Konstantin Wecker: Ungehorsam ist gefragt!

Konstantin WeckerIn einem ganz persönlichen Aufruf zur Demonstration gegen die Kriegskonferenz in München erklärt der Liedermacher seine Motive, warum es gerade jetzt notwendig ist, zu widerstehen. Er bekennt sich über die üblichen unverbindlichen Friedensphrasen hinaus, die mittlerweile jeder herbeten kann, zu einem konsequenten Pazifismus. Wir brauchen Träumer, Utopisten und „Weicheier“. Man sieht ja, wohin es führt, wenn die Harteier regieren.

Liebe Freunde,

„es geht ums Tun und nicht ums Siegen“, habe ich in meinem Lied über die weiße Rose vor 30 Jahren geschrieben und mir ist durchaus bewusst, dass ich mit meiner pazifistischen Einstellung nicht siegen werde. Jedenfalls werde ich eine von der Geißel des Krieges befreite Welt nicht mehr erleben und kann das nur für künftige Generationen erhoffen.

In der Präambel der Charta der Vereinten Nationen heißt es: „Wir, die Völker der Vereinten Nationen sind fest entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat….“ Welcher unserer Volksvertreter hat wohl diesen – aus unsäglichem Leid geborenen – Aufschrei der Vereinten Nationen noch im Gedächtnis, geschweige denn verinnerlicht? PazifistInnen wurden und werden gerne verlacht, verspottet, beschimpft und beleidigt. Ich erlebte und erlebe das immer wieder und zur Zeit vermehrt.

Man wirft uns Naivität vor. Na und? Lieber naiv als korrupt. Lieber sehe ich die Welt mit Kinderaugen als mit den verblendeten Augen der Macht und der Gier. Wir seien feige, wir seien Weicheier. Fragt sich, wie tapfer und harteiig es ist, anstatt selbst in den Krieg zu ziehen, andere junge Frauen und Männer für das eigene Wohlbefinden auf das Schlachtfeld zu schicken. Wie schrieb Erich Maria Remarque so treffend: „Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hineingehen müssen.“ Sollen all die harten Männer doch spotten und schimpfen. Mein sanfter Vater hatte unter der Schreckensherrschaft Hitlers den Kriegsdienst verweigert. Ich bin es seinem Andenken schuldig, nicht aufzugeben.

„Der Krieg ist Wahnsinn“ rief Papst Franziskus während einer Messe an der italienischen Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Fogliano Redipuglia vor 100.000 Menschen aus. Mit einer vehementen Anklage gegen Waffenhändler und Kriegshetzer gedachte der Pontifex der Toten aller Kriege. Und er zog Parallelen zu jener Epoche, deren (trauriges) Jubiläum wir 2014 feierten. Wie 1914, entstünden auch heute Kriege durch geopolitische Pläne, Geldgier, Machthunger und die Interessen der Waffenindustrie. „Die Geschäftemacher des Krieges verdienen damit viel Geld und haben durch ein verdorbenes Herz das Weinen darüber verloren“, sagte Franziskus, der mir immer mehr aus dem Herzen spricht.

Ich werde am Samstag in München aus denselben Gründen wie seit vielen Jahren demonstrieren: Ich möchte nicht, dass die Stimme des Pazifismus verlorengeht in einer Zeit des erneuten Säbelrasselns. Ich verstehe mich auch nicht einfach nur als „friedensbewegt“ – so bezeichnen sich ja mittlerweile fast alle auch noch so kriegsbereiten Politiker, selbst Waffenhändler, die mit ihren Mordinstrumenten angeblich immer nur Frieden und Sicherheit schaffen wollen – nein, ich bin radikaler: Ich bin Pazifist und Romantiker, Träumer und Barde und ich glaube weiter an die Kraft der gewaltfreien Veränderung. Ungehorsam ist gefragt. Wir sollten Schulen des Ungehorsams gründen, um ein Gegengewicht gegen die die Seele deformierenden Gehorsamsschulen des Militärs zu schaffen. Zuallererst müssen wir PazifistInnen uns gegen die Nebelkerzen wehren, mit denen wir täglich beschossen werden.

Aber, wenn sich der Nebel endlich gelichtet hat, sind wir dann auch bereit, aufzustehen? Was wäre, wenn der Friede kein Wunder bräuchte, sondern eine Revolution?

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  • Hannes Nagel

    Haben wir als Europäer nicht 2012 den Friedensnobelpreis bekommen? Sind wir Europäer dann nicht verpflichtet, uns dieses Preis würdig zu erweisen? Welche Initiativrechte können wir aus unserer Preisverleihung ableiten? Und warum tun wir nix? Bisher schreib ich nur. Kann man mit einer Urlauberfront in Kriegsgebieten Kriegshandlungen verhindern und dadurch Frieden schaffen?

  • Andrea

    Zitat: „Was wäre, wenn der Friede kein Wunder bräuchte, sondern eine Revolution?“ Zitatende

    Wie wäre es denn mit einer Evolution?

    Revolutionen bergen immer Gewalt und Gewalt kann ich als Pazifistin nicht gutheißen, auch nicht für einen „guten Zweck“.

    Ich behaupte, die Gewalt, die sich in einer Revolution gegen die Machthaber richtet, ist die Wurzel für neue Gewalt und neue Unterdrückung.

    Passiver Widerstand (z. B. Konsumverzicht), Aufklärung und vor allem Liebe zu den Mitmenschen erscheinen mir als Mittel der Wahl sehr viel erfolgversprechender, wenn auch wesentlich langsamer und mühsamer, aber eben auch nachhaltiger. Feuer kann man nicht mit Feuer bekämpfen.

  • Holdger Platta

    Liebe Andrea,

    selbstverständlich hast Du Recht, wenn man auf die Geschichte der bisherigen Revolutionen blickt: eine durch und durch friedliche war nicht dabei. Leider.

    Aber Konstantin meint wirklich eine friedliche Revolution – eine „Revolution der Herzen“, wie er es in der Anmoderation zu einem eigenen Lied vor kurzem formuliert hat.

    Und „Revolution“ heißt, von seiner Ur-Bedeutung und Wortgeschichte her betrachtet, nichts anderes als „Rückbewegung zu einer guten Gesellschaftsverfassung für alle“. Am Anfang war mit „Revolution“ die Rückkehr der Sterne zu ihrem Ausgangspunkt gemeint – es war also ein Begriff aus der Astronomie („re-volvere“, lateinisches Tätigkeitswort, meint nichts anderes als „zurück-bewegen“). Menschenrechts- und Naturrechtsdenker haben dann diesen Begriff auf Geschichte und Gesellschaft übertragen und Wiederherstellung eines „sittlich/naturrechtlich“ humanen Zustands einer Gesellschaft gemeint, gerichtet seinerzeit vor allem gegen den Feudalismus (= „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“), dann auch gegen den menschenquälerischen Kapitalismus.

    Du und Konstantin Wecker seid also nicht auseinander. Und die Wege zu einer guten Revolution, die Du kurz aufzeigst, sind sicherlich nicht die verkehrten.

    Herzlich
    Holdger

  • Harzpeter

    Landesweiter „ziviler Ungehorsam“ wäre auch meiner Auffassung nach die einzige verbleibende Möglichkeit. Wenn dabei halt das Wörtchen „wäre“ nicht wäre. Die meisten Deutschen sind mittlerweile dermaßen „auf Linie getrimmt“, dass entsprechende Aufrufe im Nichts verhallen würden. Aufrufe zu einem Generalstreik z.B. würden von unseren Mitbürgerinnnen und Mitbürgern entweder mit „Da mach ich nicht mit, sowas ist bei uns doch verboten“ oder „Das geht nicht, da muss ich doch zur Arbeit“ einhellig zurückgewiesen.

  • manfred

    Alles schön und gut wenn Wecker nicht selbst ein Spalter wäre. In Dresden könnte er sofort 25000 auf seiner Seite haben. Landesweit würden mehrere Hundertausend ihm folgen. Was tut Wecker? Er redet schlecht über diese Menschen, als ob Pegida nur eine „ein Themen Bewegung“ wäre. Hinter Pegida steckt viel mehr als Islam. Islam ist eher die Tarnung.

  • Maria

    Sehr geehrter Herr Wecker,
    vielen Dank für Ihre klaren Worte. Sie sprechen mir aus dem Herzen.
    Es ist höchste Zeit für eine Veränderung. Ich möchte auch, dass zu einer gerechteren friedlicheren Politik zurückgekehrt wird.

    @Andrea Konsumverzicht ist ein guter Ansatzt generell, aber die Kriegstreiberei ist, glaub ich, zu weit fortgeschritten u. hat schon leider so eine Normalität angenommen, dass mit passiven Widerstand kostbare Zeit verloren geht u. die Menschheit schnell das Nachsehen haben kann.

  • Ulrike

    Ich kannte den Krieg nur aus den Erzählungen meiner Eltern und konnte mir als Kind nicht vorstellen, dass die „Krone“ der Schöpfung, sobald sie Macht und Geld wittert, zur Bestie mutiert und auch noch mit einer Unverfrorenheit sondersgleichen behauptet man schaffe mit unglaublicher Grausamkeit und Perversion Frieden, so wie wir es tagtäglich in diesen“Staatsmedien“ und Propagandaschleudern um die Ohren gehauen bekommen.Vorausgesetzt man nimmt sein Recht in Anspruch diese „Leistung“ zu nutzen, für die man auf erpresserische Art und Weise gezwungen wird zu bezahlen, das ist wahre Demokratie. Der Meinung von Andrea kann ich mich nur anschließen, Revolution ist keine Lösung, sie fördert nur neue Gewalt. Es kann nur eine Macht das Ruder herumreißen und das ist die Liebe, in vollkommener Unvoreingenommenheit und ohne jegliche Wertung. Alles ist letztendlich Energie und Schwingung und wir beeinflussen mit jedem noch so kleinen Gedanken die Qualität dieser, was Haß erzeugt kann man sich vorstellen, er kommt zu uns zurück. Also seit in LIEBE, egal was Euch widerfährt, nur so kann sich etwas ändern. Namste

  • Chrissie

    Das volkswirtschaftliche Finanzblatt “ Die Sparkasse“ befasste sich in der Ausga-be vom 5. Juli 1891(!) über mehrere Seiten besorgt mit dem Sinken der Zinsen.
    Der Aufsatz schließt mit den Worten „….So spricht denn alles dafür, daß wir noch
    einem weiteren Sinken des Zinsfußes entgegensehen. Nur ein allgemeiner euro-
    päischer Krieg könnte dieser Entwickelung Halt gebieten durch die ungeheuere
    Capitalzerstörung, welche er bedeutet.“
    Der Sozialreformer Silvio Gesell schrieb einmal: „Wer es vorzieht, seinen eigenen
    Kopf etwas anzustrengen, statt fremde Köpfe einzuschlagen, befasse sich mit
    dem Geldwesen.“ Worauf warten wir?

  • eulenfeder

    manfred ! –
    Konstantin Wecker lässt sich nicht vor einen karren spannen – und das ist gut so !
    er zieht vielmehr seinen eigenen – und der ist beladen mit der richtigen einstellung, da ist kein gramm hetzte gegen irgendwas dabei – viel mahnendes gerade davor…

  • kevin_sondermueller

    @ Manfred – falls die Pegidaner wirkliche Anliegen zu vertreten haben
    (was ich mir durchaus vorstellen kann): warum haben sie dann nicht
    den Arsch in der Hose, diese auch zu artikulieren anstatt sich auf
    Islam-Bashing zu verlegen? Alleine ihre 19 Thesen und ihr Namensakronym
    sind doch schon ein Widerspruch in sich.
    Und den Sack zu prügeln, wenn der Esel gemeint ist, hat noch nie etwas
    gebracht.

  • Chrissie

    Aus: ÜBER DIE PFLICHT ZUM UNGEHORSAM GEGEN DEN STAAT:
    „Wer nach Grundsätzen handelt, das Recht wahrnimmt und es in Taten
    umsetzt, verändert die Dinge und Verhältnisse; dies ist das Wesen des
    Revolutionären: es gibt sich nicht mit vergangenen Zuständen zufrieden..
    …..“ Henry David Thoreau

    Es wurde alles schon einmal gedacht und gesagt. Es gerät nur immer
    wieder in Vergessenheit.

  • Signe

    …sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst… (Gandhi)

    Wenn die Menschheit doch nur endlich damit beginnen würde, wären wir schon so manchen Schritt weiter.

  • Roland

    Lieber Konstantin Wecker,

    seitdem ich vor vielen Jahren Erasmus von Rotterdam’s „Die Klage des Friedens“ gelesen habe, weiß ich, dass der Frieden erst kommen wird, wenn die meisten von uns mit sich in Frieden leben. Ohne diesen inneren Frieden gibt es keinen äußeren. Und ja ich verbeite meine pazifistisch-romantische-träumerische Ansicht gern und mit jedem Tag wieder. Ich freue mich, dass es mehr und mehr Menschen Gleichgesinnte gibt. Das gibt mir Hoffnung, auch wenn ich weiß, dass ich in meinem Leben eine friedliche Welt nicht mehr erleben werde. Der Friede braucht sicherlich eine Revolution – aber eine Revolution im Denken der Menschen. Ich bin dabei!

    Herzlichst Roland

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