Die kleinen Themen sind die großen

MrLeeReinhardMeyZu Reinhard Meys neuer CD „Mr. Lee“. Reinhard Mey ist der Fels in der Brandung des schnelllebigen Showgeschäfts. Im Abstand von zwei oder drei Jahren publiziert er seine mit Sorgfalt und handwerklicher Brillanz ausgearbeiteten CDs zur Freude seines treuen Publikums. Dabei ist seiner Art der Weltbetrachtung stets eine leise Herzlichkeit und verstehende Güte eigen, die auch die dunklen Aspekte eines Menschenlebens umschließen. Das Dunkle dominiert denn – wohl auch aus biografischen Gründen – auf „Mr. Lee“ stärker als in früheren Zeiten. Albernheiten, Spott und Angriffslust, die viele ältere Lieder prägten, sind weitgehend verklungen. Ein verinnerlichtes Spätwerk ist entstanden, dass die großen Lebensthemen anhand kleiner Begebenheiten abhandelt, getränkt von der wissenden Wehmut, die sich manchmal gegen Ende der Saison einstellt . (Roland Rottenfußer)

Es wäre verfehlt, zu sagen, Reinhard Mey sei altersweise geworden. Er scheint schon „fertig“ und weise auf die Welt gekommen zu sein, nimmt man seine ersten Aufnahmen aus den späten 60er-Jahren als Maßstab. Einen unausgeglichenen, maßlosen, weltanschaulich verbohrten und einseitigen Mey kennen wir eigentlich überhaupt nicht. Der Deutschen liebster Liedermacher fand sich früh und blieb sich treu. Privat kennen wir ihn nur – jedenfalls, so lange es Lieder von ihm gibt – in einer Christine-Phase und in einer Hella-Phase – letztere mittlerweile bedeutend länger. Keine Experimente, kein „Wilder Kerl“-Habitus. Prägend für Meys Befindlichkeit in den späten Jahren war und ist sicher das Wachkoma (2009) und der Tod (2014) seines Sohns Maximilian, der seine drei letzten CDs überschattete und sich in einigen Liedern („Drachenblut“, „Dann mach’s gut“) niederschlug.

Das neue Album „Mr. Lee“, erschienen Anfang Mai, enthält sogar zwei Lieder für Maximilian, womit ich auch als erstes das Rätsel um den CD-Titel lüften will. Ich schließe mich da ganz dem Votum eines Rezensenten auf „amazon.de“ an, der in der Titelfigur den verstorbenen Sohn Meys erkannte – handelt das Lied doch von einem schweigsamen, rastlosen und rätselhaften Weißen, der sich in Kambodscha in verschiedensten Hotels aufhält und nie lange an einem Ort bleibt. Die exakte Topografie im Lied („Sisowath Quai“ u.a.) verweist klar auf Kambodscha, warum Max als „Mr. Lee“ bezeichnet wurde, bleibt unklar. Eine der wenigen Quellen dazu im Internet ist „bunte.de“, das ich sonst eher selten zitieren. Dort wurde anlässig des Todes von Maximilian dieses Statement von Reinhard veröffentlicht: „Beim Erscheinen seines Albums ‚Bunter Hund‘ 2007 erzählte Mey in einem Interview, dass Max 2003 das Haus verließ, nach Asien gezogen sei und sich in Kambodscha niedergelassen habe, nachdem er zuvor in Thailand seine Freundin kennengelernt hatte. Kambodschas Geschichte faszinierte Max so sehr, dass er sogar die Landessprache Khmer erlernte. ‚Er ist wohl noch auf der Suche, aber das Asiatische fasziniert ihn‘, meinte der Vater damals. ‚Er belastet sich auch kaum mit Besitztümern. Ich bin sicher, er besitzt ein Paar Flip-Flops, ein Paar Shorts, drei Unterhosen und drei T-Shirts. Max ist wohl der Gelassene von uns allen.'“

Das Booklet von „Mr. Lee“ enthält auf der entsprechenden Seite eine Zeichnung von Meys Tochter Victoria-Luise. Sie zeigt einen jungen Mann mit Pferdeschwanz und rotem Schal, vermutlich Max. Victoria Luise singt mit ihrem Vater auch das letzte Lied der Sammlung, „Lavender’s Blues“, ein Wiegenlied aus dem 17. Jh. – ganz in der Manier von Jenny und Udo Jürgens. Das Bild zeigt das „Kleine Mädchen auf meinem Schoß“, das man aus dutzenden von Liedern des Papas kennt, als gereifte, hübsche junge Frau. Auch „So lange schon“ ist ein Lied für den verstorbenen Maximilian und bleibt ganz im familiären Kreis. Die Szenerie schildert einen Friedhofsbesuch der Mey-Familie, der Erinnerungen an das verlorene Kind heraufbeschwört, ebenso wie tapfer und gemeinschaftlich durchgestandene Trauer. Der Tod eines Kindes – sicher eines der schlimmsten Ereignisse im Leben eines Menschen. Zum Glück trifft es nicht jeden. Reinhard Mey, der stets eine Art Glückskind gewesen ist (man höre sich vor aktuellem Hintergrund noch einmal sein Lied „What a lucky man you are“ an) bekam so noch einmal einen sehr schlimmen, späten Schicksalsschlag serviert.

Ehefrau Hella, ebenfalls leidgeprüft, bekommt natürlich auch auf dieser CD „ihr“ Lied – wie für Mey-Fans gewohnt. Diesmal weht ein Hauch von Vergänglichkeit ins Eheleben – im Geiste von Weckers „Wenn mein Ende nicht mehr weit ist, ist der Anfang schon gemacht“. Das Ende? Ja leider muss man daran denken. Reinhard Mey ist jetzt 74. Obwohl er sich solider benimmt als so mancher anderer Liedermacher, weiß man es nie so genau: „Wie viele Sommer mag es noch geben?“ Und wie viele CDs? Sicher lädt „Mr. Lee“ nicht dazu ein, die CD mit Superlativen zu umschreiben. Die Blütephase des Meisters ist und bleibt die Zeit etwa zwischen 1985 bis 2000, als die großen Chansons der Reifezeit entstanden sind: „Nein, eine Söhne geb ich nicht“, „Allein“, „Die Kinder von Izieu“ oder „Lilienthals Traum“. Es war zugleich auch Meys politische Spätblüte mit furiosen Anklageliedern wie „Sei wachsam“. Dergleichen ist auf seinen letzten Aufnahmen nicht zu hören. Politisch ist auf „Mr. Lee“ eigentlich nur noch der Hinweis darauf, dass der Schullehrer „Dr. Brand“, den die Kinder in der Erinnerung des Sängers einst so gemein gemobbt hatten, ein KZ-Überlebender gewesen ist. Der rückblickende Mey schämt sich und berührt, wie so oft, mit einer „kleinen“ Geschichte, die ungeahnte Größe entwickelt, wenn man bereit ist, sie wirklich emotional an sich herankommen zu lassen. Prototyp: „Zeugnistag“.

Von „Mr. Lee“ also werden alle enttäuscht sein, die eine Generalabrechnung mit dem Kapitalismus und sonstigen Ungeist unserer Zeit erhofft hatten. Auch alle, die nach einem umwerfenden Slogan oder einer „großen“ Melodie verlangen, einem Ohrwurm gar. Dergleichen hat es früher durchaus gegeben: „Gib mir Musik“ z.B. oder natürlich „Über den Wolken“. Nein, „Mr. Lee“ bäckt kleinere Brötchen. „Es sind immer dieselben Kleinigkeiten“ heißt es an einer Stelle. Aber das stimmt nicht ganz. Es sind immer andere Kleinigkeiten, die der Meister herbeizitiert, und immer solche, die zu fesseln und zu bewegen vermögen. Man staunt eher über den in die Breite gehenden Sammlerfleiß als über die Tiefe und Grundsätzlichkeit der Aussage. Diese gibt es durchaus, sie muss aber vom Leser geduldig erspürt und erarbeitet werden. Wer durch mitreißende Klänge vor Hörvergnügen völlig außer sich geraten will, dem mag der späte Mey zu nüchtern daher kommen; besser ist der aufgehoben, der in einer ruhigen Stunde ganz in sich gehen will und zartspürig das Meysche „Pastell“ zu begreifen sucht.

„Herr Fellmann, Bonsai und ich“ etwa handelt von einem verwirrten alten Mann, den der Erzähler zusammen mit einem wuchtigen Pfleger und Hund Bonsai zurück ins Heim bringen muss – ein ungemein zärtlicher Text zu langen, jedoch nicht langweiligen Strophen. Eine „Kleinigkeit“, die Mey nutzt, um das große Thema eines würdevollen Umgangs mit dem Alter abzuhandeln. Dann die Geschichte von Liedermacherkatze „Lucky Laschinsky“ – nicht das unbedeutendste Thema, dessen sich der Sänger von „Das Butterbrot“ und „Meine alte Jacke“ bisher angenommen hat. Oder die Geschichte eines Mädchens aus der benachbarten Ferienwohnung, die durch ihr lautes Lachen manchmal nervt, bis sich herausstellt, dass Hannah blind ist. Oder das Lied mit dem unspektakulären Titel „Wennigstedt Mitte“. Aus einer Fülle sprechender Details kristallisiert sich die Geschichte eines Mannes heraus, der sich nach seiner Frau sehnt, weil er quasi daheim ausquartiert worden ist. Er ist auf dem Sprung, sich bei ihr zu entschuldigen. Da das Sehnsuchtsmotiv im – weit dunkleren und rätselhafteren – Lied „Im Haus am Meer“ wiederkehrt, befürchtet der Hörer gar einen Beziehungsknatsch beim Traumpaar Mey – sonst eigentlich unvorstellbar. Wir hoffen natürlich, es lässt sich einrenken.

Vergleicht man die Liedertitel etwa mit jenen der jüngsten Wecker-CD – „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“, „Ich habe einen Traum“, „Revolution“, „Ohne Warum“ – so wird deutlicher, dass letztere von vornherein monumentaler und grundsätzlicher angelegt waren. Mey bleibt bei seinen Leisten, was Anflüge stiller Größe nicht ausschließt. An Erfolg beim Publikum mangelt es seinem Konzept ohnehin nicht, kletterte das Werk doch – quasi als Nachfolger von Adele und Xavier Naidoo – gleich auf Platz 1 der deutschen Album-Charts. Als habe er gespürt, dass es seinem Spätwerk an schlagkräftigen Wendungen gebricht, realisierte Reinhard Mey auf seinen letzten 3 CDs quasi eine Trilogie mit Coverversionen zu Liedern seiner Kollegen. Weckers „Was keiner wagt“, Waders „Es ist an der Zeit“ und jetzt Klaus Hoffmanns „Zeit zu leben“. Ein „Sing my Song“ auf höchster Ebene, die den Alben durchaus gut tut.

Einzigartig aber ist – selbst im Vergleich zu jenen illustren Kollegen – Reinhards Meys Würde der Zufriedenheit im Kleinen. Unmerklich, indem er hier ein Wort, dort einen Klang setzt, taucht der Sänger seine Hörer in eine Atmosphäre liebevollen Einverstandenseins ein. Nicht großmannssüchtiges Erlösungsstreben zeichnet seine Lieder aus, vielmehr erscheint der Alltag seinem gütigen Blick als schon erlöster Raum. Wer jedes „Jenseits“, „Dahinter“ oder „Danach“ in pragmatischer Demut preisgegeben hat, dem beginnt das Hier und Jetzt zu leuchten. Diese Leuchtkraft, so verhalten sie auch daherkommt, überträgt sich unwillkürlich auf den Hörer, entlässt ihn gerührt und gleichsam geläutert. In der Wirkung ist diese Kunst nicht dem Wein durchzechter Sommernächte vergleichbar, sondern eher einem wärmenden Tee, den man an einem Herbstnachmittag mit einem vertrauten Freund einnimmt. Diese Kunst gibt stets mehr als sie zu sein vorgibt. Weder täuscht noch enttäuscht sie. Und egal, wie traurig das Thema ist – immer klingt es ein bisschen wie Reinhard Meys Lied von 1979: „Alles ist gut“.

Showing 4 comments
  • Matthias

    Dieser Kommentar berührt mich sehr. Die Feinfühligkeit und Sensibilität des Verfassers tun gut. Danke für diese Rezension und Interpretation

  • Bernd

    Danke für diese tiefgründigigen Zeilen über Reinhard Mey, der mich nun seit über 40 Jahren mit seinen Liedern mal aufmuntert und mal nachdenken lässt.

  • Helmut

    Seit über 45 Jahren bin ich mit seinen Liedern bekannt. Durch ihn kam ich zum Gitarrespielen, über Jahrzehnte ist er instrumentales Ideal und Vorbild, seine Chansons prägten mein Leben, seit Anfang der Siebziger habe ich kein Konzert versäumt. Mr. Lee ist hoffentlich nicht der letzte CD-Höhepunkt. Bei allen 15 Songs kann ich mich begeistern und zum Heulen kommen – es tut gut!

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