Tamino Wecker: Das Elend auf Lesbos und die Schande Europas

Konstantin und Tamino bei den Dreharbeiten zu "Appolonia"

Konstantin und Tamino bei den Dreharbeiten zu „Appolonia“

„Tamino Wecker ist ein deutscher Schauspieler“ erklärt Wikipedia knapp. Der heute 16-jährige Sohn von Konstantin und Annik Wecker stand schon seit 2005 vor der Kamera, u.a. in einem Film über Mozart, dem er seinen außergewöhnlichen Vornamen verdankt. Seine Feuerprobe durchlief Tamino jedoch Ende 2015, als er freiwillig seine Herbstferien opferte und mit seiner Mutter nach Lesbos fuhr, um dort ankommenden Bootsflüchtlingen zu helfen: den Ärmsten und Wehrlosesten in einem ohnehin armen und geschundenen Land. Seine erschütternden Erlebnisse verarbeitete er in diesem Bericht. Eine reife Leistung, menschlich wie schriftstellerisch, denn neben ganz privaten Eindrücken analysiert der Schüler auch die Herzlosigkeit deutscher „besorgter Bürger“, das Versagen der Politik und die eigentlichen Fluchtursachen sehr treffend.

Geschrei. Das kleine Schlauchboot ist angekommen. Panisch hüpfen die Menschen heraus. Erleichtert, dass sie die 15 Kilometer weite Odyssee vom türkischen Festland zur Ostküste der Insel Lesbos überstanden haben, helfen sie ihren Familien und Freunden aus dem Boot. Unsere Aufgabe ist es, den Kindern, den Alten und den Behinderten zu helfen.

„Excuse me? Do you have clothing for my baby?“ fragt mich eine Frau mit ihrem gerade mal ein- bis zweijährigen Kind auf dem Arm. Das Kind zittert am ganzen Leib. Ich beschreibe ihr den Weg zur Kleidungsausgabe.

Ein Mann bittet mich, seinem Freund aus dem Boot zu helfen. Mit seinen Händen versucht er mir mitzuteilen, dass sein Freund blind ist. Ich helfe dem Blinden aus dem Boot und vergewissere mich, dass es ihnen gut geht. Eine junge Frau rennt weinend umher. Sie sucht ihr Kind, das sie im Gedränge verloren hat. Nach wenigen Minuten finde ich es – weinend. Nachdem ich es ihr zurück gebracht habe, sehe ich Erleichterung in ihren Augen. Mit ihren eingeschränkten Englischkenntnissen bedankt sie sich bei mir von Herzen.

Viele Geschichten wie diese spielen sich auf der griechischen Insel Lesbos und auf dem weiteren Leidensweg der Flüchtlinge durch Europa ab. Nicht alle diese Geschichten enden mit einem Happy End. Allein in den fünf Tagen, die ich dort verbracht habe, sind vier Menschen gestorben, darunter ein Kind. Es ist eine Insel voller Elend, und nur wenige fleißige freiwillige Helfer aus ganz Europa sind hier, um den Menschen zu helfen. Diese werden von der griechischen Bevölkerung tatkräftig unterstützt, denn in Griechenland und insbesondere auf Lesbos mit seinen 87.000 Einwohnern erlebt man eine weltoffene Gesellschaft. Vielleicht liegt es auch daran, dass mehr als 30.000 Flüchtlinge aktuell vor Ort sind. Und dass Angst meistens die Angst vor dem Unbekannten ist, kann man ja auch daran erkennen, dass in Dresden, der Stadt, wo sich laut Studien mehr als 60 % als „Asylkritiker“ bezeichnen, gerade mal 4,9 % der Bürger Ausländer sind. Jedenfalls habe ich noch nichts von einer griechischen Pegida gehört, und wenn es doch so etwas gibt, dann stößt sie jedenfalls auf wenig Verständnis seitens der griechischen Bevölkerung.

An dem kleinen Strand nahe dem Fischerdorf Molivos kommen täglich bis zu zwanzig vollgestopfte Boote an, welche empfangen werden müssen. Unser kleines Auffanglager ist sehr provisorisch gestaltet. Eine Küche, in der Suppe und Tee gekocht werden, ein Container, wo die Ärzte den Kranken und Verwundeten helfen, eine Kleiderausgabe, wo man etwas Trockenes zum Anziehen bekommt und ein sehr kleines Camp zum Schlafen. Dieses Camp dient dazu, den Menschen Schutz für gerade mal eine Nacht zu bieten, dann müssen sie auch schon weiter zum Registrierungscamp. Es gibt Busse, welche sie dorthin bringen – doch wir mussten an die gesunden Männer und Frauen appellieren, zu Fuß zu gehen, damit noch Platz für die Hilfsbedürftigen bleibt.

In derselben Nacht, in der wieder mal ein Boot gesunken ist und zwei Menschen starben, haben ein junger Schweizer, eine Münchnerin und ich einen schwer erkrankten Achtzehnjährigen ins Krankenhaus gebracht. Er war so erschöpft, dass er es nicht einmal schaffte, sein Alter zu nennen. Er schreib es dann mit letzter Kraft an die beschlagene Scheibe des Autos. Danach haben wir eine syrische Familie auf einer Landstraße gefunden, welche wir in das nächste Camp brachten.

Dieses war ein unbekanntes Camp, niemand von uns hatte auch nur davon gehört. Wir fanden heraus, dass es hier keine Helfer gab. Die Flüchtlinge waren in diesem riesigen Camp sich selbst überlassen. Nur wenige bekamen einen Platz in den vielen Zelten. Obwohl ich Atheist bin, kann ich diesen Ort nur als einen von Gott verlassenen Ort beschreiben. Die Fliehenden hier sind ausgelaugt, haben keine Kraft, kein Geld, keine Heimat. Es berührt einen. Manchmal fließen auch bei mir, einem verwöhnten Jugendlichen aus Deutschland, die Tränen, wenn ich dieses Elend zu sehen bekomme. Dieses Elend, das so einfach verhindert werden könnte, wenn die Menschlichkeit einen höheren Stellenwert hätte als der Profit.

Diese eigentlich so malerische Insel Lesbos, ein beliebter Urlaubsort für Deutsche, ist aktuell einen Ort voller Leid. Es ist unbegreiflich, dass es hier in Deutschland Menschen gibt, die einfach weg schauen oder womöglich noch dagegen auf die Straße gehen, dass diesen Menschen geholfen wird. Ich rate jedem „besorgten Bürger“ oder „Asylkritiker“, umgehend hier her zu kommen und sich ein Bild davon zu machen, wie es heute in Griechenland und auf dem Balkan aussieht. Wenn sie auch nur einen Funken Anstand im Leib haben, dann bezweifle ich, dass sie sich dann noch montags an den abendlichen Hetzveranstaltungen beteiligen würden.

Natürlich ist unstrittig, dass die große Zahl von Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben werden und in Europa und Deutschland Schutz suchen, erst mal eine enorme finanzielle und logistische Herausforderung darstellen. Aber die Wirtschaftskraft Deutschlands reicht leicht aus, um diese Herausforderungen zu bestehen, ohne dass bei den Armen gekürzt werden müsste. Es ist nicht die Frage, ob „Deutschland das schaffen kann“, sondern ob die Regierenden dies wollen. Und sind nicht gerade die Länder, die mit ihrer Wirtschaftspolitik, ihren Waffenlieferungen und Versuchen des „regime change“ zu diesem Elend in den Fluchtländern beitragen, geradezu verpflichtet, die Flüchtlinge würdig aufzunehmen? Doch die Europäische Union, die ihre „europäischen Werte der Humanität und Solidarität“ in Feiertagsreden vor sich herträgt, zieht die Festungsmauern hoch, sperrt die Menschen aus und macht das Mittelmeer zu einem Massengrab.

Es geht nicht nur um eine wirtschaftliche oder politische Angelegenheit, sondern es geht vor allem um Menschlichkeit; um Empathie und den gesunden Menschenverstand, der nötig ist, um den Ärmsten der Armen zu helfen. Das sind die universellen Werte, die es zu verteidigen gilt – ob als Christen, Moslems oder Atheisten.

Showing 21 comments
  • Dörte Stähler

    Was für fantastische Worte, nein nicht fantastisch! Es ist sehr authentisch geschrieben und gerade deshalb habe ich die Hoffnung, dass es auch die Herzen berührt, die von unserer profitgierigen Gesellschaft so erstarrt sind. Mir wird dabei warm ums Herz und warum warm? Wärme entsteht bei Bewegung. Tamino hat mit seinem Tun Bewegung in das Elend gebracht und mit seinen Worten übermittelt. Nun liegt es an uns, ein Perpetuum Mobile daraus zu machen. Wir sind die Gestalter unseres Lebens. Das gilt auch für die Flüchtlinge, die beweisen, dass sich jede auch noch so schmerzhafte Bewegung lohnt. Noch sind sie wohl von einem Elend ins nächste gegangen, aber ich bin mir ganz sicher, dass irgendwann auch für sie die Sonne wieder scheinen wird.
    Tamino spreche ich ein großes Lob aus und seinen Eltern, Anouk und Konstantin: Irgendwie habt Ihr da etwas richtig gemacht im Umgang mit Eurem Sohnemann!
    Danke Euch allen und bon courage!
    Dörte Stähler

  • Reinhard Nickschas

    Mein lieber Tamino, jetzt muss ich hier mal ein Tränchen zurücklassen!
    Ich kenne sehr wenige Leute in Deinem Alter, die schon so viel Empathie rüberbringen können.Bewundere Deinen Mut mein Junge!Mir wäre es vielleicht zuerst ähnlich gegangen, wenn ich als verwöhntes deutsches Kind dieses Drama hätte ansehen müssen! Hier wird sich der Mund fusselig geredet über das Wieso und Warum der weiteren Flüchtingshilfe anstatt zu helfen! Solange der Westen und auch der Osten weiterhin Waffen in die Krisengebiete schüttet, wird der Flüchtlingsstrom nicht enden!
    Es kommt eine sehr schwierige Zeit auf uns zu und gerade die Jugend wird damit heftig konfrontiert! Aber Die werden halt voll abgelenkt und laufen mit krummen Nacken und Daumen durch die Gegend!Behalte Dein Talent und Dein Herz, wirst bestimmt mal ein ganz Großer Poet und Revolutionär! Jetzt erstmal noch bissle Schule und nebenher fleissig Gitarre üben! Liebe Grüsse von mir auch an die ganze Weckeranstalt

  • Elisabeth

    Danke Tamino und alle Achtung für den hervorragend und so menschlich geschriebenen Bericht!

  • Jonas

    Hallo Tamino, leider ist das mit der PEGIDA nicht ganz richtig. In Griechenland gibt es natürlich auch Nazis. Diese organisieren sich in der „Goldenen Morgenröte“. https://de.wikipedia.org/wiki/Chrysi_Avgi

    Freundliche Grüße

    Jonas

  • ANDREAS

    „Wenn wir auf das Menschsein und auf das konkrete Leiden in all diesen Menschen, die aus fernen Ländern zu uns kommen, schauen, dann wird sich wie von selbst unser Mitgefühl für sie öffnen und das Trennende einer fremden Kultur zurücktreten.“

    Für mein Empfinden hast Du einen wichtigen heilsamen Impuls in die Welt gegeben – danke Dir für Deinen Mut und Deine Inspiration!

  • Freya Simone

    Hallo Tamino, danke für deine Worte und noch viel mehr für dein Handeln! Eine Frage: wo können sich den freiwillige Helfer in Lesbos melden? Gibt es Ansprechpartner vor Ort? Danke!

  • Artur

    Erstmal möchte selbstverständlich ebenfalls den wirklich gelungenen Artikel loben. Aber ist es nicht so, dass es in Wirklichkeit tausende oder abertausende Taminos gibt, die genauso denken. Diese aber aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht die Möglichkeit haben einfach nach Griechenland zu fliegen und einem sehr guten Hotel unter zu kommen. Denn ich bezweifle, dass er in einer schäbigen Behausung untergekommen ist, um das ersparte den Flüchtlingen zu kommen zu lassen. Sollte es anders gewesen sein , entschuldige ich mich an dieser Stelle. Viele würden gerne helfen, haben aber nicht die Möglichkeit dazu. Aus einer privilegierten Ausgangssituation ist es immer einfacher zu helfen. Doch jemand wie ich der es sich auch über alles wünscht zu helfen, der es sich aufgrund seines schlecht bezahlten Jobs (dafür wiederum ist unsere tolle Regierung verantwortlich, die Gesetze ermöglichen, die dazu führen, dass einige Jahrzehnte in Zeitarbeitsfirmen oder extra dafür gegründeten Tochterfirmen zu dumping Löhnen arbeiten müssen) einfach nicht leisten können, da sie ihre Familie ernähren müssen. Trotzdem Tamino unfassbare Reife für dein Alter. Wenn du jetzt noch dein Iphone gegen ein günstigeres Smartphone eintauscht, und die Differenz spendest verneige auch ich mich in einem Kommentar vor dir. Ist es nicht viel edler von seinen letzten 50 Euro die man für eine Woche zu Verfügung hat 5 Euro einen Obdachlosen zu spenden?

  • Piranha

    „Ist es nicht viel edler von seinen letzten 50 Euro die man für eine Woche zu Verfügung hat 5 Euro einen Obdachlosen zu spenden?“
    .
    Ja, Artur, auch solches Lob kommt hier nicht zu kurz, wie Sie unschwer in Holdger Plattas Jahresabschlußbericht zur Griechenlandhilfe nachlesen können 🙂
    Beste Grüße,
    P.

  • patrick

    Darf ich den text kopieren und über facebook verbreiten???das muss man gelesen haben….
    Ich merke es schon seit jahrzehnten..
    Ich habe das gefühl das die westlichen regierungen uns wieder in eine art nationalsozialismus treiben
    Werden… parallelen seh ich genug…
    Es kommt so schleichend wie das heisse wasser für den frosch im kochtopf….

  • Peter Boettel

    Ein hervorragender Beitrag.
    Besonders gefallen hat mir folgender Satz: „Es ist nicht die Frage, ob „Deutschland das schaffen kann“, sondern ob die Regierenden dies wollen.“ sowie die Aussage, dass gerade die Länder, die dieses Elend durch ihre Kriegspolitik verursachen, als Erste in der Pflicht sind, sich um die Flüchtlinge zu kümmern, insbesondere die USA und Großbritannien.
    Und Deutschland könnte tatsächlich das Problem ohne Schwarze Null lösen, es muss nur die Steuern eintreiben, die dem Land zustehen; denn die Steuerflüchtlinge schaden dem Land und nicht die Kriegsflüchtlinge.

  • Renate

    Herzlichen Dank an Dich, Deine klaren Worte, an Dein Engagement. Die Welt und die Menschen brauchen Menschen wie Dich und Deine Eltern! Ja, ich bin froh, dass es Euch gibt… wo wäre meine Generation in Deutschland ohne die Lieder von Konstantin Wecker, Hannes Wader, das Engagement auf Lesbos von Annik Wecker und nun Du mit Deinen Worten geistiger und emotionaler Unterstützung. Chapeau!!!
    Renate

  • Holdger Platta

    Lieber Tamino,
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    vielleicht werden ja manche finden, daß es sich für mich als Mitredakteur von HdS nicht gehört, Deinen Beitrag zu loben, aber sei’s drum: mich hat Dein Bericht zutiefst berührt, und ich bin unendlich dankbar dafür, daß es junge Menschen wie Dich gibt, die sich vom Elend der Flüchtlinge, die da zumeist unter furchtbarsten Bedingungen auf Lesbos ankommen, berühren lassen. Und außerdem schon so viel Verständnis erworben haben für die Gründe und Hintergründe, für die Ursachen, wieso es solches Elend auf der Welt gibt. Danke, lieber Tamino, riesigeas Dankeschön!
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    Artur möchte ich sagen, daß es vielleicht viel weniger üppig im Hause Wecker zugeht (und dann auch außerhalb), als er vielleicht annimmt. Was auch für viele andere HelferInnen gilt, zum Beispiel auch für diejenigen, die sich zum Teil seit vielen Monaten für die verelendeten GriechInnen engagieren (Piranha hat zu Recht darauf hingewiesen – und ich meine jetzt nicht uns OrganisatorInnen damit!).
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    Vielleicht darf ich eines noch sagen: möglich wurde diese Hilfe, die Tamino – übrigens gemeinsam mit Annik, seiner Mutter (und Konstantin Weckers Ehefrau) – auf Lesbos leisten konnte, unter anderem (ich betone: unter anderem!!!) auch deshalb, weil wir von der „Initiative für eine humane Welt (IHW) e. V.“ Beihilfe dazu leisten konnten. Und das schreibe ich jetzt nicht, um nun auch noch etwas Lob herüberzuholen zu uns, sondern um viele andere zu ermutigen, eventuell ebenfalls die Gründung eines Vereins mit Gemeinnützigkeitsstatus zu initiieren. Als wir das hier 2010 hinbekamen – nach ca. 8 Monaten intensivsten Diskussionen -, konnten wir nicht ahnen, daß unter anderem (!!!) auch daraus solche Hilfsmöglichkeiten erwachsen können. Damit schreibe ich nicht die Welt schön – und uns schon gar nicht! -, aber ich weise darauf hin, daß manchmal das Gegenteil, der totale Pessimismus, das bloße Rummosern oder das Angiften von Weggefährten, die da etwas anders – scheinbar oder tatsächlich etwas zuversichtlicher – ticken, auch etwas sehr, sehr, sehr Bequemes sein kann.
    .
    Vielleicht, lieber Artur, ergibt sich für Dich ja – mit anderen zusammen – eine ähnliche Möglichkeit, so etwas auf die Beine zu stellen. Ich könnte mir vorstellen, daß es nichts Besseres für Tamino geben könnte als die Tatsache, damit sogar zum guten Beispiel für andere gutwillige Menschen geworden zu sein. Und von diesen gibt es mehr, als die Öffentlichkeit uns mitteilt und die Herrschenden da oben eingestehen möchten!
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    Mit herzlichen Grüßen vor allem an Dich, Tamino, aber auch an all die anderen hier
    Holdger

  • eulenfeder

    …da hat sich mein statement schon erübrigt, eigentlich..
    aber trotzdem in richtung kritelnder angesichts tatsächlicher hilfe, seis hier oder dort, oder vor ort – es ist keine ’sache‘ des ’standes‘ oder der herkunft, sondern eine der hilfe nämlich. oder sollten wir anfangen die eine hilfe gut zu heissen weil von einem erbracht der selbst hilfe bräuchte – und die andere schlecht oder etwas ‚anrüchig‘ weil von jemand geleistet der finanziell besser dasteht ?
    dann gäbe es vielleicht noch diesbezüglich kriterien zu erfüllen u.s.w ?
    der dienst am menschen ist immer ein guter, wenn er von herzen kommt.
    und wenn jemand sein tun veröffentlicht dann kann er das auch mit stolz tun, ohne dass man ihm irgendwas nachreden muss – oder man sollte zumindest sich das verbeissen können.

  • Claus

    Zum Jahresbeginn 2016 wünsche ich Tamino und Euch Lesern Gesundheit, eine möglichst angstfreie Zeit angesichts des vielerseits herbeigeschriebenen oder realen Gefahrenpotentials und viel Energie beim Sichzeigen gegen die drohende Dominanz von Bauchgefühlen im näheren oder weiteren Umfeld. Es gibt viel zu tun für uns alle. Der Mensch ist, was er tut.
    Auch mein Tun beschränkt sich, wie im August schon, seit Anfang November bis Mitte Januar auf die Arbeit, die sich durch die Ankunft derer auf Lesbos und anderen griechischen Inseln in der Nähe der Türkei ergibt, die sich wegen Kriegen und Existenznöten auf den Weg zu uns machen. Meist aus den durch Bomben und Krieg zerstörten syrischen Städten kommend, aber auch aus Regionen und Ländern, die sich wegen interner Machtkämpfe grundlegend verändern – auch durch unseren Hunger nach Energie und die damit zusammenhängenden Kriege in den letzten Jahrzehnten und durch die Konkurrenzkämpfe um Einflusszonen in Nahost. Die Bevölkerung wurde dabei nicht gefragt, die Erträglichkeit ihrer Lebensbedingungen und ihre kulturellen Bedürfnisse gehörten nicht zu den Berechnungsfaktoren, ebensowenig wie die Zukunftsfolgen der Kriege für die jeweilige Region.
    So folgen nun viele Migranten – symbolisch aus meiner Sicht – der Spur ihres Öls, oder – von der afrikanischen Küste kommend, u.a. der Spur ihrer von den Schleppnetzen der ausländischen Fangflotten rücksichtslos und massenhaft weggefischten Lebensgrundlage. Sie machen sich auf den Weg nach Norden nach dem Motto „etwas Besseres als Hunger, Elend und Tod finde ich überall“.
    Mit Hilfswilligen aus aller Welt kehren wir ehrenamtlich Helfenden nun die Scherben von gescheiterter Politik zusammen, kümmern uns um die Versorgung der vor den veränderten Verhältnissen Flüchtenden. Aufgaben, um die sich Regierungen herumdrücken mit vielfachen Ausreden, auch ängstlich fixiert auf Wählerumfragen. Hin und wieder zeigt sich ein Politiker vor den Kameras, lobt die Arbeit der Freiwilligen und verschwindet nach salbungsvollen Worten ohne Folgen, wenn ihn z.B. der Bürgermeister der Hauptstadt von Lesbos fragt, warum denn die Flüchtenden mit ihren Kindern nicht sicher über die Fähren von der Türkei übersetzen dürfen in Anbetracht der vielen Ertrunkenen, darunter auch sehr viele Kinder. Humanitäre Bekundungen nicht nur im Munde zu führen, sondern sie umzusetzen an Stelle von todbringenden EU-Regeln fordert auch er damit – unbequemer Weise.
    Auch hier auf Lesbos sind – wie in den Jahren zuvor und, wie es heißt, auch weiterhin in den kommenden Jahren – in den ersten Tagen des neuen Jahres 2016 zahlreiche Schlauchboote aus der Türkei angekommen – bei null Grad, die Menschen durchgefroren, durchnässt, krank, nach lebensgefährlicher Überfahrt bei Wind und Wellen aufgelöst weinend, schockiert schweigend, traumatisiert. Wenn wir die Hilflosen so empfangen, mit trockener Bekleidung, Schuhen, Wasser etc. versorgen, haben wir alles andere zu tun als große Überlegungen anzustellen, über große Lösungen zu grübeln, auf dumpfe Fremdenfeindlichkeit und offenen Rassismus und Hass einzugehen. Die Menschen sind einfach da, sie stehen vor uns, ihnen muss geholfen werden, egal warum und woher sie kommen. Alles andere wäre im höchsten Maße unmenschlich!
    Was würden AFDler und Pegidas denn tun, wenn sie am Strand der Inseln mit dieser Notsituation konfrontiert würden? Wo bleibt die hohe Politik in ihrer humanitären Verantwortung? Was wäre ohne die freiwilligen Helfer aus aller Welt?!
    Claus Kittsteiner, Nov.-Jan.auf Lesbos

  • Annette

    Und ich bin weiterhin dabei, mich meines Volkes zu schämen.Von der Regierung, Presse gelenkt, hetzt uns meckert es, , jedoch blickt man einmal zurück, so stellt man fest, so wie die Deutschen auf die Flüchtlinge verbal ein hauen, haben sie es schon lange getätigt, gelernt von Politikern, die da meinte Arbeitslose sind wertlos, ohne Rechte, sondern auch nur trinkende, die ihre Kinder vernachlässigen.Ein Volk welches nicht in der Lage ist, je zu lernen.
    Da tut es gut, von Tamino zu lesen, sonst würde man verrückt werden, gäbe es ihn und die kläglichen Ausnahmen nicht!

  • H.Ewerth

    Ich wünschte mir solche Worte einmal von den Verantwortlichen in Regierung und Wirtschaft. Hier wird genau das Gegenteil, mehr oder weniger propagiert. Obwohl es eigentlich jedem der ein wenig rum gekommen ist, leicht zu begreifen wäre, dass Flüchtlinge in erster Linie, Opfer einer westlichen imperialen kolonialen Außenpolitik sind. Um davon abzulenken werden Flüchtlinge zu Tätern stigmatisiert, und finden auch noch bei Teilen der Gesellschaft Zustimmung?

    Solange der Westen mit gerade einmal 10% der Weltbevölkerung, den Rest der Welt als seine Kolonien betrachtet und auch so behandelt, braucht sich niemand im Westen über Flüchtlinge und Terror beschweren. Wie schrieb schon Jean Ziegler in seinem Buch so treffend, DER WESTEN EIN IMPERIUM DER SCHANDE:

  • Tamino

    Lieber Artur,
    Danke für deine Komplimente für deinen Bericht, aber einen Teil deines Kommentar möchte ich dementieren. Auf Lesbos übernachteten wir in sehr schäbigen Behausungen. In Molivos (das Fischerdorf wo wir die meiste Zeit arbeiteten) gibt es viele Gastgeber die ihre Herbergen und Hotels den freiwilligen Helfern, kostenlos oder für einen läppischen Preis, zur Verfügung stellen. Wir haben in einem sehr kleinen Hotel für umgerechnet 6,50 Euro übernachtet.
    Außerdem bekomme ich weitaus weniger Taschengeld als 50 Euro wöchentlich.
    Trotzdem bedanke ich mich für deine positiven Rückmeldungen und deine Entschulidigung im VOrraus.

  • Claus Kittsteiner

    Ob wir nun, alt oder jung, Hilfe für Kriegsflüchtlinge im Ausland oder in Deutschland leisten, klar ist uns dabei stets:
    All das ist das Resultat, die Quittung für die zynische und menschenverachtende Haltung von mit Waffen handelnden doppelmoraligen Politikern, scheinheiligen oder offenen Kriegsunterstützern und kriminell handelnden Kriegsführenden, denen die Folgen für die betroffenen Menschen egal sind. Das Schicksal der Menschen auf der Flucht ist somit eine – neben allen innenpolitischen Ursachen – auch von außen mitverursachte, nicht entschuldbare humanitäre Katastrophe – ohne sichtbares Ende. Beides schnellstens und gemeinsam zu stoppen, das muss unsere vorderste Aufgabe sein. Wer mit seinem nur Reden darüber nicht zufrieden ist und es ernst meint, sollte zur humanitären Tat schreiten – wie Tamino und Annik!
    Claus Kittsteiner, Mytilini/Berlin. Auf Lesbos verantwortlich für das Projekt ‚Volunteers for Lesbos’ der ‚Initiative Respekt für Griechenland“

  • maria

    Hallo Tamino
    Erst vor kurzem habe ich deinen Beitrag gelesen. Er hat mich tief berührt. Ich find’s einfach super und mich freut’s sehr, wenn ich von jungen Menschen höre, die mit wachem Verstand durchs Leben gehen, zudem mitfühlend handeln. Es braucht dringend viel mehr Tamino’s – jugendliche Revoluzzer, die ihren eigenen Weg gehen. Die „Bühne Erde“ mit ihren „Schauspielern“ werden analysiert und hinterfragt.

  • theres

    lieber tamino wieviel taschengeld du bekommst geht überhaupt niemanden was an. dein bericht ist so gut geschrieben. möge es noch viele taminos und anniks geben. danke

  • Claudia

    Ich finde es großartig was ihr geleistet habt.
    Schön das es junge Menschen wie dich gibt.
    Danke!

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