Kann man «Eigentum neu denken»?

wagenknecht_sahra_01In ihrem neuen Buch beschäftigt sich Sahra Wagenknecht mit der Frage, wie wir uns vor dem Kapitalismus retten könnten. (Quelle: Junge Welt)
http://www.jungewelt.de/2016/03-15/101.php

Showing 6 comments
  • eulenfeder

    11.200 euro monatlich – plus 290 steuerfreies tagesgeld, dazu 16.000 euro für bezahlung von mitarbeitern…
    nein ! kein neid – Frau Wagenknecht, davon bin ich frei !
    aber ‚practice what you preach… ‚ ist damit nicht vereinbar – für mich persönlich und damit auch die glaubwürdigkeit.
    es sei denn Sie geben diesen reichtum weiter – an bedürftige im sinne eines realen sozialismus – darüber weiss ich nicht bescheid.

  • Bettina Beckröge

    Es klingt sehr interessant, die Buchpräsentation von Sarah Wagenknecht. Wie ich sie einschätze, wird das Buch gespickt sein mit klugen, nachvollziehbaren und sprachlich pointierten Gedanken.
    Ich lasse meine Gedanken kreisen. Können wir uns vor dem Kapitalismus retten? Schwer zu sagen. Eine Chance ist verpasst worden: die Deutsch- Deutsche Wiedervereinigung. Anstatt positive Elemente des Sozialismus in unser System zu integrieren, ist die ehemalige DDR annektiert worden. So mangelt es unserem Staat noch heute an einer sozial gerechten Grundordnung wie Mindestlohn und gescheitem Arbeitsrecht. Viele Menschen arbeiten in Klein- und Mittelbetrieben. Für sie greift das Arbeitsrecht nicht, es greift erst für Betriebe mit einer Größenordnung von mehr als 10 Mitarbeitern. Das alternative DGB gibt den Angestellten keine nennenswerte Rechte, sodass sich Klein- und Mittelbetriebe gegenüber den Mitarbeitern alles erlauben können. Meine bitteren Erfahrungen diesbezüglich haben dazu geführt, dass ich fortan nur noch in Betrieben mit mehr als 10 Mitarbeitern tätig bin. Die beiden o.g. Punkte wären eine von vielen notwendigen Neuerungen, um überhaupt erstmal eine Basis zu schaffen.
    Das Fundament unseres Staatensystems ist der Kapitalismus. Wie schafft man es, einem Gebäude sein Fundament zu entziehen, ohne dass es zusammenstürzt? Man muss es vorher ausreichend abstützen. In diesem Bild gesprochen, könnte meiner Meinung nach sich eine fließende Änderung vollziehen. So, wie sich ein Umschalten von herkömmlicher Energiegewinnung auf regenerative Energiegewinnung nicht von heute auf morgen vollziehen lässt, so kann auch einen Systemänderung nicht von jetzt auf gleich vollzogen werden. Behutsame kleine Schritte sind gefragt.

    Als Basis für den ideologischen Unterbau eines Non- kapitalistischen Staatensystems erscheinen mir Rousseau, Marcel Proust, und Habermas ganz gut, doch warum nicht auch Berthold Brecht, Erich Fromm, Daniel Cohn Bendit, Jean Ziegler, Eyal Winter mit ins Schlepptau nehmen?

    Für mich sehe ich als wichtige Stellschraube die Prozesskostenenergie. Wenn man die Energie, die zum Herstellen, Transport und Entsorgung benötigt wird dem Produkt zugrunde legt, dann werden Güter und Waren ihrem wahren Wert (Kosten) zugefügt.
    Was bedeutet das? Die Einführung von Prozesskostenenergie auf Waren würde eine deutliche Reduktion der sinnlosen und ökologisch höchst bedenklichen Warentransporte bewirken, es würde bewirken, dass in Drittländern eben nicht mehr zu Lohndumping Preisen für unsere westliche Welt gearbeitet wird, weil die Waren preislich unerschwinglich würden. Die Menschen in den Drittländer könnten ihre eigenen Produkte für den Eigengebrauch im Land belassen. Damit würde der systematischen Ausbeutung der Drittländer ein Riegel vorgeschoben werden.
    Für uns, die Industrieländer, würde es bedeuten, dass heimische, regionale Produkte wieder gefragt wären. Das würde unserem Mittelstand, und damit unserer Wirtschaft einen Auftrieb geben.
    Ganz ohne Kapitalismus geht es meiner Ansicht nach nicht. Nur moderat müsste er gestaltet weden. Ein System ganz ohne Kapitalismus führt zu einem System ganz ohne Wettbewerb. Es würde eine wichtige Antriebsfeder fehlen. Wie im alltäglichen Leben, wenn ein Mann um eine Frau wirbt, oder umgekehrt, ist ein Werben, also ein Wettbewerb immer wohltuend :).

  • Bettina Beckröge

    P.S bei all den Gedanken um die Stellschraube „Prozesskostenergie“ und um ein Abwägen kapitalistischer Strukturen hinsichtlich der dem zugrunde liegenden Gedanken des Wettbewerbs ist mir ein Grundlagenmeister für gesellschaftlichen Neuorientierung entfallen: Habermas.

  • Holdger Platta

    Liebe Bettina,
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    nö, der „Grundlagenmeister für gesellschaftliche Neuorientierung“ Jürgen Habermas war Dir gar nicht entfallen. Er taucht in Deinem vorletzten Kommentar ja durchaus auf, im 4. Absatz. Rätsel gibt mir lediglich der Name Marcel Proust in diesem Zusammenhang auf.
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    Deine Idee mit der „Prozesskosten-Steuer“ – ich nenne das jetzt mal abkürzend so – fasziniert mich durchaus. Doch möchte ich Deine Ideen an einer Stelle doch gerne ergänzen, das ist die Sache/Frage „Kapitalismus – ja oder nein“.
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    Stimmt, daß man danach fragen muß, wie schafft man ihn ab, wenn man ihn abschaffen will – in welchen Einzelschritten undsoweiter -, da hast Du meines Erachtens zweifelsfrei Recht (und manche GenossInnen, die gerne die „Systemfrage stellen“ – diese Formulierung kam übrigens in unseren Reihen während der 68er Jahre auf -, stellen oft diese eminent wichtige „Systemumstellungsfrage“ nicht, aus welchen Gründen auch immer).
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    Doch Deiner Auffassung, „ganz ohne Kapitalismus geht es meiner Ansicht nach nicht“, möchte ich doch widersprechen. Erstmal aus einem historischen Grund (der, für sich genommen, schon enorm umfangreich ist), dann aus einem, naja, denktheoretischen. Zur historischen Begründung zuerst:
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    Als die SPD im August 1014 mit Bewilligung der Kriegskredite und mit ihrer Deklaration der Burgfriedenspolitik ihre alte Identität gegen eine neue austauschte – man könnte es auch einen dreifachen Selbstverrat nennen -, geriet sie genau auf diesen Trip: galt vorher der Dreisatz, wir müssen den Kapitalismus beseitigen, wir müssen international-verbündet agieren, wir müssen jedwede Form von Militarismus bekämpfen, wurde daraus die Schwundstufe: wir müssen den Kapitalismus humanisieren (mit letzterem war allerspätestens Schluß, als die Schröders die AGENDA 2010 umsetzten und sich damit auf die Seite der Brutalisierung von Kapitalismus schlugen). Doch was geschah vorher, was gelang der SPD vorher bei der Humanisierung von Kapitalismus – während der Weimarer Republik und dann, nach ihrem Nichtverhindernkönnen und auch nicht konsequentem Verhindernwollen von Faschismus, während der Zeiten der Bundesrepublik? – – – Nun, eines gelang ihr nicht: ‚Zähmung‘ oder Humanisierung des Kapitalismus. Deine verstehbare Hoffnung ist aufs furchtbarste widerlegt worden. Allein der Blick auf Geschichte zeigt dieses (mehr noch übrigens, wenn man auf die Weltgeschichte des Kapitalismus blickt! Nach dem Zweiten Weltkrieg nämlich schonte der Kapitalismus die industrialisierten Länder für längere Zeit durchaus, machte uns hier zu Ausbeutungsprofiteuren und exportierte seine Brutalität stattdessen hinaus in die sogenannte Dritte und Vierte Welt). Und wieso scheiterte die SPD mit ihrem Projekt „Humanisierung des Kapitalismus“? – Wir sind damit beim „denktheoretischen Grund“, wie ich es nannte. Du könntest auch sagen: beim Grundgesetz des Kapitalismus:
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    Geld wird zu Kapital, wenn aus Geld Geld gemacht werden soll. Wir hatten dieses Thema schon mal vor ca. 14 Tagen hier angesprochen. Dieses kann Geld – das zu Kapital wird – nur, nämlich „Geld hecken“, wenn es in Produktionsmittel gesteckt wird, die es dem Kapitaleigener erlauben, Arbeitskräfte in ’seinem‘ Betrieb bei sich arbeiten zu lassen. Und Profit wirft das nur ab, wenn die arbeitenden Menschen weniger bekommen, als sie an an Werten – präziser: an Mehrwert – herstellen. Beziehungsweise, anders formuliert: wenn sie unbezahlt bleibende Arbeit leisten. Was hat das aber zur Folge? -:
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    Erstens: Der Kapitalist, der Eigentümer der Produktionsmittel, wird reicher und reicher(wobei, selbstverständlich, wieder und wieder Konkurrenten auf der Strecke bleiben). Private Aneignung des gesellschaftlich produzierten Mehrwerts ist konstituierendes Merkmal von Kapitalismus. Sonst wäre er keiner. „Ausbeutung“, auch in zunächst vielleicht harmloser Erscheinungsform (allen geht es noch so einigermaßen gut), ist also das eine Systemmerkmal von Kapitalismus schlechthin.
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    Zweitens: die arbeitenden Menschen – dieses bitte jetzt im Globalmaßstab denken! – werden aufgrund dieser unvermeidbaren System-Systematik immer ärmer und ärmer. Folge dieser Tatsache übrigens auch (wie schon Merkmal dieses kapitalistischen Betriebs hinter den Werkstoren): Unterdrückung. Freiheit, wirkliche Freiheit im Sinne von Selbstbestimmung und Autonomie, gibt es für fast alle Menschen in den Bereichen des kapitalistischen Wirtschaftens nicht!
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    Drittens: in Gestalt des sogenannten „tendenziellen Falls der Profitrate“, aber auch aufgrund der Tatsache, daß kapitalistisches System unvermeidbar ein Nachfrageverknappungssystem ist (= Menschenverarmung- und Menschenentgeignungssystem), läuft Kapitalismus mehr und mehr und wieder und wieder auf Katastrophen zu. Eine Ausdrucksform: zyklische Krisen. Eine andere Ausdrucksform (ja, es ist so): Kriege bzw. Krieg.
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    Deine so s<mpathisch und versöhnend-friedliche klingende These, man könne in Koexistenz mit Kapitalismus bzw. auf dessen Grundlage Frieden, Freiheit und Verbesserung der Verhältnisse für die vielen Menschen auf diesem Planeten herstellen oder gewährleisten – durch das, was Du dessen "Moderieren" nennst -, kommt also leider, wenn man das konsequent durchanalysiert, einem wunderbaren Wunderglauben gleich, einem gutartigen Märchen, das leider in der Wirklichkeit nicht realisierbar ist. In Wahrheit macht, wer seinen Frieden mit dem Kapitalismus macht (wie ihn die SPD gemacht hatte im August 1914), Frieden mit Unglücks-, Verelendungs- und Kriegsursachen, macht Frieden mit Ausbeutung und Untrerdrückung, macht Frieden auch mit weltweitem Kampf, bishin zum Krieg, um die Vorherrschaft auf dieser Welt egal, ob er das will oder nicht, egal, ob er das weiß oder nicht.
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    Unser Pazifismus darf nicht so weit gehen, daß er Frieden mit den Kriegsursachen macht, schon beim Denken und Wünschen und Fühlen nicht. Unsere Frdiedenssehnsucht tut das aber, wenn sie die systeminhärente und systembedingte Grausamkeit des Kapitalismus für nichtexistent erklärte oder für zähmbar.
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    Tja, viele Sätze hier, ich weiß. Und eigentlich immer noch viel zu wenige Sätze!
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    In beide Richtungen also Bitte um Nachsicht: bei den einen, für die das hier viel zu lang geraten ist; bei den anderen, für die das alles hier noch viel zu wenig an Erklärung war. (Galeano, bitte übernehmen Sie! ;-))
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    Mit herzlichen Grüßen
    Holdger

  • Bettina Beckröge

    Lieber Holdger,
    danke erstmal für deine ausführlichen Darlegungen. Klingt alles sehr nachvollziehbar. Wenn es so rüberkommen sollte, dass ich ein Verfechter des Kapitalismus bin, dann hat man mich allerdings falsch verstanden.
    Tatsächlich hatte ich Habermas bereits in meinem ersten Artikel erwähnt, nur, es war zur fortgeschrittenen Stunde (mitten in den Nacht, da kommen mit meist die besten Ideen), da hatte ich Habermas Teil eins glatt übersehen.
    Ich werde in mich gehen, und meine Einstellung zu Kapitalismus nochmal grundlegend überdenken. Ich melde mich dazu nochmal. Doch jetzt muss ich den Kapitalismus, in Form meiner,auf Wettbewerb basierenden Tätigkeit, leider nochmal für einen Tag unterstützen. Mal schauen, ob ich morgen mein Büro nochmal aufsuchen werde :).

    Herzliche Grüße,
    Bettina

  • Bettina Beckröge

    Lieber Holdger,
    darf ich „Du“ sagen? Das fällt mir leichter als das gestelzte „Sie“. Wenn nein, nehme ich das „Du“ sofort zurück, und behaupte das Gegenteil:). Soweit zu meinem Vorwort.
    Warum der Name Narcel Proust? Ganz einfach. Ich beziehe mich auf die Schrift „à la recherche du temps perdu“. Ohne diese Abhandlung näher zu erläutern, ich finde sie passt, um in all die Gedanken herangezogen zu werden. Lang ist es her, da habe ich Textauszüge von Marcel Proust, Rousseau, Sartre, Camus, Daniel-Cohn-Bendit teilweise auch ganze Bücher auf Französich gelesen, sozusagen im Ur- Kostüm. Wir haben uns in wilden Diskussionen um Inhalt und Auswirkungen dieser Schriften gestritten. Gesellschaftliche Stellungnahmen aus der Sicht all dieser Meister heraus, war Thema zu meinem Abitur, im Französisch Leistungskurs. Ich hätte, wenn mir mein französisches Vokabular besser beiseite gestanden hätte, Seiten über Seiten dazu füllen können, in meiner Abiturklausur.
    Lange waren all diese Themen für mich auf Eis gelegt. Aber durch die interessanten Schlagzeilen von „hinter den Schlagzeilen“, tauchen diese Themen bei mir langsam wieder aus der Versenkung hervor. Es tut ungemein gut, seinen Kopf mit solchen Themen zu beschäftigen, und dabei sein eigenes Meinungsbild zu verschärfen und für sich zu klären. Letztendlich geht es ja auch darum, wie man all das Geschriebene auf die aktuelle Zeit übertragen kann. Mich beschleicht das Gefühl, gerade nach der großen Enttäuschung der Wahlen des letzten Wochenende und des Wahlsieges der AFD in Sachsen-Anhalt, dass man auf eine vernünftige Politik in den etablierten Standesparteien (die Grünen mal außen vorgelassen), vergebens warten muss.
    Mein Statement zur „Prozesskostenenergie“ als Stellschraube zur Ermittlung des wahren Wertes einer Ware ist mir sehr ernst. Hätte man das vor Jahrzehnten bereist getan, dann hätten sich nie im Leben Energie- Großkonzerne an der Atompolitik bereichern können. Jetzt bezahlt die Generation unserer Kinder für den entstanden Schaden, in Form von strahlendem Atommüll, der nie im Leben gesichert gelagert werden kann. Warum, so frage ich mich, werden diese Konzerne nie zur Kasse gebeten? Stattdessen wird die Atomlobby weiterhin freimütig unterstützt…

    So, ich muss Schluss machen, arbeiten… Nur eins am Rande: Köln hat ein neues Elefantenbaby bekommen, noch namenlos. Sollte man es vielleicht „Athena“ nennen? Ich werde den Vorschlag an der entsprechenden Stelle einreichen.

    Herzliche Grüße,
    Bettina

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