Fotodokumentation über Flüchtlingsschickssale

Life is safe - alles gut? CreateSpace Independent Publishing Platform, 168 S., 5,40 €

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Bilder können uns in einem Augenblick Vorgänge sehr nahe bringen, die durch viele Worte eher verdeckt werden. So ist es natürlich auch mit Flüchtlingsschicksalen. Durch Verallgemeinerungen – wenn z.B. „Flüchtlingszahlen steigen“, „Flüchtlingswellen branden“ oder „Flüchtlingskrisen eskalieren“ – kann man sich die erschreckenden Details der Realität wunderbar vom Leib halten. Diese Fotodokumentation, die Susan und Thomas Schattner sowie Peter Schmidt auf die Beine gestellt haben, ist daher sehr zu begrüßen. Sie zeigt anhand von Einzelschicksalen die viel beschworenen Fluchtursachen, die Strapazen des Weges sowie die Zustände in Flüchtlingsunterkünften. Diejenigen, die immer noch gern „Zahlen begrenzen“ wollen, schauen hier in die Gesichter von Menschen. Konstantin Wecker hat deshalb auch ein Grußwort zu diesem empfehlenswerten Buch geschrieben.

Der Gedanke, diese Dokumentation zu veröffentlichen, entstand Anfang Februar 2016. Bei einer Zusammenkunft der drei Herausgeber, die, wenn auch sehr unterschiedlich, als ehrenamtliche Helfer in der Flüchtlingshilfe aktiv sind. Alle drei hatten aber das Gefühl, dass man gegen die öffentliche Stimmungsmache, welche sich vor allem seit den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht 2015/2016 gegen die Asylsuchenden in der Bundesrepublik wendet, etwas tun müsse. Denn nach wie vor kennzeichnet die deutsche Öffentlichkeit eine Ambivalenz, die Markus Feldenkirchen vom Magazin „Der Spiegel“ in der Jahreschronik des Magazins zum Jahr 2015 wie folgt formulierte: „Selten haben sich die zwei Gesichter einer Gesellschaft in so kurzer Folge gezeigt wie im Deutschland des Jahres 2015. Als im September Tausende Flüchtlinge den Münchner Hauptbahnhof erreichten, wurden sie mit Applaus empfangen, mit warmen Getränken und Spielzeug für die Kinder. Man feierte sie, als hätten sie gerade eine Meisterschaft für Deutschland errungen. Es dauerte nicht lange, bis das andere Deutschland sein Gesicht zeigte, bis Flüchtlingsunterkünfte brannten und Ausländer vom Mob gejagt wurden. Bis in den alles andere als sozialen Netzwerken jede Scham abgelegt wurde […]“.

Nach den Kölner Ereignissen haben wir aber eine neue Dimension erreicht. Nunmehr sind wir schon so weit, dass wir von „asozialen“ Netzwerken sprechen müssen. Mittlerweile haben laut der neuesten Umfragen im Februar 2016 81 Prozent der deutschen Bevölkerung die Befürchtung bzw. Angst, dass die jetzige Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel die Situation um die Flüchtlinge und den Zustrom der Flüchtlinge nicht mehr im Griff hat. Infolge dessen erobern immer mehr Rechtspopulisten den öffentlichen Raum. „Die Hassprediger“ (Titelzeile des Magazins „Der Spiegel“ vom 6. Februar 2016) wie Frauke Petry, die Vorsitzende der AfD (Alternative für Deutschland), und ihre Stellvertreterin Beatrix von Storch erreichen nach jüngsten Umfragen 12 Prozent und mehr der Stimmen bei den nächsten Landtagswahlen. Und das, obwohl sie öffentlich und laut darüber nachdachten, Schusswaffen an den deutschen Grenzen einzusetzen, um den Strom der Flüchtlinge zu beenden. Parallel dazu hat die Pegida-Bewegung (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) einen immer noch enormen Zulauf. Auch diese Bewegung wird immer radikaler. Beide Gesinnungen profitieren voneinander und scheinen einem Schulterschluss nahe zu sein. Und das Schlimme ist, dass all diese Gruppierungen von sich behaupten, die Mitte der Gesellschaft zu repräsentieren. Diese gibt es zwar schon lange nicht mehr, aber wer auch immer sich ihrer emotional zugehörig fühlt, wird politisch immer rechter.

„Aufkleberanschläge“ (die massenhafte Anbringung von fremdenfeindlichen Aufklebern) gegen Flüchtlinge mit fremdenfeindlichen Parolen werden fast schon alltäglich. Es ist „in“, solche fremdenfeindlichen Dokumente auch öffentlich zu präsentieren und sie auf den Geldbörsen in Bussen ganz offen zu zeigen. Beides ist hier in der Gegend bewiesen. Für uns stellt sich damit nur noch die Frage, wann es zu vermehrten massiven Übergriffen auf Asylsuchende auch hier in der Gegend kommt – ein „Ob“ ist leider nicht mehr fraglich.

Dazu passt, dass auch die Anzahl der Gewalttaten gegen Asylsuchende und Asylantenheime eine Rekordhöhe in der Republik erreicht hat. Eine Organisation hat bereits für Januar 2016 über 400 solcher Vorfälle in der Republik und 28 Fälle in Hessen dokumentiert (https://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/service/chronik-vorfaelle, Stand: 11. Februar 2016, siehe dazu auch „Der Tagesspiegel“ vom 13. Februar 2016, S. 4 „Landkarte des Schreckens“).

Wir wollen uns mit unserem Projekt gegen diese Tendenzen stellen, weil wir immer noch an das große Licht der europäischen Aufklärung und an Werte wie Solidarität und Mitmenschlichkeit glauben. Des Weiteren ist das Recht auf Asyl ein Grundrecht unseres Grundgesetzes. Wir wollen mit dieser Dokumentation ansatzweise zeigen, warum die hunderttausenden von Asylsuchenden sich in der Bundesrepublik aufhalten und auch hier leben wollen. Wir wollen zeigen, was sie auf ihrer Flucht erlebt und erduldet haben und mitunter, welchen Gefahren sie sich ausgesetzt haben und mitunter aussetzen müssen. Dabei stellte sich u.a. heraus, dass ein Afghane während seiner Flucht nach Europa sechs Monate in einem türkischen Gefängnis aus politischen Gründen zubringen musste. Ein anderer Afghane, der in seinem Heimatland für die US-Truppen gedolmetscht hat, berichtete, dass daraufhin sein Bruder von den Taliban erschossen wurde und er sich deshalb auf den Weg nach Deutschland gemacht habe. Gerade aufgrund derartiger Schicksale sind wir nicht bereit, eine „rechte“ Republik hinzunehmen. Politisch ganz rechts eingestellte Menschen haben schon einmal in Deutschland die Macht übernommen. Was 1945 dabei herauskam, ist bekannt. Ziehen wir doch endlich mal Lehren aus der Geschichte!

Wir sind uns dabei bewusst, dass die Fotografien der Waberner Flüchtlinge eigentlich nichts Neues zeigen, vergleichbare sind im kollektiven Gedächtnis durch die Vielfalt unserer Medien (hoffentlich) verankert. Dennoch zeigen die Fotografien gleichzeitig etwas Neues. Sie stammen von Personen, die zwischen 14 und 25 Jahre alt sind. Diese Personen leben nun mitten unter uns, mitten in unserer Gemeinde. Und wir sind der Meinung, dass das gut so ist. Menschen, die wie eine fünfköpfige afghanische Familie vierzehn Tage z. T. zu Fuß von Afghanistan über den Iran und durch die Türkei die mehr als 6.000 Kilometer zwischen Kabul (Afghanistan) und München bewältigt hat, hat ihre Gründe, ihre Heimat zu verlassen. Das sind Schicksale, an die erinnert werden muss. Dazu kommt, was diese Menschen an den Grenzen Europas erleben und erleiden mussten. Auch das zeigt diese Dokumentation in einigen Bildern.

Die Sammlung der Fotografien zeigt im Mikrokosmos den Makrokosmos. All diese „Fotografen“ leben nun unter uns in der Gemeinde Wabern. Und was für Wabern gilt, gilt auch für jeden anderen Ort und jede Stadt der Republik. Wenn man mehr über die Schicksale dieser Menschen erfährt, wird Zeitgeschichte zu einer persönlichen Erfahrung. Nur über den persönlichen Kontakt erfährt man etwas über das Schicksal dieser Menschen. Wir erhoffen uns von diesem Projekt, dass es dahingehend Nachahmung findet, dass viele deutsche Bürgerinnen und Bürger vor Ort beginnen, bei „ihren“ Asylsuchenden nachzufragen und zu hinterfragen. Das beste Mittel ist der persönliche Kontakt zu den Asylsuchenden. Dazu möchten wir einladen. Gleichzeitig möchten wir hiermit alle ehrenamtlich Tätigen in der Republik ermutigen, weiter zu machen. Denn Wabern ist ja nur ein Ort in dieser Republik.
Dazu kommt ein weiterer Aspekt. Wenn wir unsere neuen Mitbürger verstehen, können wir sie auch leichter integrieren. Jakob Augstein schrieb am 8. Februar 2016 am Ende einer Kolumne auf „Spiegel Online“ unter dem Titel „Integration der Flüchtlinge: Gastarbeiter? Deutsche!“: „Im vergangenen Sommer hat Angela Merkel den Menschen in der Not die Tür geöffnet. Nun darf auf den Verdienst nicht das Versagen folgen. Wir dürfen nicht die Chance verpassen, aus der Notlage einen Gewinn für Deutschland zu machen. Alle Anstrengungen müssen auf ein einziges Ziel gerichtet werden: dass aus den Flüchtlingen Bürger werden“ (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-sind-keine-gastarbeiter-kolumne-von-jakob-augstein-a-1076178.html, Stand: 8. Februar 2016). Auch dazu wollen wir mit diesem Katalog ein Stück weit beitragen.

Aus Kostengründen haben wir auf einen Farbdruck verzichtet, wohlwissend, dass wir dadurch einigen Fotografien, die stark von der Farbe als solche leben, in ihren grellorange-gefärbten Schwimmwesten, ihre Wirkung reduzieren.

Wir haben für unser Vorwort ein linkes politisches Schwergewicht gewinnen können, der mittlerweile Generationen über Jahrzehnte in der Bundesrepublik durch sein unermüdliches Engagement gegen rechts, für Solidarität und Menschlichkeit etc. geprägt hat. Dieser Mann hat sich auch von Anfang an für die Flüchtlinge und Asylsuchenden in unserem Land engagiert und sich auch immer eindeutig – wie kaum ein anderer – dazu öffentlich positioniert. Wir danken Konstantin Wecker, dem großen Münchner „Liedermacher“, für sein Vorwort ganz, ganz herzlich. Wir hätten nie gewagt zu träumen, dass unsere Namen eines Tages zusammen mit seinem Namen auf einem Cover eines Buches stehen würden.

Ebenso danken wir allen Asylsuchenden in Wabern ganz herzlich, die mutig genug waren, uns vertrauten (und das nach all ihren Erfahrungen) und uns ihre Fotografien zur Verfügung stellen. Dazu danken wir den Flüchtlingskindern, dass sie bereitwillig einfache Buntstiftzeichnungen, vielleicht auch um ihre Erlebnisse während der Flucht zu verarbeiten, zu unserer Dokumentation beisteuerten. Ohne sie alle gäbe es diese Dokumentation nicht!

Und auch der Titel stammt von einem Asylsuchenden. Anfang Februar traf ein ehrenamtlicher Helfer einen Flüchtling in einem Treppenhaus einer Unterkunft hier in Wabern. Dieser war viel zu dünn für die Jahreszeit bekleidet, er trug nur ein T-Shirt und strumpflos Badesandaletten, woraufhin ihn der Helfer väterlich ermahnte, sich wärmer anzuziehen. Darauf antwortete der Flüchtling ganz spontan: „Life is save – alles ist gut!“. Aufgrund der politischen Ambivalenzen in unserem Land haben wir allerdings dem Ausrufezeichen noch ein Fragezeichen hinzugefügt.

Susan und Thomas Schattner, Peter Schmidt

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