Flüchtlinge, wohin! Stimme einer Helferin

Leila Dregger

Leila Dregger

Flüchtlingshelferinnen und -Helfer sind heute das Herz eines erkaltendes, in Richtung Abschottung und Autoritarismus abdriftenden Europa. Wie stellt sich die politische Lage aus der Sicht einer Helferin dar, die auf Lesbos Bootsflüchtlinge aus dem Wasser zieht, ihnen Essen, Kleidung und medizinische Versorgung gibt, nur um sie dann in eine ungewisse Zukunft weiterziehen lassen zu müssen? Leila Dregger, Journalistin und Bewohnerin des Heilungsbiotops Tamera in Portugal, schreibt hier über ihre Hoffnung und ihre Verzweiflung. Ihre Appell an das Gewissen der Europäer ist auch eine vehemente Anklage: Macht euch nicht zu Tätern und duldenden Zuschauern in einem Drama, das uns alle mit in den Abgrund reißen kann! „Verändert euch oder geht unter!“

Am Strand von Lesbos. Zwischen Rettungswesten, Kleiderknäueln und Bootswracks ein Moment der Stille, bevor das nächste Boot erwartet wird. Noch ein Boot voller Menschen, die ihr Leben riskiert haben, um vor Krieg und Armut zu fliehen. Kinder, Mütter, Väter, die mehr ausgehalten haben, als ein Mensch aushalten sollte. Die keinen Ort mehr haben, an dem sie willkommen sind, die nicht mehr zurück und nicht bleiben können.

Man hat uns freiwillige Helfer das wiedererwachte Herz der Menschheit genannt. Wir helfen, wo immer Hilfe gebraucht wird. Wir ziehen Flüchtlinge aus dem Wasser, geben ihnen trockene Kleidung, Essen und wenn wir können medizinische Versorgung und einen Schlafplatz. Viele von uns arbeiten täglich bis zur Erschöpfung. Helfen zu können, ist ein großes Privileg, für das wir dankbar sind. Es zeigt uns die Stärke des menschlichen Herzens: Wie dankbar es auf Freundlichkeit reagiert. Wie bereit es ist zu vertrauen und anderen zu helfen. Und wie sehr es auf Öffnung gepolt ist – wieder und wieder aufs Neue.

Und doch wissen wir: Unser Einsatz lindert die Not, kann sie aber nicht nicht beenden. Wir geben Menschen die Ersthilfe, müssen sie aber in eine ungewisse Zukunft weiterziehen lassen. Auch weiterhin werden Städte bombardiert, Menschen vertrieben und Fliehende erschossen – mit Waffen, die in meinem Land hergestellt wurden.
Weiterhin wird an allen Grenzen und Küsten aus der Not ein Geschäft gemacht. Weiterhin schließen Politiker Grenzen, lassen Zäune und Mauern bauen und bezahlen Schurkenstaaten, die Flüchtlinge in den Krieg zurücktreiben oder Flüchtlingsboote versenken.

Und jetzt, in diesem Moment, spielt oder schläft, lacht oder weint dort drüben an der türkischen Küste das eine Kind, das als nächstes ertrinken wird – heute, morgen oder in einigen Tagen. Das Meer hat nicht genug Wasser, seinen Tod zu beweinen. Ich verstehe Rosa Luxemburg, die angesichts des Krieges sagte: Vielleicht müssen wir aus der ganzen Menschheit austreten.

Das wiedererwachte Herz schlägt heute voller Zorn. Morgen mag es wieder verständnisvoll und kooperativ sein. Aber heute will es euch eure Zäune und Gewehre, eure Dummheit und eure Machtpolitik, euren guten Schlaf und eure Angst vor Fremden um die Ohren hauen. Was wir auf Lesbos täglich erleben, ist nicht nur die Not unzähliger Menschen: Es ist das absolute, schreiende Scheitern des ganzen gegenwärtigen Systems. So wohlwollend, demokratisch oder kultiviert es zu sein vorgibt: Es beruht auf Krieg und bringt immer wieder Krieg hervor. Und wir sind Teil davon, nicht nur als Soldaten und Politiker, sondern auch als brave Bürger und Konsumenten. Solange wir innerhalb dieses Systems agieren, denken, handeln, wird der Krieg nicht enden. Was wir jetzt als Flüchtlingskrise erleben, ist in Wirklichkeit das absolute Ausrufezeichen hinter dem Imperativ unserer Zeit: Verändert euch oder geht unter!

Und damit sind wir alle gemeint – als Bewohner Europas: Der Wohlstand unserer Länder wurde mit den Waffen erkauft, mit denen heute Krieg geführt wird. Wer Krieg sät, erntet Flüchtlinge. Wir verstecken unsere Angst hinter Schutzmauern der Gleichgültigkeit, gebaut aus Konsumgütern, die niemand mehr braucht. Aber Stillhalten ist keine Option mehr. Die Krise wird nicht von selbst vorbeigehen. Weder für die Flüchtlinge noch für uns wird es eine lebenswerte Zukunft innerhalb eines Systems geben, das auf Krieg angewiesen ist. Machen wir uns stark für das Ende von Waffenexporten! Bauen wir Keimstätten für eine Gesellschaft, in denen Menschen verschiedener Nationen und Kulturen Zusammengehörigkeit, Freundschaft und Zukunftsperspektiven finden. Sagen wir in diesem Sinne weiterhin: Willkommen!

Als Menschen auf der Flucht: Familienväter, die Krieg und die Zerstörung ihrer Heimat erlebt haben und sich und ihre Kinder mit Mühe nach Europa bringen konnten. Mütter und Frauen, die immer, in allen Kriegen die größte Last tragen. Junge Männer aus dem Maghreb und arabischen Ländern, die schon so lange von einer freieren Welt träumen und vom Ausbruch aus dem Korsett des Sexualverbotes. Und Kinder! So viele Kinder. Sie alle sind auf dem Weg in die Metropolen des Nordens – und damit in das Zentrum des Systems, das ihre Heimat zerstört hat. Müssen sie sich wirklich in diesen falschen Traum integrieren? Sie und alle Menschen brauchen ein anderes Ziel, dem sie folgen, einen anderen Traum, für den sie sich einsetzen können.

Als Soldaten und Kämpfer aller Seiten in Afghanistan, Syrien, Irak. Ihr glühender Glaube an Freiheit, Demokratie oder die Reinheit Gottes wurde missbraucht. Sie folgen Befehlshabern, denen sie nicht vertrauen können und kämpfen in Kriegen, die niemandem nützen. Sie lebten selbst einst in einer solchen Straße, die sie jetzt in Schutt und Asche legen. Sie waren selbst einst voller Angst wie diese Kinder, die nun unter ihren Bomben sterben. Eines Tages werden sie ihren Weg zurück in die Menschengemeinschaft suchen. Sie brauchen dann die Möglichkeit der Vergebung, die Chance für einen Neuanfang – einen neuen humanen Einsatz für ihre große Kraft.

Als Journalisten und Reporter, die von Kriegs- und Elendsschauplätzen berichten. Wer Schrecken ohne Ausweg schürt, macht sich zum Teil des Kriegsgeschehens. Dabei ist diese Aufgabe so wichtig: Es sind Informationen, nicht Waffen, die heute über Krieg oder Frieden entscheiden. Helft mit, die Zusammenhänge und Ursachen des Krieges aufzudecken und Lösungen zu finden. Dokumentiert den gemeinsamen Weg und die Vision einer friedlichen Zukunft!

Politiker und Entscheidungsträger: Aus der Perspektive der Freiwilligen auf Lesbos haben wir Fragen an euch. Es sind naive Fragen, die von den Kindern stammen könnten, die jeden Tag hier landen. Z.B.: Wenn man Bomben über Syrien abwerfen kann – warum werft ihr dann nicht Hilfsgüter ab? Ihr gebt Milliarden an ein Regime wie die Türkei, die Fliehende in den Bürgerkrieg zurücktreiben – wie schwer kann es sein, auf der türkischen Seite ein Registrierungsbüro zu eröffnen und den Flüchtlingen so eine legale und sichere Überfahrt zu ermöglichen? Ihr ehrt Freiwillige und dankt der Willkommenskultur – warum zwingt ihr die griechische Polizei, Helfer zu behindern und zu verhaften?

Wir wissen, dass euch oft die Hände gebunden sind. Ihr vertretet ein System, das nicht mehr funktioniert. Die Zwänge der Geldmechanismen und die technokratische Bürokratie der Europäischen Union ersticken die besten Ideen.
Wir laden euch ein: Tut eine Woche Dienst mit uns, hier, am Strand von Lesbos, empfangt die Menschen, die alles verloren haben. Wie wird euer Herz darauf antworten? Welche Entscheidungen wird es von euch fordern?

Innerhalb des bestehenden Systems gibt es keine Lösung. Seine Waffen, Kriege, Produktions- und Konsumverhältnisse haben die Heimat von weltweit 60 Millionen Menschen zerstört – so die derzeit aktuelle Zahl der Flüchtlinge weltweit. Echte Hilfe heißt, an den Ursachen anzusetzen. Echte Hilfe heißt, das System zu beenden, das immer wieder zu Krieg führt. Der Austritt aus dem alten System gelingt, wenn wir ein neues aufbauen, zunächst im Kleinen an vielen Orten weltweit – bis wir das alte ganz ablösen. Doch was das heißt! Wie viel Wissen über ökologische Rekultivierung, echte Zusammenarbeit, Gemeinschaft und Wahrheit untereinander dazu nötig sein wird! Wie viel Vergebung, wie viel Verständigung über alle Kulturen hinweg!

Wir freiwilligen Helfer auf Lesbos haben gezeigt, dass das Herz der Menschheit noch lebt, trotz allem. Es ist eine politische Größe, mit der die Welt rechnen kann. Die ersten Flüchtlinge schließen sich an und werden ebenfalls zu Helfern. Hier entsteht eine neue, große Weltgemeinschaft. Wir sehen täglich: Menschen wachsen über sich hinaus, verständigen sich, kooperieren effektiv und bewirken Großes, wenn sie müssen. Dieses Muss ist jetzt für die ganze Welt gekommen: Helft mit, aus dem Planeten wieder eine Heimat zu machen für Menschen, Tiere und alle Kreatur.

Comments
  • Ursula

    Ich kann dem nur zustimmen, da ich über Jahre meinen Urlaub als freiwillige Helferin in Griechenland verbracht habe, lange bevor die wirklich grossen Ströme kamen, ist es an der Zeit für alle, endlich Herz zu zeigen. Ich habe so viele tolle und eindrückliche Erlebnisse gehabt und habe mit vielen auch heute noch Kontakt, da ich in einer Asylunterkunft arbeite, habe ich ab und zu wieder Menschen getroffen, die ich Wochen zuvor in Griechenland betreut habe. Nun engagiere ich mich nicht mehr in Griechenland, sondern in Calais im “ Dschungel“, was dort abgeht ist ebenso unwürdig wie Menschenverachtend, schämen sollten sich alle Politiker und diejenigen die am ganzen Elend dieser Menschen reich werden. Im Moment bin ich gerade stolz auf meine Landsleute, welche gestern gezeigt haben, dass Menschen doch noch unterscheiden können zwischen rechter Aufwiegelei und gesundem Menschenverstand. Die „stärkste“ Partei der Schweiz hat eine grosse Niederlage erlitten und die Stimmbeteiligung war so hoch wie schon lange nicht mehr, mein Dank gilt vor allem auch den jungen Wählern, welche den Weg an die Urne gefunden haben. Schliesslich ging es um Freunde, Arbeitskollegen, Nachbarn eben Menschen. Bitte mehr Herz!!

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