Prim, Septim – ein Buchauszug von Karl G.

517l5jmjp0l-_sx312_bo1204203200_Da gibt einer sein bisheriges Leben auf und wird Straßensänger. Was er dabei erlebt, beschreibt Karl G. in seinem Buch „Irgendwie Freiheit“, das im Rediroma Verlag erschien und aus dem wir hier mit Genehmigung des Autors eine Leseprobe veröffentlichen. Konstantin Wecker, der ja selbst als Straßenmusiker anfing, hat dazu einen kurzen Begleittext geschrieben (im Link unter dem Buchauszug zu finden).

„Da waren einmal zwei Töne, die Prim und die Septim. Sie stritten sich heftig, wer von ihnen der wichtigere Ton sei. Die Prim rief: „Natürlich ich, wer sonst! Denn ich bin der Grundton.“ „Grundton? lächerlich, das bin ja wohl ich!“, tobte die Septim, „denn in Wirklichkeit bin ich die Prim und du nur die None, das liegt ganz bestimmt daran, dass wir bei unserer Geburt falsch oktaviert worden sind, alles bloß eine enharmonische Verwechslung, nichts weiter!“ Die Prim war völlig außer sich: „Ach was weißt denn du schon, du Pfeife!“
Der Streit ging weiter und wurde immer heftiger. Da sie sich nicht einigen konnten, beschlossen sie endlich, die Subdominante zu befragen, denn diese war das offizielle Orakel im Reich der Töne. Jedoch die Subdominante war erkältet, man konnte von alledem, was sie vor sich hinmurmelte kaum etwas verstehn.“To-ni-ka, Tooo-nika …!“, oder hieß es Monika …?
Die Subdomiante konnte ihnen also nicht weiterhelfen, sie nahm ein Aspirin, kochte sich Tee und legte sich wieder hin.

Da kam ein kleines Pianissimo geflogen und meinte, es wüsste, wie man herausfinden könnte, wer denn nun der wichtigere Ton sei. Es schlug vor, einen Wettstreit zu veranstalten. Die beiden sollten beweisen, wer der Mutigere sei, denn der Mutigere sei ohne Zweifel auch der Bessere.
Es gab da weit hinter den Linien des Notenblattes noch eine andere Welt, die gefürchtete Welt der Improvisation, bewohnt von grausamen Freejazz-Ungeheuern und anderen schrecklichen Gestalten. Es heißt, wer einmal dort war, ist nicht wieder zurückgekehrt. Sie haben sich verloren im Sumpf der Misstöne oder sind im Schwall der alles in sich verschlingenden Soli kläglichst erstickt.
Dorthin sollten sie reisen und die Prinzessin Rubato aus den Klauen des finsteren Herrschers Ac-celarando befreien. Es war ein gefährlicher Wettstreit; Die beiden besorgten sich Schwerter und tra-ten den langen, steinigen Weg an.Und während sie schweigend die Kontraoktave hinunterwander-ten, verdunkelte sich der Himmel und es wurde so gespenstisch still. dass sich der Violinschlüssel ängstlich an den Bassschlüssel klammerte. Sie riefen wie aus einer Note Prim und Septim nach: „Glück auf, Glück auf …!“
Unsere Freunde konnten es nicht mehr hören, denn sie waren zu beschäftigt, über diesen Wettstreit nachzudenken und überlegten sogar, wieder umzukehren, aber da war es bereits zu spät.
Sie hatten nämlich die Grenze zum Reich der Improvisation schon überquert. Sie folgten einer brei-ten Bassline, bis sie zu einer Gabelung kamen. Da waren aber keine Zeichen, die den richtigen Weg wiesen … Ganz klar: jeder von ihnen musste ab jetzt seinen eigenen Weg gehen.
Sie losten aus und so kam es, dass die Prim den linken Weg einschlug und die Septim den rechten. Der linke Weg ging abwärts durch eine Schlucht, der Boden war voller spitzer Pizzicati, sodass man aufpassen musste, sich nicht daran zu verletzen. Der rechte Weg führte durch ein undurchdringliches Gebüsch von Sechzehnteltriolen. Seltsame Geräusche, wie erstickte Schreie, drangen heraus.
Sie trennten sich also und wünschten, dieser Streit hätte nie stattgefunden. Doch beide waren tap-fer, tapfer aus Trotz, und das war gut so. Sie überwanden die gefährlichen Hindernisse, abgesehen von ein paar Kratzern und trafen sich schließlich wieder in einem riesigen Konzertsaal, der war voll von Tönen verschiedener Rassen, nie gehörten, völlig unbekannten darunter: Vierteltöne, sowie die Pygmäen unter den Pygmäen, Achteltöne. Hier tanzten die Harmonien mit den Disharmonien, ob Pogo oder Walzer, jeder Stil war willkommen.
Und auf der Bühne ein Wahnsinns-Orchester.
Man sah Mozart, nackt, völlig entrückt und mit glänzenden Augen, von einem hydraulischen He-bekran baumelnd, ein riesiges Klavier mit unzähligen Tasten und geheimnisvollen Schaltern und He-beln bedienen. Da war auch Charly Parker, der auf zwölf Saxophonen gleichzeitig spielte und immer wieder in die Taktpausen hineinrief: “Ich bin clean, endlich clean! Cleancleanclean!“
Und da, links in der Ecke: Ginger Baker, der mit sechs Armen und vier Beinen auf ein gigantisches, monumentales Schlagzeug hämmerte. Die Sticks wirbelten kaskadenartig durch die Luft und trafen hin und wieder den an der Decke schwebenden John Coltrane. Es war eine Stimmung, unbeschreib-lich, sogar Sid Vicious war dabei und er konnte wirklich Bass spielen, das war das größte Wunder überhaupt.
Und über allem: eng umschlungen: Accellerando mit seiner geliebten Prinzessin Rubato. Beide wirkten sie so glücklich und wie füreinander bestimmt. Jetzt wurde es unseren beiden Helden klar, dass man über das Reich der Improvisation nur Lügengeschichten verbreitet hatte. Es war der schönste Ort überhaupt, denn es war ein Ort der Freiheit.
Und was kann es denn Schöneres geben als Freiheit? Sie warfen ihre Schwerter weg, umarmten sich und verschmolzen zu einem einzigen Ton. Dieser Ton war so wunderschön, dass plötzlich die Musik rundherum verstummte. Alle im Saal staunten und bekamen ganz feuchte Augen dabei. Selbst Mozart war so gerührt, dass ihm ein kleiner Pups entwich (Er wird es später seinem geliebten Nannerl berichten).

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Karl G.: Irgendwie Freiheit. Bekenntnisse eines Straßensängers
Rediroma Verlag 2016.
Infos, Geleitworte von Konstantin Wecker und Bestellmöglichkeit:
http://www.rediroma-verlag.de/buecher/978-3-96103-015-6

Comments
  • Bettina Beckröge

    Wie köstlich!!! Habe selten so gelacht.
    Wenn schon die Klaviatur des Okatavius die Grenzen der Oberton- Improvisation überschreitet, wenn schon Soli und Prinzessin Rubato sich in einer Zwölftonmusik verlieren, wenn Prim und Septim auf ihrem musikalischen Dschungelweg, mit Schwertern bestückt, kaskadenmäßig der dunklen Höllenschlucht der Chromaturia entgegenschreiten, um sich glüchlicherweis später in einem Concerto Grosso mit wohltemperiertem Klavier, Fanfaren und Trompeten wiederzufinden, wo sie vor Glück und Freude gemeinsam im Walzertakt die Urtonsonate tanzen….
    dann entscheide mich doch lieber für den direkten Weg:
    den Accellerando mit seiner geliebten Prinzessin Rubato… 🙂

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