«Eine vererbte Demokratie ist keine Demokratie»

Rafik Schami

Rafik Schami

Rafik Schami lässt den Helden seines neuen Romans „Sophia oder der Anfang aller Geschichten“ nach 40 Jahren in seine Heimat Syrien zurückkehren und das Damaskus seiner Kindheit erleben – was ihm persönlich verwehrt blieb. Assad „ist ein Teil des Systems und hat ein Problem: Das System herrscht auch über ihn“, sagte der deutsch-syrische Schriftsteller im DLF. (Quelle: Deutschlandfunk)
http://www.deutschlandfunk.de/rafik-schami-zu-syrien-eine-vererbte-demokratie-ist-keine.700.de.html?dram:article_id=328836

Showing 9 comments
  • ert_ertrus

    Eine vererbte Demokratie ist eine verderbte.

  • Bettina Beckröge

    Ein eindruckvolles Interview mit Rafik Schami.
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    Folgendes Zitat von ihm gefällt mir besonders gut:
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    „In dieser schweren Zeit hilft, dass Sie geben und nehmen durch die Liebe, ohne auf Verluste oder Gewinne zu schauen wie im normalen Alltag.“
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    Die ausführenden Gedanken zur Sippe fand ich interessant. Die Sippe im Kontrast zwischen Unterdrückung und dem Garant zum Überleben, im Kontrast zwischen dem geborgenen und dem willenlosen Menschen. Ich frage mich, wie stehen die Qualitäten der arabischen Sippe zu den Qualitäten der Großfamilie, wie es sie früher hier mal gab?
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    Auch wenn die politische Situation in Syrien derzeit nicht danach ausschaut, so wünsche ich Herrn Rafik Schami, dass sein Wunsch eines Tages wahr wird, und er mit seinem Sohn und seiner Familie in seine Heimat zurückkehren kann. Ich wünsche ihm, dass sein Wunsch nach unbeschwertem Murmelspielen mit seinem Sohn auf einem Platz in Damaskus eines Tages Wirklichkeit werden wird, und er sich dann an seine eigenen Worte zurückerinnern wird.

  • heike

    Ich habe mir das Buch von Rafik Schami gekauft. Mir gefällt schon die Widmung: …. & für alle, die eine Fata Morgana für ihr verlorenes Paradies halten.
    (ich werde vielleicht etwas geschwätzig, aber nach Jahren des Schweigens finde ich das ok)

  • Bettina Beckröge

    Für alle InteressiertInnen aus Köln und Umgebung:
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    Rafik Schami wird am Donnerstag, den 26. Januar um 20:30 im Konzertsaal des Stadtgartens (Veranstaltungszentrum mit Konzertsaal, Biergarten und Restaurant-Café) einen Vortrag halten. Er wird aus seinen Büchern vorlesen und aus Texten zitieren, die Ihm besonders wichtig sind.
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    http://www.stadtgarten.de/index.php?m=event&type=Lesung&id=10328

  • Bernie

    Übrigens, als Ergänzung, „Eine vererbte Demokratie ist keine Demokratie“ kann man getrost auch auf die sogenannte westliche Allianz übertragen, nur ohne Sippe. Obwohl? Sind es in den USA nicht auch bestimmte Familien-Clans, die das Land aufteilen? Nur Merkel-Gabriel-Deutschland ist da anders. Obwohl? Sind es nicht bei uns auch immmer dieselben, die die „Demokratie“ an die nächste Generation weitergeben? Ich lebe in einem Bundesland, nämlich Baden-Württemberg, dass sich genausolange wie einst die SED eine CDU als Regierung hielt – Apparatschicks gibt es nicht nur bei den „Kommunisten“ sondern auch bei den Konservativen aller Coleur in Deutschland – auch in der Bundespolitik wird die Demokratie, wenn auch nicht über Blutsverwandschaft wie in Syrien „vererbt“ – Rafik Schami sollte davon, auch als syrischstämmiger Mensch, auch schon Einiges mitbekommen haben, insofern sehe ich seinen Satz „Eine vererbte Demokratie ist keine Demokratie“ auch für Deutschland – Für mich schon lange keine Demokratie mehr, sondern eine Oligarchie, schon seit 1948, der Gründung der BRD.
    Gruß
    Bernie

  • heike

    Hier ein kurzer Auszug aus Rafik Schamis Buch „Sophia oder Der Anfang aller Geschichten“:
    „Diese jungen Leute“, sagte sie traurig, „wie du und Ali, die die Revolution wollen, damit wir menschlich und würdig und frei leben können, sterben alle jung, vielleicht als Lieblinge der Götter, noch bevor die Revolution unter der Führung neuer professioneller Verbrecher gegen die alten zermürbten Verbrecher siegt. Das ist immer so, und das wird immer so bleiben.“ Sie sah ihm in die Augen: „Hör gut zu mein Junge, solange man den Aufstand nur führt, um eine politische oder soziale Veränderung herbeizuführen, wird sich nichts ändern. Die naiven Kämpfer ebnen mit ungeheurer Opferbereitschaft Berge und asphaltieren breite Straßen mit den Tränen der Hoffnung, und dann fahren die Verbrecher vor, ziehen umgeben von Fanfaren und Fahnen in die Hauptstadt und werden vom Jubel der dummen Massen bald so berauscht, dass sie glauben, sie seien Götter.
    In den arabischen Ländern wird es keine Veränderung geben, solange nicht die Struktur der Sippe zerschlagen wird, die uns körperlich und geistig versklavt. Die Sippe baut auf Gehorsam und Loyalität auf und pfeift auf Demokratie, Freiheit oder die Würde der Menschen. Sie durchdringt und zersetzt alles wie ein Pilz. Zuckerbrot und Peitsche: Ein bisschen Geborgenheit bietet sie gegen ein bisschen Würde, und wir rutschen auf einer schiefen Èbene in die Tiefe und suchen nur noch nach Glück und der Befriedung unserer Instinkte. Am Ende der Rutsche gibt es keine Würde mehr. Man ist ein zufriedener Sklave der Sippenvorsteher und stolz darauf, dass man noch nicht verhaftet wurde.“ Sie macht eine Pause.
    „Aber jetzt sag mir, wie du darüber denkst.“
    „Wie soll ich es dir erklären?“, begann Salman. Er zògerte einen Moment, als suche er den richtigen Anfang. „Ich war entsetzt“, fuhr er fort, „dass wir, lange bevor die Armee kam, fertig mit der Welt waren. Wie soll ich dir das beschreiben?“ Amalia blieb still. „Wir, ein paar treue Freundinnen und Freunde, hatten das Gefühl, wir sind Jahre im Kreis gegangen und dort angekommen, wo wir angefangen haben. Wie ein Esel, der einen Mühlstein im Kreise zieht. Die Revolutionäre waren nicht mehr Rebellen, sondern ein Abbild der Gesellschaft, die sie zerstören wollten… Und all die Toten sind umsonst gestorben“, sagte er und begann leise zu weinen.

  • heike

    Amalia küsste ihn auf die Augen, drückte ihn an sich.
    (der Satz gehört noch dazu)
    Heike

  • heike

    „Salman verspottete und kritisierte im Kreis von Vertrauten leise das Sippenhafte in den Reihen der ‚Roten Freiheit‘, aber er wagte nie eine offene Konfrontation. Das Regime schüchterte die Menschen ein, aber die Revolutionsführer ihre Anhänger auch, und auch sie hielten den Mund. Die mutigen Kämpfer, die ihr Leben für die Revolution einsetzten, verschwiegen feige ihr Unbehagen und ihre Kritik gegenüber der Führung.
    Salman kam selbst nie auf den Gedanken, dass er und seinesgleichen eigentlich nur die Aufgabe hatten, ein neues Regime zu installieren, in dem wieder Bonzen über Untertanen herrschen sollten……Amalia hatte recht, so einen harten, glasklaren gedanken hatte er nie gehabt.“

  • Bettina Beckröge

    Warum, Bernie, ist für dich unsere Demokratie eine Oligarchie?
    Ich meine, wir haben das Recht auf freie Meinungsäußerung, wir haben das Recht zu wählen, oder uns zur Wahl aufstellen zu lassen, wir haben das Recht, uns frei zu bewegen…
    Dass es in unserem Land viele Missstände gibt,ist eins. Daran gilt es zu arbeiten. Aber: sind wir eine Demokratie. Eine Oligarchie ist etwas vollkommen anderes.

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