Gnade: Gutes nähren statt Böses strafen

Gemälde: "Die Heimkehr des verlorenen Sohnes", Rembrandt

Gemälde: „Die Heimkehr des verlorenen Sohnes“, Rembrandt

Wir können versuchen an unserer psychischen Gesundheit und spirituellen Entwicklung zur arbeiten. Trotzdem wäre es falsch anzunehmen, dass die Befreiung von Schuld und Schuldgefühlen allein von uns und unserer „Willenskraft“ abhinge. Vielfach wird in religiösen Schriften auf die Wirksamkeit einer Kraft hingewiesen, die wir nicht erzwingen und nicht steuern können, die uns jedoch unter bestimmten Umständen geschenkt wird. In einem altmodischen Begriff heißt diese Kraft Gnade. Gnade und Vergebung haben es nicht leicht in einer Welt, in der noch immer das Schuldprinzip dominiert. Dennoch sind sie notwendig, wenn wir die Wunden der Gesellschaft heilen wollen – und die in unserer Seele. (Neu bearbeiteter Auszug aus dem Buch „Schuld-Entrümpelung“ von Roland Rottenfußer und Monika Herz.)

Der Mensch ist als Wesen im Universum nicht isoliert, und es wäre falsch alle Fragen des Lebens nur „innermenschlich“ zu behandeln. Das gilt selbstverständlich auch für das schwierige Thema „Schuld“. Ich habe in diversen Artikel kritisiert, dass dem Einzelmenschen in der Ratgeberliteratur, aber auch von Staat und Wirtschaft ein Übermaß an Eigenverantwortung aufgebürdet wird. Je mehr unser tatsächlicher Handlungsspielraum durch allerlei Sachzwänge zusammengedrängt wird, desto lauter werden besserwisserische Appelle, wir mögen doch endlich mehr Verantwortung übernehmen. Mehr Verantwortung bedeutet jedoch auch mehr „Schuldfähigkeit“. Dies führt zunehmend zur Überforderung, zum „Zuständigkeits-Burnout“, zu einer erdrückenden Last zugeschobener und mehr oder minder freiwillig übernommener Schuld.

Schuld ist nach meiner Auffassung nicht allein eine individuelle Angelegenheit, sondern auch eine Frage von Wechselwirkungen, Umständen und schicksalhaften Zusammenhängen. Dies gilt natürlich auch für die Auflösung von Schuld und Schuldgefühlen. In jüngster Zeit boomt in der Ratgeberliteratur und in Seminaren vielfach eine „heroische Selbstoptimierungsspiritualität“. Ihr Leitsatz ist: „Du kannst dein Schicksal und deinen Seelenzustand vollständig selbst kontrollieren.“ Freilich glauben auch ich daran, dass der Einzelne einiges dazu beitragen kann, dass es ihm besser geht: durch Erkenntnis zunächst: indem wir verstehen, wo und wie uns überall ungerechterweise „ein schlechtes Gewissen gemacht“ wurde. Oder auch indem wir erkennen, dass wir tatsächlich einen schweren Fehler begangen haben und versuchen diesen durch Reue, Umkehr und Wiedergutmachung zu bearbeiten. Das ist nicht allein eine schlechte (weil unbequeme), es ist auch eine gute Nachricht. Denn es bedeutet: Wir können selbst etwas tun, damit es uns und anderen besser geht – und zwar auch dann, wenn eine wirkliche Schuld vorlag.

Trotzdem wäre es falsch anzunehmen, dass die Befreiung von Schuld und Schuldgefühlen allein von uns und unserer „Willenskraft“ abhinge. Ich möchte gern an dieser Stelle auf die Wirksamkeit einer Kraft hinweisen, die wir nicht erzwingen und nicht steuern können, die uns jedoch unter bestimmten Umständen geschenkt wird. In einem altmodischen religiösen Begriff heißt diese Kraft Gnade. Nicht überall löst der Begriff ungeteilte Begeisterung aus. Das Wort bekommt immer dann einen faden Beigeschmack, wenn Gnädige für sich beanspruchen, ihre Vergebung völlig unverdient über die Sünder auszugießen. Gnade wäre demnach ein Akt positiver Willkür, die eher trotz als wegen der Handlungen der Menschen gewährt wird. Luther schrieb über den Römerbrief des Paulus, es gehe in diesem Brief darum, „dass unsere Gerechtigkeit und Weisheit vernichtet und ausgerottet werde aus unserem Herzen und dem inwendigen Gefallen an uns selbst vor unseren eigenen Augen.“ Das ist schon sprachlich unschön. Inhaltlich bedeutet es: Nur wenn der Mensch sich bewusst wird, dass er unfähig ist, aus sich heraus das Gute zu wählen, kann die göttliche Gnade wirksam werden. Das Wort „gnädig“ hat teilweise einen schlechten Ruf, weil es mit „herablassend, selbstgefällig“ gleich gesetzt wird. Dabei könnte etwas sehr Weitherziges und Schönes darunter verstanden werden: das Gegenteil von Spießigkeit und geistiger Enge.

Von dem Hollywood-Schauspieler Richard Gere stammt dieser schöne Ausspruch: „Es hilft nichts, das laute Kind in der Klasse zu verprügeln. Man muss ihm besonders viel Liebe entgegenbringen, um zu verhindern, dass es noch schlimmer wird.“ Gere, der smarte Verführer aus „Pretty Woman“, ist bekennender Buddhist. Selbstverständlich ist seine Geisteshaltung nicht. Schon gar nicht in einem Amerika, das sich „Zero Tolerance“ auf die Fahnen geschrieben hat und Jugendliche wegen Drogenkonsums zu Tausenden in den Gefängnissen wegsperrt. Dabei ist gerade bei Drogendelikten offenkundig, dass „besonders viel Liebe“ viel besser helfen würde als Härte. Auch in Deutschland wird man vergeblich nach Politikern und Juristen suchen, die Milde und „weichere Strafen“ fordern. Gnadenlos ist nicht umsonst ein Modebegriff geworden, der in Wendungen wie „gnadenlos gut“ und „gnadenlos billig“ seinen Niederschlag findet.

Nietzsche sah in der Fähigkeit, über Verfehlungen großzügig hinwegzusehen, ein Zeichen von Macht und Souveränität. Instabile, sich ihrer selbst nicht sichere Machtsysteme neigen nach Nietzsche dagegen zur Kleinlichkeit. Sie sehen überall Fehler und die Notwendigkeit, jemanden zu verurteilen und zu bestrafen. Ein selbstsicheres, stabiles Gemeinwesen könnte dagegen vieles verzeihen, denn Regelübertretungen tasten es in seinem Kern nicht an. Gott ist der Idee nach unbegrenzt mächtig und souverän. Könnte man sich demnach auch einen unendlich großzügigen Gott vorstellen?

Ein solches Gottesbild gibt es. Die Jesus-Gleichnisse vom „Verlorenen Sohn“ und vom „Verlorenen Schaf“ (zu finden bei Lukas, Kapitel 15) enthalten eine revolutionäre Ethik, die man leicht unterschätzt. Gerade die Geschichte vom Schaf hat mit dem Klischee vom braven Gemeindeschäfchen wenig zu tun. Das Verlorene Schaf repräsentiert vielmehr den Nicht-Braven, den Sünder, der sich von der Herde entfernt. Ein solcher Sünder wird von Jesus nicht mit Strafe oder Rache, ja nicht einmal mit Belehrungen bedroht. Einzige Aufgabe des guten Hirten ist es, das verirrte Schaf zu finden und heimzuholen. Das Schaf – Symbol der Gesetzesübertretung – bedarf sogar der besonderen Fürsorge des Gesetzgebers, die ihm auf Kosten der übrigen, daheim gebliebenen Schafe zuteilwird.

Der Schweizer Theologe Hans Küng charakterisiert den Gott des Evangeliums als den „Vater der Verlorenen“. In seinem Hauptwerk „Existiert Gott?“ vertritt er eine provozierende These: „Darum ging es: um einen neuen Gott, der sich von seinem eigenen Gesetz gelöst zu haben schien, einen Gott nicht der Gesetzesfrommen, sondern der Gesetzesbrecher, ja – so muss man zugespitzt sagen – einen Gott nicht der Gottesfürchtigen, sondern der Gottlosen!“ Am deutlichsten offenbart sich dieser Gott der Gnade im Gebot der Feindesliebe.

Gnade spielt auch im Islam eine wichtige Rolle. Die ersten und unzählige Male wiederholten Worte im Koran lauten: „Bismillah ar Rahman ar Rahim“ (Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Allerbarmers). Ausdrücklich predigt die Heilige Schrift der Muslime auch die Vergebung: „Denn Allah liebt die guten Menschen. Aber auch die, welche, nachdem sie Böses getan und sich versündigt haben, Allahs eingedenk sind und um Vergebung ihrer Sünden bitten (…) werden Gnade von ihrem Herrn erhalten.“ Auch im Tao Te King sagt Laotse: „Auch wenn ein Mensch schlecht ist, lass ihn nicht fallen.“ Und ganz im Sinne der christlichen Feindesliebe: „Ich bin gut zu denen, die gut sind, aber ich bin auch gut zu denen, die nicht gut sind, denn so vermehre ich die Güte.“

Dies trifft den Kern. Es geht nicht darum, welches Leiden jemand vermeintlich „verdient“ hat, sondern darum, wie der Umfang des Leidens vermindert werden kann. Dies geschieht, indem sich der Bezirk des Guten, der Menschlichkeit in unserer Welt ausweitet. Mit harten Strafen ist das kaum möglich, denn sie schaffen neues Leid, neue Unmenschlichkeit. Es kann nicht heilsam sein, sich dem Niveau seiner Feinde gleichsam nach unten anzupassen. „Nachtragende“ Schuldvorwürfe ketten die Menschen – und zwar sowohl Täter als auch Opfer – an ihre Vergangenheit; Gnade dagegen eröffnet eine Perspektive auf eine friedliche Zukunft. Nelson Mandela hat das erkannt, als er – nach 27 Jahren Gefängnishaft – seine schwarzen Landsleute zu Frieden und Vergebung aufrief.

So mancher arbeitet sich Jahre und Jahrzehnte lang an Schuldgefühlen ab, versucht unbewusst zu „büßen“, indem er seine Lebendigkeit erstickt, oder sich einzureden, dass diese Gefühle rational nicht begründet sind. Dennoch fühlt er oder sie vielleicht noch immer viel Schwere und Traurigkeit in sich, die auf noch nicht ganz aufgelöstes Schuldgefühl zurückgeht. Wer so fühlt, den möchten wir bitten, zu erwägen, ob er die letzte Strecke unbedingt selbst gehen muss; ob es nicht hilfreicher wäre, sich bis zum Ziel ziehen zu lassen – von einer Kraft, die ungleich größer und gütiger ist als wir selbst. Wer für derartige Gedanken offen ist, wer an Gott oder andere hilfreiche Wesen glaubt, der kann mitunter Erleichterung darin finden, um Gnade zu bitten. Ein Schritt dorthin ist die Zufluchtnahme. Sie ist ein aktiver Schritt, der jedoch die passive Hingabe an das, was sich zeigen will, vorbereitet. Wir vertrauen uns der Kraft, die wir „göttlich“ oder „heilig“ nennen, vollkommen an und bitten sie, das Werk der Erlösung – der Loslösung von Schuldverstrickung – an uns zu vollenden.

Es gibt dafür traditionelle Formeln. So sprechen Christen oft das Herzgebet: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarm dich meiner“, das beliebig oft wiederholt werden kann. Muslime kennen das „Astarchfarullah“ – Gott, verzeih mir.“ Freilich stellt sich für viele jetzt die Frage, woran man Gnade erkennt. „Wie weiß ich, dass mir vergeben wurde und dass ich mir das nicht nur einbilde?“ Es ist ja nicht so, dass sich uns eine Hand aus einer Wolke entgegenstrecken wird, um uns den Kelch der Vergebung zu überreichen. Die Gnade erleben wir mitunter als ein das Herz anrührendes Gefühl der Erleichterung „ganz innen“. Dies kann sich für jeden ein wenig anders anfühlen. Vielleicht wird sich etwas lange Angestautes lösen, etwa durch einen Tränenstrom. Vielleicht ist „plötzlich“ auch alles ganz friedlich. Im zweiten Schritt stellen wir fest, dass uns die Schuld und die mit ihr verbundenen Vorfälle nicht mehr so stark beschäftigen. Vielleicht verschwinden sie nicht ganz aus unserem Gedächtnis, aber sie haben ihre quälende „Brisanz“ für uns verloren. Wir wissen um unsere damaligen Fehler, aber wir sind im Reinen mit ihnen, in Frieden.

Freilich muss uns klar sein, dass Gnade, sofern ein „Gegenüber“ für sie benötigt wird, nicht erzwungen werden kann. In der Sage von Tannhäuser plagten den Ritter und Minnesänger schwere Gewissensbisse wegen eines Aufenthalts im „Venusberg“, einem berüchtigten Sündenpfuhl. Tannhäuser beschloss, zum Papst nach Rom zu pilgern und ihn um Vergebung zu bitten. Er ging barfuß und plagte sich schwer mit Fußverletzungen, schlechtem Wetter und anderen Strapazen. Angekommen, glaubte er gleichsam ein Anrecht auf Vergebung erworben zu haben. Der Heilige Vater jedoch mochte ihm aufgrund der Schwere seines „Verbrechens“ nicht vergeben. Eher werde der Holzstab in seiner Hand Grün tragen als dass Tannhäuser Gnade finden könne. Der Minnesänger war nun aufs Höchste enttäuscht und gekränkt. Da es sowieso zu spät schien, meinte der Verzweifelte, dass jetzt nichts dagegen spräche, noch ein wenig weiter zu sündigen. Kein sehr konstruktiver Gedanke, wie wir meinen. Die Gnade braucht manchmal etwas Zeit, um „anzukommen.“

Verspätet nämlich kam sie schließlich auch zu Tannhäuser. Ein Wunder geschah, und am Bischofsstab begannen grüne Blätter zu sprießen. Dem Papst tat es nun leid, dass er so kleingläubig gewesen war. Vielleicht ist Gottes Gnade immer ein Stück größer als wir sie uns vorzustellen wagen.

 

 

Buchtipp: Monika Herz, Roland Rottenfußer: Schuldentrümpelung. Wie wir uns von einer erdrückenden Last befreien. Goldmann Verlag, 256 Seiten, 9,99 €

Showing 4 comments
  • Bettina Beckröge

    Ein wunderbare Auszug aus einem Buch, das mir bereits in seinen Ankündigungen sehr gut gefällt.
    Das Bild Rembrandts, des verlorenen Sohnes ist ein Bild, was für mich gut mit den Zeilen harmoniert.
    Die höchste Gnade im Leben ist es für mich, seine eigene Fehlbarkeit nicht nur zu kennen, sonder diese ein Stück weit als Teil seiner selbst anzunehmen, um daraus für die Zukunft zu lernen. Sich aus der eigenen Fehlbarkeit heraus dem Begriff Schuld zu nähern, ist ein wichtiger Schritt zur Erkenntnis eigener Fehlbarkeiten. Zu wissen, es gibt etwas göttliches, was mir meine Schulden abnimmt, indem ich sie dort abladen kann, ist die Befreiung zu sich selbst, auf dem langen Weg der eigenen Lebensreise.
    Der verlorene Sohn wurde angenommen, ungeachtet seines Lebenswandels. Der Hirte verlässt augenblicklich seine ganze Herde, um ein verlorenes Schaf zurückzuholen.
    Das ist für mich ein Bild der göttlichen Gnade. Wir sind im Leben nicht allein auf uns gestellt. Wir können uns immer einer höheren Gnade zuwenden, der religiösen, der spirituellen, oder der kosmischen Gnade.
    Das ist Frieden in sich selbst.

  • Bettina Beckröge

    Ist der Weg durch den Dschungel des Lebens nicht letztendlich eine weite Reise, die wir gehen, durch eigene Höhen und Tiefen, auf dem wir tagtäglich die Gnade der Liebe erfahren dürfen, die Liebe, die wir annehmen und wie Blumen weiterstreuen können, um irgendwann, auf dem letzten Teil unserer Reise das zu finden, was in uns ruht, was unser eigentliches zu Hause ist, was uns ruhen lässt, wie die Perle in der Muschel, wir selbst, unser eigenes „Ich“?

  • heike

    So sieht ein lebensweg im idealfall aus. Wenn Dir aber ehr deine schöne Perle aus der Brust gerissen wurde, Du nirgendwo mehr obfach findest, dann gehst du eventuell sehr schnell deiner perle hinterher, wirst vielleicht beim jetzigen besitzer deiner alten perle reingelassen, der dich gnädigerweise sogar begrüßt, weil du heimgefunden hast, oder du setzt dich in einen lastwagen oder du bringst dich heimlich still undleise selbst um.
    Gott sei mit uns

  • Manfred

    Statistisch gesehen ergeben ein Hoch und ein Tief im Durchschnitt ein Mittelmaß, unscheinbar und langweilig. Jedoch kein Leben ist unscheinbar und langweilig, denn es besteht immer aus Höhen und Tiefen. Aber die Tiefen sind es doch, die uns zu Höchstleistungen anspornen. In Anerkennung seiner künstlerischen Schaffenskraft hier aus der Veranstaltung in Trier im Kornmarkt: Ulrik Remy.

    https://www.youtube.com/watch?v=-6m1Dhd5QPM

Hinterlasse einen Kommentar