Sexuelle Gewalt ist fester Bestandteil des Patriarchats

Rassistische Nazi-Karikatur aus dem "Stürmer"

Rassistische Nazi-Karikatur aus dem „Stürmer“

Nach der Silvesternacht entfaltete sich eine mittlerweile schon vorhersehbare Dynamik. Es wird ein Medienhype betrieben, bei dem sich die Sensationssucht der Presse mit dem Bedürfnis staatlicher Stellen nach immer weiter gehender „Verschärfung“ vereint, was gewollt oder ungewollt auch den Rechten Vorschub leistet. Nach dem Ereignis ist angeblich nichts mehr wie es war, nur drastische Maßnahmen können helfen, mehr Polizei und Überwachungskameras auf öffentlichen Plätzen… Und wer zur Mäßigung mahnt und auf andere, medial weit weniger hochgepushte Formen von Gewalt gegen Frauen hinweist, wird als Silvesternacht-Relativierer diffamiert. Schlimm und schockierend ist aber, wie sich der Fokus an rassistische Ängste seiner dumpfsten Leser anschmiegt und dabei um der Auflage willen selbst seit der Nazi-Zeit wohlbegründete Tabus über den Haufen rennt. Konstantin Wecker ruft zum Boykott auf.

Liebe Freunde,

eigentlich hatte ich vor, mich bis Anfang Februar zurückzuziehen, um mein neues Buch fertig zu stellen. Nun zwingen mich die Nachwehen der Kölner Silvesternacht doch noch zu einer kurzen Stellungnahme.

Die Politillustrierte „Focus“ hat ein Titelbild veröffentlicht, das einem den Atem raubt. Man denkt sofort an eine Werbebroschüre des Ku-Klux-Klan und kann es nicht fassen, dass so etwas im aufgeklärten Deutschland möglich ist. Die abfärbenden Hände eines Schwarzen betatschen eine blonde, weißhäutige, unbekleidete Frau – die Botschaft für alle offiziellen und latenten Rassisten soll wohl heißen: Notgeiler Neger vergreift sich an schöner, blonder, reinrassiger Deutscher Frau. Dieter Hildebrandt fand schon 2007 in einem Gespräch mit „Cicero“ den „Journalismus von Focus unerträglich“. Dieser großartige Mensch und Mahner fehlt mir dieser Tage mehr als je zuvor. Denn jetzt ist „unerträglich“ nicht mehr der passende Ausdruck. Das Blatt muss boykottiert werden.

Zu Recht hat die Grünen-Vorsitzende Simone Peter beim Deutschen Presserat eine Beschwerde eingereicht. „Kann man nicht über sexualisierte Gewalt an Frauen berichten, ohne dabei auf frauenverachtende Weise altbekannte Vorurteile zu bedienen und durch rassistische Bilder Rechtspopulismus und rechte Hetze zu verstärken?“, schreibt sie auf Facebook.

Und genau das ist der springende Punkt derzeit. Als Münchner bekommt man Jahr für Jahr zum Oktoberfest sexuelle Übergriffe, versuchte Vergewaltigungen, tatsächliche Vergewaltigungen in kurzen Zeitungsnotizen serviert. Zwei Vergewaltigungen, jede Menge sexueller Übergriffe und das trotz über 2000 Polizeieinsätzen – gerade mal dreieinhalb Monate ist das her. Keine große Aufregung in den Medien, keine Rufe nach Gesetzesänderung von unseren Spitzenpolitikern. Man könnte sich ja das Millionengeschäft mit dem Bier verderben.

Ob zu Hause, Oktoberfest, Schützenfeste, Partys – die Frauenhäuser jedenfalls sind voll von gedemütigten, verprügelten und misshandelten Frauen. Wohlgemerkt von einheimischen Tätern. War das jemals ein Thema? Geradezu unerträglich ist es, sich anhören zu müssen, wie Rassisten plötzlich zu Frauenrechtlern mutieren. Wie der „Feminist“ George W. Bush damals bei seinem Kriegseintritt in Afghanistan.

Die BILD-Berichterstatterin Alice Schwarzer nennt die Vorfälle „das Produkt einer falschen Toleranz“. Warum geht sie, als bekannte Feministin, nicht auf die wirklichen Ursachen sexistischer Übergriffe ein? Ich halte diese Aussage, gerade Toleranz sei das Schädliche, für höchst gefährlich. Sie steht in der Tradition eines beispiellosen Feldzugs gegen die Grundwerte: Willkommenskultur, Mitgefühl, Verständnis, gar die Güte oder das Gute selbst werden kaum mehr anders als herabsetzend und ironisierend gebraucht. Auch Toleranz gehört in diese Reihe. Das Wort soll durch fortdauernden Propagandabeschuss zum Unwort umgedeutet werden.

Sexuelle Gewalt ist keine Frage der Religion, der Hautfarbe, der Gene – sie ist fester Bestandteil des Patriachats. Aber dies zu kritisieren kommt in unserem System einer Gotteslästerung gleich.

Lasst mich eine junge Kollegin zitieren zum Schluss, die Liedermacherin Sarah Lesch. Sie schreibt am Ende eines sehr persönlichen und berührenden Beitrags auf Facebook:

„Was machen wir nun mit den ganzen Sexisten in unserem Land und mit den frauenfeindlichen Gewalttätern und Täterinnen? Was mit den männerfeindlichen?
Lehrer, Pfarrer, Vorstände, Väter, Mütter, Pädagogen und Pädagoginnen?
Politiker und Politikerinnen? Diskothekenbetreiber und Motorradclubs?
Kann man die auch ‚abschieben‘ bitte?
Was machen wir mit frauenverachtenden Studentenverbindungen und sexistischen Professoren, Glaubensgemeinschaften, Arbeitgebern oder Stammtischgesellschaften? (…) Was mache ich mit einem Mann, der mich sexuell belästigt und dem ich einen Job gegeben habe? Was mit einem, der mir einen Job gegeben hat?
Was machen wir mit den ganzen deutschen und ‚ausländischen‘ Männern und Frauen, die sich ‚lustige‘ Videoclips auf ihren Smartphones zuschicken, in denen sexuelle Gewalt verherrlicht wird? (…)
Ihr wollt anfangen, ‚unser Land‘ aufzuräumen?
Na dann los! ES GIBT VIEL ZU TUN!
Fangt mal bei euch selbst an!“

P.S:
Immer wieder sollten wir die großartige, mutige und bewundernswerte Hannah Arendt lesen:
„Der Verlust der Menschenrechte findet nicht dann statt, wenn dieses oder jenes Recht, das gewöhnlich unter die Menschenrechte gezählt wird, verlorengeht, sondern nur wenn der Mensch den Standort in der Welt verliert, durch den allein er überhaupt Rechte haben kann und der die Bedingung dafür ist, dass seine Meinungen Gewicht haben und seine Handlungen von Belang sind.“
(Hannah Arendt: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, S. 612 f.)

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  • eulenfeder

    Liebe Bettina –
    freilich bin ich da – bin ja für eine ausgewogene site der so notwendige ‚wadlbeisser‘, der ‚hofhund‘ und der ‚platzhirsch‘ zugleich ( nebst weiteren ca. 25 vorzüglichen eigenschaften )
    nun – zunächst mal bist Du da wohl, so vermute ich jedenfalls, bezüglich meines ‚stammes‘ einem irrtum aufgesessen – gar nicht schlimm weil ja kein lokalpatriot.
    aber – die Oberpfalz ist nicht etwa oberhalb der Pfalz, sondern erstreckt sich eigensinnig von Regensburg bis ca. Waldsassen ( also nach norden ), der östliche rand ist der nach norden verlängete Bayerische Wald und der anschliessende Oberpfälzer Wald, alles hart an der tschechischen grenze.
    schon aus diesem grunde kenne ich mich mit bier besser aus, auch weil schon lebenslang gesoffen.
    aber ! – fast direkt weiter nördlich, oder besser nordwestlich dann beginnt Mittelfranken, Unterfranken. und dort gibt es den wohl vorzüglichsten wein ! – den Frankenwein. er gilt als der reinste wein überhaupt. ( Boxbeutel ).
    er ist fast ausschliesslich ein trockener bis halbtrockener, aber auch staubtrocken mitunter – smile.
    überwiegend Weisswein, auch viel Rose. sehr zu empfehlen ist der ‚Junge Rötling‘, ist trocken und mit Rotwein nicht zu vergleichen. ansonsten ist Volkach einer der bekanntesten Frankenwein-Orte. ( Volkacher Kirchberg trocken u.a. ) Silvaner ist wohl die ‚gängigste‘ rebe beim Frankenwein.
    drei flaschn howe amal gsoffn und niadamal an schädlweh ghabt…. – also muss er sehr rein sein.
    und deshalb auch besteht keinerlei gefahr dass Du nach einer Flasche zur mittagspause die Spätgotik mit der Frühromantik verwechselst, allenfalls sehr romantisch würde Dir zumute dann…
    Ich empfehle die jährlichen weinfeste in und um Volkach.
    Herzlicher Gruss
    euli

  • eulenfeder

    …kleiner nachschlag zur weinkunde – Bettina –
    nicht weil ich ein kenner wäre, aber was für bier gilt muss für den wein auch gelten:
    am besten schmeckt immer ein regionales gesöff. warum ? – nicht weil man völkisch verblödet sein sollte – ‚denkt deutsch – kauft deutschen wein ..‘, nein – sondern weil der geschmack eben auch mit der region zu tun hat.
    nehmen wir mal an Du bist in spanien und entdeckst einen wein der Dir vorzüglich schmeckt, nimmst ein paar flaschen mit und zuhause stellst Du dann fest er schmeckt nicht ! das hat direkt mit der ‚luft‘ zu tun, mit dem spezifischen regionalen klima u.s.w
    mit dem öffnen der flasche entsteht sofort eine ‚chemische reaktion‘, der wein reagiert mit der ‚luft‘. also kann es sein dass Dir der spanische regionale wein zuhause in Deiner region nicht schmeckt.
    wenn du nun also zur zeit in der pfalz bist dann wäre ein trockener Pfälzer wohl das beste. aber Franken ist ja auch nicht so weit weg dass die klimatischen bedingungen ganz anders wären.
    ungeachtet solcher ‚weisheiten‘ aber saufe ich persönlich alles, hauptsache der ‚spirit ist drin – smile – aber gutes bier aus der region und wurzelschnaps aus dem Bayerichen Wald sind mir am liebsten, in die wiege gelegt quasi.
    Prost

  • Bettina Beckröge

    Liebe Eulenfeder,
    danke für deine kleine Fortbildungsstunde am späten Sonntagmorgen. Habe das zum Anlass genommen, mir die deutschen Bundesländer nochmal vorzuknöpfen. Es ist ja wirklich nicht selbstverständlich zu verstehen, dass die Pfalz und die Oberpfalz zwei völlig unterschiedliche Dinge sind, und dass Oberfranken ein Teil von Bayern ist (was haben die sich Bayern im Mittelalter eigentlich nicht einverleibt?).
    Ganz merkwürdig erscheint mir bis heute der regionale Begriff Ost-Westfalen. Ja haben die denn sich damals nicht entscheiden können, ob nun Ost oder West? Die Geografie und ihre Begriffe, es ist schon einst der schwersten Übungen, das schreibe ich, als eine welterfahrene Frau mit Alterserfahrung…:)))).
    Volkach, das sieht im Internet ja recht beschaulich aus, von einer anmutlichen Garnitur an Weinreben umgeben. Kann mir gut vorstellen, dass die Weinfeste dort sehr fröhlich zugehen. Aus deiner Liste an Empfehlungen entscheide ich mich für Volkacher Kirchberg trocken, das klingt überzeugend. Meinst du, eine Flasche am Abend ist zu schaffen? Da darf ich mir am Folgetag aber nichts mehr vornehmen. Nun, wenn es denn dazu führen sollte, dein oberpfälzisches Krautsalat zu verstehen, dann will ich dieses Opfer wohl bringen…
    Eulenfeder, Hofhund und Platzhirsch zugleich (den Wadenbeißer lasse ich lieber weg, Wadenbeißer mag ich nicht, ich mag lieber die großen Hunde mit ihrem treuen Blick…), also Eulenfeder, vielen dank für deine umfangreiche Beratung. ich werde dir berichten, wie vollmundig der Volkacher Kirchberg trocken im Abgang ist, und wie romantisch mir danach zumute war :)))).

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