Die Poesie ist zweckfrei

Max Frisch

Max Frisch

„Ohne Warum“ heißt die letzte Studio-CD Konstantin Weckers. Die Rose blüht „ohne Warum“, und auch die Poesie ist zweckfrei. Nicht einmal dem Zweck der politischen Veränderung ordnet sie sich unter (obwohl es höchst achtbare politische Literatur gibt). „Zweckfrei“ bedeutet jedoch nicht, dass Poesie wirkungslos ist. Und es bedeutet nicht, dass sie nicht auf ihre besondere Weise subversiv wäre. Max Frisch, der große Schweizer Dichter („Homo Faber“, „Andorra“) hat ein großartiges Manifest über Poesie geschrieben, dem sich Konstantin nicht ohne Grund geistesverwandt fühlt. „Kunst wahrt die Utopie“ und „Kunst als Gegen-Position zur Macht“ sind zeitlose Statements von Max Frisch.

Liebe Freunde,

ich erinnere mich bei Walter Benjamin gelesen zu haben, die Kunst sei ein „Statthalter der Utopie“.

Nun, das kommt mir als bekennendem Utopisten natürlich sehr entgegen. Und Max Frisch sprach von der Transzendenz der Kunst:

„Die Funktion der Literatur in der Gesellschaft ist, meine ich, die permanente Irritation, dass es sie gibt. Nichts weiter. Jede Kollaboration mit der Macht, auch mit der demokratischen Macht, endet mit einem tödlichen Selbstmissverständnis der Kunst, der Poesie. (…) Dort wird sie zur Affirmation. Zur Dekoration der Macht. Das heißt, sie verkauft ihre Transzendenz: Kunst als solche ist transzendent.“

Zeit meines Lebens habe ich versucht, der Kollaboration mit der Macht aus dem Weg zu gehen und auch in vielen Liedern habe ich thematisiert, dass meine Gedichte niemals Dekoration der Macht sein dürfen.

Wenn schon, dann soll die Poesie aus sich heraus mächtig sein.

Der Philosoph Franco Berardi sagte im Sommer im österreichischen „Standard“:

„Wir werden in den nächsten 10 Jahren eine identitäre Aggression erleben – ich verwende das Wort Faschismus nicht, aber ich denke, es ist etwas sehr Ähnliches.“

Deutliche und erschreckende Worte.

Für ihn ist Ironie eine Strategie des Überlebens.

Für mich die Poesie.

Und Widerstand.

Poesie und Widerstand wird folgerichtig mein neues Programm auch heißen und nun, nachdem der Titel schon feststand, habe ich erst dieses Manifest von Max Frisch entdeckt:

Die POESIE ist zweckfrei

(Schon das macht sie zur Irritation)

Die POESIE muss kein Kabinett bilden, zum Beispiel, und muss nicht von einer analphabetischen Mehrheit gewählt werden. Die POESIE ist da oder manchmal auch nicht.

(Regierungen sind immer da.)

Die POESIE kann ignoriert werden

(Ohne dass die Polizei deswegen eingreift)

Die POESIE entsteht trotzdem da und dort. Die POESIE ist der Durchbruch zur genuinen Erfahrung unserer menschlichen Existenz in aller geschichtlichen Bedingtheit. Sie befreit uns zur Spontaneität – was beides sein kann: Glück oder Schrecken. Die POESIE unterwandert unser ideologisiertes Bewusstsein und insofern ist sie subversiv in jedem gesellschaftlichen System.

Die POESIE muss keine Maßnahmen ergreifen.

(Sie muss nur Poesie sein.)

Die POESIE findet sich nicht ab (im Gegensatz zur Politik) mit dem Machbaren; sie kann nicht lassen von der Trauer, dass das Menschsein auf dieser Erde nicht anders ist. Die POESIE sagt nicht, wohin mit dem Atom-Müll.

(Rezepte sind von ihr nicht zu erwarten.)

Die POESIE ist arrogant.

(Sie entzieht sich der Pflicht, die Welt zu regieren.)

Die POESIE ist unbrauchbar. (Es genügt ihr, dass sie da ist: als Ausdruck unseres profunden Ungenügens und unserer profunden Sehnsucht.)

Die POESIE wahrt die Utopie.

Die Utopie – das neue Paradies? in dem Liebe UND Erkenntnis möglich wären, gleichzeitig?

DASS ES NOCH ETWAS ANDERES GIBT.

Das ist die Irritation.

KUNST ALS GEGEN-POSITION ZUR MACHT.

Als Gegenposition auch zur Ohnmacht?

(Quelle des Max Frisch Zitats: Max Frisch: Schwarzes Quadrat – Zwei Poetikvorlesungen, Suhrkamp/Insel 2008; siehe auch: Max Frischs Tochter Ursula Priess über Max Frisch: »Du sollst dir kein Bildnis machen – warum eigentlich nicht?« Essay in: Der Standard, ALBUM, 24. Dezember 2016)

Showing 15 comments
  • heike

    Poesie ist zweckfrei – das finde ich total gut, schön und richtig und das sollte auch bitteschön so bleiben.
    Wo kommen wir denn hin, wenn wir noch darüber streiten wollen, wem die Blaumeisen gehören und ein halbseitiges Statemen nachliefern müssen, dass mit den Blaumeisen auch wirklich die Blaumeisen gemeint waren.

  • Bettina Beckröge

    Asma Asmaton, das Lied der Lieder
    Asma Asmaton, die höchste Ausdrucksform von Widerstand und Poesie
    .
    Die Mauthausen Ballade wird als einer der schönsten musikalischen Werke bezeichnet, die je über den Holocaust geschrieben wurden. Nach Gedichten des griechischen Dichters Iakovos Kambanelli , einem Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen, und musikalisch von Mikis Theodorakis zu einer Gesamtkomposition umgesetzt, umfasst die Ballade eines musikalischen Zykluss in vier Arien. Sie spiegelt die leidvollen Erfahrungen Kambanellis im KZ Mauthausen wieder, einschließlich seiner Liebe zu einer litauisch-jüdischen Frau, inmitten all der Grausamkeiten. Über 100.000 Opfer starben im Lager Mauthausen. Kambanelli überlebte die Gefangenschaft . Die Texte basieren auf seinen Aufzeichnungen, die er nach seiner Befreiung niedergeschrieben hatte. Jeder Zyklus der Ballade beschreibt einen eigenen Teil der Erinnerungen Kampanellis an die Zeiten im KZ Mauthausen.
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    Die Ballade von Mauthausen steht als lebendiges Zeichen gegen jegliches Wiederaufleben von faschistischem Gedankengut, und ist als Botschaft der Versöhnung zu betrachten. Asma Asmaton, das Lied der Lieder, aus der Ballade von Mauthausen zeigt, wie sich Hass durch Liebe überwinden lässt.
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    Die höchste Form der Poesie ist der Ausdruck der Liebe. Asma Asmaton ist für mich die höchste Ausdrucksform von „Widerstand und Poesie“, von „Widerstand und bedingungsloser Liebe“. Folgende Übersetzungen von Asma Asmaton gefallen mir am besten:
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    Konstantin Wecker – Mauthausen-Kantate
    https://youtu.be/gQRWLYRbXH4
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    ASMA ASMATON – Maria Farantouri (Theatre Petra 03/06/2015)
    https://youtu.be/fJEUHQY10Go

  • heike

    Ich habe die Utopie versucht und bin gescheitert. Ich wünsche euch aufrichtig viel Glück. Die Identitätsberaubung ist tatsächlich erschreckend und stellt ein schlimmeres Übel dar, als mit bisherigen Mitteln gegen unterdrü kung zu kämpfen.
    (Erscheinen meine Beiträge hier eigentlich noch?

  • heike

    Kann man eine neue welt ohne ein bildnis entstehen lassen?

  • heike

    Man muss den menschen den weg über die erkenntnis lassen – sonst werden sie nur zu willenlosen marionetten, die auf knopfdruck reagieren degradiert.
    Nur was ein mensch erkannt hat, kann er aus seinem innersten auch umsetzen – und nur dann schließen sich erkenntnis und liebe nicht aus. Die liebe scheitert an der stelle, wo erkenntnis noch nicht vollständig ist.
    Das ist die erkenntnis nach meinem scheitern.
    Der weg, den verstand ausschalten zu wollen, um zur reinen liebe zu gelangen ist verkehrt und führt schlimmstenfalls zu oben genannter identitätsberaubung. Ich mö hte den begriff faschismus an dieser stelle nicht gebrauchen, weil sonst wieder alles – vergangenheit und gegenwart – durcheinandergebracht wird, wahres erkennen verhindert und denunziationen vorschub leistet.wir sollten uns erkennen können und nicht nur irgendwelche blinker und zeichen am anderen ( wie früher der judenstern – aber von dem wusste wenigsten träger und betrachter, dass er existiert. Heute weiß man nicht, was der andere Mensch an einem wahrnimmt.
    Für die, die mit dem herzen denken!

    Und ich will w

  • heike

    Der weg, den verstand der anderen auszuschalten, um ungehindert macht – und profitinteressen verfolgen zu können, ist ebenso verkehrt. Wir brauchen verstand u n d poesie; sollten das eine benutzen und das andere lieben. Ich bin absolut für die liebe.

  • heike

    Ich schreibe das deswegen auf, um zu verdeutlichen, dass menschen, die gerade den verstand favorisieren, nicht die gegner und feinde der menschen sind, die gerade die poesie favorisieren. Wir müssen das klar erkennen.

  • Bettina Beckröge

    Max Frisch gehört in die Kategorie der bedeutenden Schweizer Schriftsteller, der den Protagonisten gerne in der Ich-Form verwendet (Stiller, Mein Name sei Gantenbein, Homo Faber). Einiges habe ich von ihm gelesen. Von seinem Manifest „Poesie und Utopie“ indes lese ich heute zum ersten Mal.
    „Kunst wahrt die Utopie“ und „Kunst als Gegen-Position zur Macht“ das sind Begrifflichkeiten, mit denen ich viel anfangen kann.
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    Kunst und Poesie sind frei.Sie wahren in ihrer geistigen Feiheit die Utopie des Geistes. Die reine Wissenschaft steht für die Marterie alles Messbaren, für das Zweckgebundene. Die Veränderung der Handlungsstrukturen aus der reinen Ratio, dem Messbaren heraus hin zum Handeln im Sinne der zweckfreien Kunst und Poesie („Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen“, Novalis), stellt eine befreiende Bewegung dar.
    Die befreiende Utopie, Kunst und Poesie entmachtet den dogmatischen Realismus.
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    HERMANN HESSE – Narziß und Goldmund (Episode)
    https://youtu.be/1RGeLbMUacQ

  • ert_ertrus

    Zweckfreiheit ist Poesie an und für sich 😀

  • heike

    Mauthausen ist unter uns. Wenn ihr euren schönen Worten auch Taten folgen lasst, ziehe ich mich gern zurück und warte auf die besseren Zeiten.

  • heike

    Danke Bettina für diesen you-tube link. So muss es (mauthausen) nicht mehr unter uns sein.

  • Bettina Beckröge

    Liebe Heike,
    Ein KZ Mauthausen wollen wir alle nicht noch einmal.
    Das Lied Asma Asmaton aus der Mauthausen Ballade habe ich gepostet, wei es für mich zu den schönsten Liedern von Mikis Theodorakis zählt und ich es zu diesem Thema passend fand. Ich kenne kein Lied, dass die Polarität zwischen Leid und Liebe, bzw. Widerstand und Liebe textlich und musikalisch so hervorragend zum Ausdruck bringt, wie Asma Asmaton. Mein Post war gedacht als gedankliche Weiterführung zu Konstantin Weckers Stellungnahme zum Thema Strategie des Überlebens, in der er schreibt:
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    „Für ihn (den Philosophen Franco Berardi) ist Ironie eine Strategie des Überlebens, für mich die Poesie und Widerstand.“ (KW)
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    Hinter allem steht die Utopie- als Weg ins Paradies?

  • heike

    Dazu muss man klären, was der Einzelne unter dem Paradies versteht. „Wir öffnen die Grenzen und lassen alle herein“, verstanden in dem Sinne, dass man sein Innerstes vollständig öffnet und a l l e n (wörtlich und in Gänze gemeint: wirklich allen Menschen mit dem, was sie zu genau diesem Zeitpunkt, und das Paradies wäre kein Zeitpunkt, sondern eine Ewigkeit, sind), ist wahrscheinlich tatsächlich eine nicht zu erreichende Utopie. Wären wir dann absolut vollständig e i n s , nur noch eine Masse? Unsere Welt lebt von den Polaritäten, die durch Grenzen entstehen ( können). Ohne Abgrenzung gibt es keine verschiedenen Qualitäten.
    Soviel an dieser Stelle erst mal von meiner Seite dazu. Danke für Deine Frage.

  • Bettina Beckröge

    „Wir öffnen die Grenzen und lassen alle herein“.
    Das Lied beschreibt ein Bild, so habe ich Konstantin Weckers Aussage in einem veröffentlichten Interview verstanden. Die Freiheit und vielleicht auch die Aufgabe eines Künstlers ist es zu konfrontieren und Utopien zu äußern, als Anstoß.
    Dieses Medium gibt es in der Theater- Kunst- und Musikwelt.
    Aus jeder Utpoie können Visionen erwachsen. Visionen helfen uns, die Realität zu gestalten.

  • Bettina Beckröge

    Als ein Bild betrachte ich gleichermaßen die Aussagen Konstantin Weckers zur Poesie.
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    Natürlich können wir die gesamte Welt nicht poetisieren und schon ist alles wieder gut. Mir würde der Gedanke sehr gefallen, doch diese Art der rosaroten Weltvorstellung ist unrealisch. Das hat mit Konstantin Wecker’s Aussage zur „Poetisierung der Welt“ sicherlich NICHTS gemeint. Er hat nicht mit „40 Jahre Wahnsinn“ auf etlichen Bühnen gestanden und sich unermüdlich politisch eingemischt und engagiert, um anschließend das Feld einer rosaroten Brille zu überlassen.
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    Lyrik beschreibt Sozialkritik (Bsp. Berthold Brecht), beschäftigt sich mit etwas universell Übergeordnetem, dem Spirituellem (siehe Hölderlin, Mörike, Goethe, Rilke, Hesse…), oder ganz einfach mit der Liebe von Mensch zu Mensch.
    Lyrik/ Poesie hat mit dem Gedanken des universell Verbindendem und mit der Spiritualität zu tun.
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    Ich bin mir ganz sicher, Konstantin Wecker denkt in die Richtung, wenn er von „Poetisierung der Welt“ spricht. In dem Zusammenhang passt es auch zu seinem Gedanken des Widerstands. Poesie und Widerstand sind zwei Begriffe, dich ich sehr wohl in einem Zusammenhang sehen kann, ganz ohne rosaroter Brille.
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    Ob Poesie zweckfrei ist, das vermag ich nicht zu sagen. Das mögen die großen Poeten unter sich ausmachen.
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    🙂

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