Konstantin Wecker: Gefrorenes Licht

Hans-Peter Dürr

Hans-Peter Dürr

Der Liedermacher erinnert an seinen verstorbenen Freund, den großen Physiker Hans-Peter Dürr. Dieser hatte sich leidenschaftlich dafür eingesetzt, die Physik auch Uneingeweihten verständlich zu machen. Dem Naturschutz, dem Frieden und dem Leben ganz allgemein war er herzlich zugewandt. Weniger bekannt ist, dass Dürr – zusammen mit anderen bedeutenden Kollegen – die Materie abgeschafft hat. Aus welchem „Stoff“ ist sie dann, unser aller Wirklichkeit? Dieser Frage war für Konstantin Anlass zu einem Lied.

Liebe Freunde,

Dieses Lied ist meinem im Mai 2014 verstorbenen Freund Hans-Peter Dürr gewidmet. Es ist lange her, dass ich dem großen Physiker zum ersten Mal etwas länger und sozusagen privat begegnen durfte. Es war bei einer Veranstaltung des IPPNW – die internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs. Er sprach dort, ich sang und anschließend hatten wir etwas Zeit, weil jeder auf seinen Anschlusszug warten musste. Ich war nervös und verschüchtert, sein Vortrag hatte mich stark beeindruckt und ich wollte so vieles fragen, hatte aber ganz schön Bammel davor, als Laie mit dem großen und bewunderten Wissenschaftler über Physik zu reden.

Es wurde diese Stunde eine der eindrucksvollsten Stunden meines Lebens und der Beginn einer Freundschaft. Selten hat mir jemand so schnell die Scheu genommen, mich in sein Herz geschlossen und noch nie hat mir ein Wissenschaftler so leidenschaftlich das Gefühl vermittelt, dass seine Wissenschaft kein Geheimwissen sei, das er nur mit einigen Kollegen zu teilen gedenke, sondern dass seine Erkenntnisse den Menschen, allen Menschen geschenkt werden sollen.

Er kam mir vor wie ein Pianist, dem unverständlich scheint, dass irgendjemand dieses Instrument nicht beherrscht. Es waren wahre Gedankenfluten, die sich über den erstaunten Zuhörer ergossen und immer war die Liebe zum Lebendigen, zum Leben, zu den Menschen der Quell aus dem sie flossen.

Unvergessen als er einem jungen, etwas vorlauten Journalisten verschmitzt die Antwort gab: „Junger Mann, im Gegensatz zu Ihnen, weiß ich, dass es Materie gar nicht gibt.“ Die Idee der Materie als „Gefrornes Licht“ ist einem Satz von ihm zu verdanken, den er mir einmal eher beiläufig gesagt hat: „Konstantin, eigentlich ist Materie ja nichts Anderes als gefrorenes Licht…“

Danke mein Freund.

Konstantin Wecker: Gefrorenes Licht (für Hans-Peter Dürr) live in Berlin am 6.4.2016
Aus der Tournee „Ohne Warum“, aufgenommen am 6.4.2016 im UdK Berlin. Gesang: Konstantin…
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Showing 4 comments
  • Bettina Beckröge

    Ich muss ehrlich sagen, dass genau dieses Lied mir über ein Jahr Kopfzerbrechen gemacht hat. Ich habe es zum ersten mal im November 2015 in der Düsseldorfer Beethovenhalle gehört, im Rahmen des Konstantin Wecker Konzertes „Ohne Warum“.
    Ich habe mich vehement gesträubt gegen das Lied. Nein! Licht ist nicht gefroren, Licht ist lebendig, warm und lebt!!! Und so frustete ich eine Weile vor ich hin, mit diesem Gedanken alleine gelassen.
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    Mitte August dieses jahres wurde eine ausgezeichnete Musik- und Lichtinstallation im Kölner Dom aufgeführt. Sie hat das riesige Kirchenschiff mit seinen hohen Gewölben und Pfeilern in eine Welt des Lichts und der Träume verwandelt. Farbiges Licht stand im Raum, daraus erwuchsen fließende Formen von Kreisen zu großen Lichtkegeln, in dunkelblauen Farbton getönt, immaterielle Räume, die zum greifen wirkten, so, als ob man selber durch das Licht fließen könnte. Das Licht, in Verbindung mit der meditativen Musik übte einen Bann auf die Besucher aus.
    Auch ich war wie gefangen von dieser überwältigenden Lichtwirkung.
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    Plötzlich kam mir die Erleuchtung. Genau das könnte Konstantin Wecker mit dem Lied „gefrorenes Licht“ gemeint haben. Endlich, ein Jahr später, hatte ich das Lied verstanden!!! Seit diesem Tag gehört „gefrorenes Licht“ zu einem der Lieder von Konstantin Wecker, die zu meinen absoluten Favoriten zählen.
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    Nicht das Newton Teilchenmodel, nicht das Wellenbild, nicht das Dalton Modell (Licht als Reaktion von Gasen) und nicht die Quantenelektrodynamik, das Licht als Elektronen und Positronen in Wechselwirkung auf viele Nachkommastellen exakt berechnen lässt, sind das, was Licht in seiner Wirkung wirklich ausmachen. All diese Modelle beschreiben Licht, erklären Licht, liefern Hilfestellungen zur Berechnung von Licht, aber fassen nicht die Wirkung von Licht auf, die Wechselwirkung zwischen Licht und dem Individuum.
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    Gefrorenes Licht beschreibt für mich den Augenblick, in dem ich die Sonnenstrahlen, die Farben und die Wärme des Lichts durch meinen eigenen Körper fließen spüre, vom Kopf bis zu den Zehenspitzen. Das kann ich erleben bei Sonnenuntergang am Strand, bei Sonnenaufgang auf einem Berg und im morgendlichen Snnenaufgang über einer Wiese, wenn sich die Sonnenstrahlent im Tau der Grashalme brechen.
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    Schubert „Serenade“
    https://youtu.be/ZpA0l2WB86E

  • Bettina Beckröge

    Die Gedanken zum Lied „Gefrorenes Licht“ führen mich weiter.
    Als was betrachten wir die Phänomene um uns herum, die Farben, die funkelnden Sterne am nächtlichen Firmamant, die perlenden Wassertropfen am Grashalm, den tropfenden Regen, die brausenden Stürme, das lodernde Feuer?
    Ist es das messbare und ablesbare, die genaue Vorhersehbarkeit aufgrund von exakten Berechnungen bis auf die letzte Kommastelle, das uns diese Phänomenen verstehen lassen?
    Die Wissenschaft hat zu Recht seine Bedeutung und Wichtigkeit. Ohne der Wissenschaft hätte die Menscheit nie den Mond betreten können, ohne den Fortschritt der Wissenschaft wären viele lebensnotwendige Medikamente nicht erfunden worden, ohne den Fortschritt der Wissenschaft ließen sich Erdbeben oder Seebeben nicht vorhersagen und die Menschen vor Ort nicht rechtzeitig warnen.
    Doch wollen wir uns bei der Betrachtungsweise von Phänomenen wirklich auf die Betrachtungsweise der Wissenschaft, unseren Verstand, unseren Logos beschränken?
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    Ich möchte es an einem einfachen Beispiel erläutern: dem Schnee.
    Wissenschaftlich betrachtet ist Schnee ein Aggregatszustand von H2O. zu großen Schneefällen kommt es bei uns, wenn sich die kontinentalen Luftströme aus dem Osten mit feuchten Luftmassen vermischen. Mit der Betrachtungsweise könnten wir und begnügen und zufrieden nach Hause gehen.
    In seiner Wirkung ist Schnee für viele Menschen ein notwendiges Übel, müssen wir doch jedes Jahr erneut Schneeberge vom Hof schaufeln- am besten gleich zum Nachbarn rüber:) -…
    Schnee hat aber eine noch ganz andere, eine verzaubernde Wirkung, die nicht messbar ist, und doch nicht von geringerer Bedeutung sind. Erinnern wir uns mal an unsere Kindheit zurück, als wir sehnsüchtig auf die ersten Schneeflocken gewartet haben. In einem Film “ Jenseits der Stille“ wurde die Wirkung von Schnee in einer wunderbaren Art und Weise zum Ausdruck gebracht, im „Gespräch“ zwischen dem taubstummen Vater, und seiner hoch musikalischen Tochter.
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    Lassen Sie sich verzaubern:
    Jenseits der Stille – Wie klingt der Schnee?
    https://youtu.be/9ROhr3Mwmy4

  • ert_ertrus

    Zum Schnee: jede Schneeflocke ist bei nächster Betrachtung ein Individuum 😀

  • Flöckchen

    Stimmt:)

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