nicht mehr daram teilnehmen- Aber im Herzen, da ist noch was.
    Ganz herzliche Grüße

  • Rainer Walter

    Bei Günther Jauch kurz vor Sendezeitende warf Wolf Biermann Putin vor , daß er es als Diktator nicht mal wie Hitler geschafft hätte, eine Autobahn zu bauen . Wie krank ist das denn ? Die ARD Macher hätten schon nach dem Bundestagauftritt erkennen müssen , das der Mann nicht mehr alle Sinne beisammen hat . Aber für Kriegstreiberei sind alle Mittel wohl recht! Oder ?
    Ich erwarte eine Stellungnahme .
    Die ARD mit Jauch und das ZDF mit Illner sind einfach nur noch peinlich.
    Sie stehen Biermann in nichts nach .

  • Zauselix

    Liebe Ellen,

    Danke!
    Ich habe diesen Brief kopiert und auf meiner Festplatte gespeichert. Nicht wegen Wolf, über den ich mich seit 1986 zunehmend gewundert habe, sondern wegen Deiner wunderbaren graden und aufrechten Worte, und weil Du Dir Deinen Zorn, Deine Empathie und Deine Liebe über Jahrzehnte erhalten hast. Du bist ein Vorbild.
    Jedes törichte Wort des selbstverliebten Greises war Wert gesprochen zu werden, damit Du diese wundervolle Antwort verfasst.
    Danke!

    Love & Peace
    vom Zauselix

  • Shanna

    Die Äußerungen und Haltung von Wolf Biermann jetzt – insbesondere seine Nähe zu den Mächtigen – sind auch für mich logisch nicht nachvollziehbar und insoweit bringt es Ellen Dietrich in ihrem offenen Brief auch in meinen Sinne ziemlich auf den Punkt.

    Allerdings fehlt eine wichtige Position und Sichtweise in diesem Brief. Zwar wird der „reale Sozialismus“ schon unterschieden – aber es bleibt bei der reinen „Begrifflichkeit“. Daran kleben aber nachhaltiges quälendes Leid für die Opfer dieses „Versuchs“ noch heute und bis zum Lebensende – sofern diese überlebt haben. Die Toten können sich eh nicht mehr äußern.

    Was nun den Auftritt Biermanns im Bundestag betrifft – war keine große Rede vorgesehen und gestattet. Also blieben dafür nur die Zeit für Äußerungen, welche jenen Tag und Thema betreffen, auch das von Biermann vorgetragene Lied bezüglich der Situation in der ex-DDR für Regimekritiker. Und WAS dieses Thema betrifft – hat Biermann Recht.

    Tatsächlich hat hier die Linke doch noch jede Menge Dreck zu bewältigen – und wer das nicht sehen will – will blind sein. Es handelt sich dabei eben nicht um Meinung – sondern um TATSACHE. Hier liegt der Fehler nicht bei Biermann – sondern bei der Linken, die es bis heute nicht geschafft hat, sich klar und deutlich von den Verbrechen und verantwortlichen Verbrechern zu distanzieren. Stattdessen wird vom PDS-Teil einfach der Namen gewechselt, vom ehemaligen und übernommenen SED-Vermögen – teils auch zusammengeklaut, erpresst oder sonstwie erzwungen von den Opfern – ganz zu schweigen.

    Im Brief von Ellen Dietrich ist viel von Rudi Dutschke die Rede, den ich nicht persönlich kannte – wohl aber seinen Lebensweg und Äußerungen.
    Ganz sicherlich wäre eine solche tendenziell „faulige“ Linke deshalb niemals in seinem Sinne gewesen – und wie Roland Jahn hätte er dazu wohl gesagt: Da gibt es noch viel zu tun….

  • Monteverde

    Ich bin hocherfreut, dass in allen Kommentaren aus „dem Bauch heraus“ polemisch und in einer Umgangssprache, die an Deutlichkeit eigentlich nichts zu wünschen übrig läßt, Biermann verurteilt wird. Ich könnte nur den Hinweis dazu liefern, sich wissenschaftliches Rüstzeug zu holen. Alles über Renegatentum, denn Biermann ist ein lupenreiner Renegat, kann schon bei Lenin und seiner Schrift über den Renegaten Kautzky nachgelesen werden. Sie schärft den Blick und liefert Argumente, die historisch determiniert sind. Noch ein Wort zum früheren real existierenden Sozialismus. Er hat sich selbst aufgelöst und hat offensichtlich alles falsch gemacht. Aber ihn als pervertiert zu bezeichnen, halte ich für völlig unsachlich. Er hat immerhin das geschafft, wofür heute die Propaganda mehr und mehr wutschnaubend auf ihn einschlägt, nämlich die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln. Ob das noch einmal gelingt, wage ich zu bezweifeln. Und ob aber die heutigen Besitze der PM die zukünftigen Probleme der Welt auch nur ansatzweise in den Griff bekommen, bezweifle ich noch mehr, denn sie müßten gegen ihre eigenen Interessen arbeiten. Das taten sie bis jetzt noch nie. Übrigens ist dieser Biermann insofern gut, da er die müden, trägen Gedanken wieder einmal kurz ins Wallen brachte…….

  • Karma

    Die Haltung zu den Metamorphosen dieses Liedermachers sind nachvollziehbar. Was ich befremdlich finde, ist die gedankliche Abgrenzung der offenbar „echten“ Sozialisten des Westens gegen die „perversen“ Sozialisten des Ostens.
    Ich denke, hier ist Ellen Diederich leider dem Wolf auf den Leim gegangen. Und hier zeigt sich das ewige Dilemma der deutschen Linken: Sie lassen sich teilen und schwächen, statt einander zur Seite zu stehen.

  • Thowi

    Ein unglaublich intelligenter Text, der hoffentlich den Adressaten erreicht. Ich hoffe es inständig, auch wenn das die unglaubliche Dummheit, sich vor den Karren der Mächtigen spannen zu lessen, nicht gut machen wird.

  • Johannes Müllerschön

    Danke Ellen, aus Heilbronn für diesen engagierten Text und Rückblick …

  • Thomas Elias

    Sehr geehrte Ellen Diederich,

    vielen Dank für Ihre klaren Worte die das zu formulieren vermochten, was mir nur als dunkles Gefühl die Leber ins Herz kroch.

    Sie haben viele Erinnerungen hochgeholt und die Bedeutung Biermanns für uns damals und seinen unverständlichen Wandel beschrieben.

    Mit dem Alter sterben nicht nur alte Kämpfer, viele gehen auch an Eitelkeit und Gier nach Zuwendung zugrunde und zehren von den Schatten ihres Wirkens, sind „ausgemerkelt“, wie Butter, verstrichen auf zuviel Brot.

    „Du lass Dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit…“

    Lassen wir sie ziehen und behalten das Vergangene im Geiste und versuchen, das Folgende zu verzeihen.

    „Du lass Dich nicht verbittern, in dieser bittren Zeit…“

    Tragen wir Biermann nichts nach und gönnen ihm seinen schalen Triumpf. möge er in Frieden ruhen

  • Dirk

    Wir schreiben das Jahr 2014, ein Teil der Kochstrasse in Berlin in der unmittelbaren Nähe des Axel- Spinger- Hauses heisst heute Rudi-Dutschke- Str. So verändert sich die Welt und ihre politische Gegebenheiten. Würde Rudi Dutschke heute, wenn ihn die Kugeln eines aufgestachelten Wirrkopfs nicht getroffen hätten zusammen mit den Nachfolgern der Genossen, die den Schiessbefehl an der innerdeutschen Grenze ideologisch zu verantworten haben in einer Fraktion im Bundestag zusammensitzen?
    Darüber kann man natürlich nur spekulieren.
    Aber man kann, so wie es Wolf Bergmann getan hat, sich darüber auslassen, was ein russischer Despot in einer Welt, in der die Gegensätze zwischen Ost und West längst überwunden schienen, für eine unheilbare Rolle einnimmt, in der Ukrainekrise und vorher schon bei der Unterstützung des Assad Regimes in Syrien. Und auch hier wieder unendliches Kriegsleid, Blut, Tod und Vertreibung Tausender. Wenn man solche Dinge nicht wenigstens beim Namen nennen darf, dann bewegt sich die Welt wirklich in eine reaktionäre Richtung.
    In dem Sinne finde ich es gut, dass sich Wolf vom politischen Standpunkt von 1976 weiter entwickelt hat.

  • Anonymous

    Sehr geehrte Ellen Diederich,

    Ihr Brief hat mich sehr berührt.
    Nicht wegen dieses Sängers, eines Relikts der DDR, der dazu verdammt worden ist, ohne diesen lausigen Staat unbedeutend und kreativlos sein Dasein in der BRD zu fristen. Ein Sänger, der sich aus Angst vor dem Verlust seiner Existenzberechtigung von einem gerechten Kritiker zu einem selbstgerecht und boshaft Hassenden entwickelt hat. Dessen Freunde nun diejenigen sind, die schon immer alles hassten, was mit der Idee Sozialismus einherging. Egal ob in der DDR oder der Bundesrepublik Deutschland.

    Sondern Ihr Brief berührt, weil mit jeder Zeile Ihre Gefühle, Ihre Beweggründe, Ihr Idealismus und Ihr aufopferungsvoller Kampf für eine real existierende bessere Welt fast schon schmerzhaft spürbar werden. Weil Sie frei von jeglichen Dogmen und Ideologien ein Plädoyer für ein freies Denken und Handeln halten, das die Freiheit und Würde des Anderen achtet. Schmerzhaft, weil er in der heute so indifferent und unüberschaubar erscheinenden Welt wie ein Relikt aus der Zeit erscheint, in der der Glaube an die richtigen Ziele und ihre Gegner noch klar waren. Mir, die ich die Jahre von 1960 bis 1990 nur als sehr junger Mensch erlebt habe, erscheint heute das Damals so viel einfacher.

    Ihre Zeilen berühren auch, weil Sie so oft auf Rudi Dutschke Bezug nehmen. Ja, er fehlt. Sein unbestechlicher Blick würde auch heute noch so viel entlarven. Er wäre sicher nicht Bundestagsvizepräsident oder Außenminister geworden. Er hätte sich nicht von Macht und Geld bestechen lassen, wie so viele seiner Weggefährten. Und er hätte die von ihm entwickelten Analysen und Grundsätze weiter auf eine sich verändernde Welt angewandt. Wahrscheinlich wäre ihm jener in der Bedeutungslosigkeit versunkene Sänger ein solch langer Brief nicht Wert gewesen. Aber dafür alle Anderen, die ihn lesen…

    Alles Gute!

  • Shanna

    Ziemlich oft wird in den Kommentaren auf Rudi Dutschke Bezug genommen – aber offenkundig, ohne sich mit dessen Person und Biografie etwas näher mal zu beschäftigen.

    Wie bereits im Kommentar von Dirk geäußert:
    „Würde Rudi Dutschke heute, wenn ihn die Kugeln eines aufgestachelten Wirrkopfs nicht getroffen hätten zusammen mit den Nachfolgern der Genossen, die den Schiessbefehl an der innerdeutschen Grenze ideologisch zu verantworten haben in einer Fraktion im Bundestag zusammensitzen?“

    Aufgrund seiner eigenen ERfahrungen wohl ganz bestimmt nicht !
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rudi_Dutschke

    In allerletzter Minute konnte er selber flüchten – und in Kenntnis der Terror-Zustände in der ex-DDR, der Toten an der Grenze, der systematischen „Zersetzung“ (Vernichtung) von kritischen Menschen,
    der immer gut gefüllten politischen Haftanstalten und Psychatrien, etc. etc. – wäre er wohl, wenn er es nicht in letzter Minute nach Westberlin geschafft hätte, und das wäre ihm auch bewusst gewesen: selber auch an der Mauer erschossen, lebenslang in Knast oder/ und Psychatrie gefangen, zur Zwangsarbeit verdonnert und vielleicht irgendwann in den Westen verkauft, oder wie Jürgen Fuchs dort sehr bald an den Folgen gestorben…..

    Es gilt: „Bis nicht Vergangenheit und Zukunft durch Erinnerung und Bewusstsein ein Teil der Gegenwart werden, gibt es für Menschen keinen Weg, nirgendwohin.“ (Ursula Le Guin, The Dispossessed)

    Ein Weg ohne diese Erinnerung führt nicht vom Regen in die Traufe – sondern geradewegs in die Jauche!

  • Shanna

    Aus dem Gedicht „Gegen das Vergessen“ von Erich Fried

    „Denn ich kann nicht denken
    ohne mich zu erinnern
    denn ich kann nicht wollen
    ohne mich zu erinnern
    denn ich kann nicht lieben
    denn ich kann nicht hoffen
    denn ich kann nicht vergessen
    ohne mich zu erinnern

    Ich will mich erinnern
    an alles was man vergisst
    denn ich kann nicht retten
    ohne mich zu erinnern
    auch mich nicht und nicht meine Kinder

    Ich will mich erinnern
    an die Vergangenheit und an die Zukunft
    und ich will mich erinnern
    wie bald ich vergessen muss
    und ich will mich erinnern
    wie bald ich vergessen sein werde“

  • Phil Graumann

    Biermann… Du warst mal ein Grosser… heute übst Du Dich in der Folklore Deiner DissidentenVergangenheit… stehst in den Kulissen Deiner Geschichte… sie versperren Dir den Blick auf die brennenden Fragen der Gegenwart. So war es auch bei Honecker, der war in der Nazizeit auch ein Mutiger…

  • Karma

    Seit ich ihn im Bundestag sah, geht mir die Ballade von den verdorbenen Greisen nicht mehr aus dem Kopf…

  • Der wahre Gutmensch

    Oh man…. was für eine triefende Bilanz von Ellen D.!! Da fehlt ja nur noch das Abschlachten der letzten Elefanten!!!

    Warum nur denken wir Menschen alle, dass UNSERE Sicht auf die Dinge die einzige und reale Wahrheit ist?!? Und werfen genau DIES den anderen vor??? Es ging in dem Biermann-Auftritt nicht eine Sekunde lang um den Weltfrieden, um arme Mütter, Hunger, Atombomben und beherzt streitende Alt-Friedens-Bewegte oder um „die da Oben“ (welche immer an allem Schuld sind) Ich fand den Auftritt auch peinlich, besonders die Umarmung der FDJ-Freundschaftsrat-Vorsitzenden, aber das beim-Wort-nennen der SED-PDS-Linken ist nun einmal Tatsache. Und kein Biermann-Urteil.

    Wenn ich mir vorstelle, dass in der NsdAP auch eine Menge ehrliche Zeitgenossen dabei waren, die nur das Beste in bester Überzeugung getan haben, dann gruselt mich die Vorstellung wir hätten mit Verweis darauf die Partei 1945 einfach umbenannt und sie in die demokratische Landschaft gesetzt!! Mit Nazi-Kadern und Nazi-Geld. Und ein Hinweis auf „demokratisch gewählt“ würde ausreichen, damit sie im Bundestag sitzt! Eine gruslige Vorstellung?? Zu absurd??

    Biermann hat auf diese Partei gehauen. Und ich bin sicher, er wusste jedes Wort ganz genau was er sagte! Und er hatte mit jedem Wort dabei Recht. Dieses Stück Umgang mit der Geschichte beim Umfärben einer Verbrecher-Partei ist wahrlich kein Stück auf welches wir Stolz sein können!

    Aber SAGEN muss es ab und zu jemand! Ob Biermann oder irgend ein Enkel! Sonst lernen wir niemals etwas daraus!

  • kevin_sondermueller

    Die Nazi-Partei wurde umetikettiert: in die Parteien, die
    noch bis heute die Politik dominieren! Schon aus biologischen
    Gründen kann kaum ein Linken-Politiker ein ihn belastendes
    politisches Amt auf höchstem 8Machtausübungs-)Level
    innegehabt haben.

    Hass macht offensichtlich nicht nur blind, sondern auch doof –
    dieses Linke-Bashing ist sowas von Mainstream.

  • alfred cassebaum

    Liebe Ellen,
    weißt Du noch, wer ich bin? Aus einer Laune heraus habe ich mich im Netz auf die Suche gemacht und Dich tatsächlich gefunden. Und was für ein fulminanter Brief – so habe ich Dich in Erinnerung!
    Aber:
    Hast Du W. B. jemals anders als eitel und selbstverliebt erlebt?
    Wiederholst Du nicht die Selbst-Legendarsierung der ’68er (zu denen Du gehörst, ich nicht, zugegeben)?
    Ignorierst Du nicht die Tatsache der tiefen Kränkung, die W.B. in seiner prima vista so inadäquaten Beschimpfung der Linken im Bundestag ausdrückt, die aber doch allen – auch Dir – wiederfahren ist?
    Ist jetzt auf einmal „die Linke“ (i.e. die Partei) das Subjekt all der revolutionären Energie, die Du postulierst?
    Rekonstruierst Du nicht auf eine für Dich aufgrund Deiner Erfahrungen plausible, im historischen Kontext der Geschichte der Neuen Linken aber höchst fatale Art avantgardistische Politikkonzepte?
    Hat sich die Linke nicht der Legitimität ihres Subjekt-Anspruchs gerade durch die schwarze Linie der Denunziation, die Biermann anklagt, beraubt?
    Hat die Linke nicht den hohen Ton der Empörung, den Du so glaubhaft verkörpert, politisch delegitimiert durch Dogmatismus, Realitätsferne, Inhumanität, menschliche Niederträchtigkeit?
    Trittst Du nicht den falschen?

    All das würde ich sehr gerne mit Dir besprechen – bei einer guten Flasche Wein und einem indischen Essen.

    Ich würde mich herzlich über eine Rückmeldung von Dir freuen!
    Dein Alfred

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