Der Aufstand – über Poesie und Finanzwirtschaft

BerardiAufstand„Wir werden unsere Schulden einfach nicht mehr bezahlen“ – ein längst fälliger, scheinbar kühner Gedanke. Er stammt von dem italienischen Aktivisten und Philosophen Franco Berardi. Notwendig, weil das brave „Bedienen“ von Schulden Millionen Menschen in unverschuldete Not treibt, sie rettungslos in einen Strudel aus Prekarisierung und Verzweiflung saugt. Ohne dass dies mit „Gerechtigkeit“ irgendetwas zu tun hätte, denn die Not entsteht ja meist nicht durch Rückzahlung einer geliehenen Summe, sondern durch überhöhte, sich akkumulierende Zinsen. Konstantin Wecker hat Berardis Buch „Der Aufstand“ mit großem Gewinn gelesen. Und er entdeckt den revolutionären Aspekt von Poesie.

Liebe Freunde,

in seinem klugen und unbedingt lesenswerten Buch „Der Aufstand – über Poesie und Finanzwirtschaft“ schreibt der Philosoph und ehemalige Aktivist der revolutionären Autonomiebewegung in Italien Franco Berardi:
„30 Jahre der fortwährenden Prekarisierung, des unkontrollierten und ungezügelten Wettbewerbs sowie der psychischen Vergiftung durch Leute wie Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi mit ihren kriminellen Medienimperien haben die Gesellschaft zerbrochen und bis zur Gebrechlichkeit zersplittert. (…) Die Aufgabe der Widerstandsbewegungen wird nicht in der Provokation bestehen, sondern viel eher darin (und das gilt auch für den Aufruhr), autonome Strukturen zu schaffen, die für Wissen sorgen, für die Existenz, für das Überleben, für die Psychotherapie; Strukturen also, die dem Leben Bedeutung und Autonomie verleihen. (…) Europa muss Maastricht überwinden, um neu erfunden werden zu können. Schulden müssen ebenso enteignet werden wie die Maßnahmen, denen sie ihre Existenz verdanken und die sie nähren. (…) Widerstandsbewegungen müssen den europäischen Diskurs ganz neu formulieren und zwar durch gesellschaftliche Solidarität, durch Egalitarismus und die Reduktion der Arbeitszeit, durch die Enteignung von Kapitalkonglomeraten, die Streichung sämtlicher Schulden und es muss einer zukünftigen Internationale mit offenen Armen begegnen.“

Zwei Bücher dieses spannenden Denkers sind auf Deutsch erschienen. „Aufstand“ und „Helden“. Auch ich habe immer wieder davon gesprochen, dass ich nicht meine Gedichte politisieren will, sondern die Politik poetisieren möchte. Frei nach Novalis und seiner „Poetisierung der Welt“. Man verwechsle aber dessen Arbeit am Poetisieren der Welt nicht mit bloßen Harmonisierungsversuchen. Für Novalis bedeutete das „Poetische“ eine revolutionäre Gestaltungsqualität und natürlich meint auch Berardi nicht, dass man mit Gedichten die Macht der Banken zerschlagen könne. Poesie ist für ihn die Chiffre für ein anderes Verhältnis zur Wirklichkeit, für einen Akt der Emanzipation von den berechenbaren üblichen Deutungen und Erzählweisen.
Die Poesie stellt auch die Instrumente einer zukünftigen Revolte bereit, die einen Ausweg aus der Krise weist. Man muss sich etwas einlesen in seine Sprache, aber dann lässt einen Berardi nicht mehr los.

„…Aus dem Nebel der aktuellen Lage tritt ein neuer Gedanke hervor: das Recht auf Insolvenz. Wir werden unsere Schulden einfach nicht mehr bezahlen.“

Franco „Bifo“ Berardi
Der Aufstand
Über Poesie und Finanzwirtschaft

187 Seiten, Hardcover (bedruckter Schutzumschlag)

Übersetzung: Kevin Vennemann

Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-95757-092-5

Showing 3 comments
  • eulenfeder

    ‚meine rede auch‘ –
    schulden die man zwangsläufig machen muss , einem aufgezwungen werden durch das system, – um eine existenz sichern zu können ( meist vergeblich ) – schulden an banken also, an finanzämter, sonstige behördlichen vollstrecker – ganz einfach nicht mehr zurückzahlen.
    schulden wie mietschulden – die einem auch aufgezwungen werden von der politik – ganz einfach nicht mehr zurückzahlen.
    sich aus einer schulden-geiselhaft befreien.
    seit der fristlosen kündigung meiner wohnung bezahle ich keine miete mehr – das ist gerechtfertigt, schon weil die hausbesitzerin ca. 40.000 euro monatlich an mieten einnimmt und wenn ich bedenke dass ich schon ca. 250.000 euro an miete bezahlt habe – die bude mir also längst gehören müsste…
    dieses system belastet jeden neugeborenen schon mit ca. 20.000 euro schulden !
    man lässt sich in eine schuldenhaft nehmen und hat angst – und so verschuldet man sich weiter…
    auch als mittel gegen den kapitalismus wäre es angesagt schulden ganz einfach nicht mehr zurückzuzahlen – sogar als notwehrmassnahme kann man es sehen.
    differenziert werden muss allerdings – wenn ich einen anderen mitbürger persönlich schaden würde mit dieser haltung, dann wäre das nicht o.k.

  • Bettina Beckröge

    “ Wir werden unsere Schulden nicht mehr bezahlen“…, ein Gedanke, „…notwendig, weil das brave „Bedienen“ von Schulden Millionen Menschen in unverschuldete Not treibt, sie rettungslos in einen Strudel aus Prekarisierung und Verzweiflung saugt. Ohne dass dies mit „Gerechtigkeit“ irgendetwas zu tun hätte, denn die Not entsteht ja meist nicht durch Rückzahlung einer geliehenen Summe, sondern durch überhöhte, sich akkumulierende Zinsen.“
    .
    Das sind Worte, denen ich nur beipflichten kann. Wir sehen es doch, was in unserer Welt passiert. Unter den schwer aufgebürdeten Nachwirkungen des Kolonialismus stehen noch heute viele afrikanische Staaten. Warum gibt es so viele Flüchtlinge aus Afrika kommend? Doch wohl nicht, wie Rassisten hierzulande behaupten, sie suchten das große Glück. Nein! Wer unter Druck seine vertraute Heimat, seine Familien, seine Kultur aufgibt, der bricht auf, aus blanker Not heraus. Es gibt einen Spruch der Bremer Stadtmusikanten:
    „…etwas besseres als den Tod finden wir überall“.
    Vielleicht ist das die Motivation für die hungernden Menschen, die Bürde eines ungewissen, beschwerlichen und weiten Weges auf sich zu nehmen, ebenso, wie die Syrer, dessen Land derzeit in Gewalt und Tod versinkt.
    Wir müssen anfangen, hinter die Kulissen zu blicken! Was sind die Ursachen, was die Folgen. Die Leid geprüften, ihrer Not entfliehenden Menschen sind meist die, die unter den Repressalien unseres Neoliberalismus zu leiden haben. Schäuble, Lothar de Mezière-Erdogan und Seehover sind diejenigen, die am liebsten die Stacheldrähte wieder neu errichten würden und alles tun, damit die sichere Balkanroute dicht gemacht wird. In meinen Augen sind das die wahren Verbrecher: sie schicken mit ihren politischen Entscheidungen die Flüchtlinge aufs Meer, wohl wissend,dass Schlepperbanden ihr Spiel mit den Flüchtlingen, Kindern, Frauen, alten und wehrlosen Menschen treiben und diese gewissenlos ertrinken lassen.
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    Hinter dem o.g. Satz verbirgt sich auch die Banken-Politiker-Allianz,in dessen Schlepptau die EU, die alles dransezt, dass Griechenland nicht wieder auf die Füße kommt.
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    Europa als soziales Gebilde der Solidarität hat sich in dieser Form überholt und muss neu erfunden werden.
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    Die „Poetisierung der Welt“ nach Novalis, im Sinne der revolutionären Emanzipation von Alt hergebrachten,von verfizten Machtstrukturen ist eine gute:
    Die revolutionäre Poetisierung, mit Herz und Verstand, mit Empathie.
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    Ich danke Konstantin Wecker für seine klugen Worte, die nicht nur dem Verstand entspringen, und für seine gute Buchempfehlung.

  • Bettina Beckröge

    Manchmal sind es die kleinen Lieder, die Großes bewegen,
    jenseits des inhumanen, rein berechnenden Kalküls,
    „Wider die kalte Vernunft“ (Arno Gruen),
    im Sinne von Novalis „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“.
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    Früchte des Zorns
    „Das Herz ist ein Muskel,
    in der Größe eines Faust“
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    https://youtu.be/PUt5QZoT9nI

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