Gerne mit einem Lachen

Anne Frank - ermordet mit 15

Anne Frank – ermordet mit 15

Der Ernst des Lebens, so denken nicht nur Miesepeter und kleine Geister, verträgt kein Lachen. Das dies nicht der Fall ist, beweist das Leben und der Film »Meine Tochter Anne Frank« im ARD. (Quelle: Neues Deutschland)
http://www.neues-deutschland.de/artikel/962180.gerne-mit-einem-lachen.html

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  • Alexander

    Ich habe gestern die Erstausstrahlung des ARD Fernsehfilms zum Anlass genommen, einen Abend im Gedenken an Anne Frank zu gestalten. Hier meine Rückschau und Zusammenfassung der gesammelten Eindrücke.

    Das erschütternde Schicksal der 13- bis 15jährigen Tagebuchschreiberin Anne Frank, die in einem Amsterdamer Hinterhaus keine Ahnung haben und allenfalls anders als dann eingetreten hoffen konnte, dass ihre in über zwei Jahren zwischen 1942 und 144 entstandenen Aufzeichnungen (an die „liebe Kitty“) einmal Weltliteratur werden würden, ist dem in den 70er Jahren in Wien sozialisierten Mittelschüler seit dieser Zeit aus der Taschenbuchausgabe die damals im Handel war sowie durch den amerikanischen Spielfilm von 1959 als herzhaftes Dokument der Feinfühligkeit im beengenden Eingesperrtsein bis zur Entdeckung im August 1944 ins Herz und in die Seele gebrannt. Der Abend des 18.2.2015 bietet mit einer ARD Erstausstrahlung die Möglichkeit, sich noch einmal intensiver mit Annes Schicksal zu befassen.

    Nach der Buchlektüre und der ersten Filmsichtung während der Schulzeit konnte ich am 21.1.1988 am Lusterboden des Wiener Burgtheaters eine Einpersonen-Theaterfassung des Tagebuchs mit Julia von Sell miterleben, zum Teil gelesen, zum Teil szenisch aufgelöst. Von 31.10. bis 3.11.1988 strahlte der ORF sodann einen britischen Vierteiler aus dem Jahr 1987 aus (jeweils 30 Minuten), bei dem Katharine Schlesinger die Anne verkörperte und Elaine Morgan Regie führte. Besonders eindringlich wirkte die österreichische Erstaufführung einer Opernfassung von Grigori Frid (entstanden 1969) auf mich, die der ORF live aus dem Wiener Parlament am 5.5.1998 übertrug. Diese ambitionierte Produktion der Wiener Staatsoper brachte Anut Efraty als Anne in einer Regie von Erwin Piplits. Asher Fish dirigierte das Bühnenorchester der Österreichischen Bundestheater. Unmittelbar danach habe ich den amerikanischen Schwarzweißfilm „The diary of Anne Frank“ aus dem Jahr 1959 mit Millie Perkins als Anne (Regie George Stevens) noch einmal gesehen – und eine knapp über zweistündige britische Dokumentation über Anne Frank aus dem Jahr 1995, die im Original von Glenn Close und Kenneth Branagh gesprochen wurde (Regie Jon Blair). Einprägsam intensiv wirkte auf mich dann auch eine Theaterfassung, die Anne Ziegler-Weispfennig am Münchner Hasenbergl mit ihrer Gruppe „Phönix aus der Asche“ am 5.3.2004 zur Aufführung brachte. Nun also, mit einer SPIEGEL DVD, der ARD Erstausstrahlung und der Süddeutschen Zeitung vom 11.2.2015, eine neuerliche Annäherung…

    Das kurze Leben der Anne Frank

    Die im Jahr 2014 einer SPIEGEL Ausgabe beigelegte DVD (Nr. 44) bringt eine 90 Minuten lange Dokumentation von Katharina Hoier mit zeithistorischem Filmmaterial, Bildern und Zeitzeugenaussagen von Anne Franks Cousin Buddy Elias und der Schulfreundin Hannah Pick-Goslar sowie ergänzende Informationen der Anne Frank Biografin Melissa Müller. Die Dokumentation führt zunächst ins Frankfurt der 20er Jahre und stellt Annes Eltern vor. In der Folge werden die Charaktere aller wichtigen Personen und die Verhältnisse zueinander im Spiegel der Umstände, in denen sie sich zurechtzufinden haben, genau beleuchtet. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 zieht die Familie nach Amsterdam. Vater Otto ist Filialleiter eines Marmelade- und Gewürzgeschäfts. Kriegsausbruch 1939, 1940 der Überfall auf die Niederlande, die Arisierung der jüdischen Unternehmen, die Endlösung, der Gelbe Stern – und Anne erhält zum 13. Geburtstag ein Tagebuch, aus dem nun auch viel zitiert wird. Als die ältere Schwester Margot in ein Arbeitslager soll, taucht die Familie über dem Firmenlager in Amsterdam unter. Schließlich müssen sich acht Bewohner die ca. 55 Quadratmeter teilen. Anne steht dem Vater weit näher als der Mutter. Sie muss ihr Zimmer mit einem älteren Herrn teilen, er heißt Fritz Pfeffer. Als sie 14 ist, nähert sie sich dem 17jährigen Peter an, der auch mit seinen Eltern hier leben muss. Nach dem D-Day 1944 keimt nur kurz Hoffnung auf, am 4.8.1944 wird das Versteck nach zwei Jahren und vier Wochen verraten. Die Familie wird über Westerbork nach Auschwitz deportiert, wo Otto von dem Rest der Familie getrennt wird. Margot und Anne landen schließlich in Bergen-Belsen, wo sie an Typhus sterben. Die Dokumentation schlüsselt auch das Schicksal aller anderen auf, nur Otto überlebt. Der Verräter bleibt unbekannt. Nach Kriegsende erhält Otto von Sekretärin Miep das Tagebuch der Tochter, er staunt über die selbstreflektierende Sensibilität der Tochter. Erst zögerlich wird ein Verlag dafür gefunden. Heute ist Anne Frank ein Mythos. Sachlich wird die Geschichte in der Doku aufgerollt. Die Zeit wird mit den historischen Ausschnitten und den Zeitzeugenaussagen sowie den Erläuterungen der Biografin erschütternd neu lebendig gemacht.

    Meine Tochter Anne Frank

    Das in der ARD am 18.2.2015 erstausgestrahlte Dokudrama ist die erste deutsche Verfilmung des Themas und schachtelt mehrere Zeitebenen ineinander. Die Zeit im Versteck wird aufgerollt erstens an Ottos (Götz Schubert) erstem Besuch in Amsterdam nach Kriegsende im August 1945, als er von Sekretärin Miep das Tagebuch erhält, zweitens als 1962 ein Journalist (Axel Milberg) den nach wie vor uneinsichtigen und bei seiner Ideologie bleibenden österreichischen Verhafter Silbermann und dessen Frau besucht und drittens als Otto Auszüge aus Annes Tagebuch seiner zweiten Frau, deren Tochter und anderen nahen Bezugspersonen, sichtlich tief berührt von den Zeilen, vorliest. Die Rückblicke setzen mit der Situation in Amsterdam vor der Zeit des Verstecktseins ein und reihen dann punktuelle Szenen aneinander – den ersten Tag im Versteck (6.7.1942), Pfeffer (Harald Schrott) bald als Annes (Mala Emde) Zimmergenosse, Annäherung und erste Küsse mit Peter (den sie anfangs abgelehnt hat), die oft gereizte Stimmung unter den acht versteckt Lebenden, der Einbruch im Lager, den sie mitbekommen, Annes Abnabelungsversuch von den Eltern mit der Zeit erwachender Sinnlichkeit, die Freude über den D-Day und schließlich die Entdeckung am 4.8.1944. Mit den Spielszenen, Annes Tagebuchzitaten und Ottos späterer Reflexion wird das Verhältnis der Charaktere zueinander natürlich auch verdeutlicht, es wird eindringlich gut gespielt, vor allem von Mala Emde als aufmüpfige, sich selbst suchende Anne besonders herzhaft. Mala Emde macht das Wesen dieses Mädchens berührend deutlich. Spezielles Augenmerk wird auch in den Dialogen auf Annes erwachende Sexualität gelegt. Und trotzdem benötigt der Film auch übliche TV Movie Behelfe wie etwa die stark die Stimmung verdüstern müssende Filmmusik von Hans P. Ströer und surreal anmutende Freiheitsfilmszenen Annes am Meer, teilweise während sie Tagebuch schreibt im Zimmerhintergrund überdimensional zugeblendet. (Ein Michael Haneke hätte es auch ohne diese verstärkenden Stilmittel geschafft, Intensität nur aus der Interaktion der Spielenden zu erzeugen.) Zu Wort kommen zwischendurch (es ist ja ein Dokudrama) Schulfreundinnen und Schulfreunde von Anne, auch Miep (1994) und Otto (1969), und genauso wie in der SPIEGEL Doku Anne Franks Cousin Buddy Elias und Hannah Pick-Goslar, aber auch Margaret Blok, die Schwester des mutmaßlichen Verräters Anton Ahlers, womit es nicht nur damit inhaltlich allerlei Bestätigungen zur SPIEGEL Doku gibt. Regie bei dem alles in allem wirklich eindringlichen und gut für den Schuleinsatz geeigneten Dokudrama führte Raymond Ley.

    Mädchen für alles

    Thorsten Schmitz untersuchte in der Süddeutschen Zeitung vom 11.2.2015 auf Seite 3 den Mythos und die Kommerzialisierung des Phänomens Anne Frank. Auch Schmitz zitiert Annes Cousin Buddy Elias (mittlerweile Präsident des Anne-Frank-Fonds) genauso wie Hannah Pick-Goslar, die Anne in Bergen-Belsen noch zweimal durch ein Gitter getrennt traf und ihr jeweils ein bescheidenes Esspaket des Roten Kreuzes zuwarf, das erste Mal erfolglos (weil es eine andere Frau auffing), das zweite Mal erfolgreich (in der SPIEGEL Doku genau geschildert, im ARD Film verkürzt). Wir erfahren aus dem Artikel, dass der Anne-Frank-Fonds (mitverantwortet auch von Yves Kugelmann) der Anne-Frank-Stiftung, die das Anne Frank Museum in Amsterdam betreibt, übertriebene Kommerzialisierung vorwirft. Mit den Touristenströmen werde viel Geld gemacht. Junge Besucher aus Barcelona fassen ihren Amsterdam-Besuch zusammen: „Kiffen, Vögeln, Anne Frank.“ Anne Frank werde als „universelles Opfer“ vereinnahmt. Erwähnt wird auch eine Anne-Frank-Kirche in Fukuyama. Die Verwirklichung einer spanischen Idee von Anne-Frank-Jeans konnte verhindert werden. In Frankfurt soll 2017 ein „Anne Frank Zentrum“ eröffnet werden. Whoopi Goldberg trug sich in Amsterdam ein, glücklich am „Platz des Friedens“ zu sein, und Justin Bieber hat ins Gästebuch geschrieben: „Wirklich inspirierend hierherzukommen. Anne war ein tolles Mädchen. Hoffentlich wäre sie ein Bieber-Fan gewesen.“

  • Shanna

    Diesen Artikel finde ich vollkommen unsensibel und zynisch. Das Foto der lachenden Anne Frank stammt mit ziemlicher Sicherheit aus der Zeit vor der Verfolgung. Im Versteck dann
    wurde der jugendlichen Anne das Gefühl der Sicherheit vermittelt – trotz aller Einschränkungen und Nöte. Aber auch im Film hat man von Seiten der Erwachsenen kein richtiges Lachen gesehen, und schon gar nicht von dem überlebenden Vater. Und ich bezweifele sehr, dass irgendwer – auch nicht Anne – bei der Deportation und in den Lagern wirklich gelacht hat! Ich habe persönlich einige Überlebende kennengelernt – davon hat vor und danach jedenfalls keiner gelacht. Und das ist das schwerste Erbe der meisten Überlebenden: nicht mehr richtig lachen zu können ! Das ist aber Teil des erlittenen schweren Traumas.

  • rr

    „Zynisch“ finde ich die Rezi eigentlich nicht. Es geht darum, festzustellen, dass Anne ein ziemlich „normales“, lebenslustiges Mädchen war, das uns gerade dadurch näher rückt, denn – entsprechende Zeitumstände und ein anderes Wahnsystem vorausgesetzt – könnten auch wir uns als Verfolgte wiederfinden. Im Hinterhaus gab es Gespräche über Sexualität, es gab sicher schöne Momente, es wurde auch mal gelacht. Später, im Konzentrationslager, sicher nicht mehr. Es war ein Film, der hauptsächlich von einer „Übergangsphase“ handelte, in der sich Reste von Normalität mit der allgegenwärtigen Todesdrohung vermengten, das KZ-Leben stand nicht im Mittelpunkt. Wenn man aber die Bilder von ausgemergelten Körpern sah, die in Massengräber gekarrt wurden, gekommt man eine Ahnung von Annes letzter Lebensphase. Ähnlich wurde in „Die weiße Rose“ Sophie Scholl als fröhliches, lebenslustiges Mädchen mit einem Liebesleben dargestellt. Dies macht es noch unfassbarer, dass es eine Staatsmacht für nötig hielt, dieses Leben brutal auszulöschen. Es wäre aber falsch, diese heiteren Momente grundsätzlich und aus Respekt vor dem Ernst des Themas auszublenden.

  • Shanna

    Hallo rr, darum geht es aber eben in diesem Artikel oben nicht. Dort heißt es sehr lapidar und deshalb in meinen Augen äußerst zynisch: „Der Ernst des Lebens, so denken nicht nur Miesepeter und kleine Geister, verträgt kein Lachen. Das dies nicht der Fall ist, beweist das Leben und der Film »Meine Tochter Anne Frank« im ARD.“ Auch der Film beinhaltet nicht allein die Zeit im Versteck, die insbesondere für die jugendliche Anne, zuerst sogar noch Kind, trotz aller Enge, Bedrängnis und Nöte eine Zeit der Sicherheit gewesen ist. Der wirkliche Ernst des Lebens begann dann mit der direkten Bedrohung, Deportation und KZ – und da gab es eben kein wirkliches Lachen. Das betrifft auch Sophie Scholl und andere, die so oder so verfolgt wurden. Diese oben zitierten Sätze sind eine furchtbare Verhöhnung der Opfer, die weder zur Zeit des direkten Schreckens noch danach lachen können !!! Anstatt so einen, sorry, absoluten Scheiß, zu verfassen (ND) – sollten besser mal Augen und Ohren auf Empfang gestellt werden in Bezug auf das Leben der Opfer und der Angehörigen ! Das Trauma geht nämlich leider weiter bis in die nächste(n) Generation(en) ! Auch wenn nicht öffentlichkeitswirksam GELITTEN wird.

  • rr

    Ich glaube, was hier vor allem zählt ist: Die Filmemacher, das Neue Deutschland und „Hinter den Schlagzeilen“ haben sich alle des Themas Anne Frank und des Holocaust angenommen, haben gezeigt: es interessiert uns, wir wollen hinsehen und uns damit beschäftigen. Freilich ist es sehr schwierig, für jemanden, der nicht betroffen ist, sich in die Lage der Opfer und ihrer Nachfolger hineinzuversetzen. Aber diese können anerkennen, dass ihr Leid von allen, die sich im Nachklang des Films mit Anne Frank beschäftigen, gesehen wird. Alle sind gewiss überzeugte Antifaschisten. Es gibt dann eben unterschiedliche Herangehensweisen, und nicht jede Formulierung wird jedem gefallen. Man kann Personen, die nicht selbst Opfer gewesen sind, auch nicht vorwerfen, dass sie naturgemäß eine größere Distanz haben. Der Antifaschismus sollte – so düster das Thema auch ist – für alle eine geistige Heimat sein, in der sie sich gern aufhalten, kein Minenfeld, in dem man stets Angst vor Fehltritten haben muss. Es besteht sonst die Gefahr, dass sich niemand an das Thema „Nazizeit“ heranwagt, weil jeder lieber auf der sicheren Seite bleiben möchte. Dabei ist es wichtig, darüber zu sprechen. Ich möchte anregen, Shanna, dass Du uns die jetzige Situation der Opfer und ihrer Angehörigen in einem eigenen Artikel aus Deiner Sicht nahe bringst. Ich veröffentliche ihn gern. Wir werden außerdem in der nächsten Woche ein Interview mit dem KZ-Überlebenden John Steiner bringen.

  • Shanna

    Hallo rr, dann werde ich mal etwas dazu schreiben. Allerdings habe ich vorher einige wichtige Termine zu erledigen. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle schon mal darauf hinweisen, dass eine ganze Menge Informationen (Literatur, Berichte, Studien) zu diesem Thema existieren.
    Und gerade die Ursachen, Mechanismen und Folgen schwerer Traumatisierung und Re-Traumatisierung sind inzwischen hinreichend erforscht, wobei die Opfer der NS-Bestien sicherlich am Schlimmsten betroffen sind. Und schon die „weniger schweren“ Kategorien reichen, um die betroffenen Menschenleben ein für allemal gründlich zu zerstören. Viele Überlebenden haben Suizid begangen, weil das Leben mit diesen Erfahrungen nicht mehr zum Aushalten war – und dann noch die öffentliche Ignoranz und das Verharmlosen war/ist sehr schwer zu ertragen.

    Gerade aus diesem Grunde bin ich gegen jegliche „Weichzeichnung“ und Verharmlosung. Die meisten der Überlebenden schweren Terrors können selber nicht darüber reden, weil dann eine gefährliche Re-Traumatisierung mit durchaus lebensgefährlichen Symptomen ausgelöst wird. Also muss verdrängt werden, was aber nicht immer gelingt, und es wird sich mit einem möglichst starken emotionalen „Schutz“ umgeben. Auch deshalb ist später richtiges befreiendes Lachen kaum mehr möglich, sondern eher „ inszeniert“ . In einer TV-Sendung zum Gedenken der Befreiung von Auschwitz hatte u.a. diesbezüglich Hugo Egon Balder zu diesen Befindlichkeiten seiner Mutter, die Auschwitz überlebte, ziemlich eindrucksvoll berichtet.

  • eulenfeder

    …wer ein KZ überlebt hat – so stelle ich mir das vor – war nur noch eine leere hülle, ‚menschliche hülle‘ wäre vielleicht schon zuviel gesagt, alles menschliche wurde mit nicht mehr zu beschreibender unmenschlichkeit ausradiert.

    nun haben es aber viele überlebende trotzdem geschafft diese hülle wieder mit menschlichkeit anzufüllen, sich wieder als mensch fühlen zu können – auch wieder lachen zu können… das ist äusserst bewundernswert und unvergleichlich zu gönnen. wieder leben zu spüren, nähe zulassen zu können, wieder freude am leben haben zu können – das ist schon auch mit der fähigkeit verbunden, auch mal wieder fröhlichkeit empfinden zu konnen – wie gesagt, viele haben das scheinbar unmögliche geschafft – viele nicht.

    wenn nun innerhalb solcher filmischen oder schriftlichen darstellungen auch mal fröhlichkeit, lachen gezeigt wird – dann muss das kein zynismus sein, oder eine verharmlosung des bestialischen, muss auch nicht in jedem falle inszeniert sein.
    ich meine – jeder wirklich mitfühlende mensch wird kein interesse an einer verharmlosung haben, wohl aber ein interesse den wiedergeborenen auch die fähigkeit des wieder fröhlichsein-könnens zu gönnen.

    was die filmisch-darstellenden mittel betrifft – um das grauen aufzuzeigen – kann es unter umständen auch ein noch drastischeres aufzeigen der vernichtung eines menschen sein – wenn auch die zerstörung der menschlichen fähigkeit fröhlich zu sein dadurch mitdargestellt wird.

    ich habe interviews mit menschen gesehen die dieser hölle entkommen sind und die gesamte verwandtschaft darin verloren haben – und es hat mein herz erfreut sehen zu können dass sie auch lächeln konnten – welch grosse achtung habe ich da empfunden.

  • rr

    Hallo Shanna, es wäre toll, wenn Du was schreiben würdest. Ich erinnere mich an eine frühere Diskussion, in der Du meintest, bunte Plakate, über die Ellen Diederich geschrieben hat, seien dem Thema nicht angemessen. Du hast angedeutet, dass Du selbst Schweres erlebt hast. Und damals wie heute ging es Dir vor allem darum, dass das Leiden der Opfer in seiner ganzen Schwere gesehen wird, nicht „verniedlicht“ wird. M.E. ist das „Auf die leichte Schulter nehmen“ auch eine Abwehrreaktion, weil sich gerade sensible Naturen die Bilder und Erzählungen sehr zu Herzen nehmen. Ich selbst kann nicht immer und nicht in jeder Stimmung einen Holocaust-Film ertragen. Gerade Filme über Gefängnis und Demütigungen finde ich oft unerträglich. Und das obwohl ich kein typischer Exponent der „Spaßgesellschaft“, sondern eher schwerblütig bin. Oder eben WEIL es mir nahe geht, wenn ich mich wirklich drauf einlasse.

    Warum hat Hans Rosenthal nach dem Krieg „Dalli Dalli“ gemacht und Hugo Egon Balder „Tutti Frutti“? Abwehr, Verdrängung des allzu Schweren? Oder der Versuch, trotzdem Lebensfreude nicht nur zu empfinden, sondern auch anderen zu vermitteln? Viele von uns sind nicht selbst Opfer gewesen, wohl aber Kinder von Kriegsteilnehmern. Das ist nicht dasselbe wie bei Holocaust-Opfern, weil es bei nichtjüdischen Deutschen auch in Verwicklung in Täterstrukturen geht. Aber es gibt weitaus mehr „Sekundärtraumatisierte“ als solche, die sich normalerweise so bezeichnen würden. All das ist auf schmerzliche Weise interessant. Jedenfalls soll HdS nicht generell eine Haltung des „Bagatellisierens“ einnehmen, ebensowenig sollen Lebensfreude und Witz daraus vertrieben werden. Nicht ganz leicht, denn wir haben schwere Schicksale, auch im Leser- und Autorenkreis, möchten unsere Leser aber auch nicht durch Schwere und ein Bombardement mit schlechen Nachrichten „erschlagen“.

  • Shanna

    Hallo, bezüglich der letzten Kommentare von Eulenfeder und rr, welche dem Thread nun noch eine ganz andere Richtung gegeben haben, möchte ich doch der Vollständigkeit halber dringend klarstellen, was meine Aussagen betreffen:

    Zunächst einmal habe ich nie behauptet, gefordert oder erwartet, dass die Selber-Nichtbetroffenen grundsätzlich nicht mehr lachen sollen. Wie ich in meinen Beiträgen oben schon begründet habe – empfinde ich jedoch jegliche Heiterkeit und Lachen anlässlich jedweder Grausamkeit und Bestialität als zynisch, beleidigend, herabwürdigend und total respektlos gegenüber den Opfern, von Empathie ganz zu schweigen. Das betrifft insbesondere auch die Verfolgung in der bestialischen NS-Zeit.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust

    Es dürfte mittlerweile auch bekannt sein, dass Menschen, die solche schwerste lebensbedrohliche Gewalt und Terror überstanden haben, lebenslang leiden und häufig mit dem sogenannten „Überlebenden-Syndrom“ zu kämpfen haben. Und das ist alles andere als heiter und lustig.

    https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberlebenden-Syndrom

    Ich habe auch nicht behauptet, dass die Überlebenden nie mehr im Leben lachen würden.
    Jedoch wird davon niemand Heiterkeit und Lachen bezüglich solcher Erlebnisse verspüren oder zeigen. Sehr oft werden diese Erlebnisse möglichst strikt verdrängt – weil jegliche Erinnerung schreckliche Re-Traumata verursachen können.
    Es ist aber doch auch bekannt, dass der äußere Schein von Lachen und Heiterkeit nicht zugleich das zeigt, was im Inneren wirklich vorgeht !!! Und ich denke, dass es für die direkt Betroffenen nach solchem Überleben niemals wieder die ursprüngliche unbeschwerte Heiterkeit und Lachen gibt wie zuvor.

    http://amcha.de/

    @ rr, was die von dir erwähnten Hans Rosenthal und Egon Balder betrifft, so ist Balder erst 1950 geboren und erfuhr erst beim Tod seiner Mutter von deren Auschwitz-Überleben. Erst im Nachhinein war für ihn deshalb ihr (späteres) Verhalten nachvollziehbar. Und er hatte ja auch noch einen weniger belasteten Vater.
    Hans Rosenthal konnte sich der Hölle durch Versteck entziehen. Ich kenne aber auch von ihm keine einzige Lachszene in Bezug auf die NS-Bestialitäten. Wobei wohl auch prinzipiell das Talent zur Unterhaltung und Komik etwas ganz anderes ist als das innere „Lachen und Heiterkeit“

    Und zum Schluss bezüglich „Lachen“, welches äußerst bitter ist, denke ich an den Film „Das Leben ist schön“, in welchem ein Vater seinem kleinen Sohn, um ihn zu schützen, das Leben im KZ als „Abenteuer-Ferien“ vorgaukelt und den Kleinen sogar noch in der Minute der eigenen Ermordung „komisch“ ablenken will.

    „ Mit dem Einzug ins KZ wechselt der Humor auf eine andere Ebene und wird zum Werkzeug eines verzweifelten Überlebenskampfes. Um seinen kleinen Sohn Giosuè vom Schrecken der Gaskammern fernzuhalten, gaukelt er ihm eine makabre Illusion vor und erklärt das Lager zum Austragungsort eines großangelegten Spiels, bei dem man durch bestimmte Verhaltensweisen Punkte sammeln könne. Dem Sieger des Wettbewerbs winke ein nagelneuer Panzer. (…)
    Aber Guidos unerschöpfliche Phantasie wird bis zur bitteren Neige immer neue scherzhafte Umdeutungen des Lager-Horrors finden, die den Zuschauer gleichermaßen entsetzen und beschämen. Und zum Schluß bleibt nur, was verschwindet, wenn man ihren Namen sagt. Die Stille.“

    Quelle: http://www.cinema.de/film/das-leben-ist-schoen,1328631.html

  • eulenfeder

    hallo Shanna – die botschaft dieses films ist ja: durch humor und lachen ( auch wenn es erzwungen sein muss ) ein schicksal erträglicher zu machen. mit dieser botschaft ist aber in keiner weise ein zynismus verbunden, nicht einmal eine verharmlosung – an manchen stellen hat es für mich jedenfalls das grauen noch mehr aufgezeigt dadurch.
    das grauen in seinem unvorstellbaren ausmass ist vielen bekannt, man kann es nachvollziehen auch( also auch nicht betroffene ) – es hilft aber den überlebenden nicht wenn man das grauen in seiner bestialität immer wieder jenen vor augen führt – dieses grauen vergessen lernen durch wiedererlangung von humor, lebensfreude – das muss zumindest die therapie sein.
    selbstverständlich verbietet es die menschlichkeit sich über menschen lustig zu machen die das leiden als folge nie heilen konnten – in sich.
    das eine sollte das andere aber nicht ausschliessen – also wer leid erfahren hat sollte deshalb nicht ewig zur völligen ernsthaftigkeit verdammt sein – aber vielleicht sind wir ja da einer meinung.

  • Shanna

    Hallo Eulenfeder, wenn du schreibst: „die Botschaft dieses films ist ja: durch humor und lachen ( auch wenn es erzwungen sein muss ) ein schicksal erträglicher zu machen“ – muss ich nun mal vorerst fragen, welchen Film du dabei meinst ?
    Die Botschaft des Films über Anne Frank ist so was jedenfalls ersichtlich nicht und meine Kritik bezieht sich auf den dubiosen Artikel im ND.

    Im Film „Das Leben ist schön“ trifft deine Aussage zu, weil der Vater seinen kleinen Sohn mit der VORTÄUSCHUNG eines „lustigen“ Zustandes täuscht, um ihn so vor dem grausamen Erschrecken (und dies mit absehbarer Todesfolge) zu schützen. Aber dieser Vater wie auch alle Betrachter des Films, wissen zugleich um die furchtbare Gefahr und Grausamkeit – und sowohl der Vater wird für sich selber sein „lustiges Tun“ nicht als lustig empfinden wie auch alle anderen auch nicht. Und so heißt es dann auch: „Mit dem Einzug ins KZ wechselt der Humor auf eine andere Ebene und wird zum Werkzeug eines verzweifelten Überlebenskampfes.“ Aber dieser Humor ist alles andere als heiter und lustig – sondern verzweifelt, schmerzend und äußerst bitter. Das ist etwas anderes und schon was ganz anderes als die von dir genannte „Lebensfreude“.

    Wenn du schreibst: „ das grauen in seinem unvorstellbaren ausmass ist vielen bekannt, man kann es nachvollziehen auch( also auch nicht betroffene ) – es hilft aber den überlebenden nicht wenn man das grauen in seiner bestialität immer wieder jenen vor augen führt – dieses grauen vergessen lernen durch wiedererlangung von humor, lebensfreude – das muss zumindest die therapie sein.“ –

    – so geht dies jedoch an der Realität vollständig vorbei.
    Denn es gibt für das Überleben schwerster Gewalt, Bestialität und Terror KEIN Vergessen und auch KEINE wirkliche Therapie. Nur Methoden, damit irgendwie umzugehen, zu verdrängen und damit weiterzuleben. Die schweren Traumafolgen sind leider nicht durch das Bewusstsein steuerbar, es ist wie eine Allergie. Das Allergen ist die Verfolgung und alles, was daran irgendwie erinnert. Deshalb meiden die meisten Betroffenen strikt jeden Anlass etc. zur Erinnerung wegen der gefährlichen „Flashbacks“.

    Ich hatte dazu bereits Links zur Information genannt. Hier noch mal ein Link bezüglich der schweren Traumatisierung und Re-Traumata.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Posttraumatische_Belastungsst%C3%B6rung

    https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberlebenden-Syndrom

    Den Betroffenen diese Bestialitäten „immer wieder vor Augen zu führen“ – wäre deshalb für diese äußerst gefährlich. Aber genauso gefährlich ist jegliche Verharmlosung, Beschönigung und Verleugnung! Denn der wichtigste Faktor für ein würdevolles Weiterleben der Opfer ist die Anerkennung der Zustände und Leiden. Das ist Fakt – und betrifft das Befinden aller Opfer jedweder Gewalttaten.

    Mein Anliegen ist es deshalb, darauf hinzuweisen, dass schlicht und einfach die Realitäten anerkannt und respektiert werden – und sich dafür eingesetzt wird, dass so etwas – wie jegliche Gewalt gegen Menschen (und Tiere, etc.) – beseitigt werden. Es muss sich ganz bestimmt nicht jeden Tag ständig damit beschäftigt werden – aber wenn dieses Thema ansteht – sollte deshalb dringend die unverblümte Klarheit und Realität gewahrt werden !

    „Eine wiedererlangung von humor, lebensfreude“ der Betroffenen funktioniert ganz bestimmt nicht, wenn dazu Nichtbetroffene lapidar erklären: „Gerne mit einem Lachen“…

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