Wie pfeift man gegen einen Ozean an?

Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky

Wie kann man unverzagt bleiben in beängstigenden Zeiten und sich dem „Wind of Change“, der derzeit stramm von rechts bläst, entgegenstellen? Selbst der große und mutige Kurz Tucholsky hat seinerzeit resigniert. „Ihr Selbstmord war nicht übereilt“, sang Werner Schneyder in seinem Tucholsky-Lied. Jedenfalls fordert Wolf Schneider, der derzeit mit syrischen Flüchtlingen in einem Haus zusammenlebt, dass man zunächst klar hinschaut: Sich über die Wahlsiege von Rechten nicht klammheimlich freuen, weil es diese „dem Establishment“ endlich mal gezeigt haben. Die machen alles nur schlimmer, nicht besser. (Wolf Schneider, Erstveröffentlichung auf www.connection.de)

Im April 1933 schrieb Kurt Tucholsky aus Schweden an seinen Freund Walter Hasenclever: »Dass unsere Welt in Deutschland zu existieren aufgehört hat, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Und daher: Werde ich erst amal das Maul halten. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an.

Seit der Wahl von Trump zum Präsidenten der USA muss ich oft an Tucholsky denken, an sein Schweigen nach 1933 und seinen Freitod in Schweden kurz danach. In einer Welt der Trumps, Erdogans und Orbans, Nigel Farages und Geert Wilders, in der Marine Le Pen gute Chancen, im Frühjahr die nächste Präsidentin von Frankreich zu werden, gruselt es mich vor der Zukunft. Selbst wenn Norbert Hofer in Österreich nicht Präsident geworden ist, neigt sich die Stimmung in der Welt gerade nicht dem Frieden und einem guten Umgang miteinander zu. Kann man gegen den Ozean des Rechtspopulismus anpfeifen? Ich tue es, weil ich mir geschworen habe, an einem solchen Punkt wie dem, an dem Tucholsky (er ist immer eine Art Vorbild für mich gewesen) damals vor dem so triumphal aufkommenden Faschismus eingeknickt ist, nie aufzugeben. Klar ist die Welt heute anders und der heutige Faschismus trägt andere Gewänder, aber die politische Situation gibt zur Zeit nicht viel Anlass zur Hoffnung.

Rückschritte nach rechts

Wer nun einwendet, Trump würde wenigstens etwas verändern, mit Hillary wäre es Business as usual gewesen, in einer abgekackten Welt, dem sage ich: Mit Trump wird es schlimmer. Trump ist noch unehrlicher und egoistischer als Hillary und das mit ihr verbündete Ancien régime. Er ist eine Provokation, aber keine gute. Er hat seine Wahl durch die Wutbürger Amerikas gewonnen, die das Establishment von Washington und den oberen zehn Tausend hassen, aber er wird noch weniger demokratisch regieren als Hillarys obere Zehntausend. Er ist ein Verächter der Nichtchristen, Nichtweißen, Ausländer und fast aller Randgruppen, von Frauen und von allen, die anders sind als das weiße von sich selbst und der eigenen Größe erfüllte Amerika. Mit Trump soll es weniger Kriege geben als bisher, weil er sich mit Putin so gut versteht? Dass ich nicht lache…

Dabei verstehe ich, dass meine syrischen Freunde sich über Trump gefreut haben. Und jetzt freuen sie sich, dass Assad Aleppo eingenommen hat. Sie hassen Saudi-Arabien, das den IS unterstützt und von Deutschland Waffen bekommt. Verständlich. Die alte Welt ist unerträglich geworden, aber mit den Rechtspopulisten wird es noch schlimmer.

Wutbürger aller Länder…

Und noch ein Wort zum Thema Medienmanipulation und Verschwörungen: Die da meinen »das System« (der neoliberalen Weltherrschaft) durchschaut zu haben, sind mehrheitlich noch größeren, raffinierteren und von einer heilsamen Selbsterkenntnis noch weiter entfernten Manipulatoren auf den Leim gegangen.

Ich erwarte nicht, dass der Erfolg des Rechtspopulismus nun endlich die guten Kräfte aus ihrer Lethargie befreit. Ich glaube andererseits auch nicht, dass er zum Terminator des weltbeherrschenden neoliberalen Geschäftsmodells wird – im Gegenteil, die im Rechtspopulismus vereinigten »Wutbürger aller Länder« werden es noch schlimmer machen. Wir brauchen in der Politik kein sensationsgeiles Gepöbel, sondern eine intelligente Antwort auf die Naturzerstörung und Menschenverachtung des herrschenden Weltwirtschafts- und Finanzsystems.

Damit beschäftigt sich das Buch „How soon is now“ von Daniel Pinchbeck, das ich gerade übersetze. Es gibt eine kluge, radikale und praktikable Antwort auf die Probleme der Welt. Die werden dort zunächst schonungslos und einsichtsvoll beschrieben, dann gibt Pinchbeck eine Anleitung, was wir tun können. Darüber bald mehr.

Comments
  • Bettina Beckröge

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    „…Werde ich erst amal das Maul halten. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an.“
    (Kurt Tucholsky)
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    Ich pfeiffe nicht GEGEN, sondern ÜBER den Ozean,
    gerne dann uns wann GEGEN den Wind des Mainstreams.
    Ozeane sind keine Grenzen, sondern Verbindungen!
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    Wunderschöne Filmmusik (Hans Zimmer-Stil, Big Sound!)
    https://youtu.be/TpDzhjMFmYg
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    🙂

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