Vorwort zur japanischen Ausgabe von «Entrüstet euch»

JapanEs ist schon etwas Besonderes, wenn ein Buch von Konstantin Wecker in japanischer Sprache erscheint. „Entrüstet euch“ – sein pazifistisches Werk aus dem Jahr 2015, zusammen mit Margot Käßmann und GastautorInnen – hat es geschafft. Grund genug für Konstantin, in seinem speziell für die japanische Ausgabe geschriebenen Vorwort über einige brennende Themen nachzudenken. Was haben Japaner und Deutsche aus Hiroshima und Fukushima gelernt? Und warum sind wir immer noch so weit entfernt von jenem universellen Frieden, den sich beide Nationen nach einem schrecklichen Krieg so sehr gewünscht haben. (Konstantin Wecker)

Eine Übersetzung ins Japanische? Ich war nicht wenig überrascht, als ich von meinem Verlag erfuhr, dass unser Büchlein über den Frieden dort erscheinen soll – aus unserer Perspektive auf der anderen Seite des Globus und in einer Schrift, die ich nicht zu entziffern vermag. Mein Bekanntheitsgrad als Liedermacher hält sich in Japan in Grenzen, und auch meine Mitherausgeberin Margot Käßmann ist dort keine Prominente. Freilich ist „Entrüstet euch“ kein rein deutsches Buch – wir haben Texte von Franz Assisi, Martin Luther King und – immerhin besteht hier eine Brücke nach Asien – Konfuzius integriert. Dennoch fühlte ich mich bei der Bitte, ein Vorwort zur japanischen Ausgabe zu schreiben, ein wenig auf dem falschen Fuß erwischt – hatte ich es doch bisher nicht geschafft, dieses sicher sehr schöne Land selbst zu besuchen. Auch mein Wissen über Kultur und Geschichte Japans ist lückenhaft.

Dennoch drängt sich eine Parallele zwischen Deutschland und Japan sofort auf: Beide Länder wissen aufgrund grauenhafter historischer Erfahrung nur allzu gut, was Krieg bedeutet. Beide haben als Angreiferstaaten im Zweiten Weltkrieg Schuld auf sich geladen; Menschen beider Staaten haben aber auch mit Tod und bitterem Leid dafür bezahlt, was ihre Führungs-„Eliten“ verbrochen haben – mit Duldung eines Großteils der Bevölkerung. Japan hat von beiden Staaten wahrscheinlich das größere Opfer bringen müssen. Als einziges weiß dieses relativ kleine Land im Pazifischen Ozean aus eigenem Erleben, was ein Atomkrieg bedeutet. Zwei Städte – dem Erdboden gleich gemacht, Menschen – Männer, Frauen und Kinder – buchstäblich verdampft in der Feuerhölle, große Landstriche über Jahrzehnte verstrahlt, unbewohnbar gemacht. Als Reaktion auf diese Menschheitskatastrophe haben Ost wie West beschlossen, ihre Arsenale aufzufüllen: mit Waffen von solcher und noch größerer Zerstörungskraft.

„Dass immer erst ein Schrecken uns besinnt!“, habe ich in einem meiner Lieder gesungen. Hat der unaussprechliche Schrecken des Zweiten Weltkriegs die Menschen wirklich zur Besinnung gebracht? In Japan wie in Deutschland gab es nach dem Krieg eine starke Bewegung, die sich „Nie wieder Krieg“ auf die Fahnen geschrieben hat. Wie ich höre, verfügt Japan über Selbstverteidigungsstreitkräfte, die diesen Namen noch verdienen, Streitkräfte, die seit 1945 nie im Kampfhandlungen verwickelt waren, allenfalls in friedenserhaltende Einsätze. Artikel 9 der japanischen Verfassung enthält einen Satz, der mich erstaunt, weil etwas Vergleichbares im deutschen Grundgesetz fehlt: „In aufrichtigem Streben nach einem auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden verzichtet das japanische Volk für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und auf die Androhung oder Ausübung von Gewalt als Mittel zur Beilegung internationaler Streitigkeiten.“

Als Bürger eines Landes, das längst schon wieder im Begriffe ist, Frieden herbei zu bomben und seine Soldaten in vermeintlich humanitärer Absicht in Übersee zum Töten und Sterben auszusenden, empfinde ich hohen Respekt vor dieser Haltung der japanischen Verfassungsväter. Ja, sie erscheint mir wie eine wahrgewordene Utopie. So geht es also auch! Die „Westbindung“, seinerzeit vom ersten deutschen Kanzler Konrad Adenauer auf den Weg gebracht, ist für Deutschland längst zur Zwangsjacke geworden, bindet uns vor allem an die Kriegsabsichten wahnwitziger, der Rüstungsindustrie höriger US-Präsidenten und anderer Vertreter „westlicher Werte“. Da möchte man doch lieber, wie Japan, auf östliche Weise wertvoll sein, wirtschaftlich prosperieren und hohes Ansehen in der Welt erlangen, ohne sich diesen Status stets aufs Neue waffenbrüderlich an der Seite der Verbündeten ertöten zu müssen.

Freilich: Hiroshima und Fukushima – diese beiden Städtenamen sind sich nicht nur klanglich ähnlich. Und so hat die „friedliche Nutzung der Atomenergie“ in Japan vor wenigen Jahren Verwüstungen angerichtet, die den Folgen der kriegerischen Nutzung nicht unähnlich sind. Mitverantwortlich dafür ist eine vom Herzen und von jeder Ethik abgekoppelte Wissenschaft, die alles technisch Machbare auch für legitim hält. Mein unlängst verstorbener Freund Hans-Peter Dürr, selbst ein hochrangiger Kernphysiker, war ein vehementer Gegner der Atomenergie – eben weil er als Wissenschaftler um deren zerstörerische Gewalt und mangelnde Nachhaltigkeit wusste. Schuld an der Katastrophe trägt ebenso auch eine profitorientierte Energiewirtschaft, für die die Gefahren, denen sie Mensch und Natur aussetzt, zweitrangig ist – wahrlich ein nicht nur auf Japan beschränktes Phänomen.
Mit Erschütterung las ich in dem von mir herausgegebenen Webmagazin „Hinter den Schlagzeilen“ einen Artikel des japanischen Umweltaktivisten Kazuhiko Kobayshi, der derzeit auch in Deutschland Spenden für die Opfer von Fukushima sammelt. Kobayashi wirft der Regierung vor, die Strahlenbelastung für die in der Krisenregion verbliebenen Menschen systematisch herunterzuspielen. Auch in Japan gibt es Flüchtlinge, Einheimische, die von den belasteten in die unbelasteten Regionen geflohen sind. Flüchtlinge, die sich in anderen als den von den Behörden bestimmten Evakuierungszonen aufhalten, werden von diesen nicht mehr finanziell unterstützt und geraten in Armut. Beamte üben Druck auf Geflüchtete aus, wieder in ihre verlassenen Wohnungen in Fukushima zurückzukehren, setzen sie somit größter Gefahren für Leben und Gesundheit aus.

Kazuhiko Kobayashi berichtet auch über Repressionen gegen japanische Ärzte: „Die Staats- und Landesregierung haben fast ausnahmslos alle Ärzte unter ihrer Fuchtel und lassen sie behaupten, für alle Bürger in Fukushima außerhalb der noch existierenden wenigen unmittelbaren Evakuierungszonen bestehe keinerlei Erkrankungsgefahr mehr durch den SuperGAU in Fukushima; deshalb sei für sie auch keine Kur mehr notwendig. Dies wird behauptet, obwohl es dafür keinerlei wissenschaftliche Beweise gibt. Die Ärzte, die sich gegen die Pro-Atom-Politik der Regierung äußern bzw. verhalten, werden von sämtlichen ärztlichen Organisationen boykottiert und laufen Gefahr, von den öffentlichen medizinischen Institutionen und Krankenhäusern, die ausnahmslos unter der Kontrolle der Regierung und der entsprechenden Ministerien stehen, entlassen zu werden.“

Eine solche menschenverachtende Politik macht mich sprachlos und wütend. Meine Solidarität gilt ausdrücklich den japanischen Opfern der Katastrophe. Ebenso der Bewegung aufrechter Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten, die sich wie Kobayashi gegen diesen Wahnsinn zur Wehr setzen. Atomenergie, entfesselter Kapitalismus, Umweltzerstörung, Verweigerung von Solidarität und arrogante, repressiv agierende Behörden – wer so den Frieden gestaltet, braucht den Krieg gar nicht mehr, um eine Gesellschaft und ein Land zu zerstören. Leider sind die Verhältnisse in Deutschland nicht viel anders. Der Atomausstieg scheint zwar – auch als Reaktion von Kanzlerin Angela Merkel auf Fukushima – nähergerückt; Kriegshandlungen deutscher Soldaten gehören aber mittlerweile zum Alltag. Und zwar – aufgemerkt! – mit der Begründung, Deutschland dürfe sich nicht länger unter Bezug auf den Zweiten Weltkrieg vor seiner Verantwortung in der Welt wegducken. Krieg als höchster Ausweis von Verantwortungsbewusstsein? Ignorieren geschichtlicher Erfahrungen als Methode der Gestaltung von Zukunft? Man könnte eigentlich darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Kein Wahnsystem ist jedoch so mächtig, dass sich nicht hier und dort Widerstand regen würde. Niemals ist die Dunkelheit allumfassend, es zeigen sich Lichtblicke der Menschlichkeit und Weisheit. So entschuldigte sich der japanische Pazifist und Sozialreformer Toyohiko Kagawa 1940 öffentlich für die Angriffe der japanischen Armee auf China und ließ sich für diesen Aufstand des Gewissens inhaftieren. „Wer seine Meinung anderen gewaltsam aufdrängt, tut der Wahrheit keinen Dienst“, sagte Kagawa. Dieser Satz kann uns auch in heute wieder kriegsaffinen Zeiten inspirieren. Wer als Guter sein Gutsein anderen mit Waffengewalt nahebringen will, hat es bereits verloren. Er ist denen, die er zu bekämpfen meint, schon zum Verwechseln ähnlich geworden. Daher braucht es Führungspersönlichkeiten, die integer, mit sich im Reinen und zur Selbstreflexion fähig sind. „Es kann nur einer, der über sich selbst und seine Angelegenheiten Herr ist, anderen etwas sein, andere regieren“, sagte Toyohiko Kagawa.

Wenn Politiker dieses Ideal jedoch nicht (oder nur äußerst selten) erfüllen, müssen wir andere wählen und den noch herrschenden unsere Wünsche sehr deutlich machen: durch leidenschaftlichen, beharrlichen, friedlichen Protest. „Schon hör ich vor den Toren die Krieger schreien – fällt uns denn außer töten schon nichts mehr ein?“ – auch dies ist eine Textzeile aus einem meiner Lieder. Wie ich höre, gibt es in Japan Kräfte, die den so schönen und klaren Paragrafen 9 der Verfassung aushöhlen und „neu interpretieren“ wollen. China und Nordkorea werden als Gegner aufgebaut. Das Recht auf „kollektive Selbstverteidigung“ in Gemeinschaft von Verbündeten ist dem japanischen Militär jetzt zugesichert worden. Was das für die Zukunft bedeuten kann, möchte ich mir nicht ausmalen. Es gibt ja immer nur Länder, die sich „verteidigen“, niemals solche, die angreifen wollen. Wie es bei so viel Defensive zu hunderten von Kriegen – allein im vorigen Jahrhundert – kommen konnte, bleibt ein Rätsel.
Lassen wir uns von den Kriegsprofiteuren nicht einlullen und nicht aufhetzen. Kämpfen wir dafür, dass der Frieden als Wert auch und gerade 70 Jahre nach Kriegsende weiter Respekt genießt. Japaner wie Deutsche jeweils auf unterschiedlichen Seiten der Weltkugel, aber vereint im Einsatz für unsere eine, so wunderschöne Welt. Wenn unser Büchlein auch in Ihrem Land einen kleinen Beitrag zu diesem Ziel leisten würde, wäre dies für mich die größte Freude.

Konstantin Wecker, Oktober 2016

Showing 7 comments
  • Piranha

    Und da platze ich mit der Meldung rein, dass das Bundesverfassungsgericht keine ausreichenden Gründe für in Verbot der NPD gefunden hat, wenngleich die NPD ordentlich Kritik einstecken muss.
    (Gesehen und gehört bei Phönix heute morgen)

  • Bettina Beckröge

    Ich melde mich schonmal für ein Exemplar von „Entrüstet Euch“ auf Japanisch an!
    Das muss einfach wunderschön ausschauen, die vielen Hyroglyphen und Zeichen,unter dem vollsten Wissen, es steht ja nur Gutes drin, alles was den Friedenserhalt fördert und fordert. Übersetzung? Kein Problem, ich habe ja das Original vorliegen, auf deutsch. Einzige Schwierigkeit:
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    Die Japaner schreiben von hinten nach vorne. Die Schreibweise ist ungefähr so antipodisch zu unserer, wie die Lage ihres Landes zu unserem.
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    🙂

  • Bettina Beckröge

    Übrigens, ein hübsches Foto, mit japanischer Zierkirsche und Pagodenbau!!! Eulenfeders holzwurmumwobenes Herz müsste bei dem Anblick der traditionellen Holzbauart ganz ohne Stahl (!!!) eigentlich gleich drei Luftsprünge machen
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    🙂

  • Bettina Beckröge

    Ich habe das Pagodentürmchen nochmal genau unter die Lupe genommen. Ganz in traditioneller Holzbaukunst hat es leider nicht geklappt.
    Schnörkelantenne, Bimmel- Glöckchen, Lüftungsgitter und freischwebende Leiter… alles zu ärgerliche Remineszenzen, die das Anlitz der traditionellen Holzbaukunst und der genossenschaftlichen Verbindung aller Holzwürmer vollkommen untergraben…
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    🙂

  • ert_ertrus

    Meins auch. Die Japaner sind eh die Weltmeister in Sachen Holzbearbeitung.
    Auf yt gibt es einige Channels dazu (z.B. I am Stankoff) 😀

  • ert_ertrus

    Schnörkelantenne, Bimmel- Glöckchen, Lüftungsgitter und freischwebende Leiter… alles zu ärgerliche Remineszenzen, die das Anlitz der traditionellen Holzbaukunst und der genossenschaftlichen Verbindung aller Holzwürmer vollkommen untergraben…

    Wieso? Holzwürmer hat die Verwendung von Metall (Nägel, Schrauben, Scharnier & Beschläge …) noch nie gewurmt 😀

  • Bettina Beckröge

    Wenn der Stahl bei den werten Genossen und Genossinnen zugelassen tatsächlich ist,spreche ich hier einen Toast auf die Gemeinschaft aller Holzwürmer!!!
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    Es lebe der traditionelle Holzwurm!

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