Konstantin Wecker: Warum ich kein Patriot bin

UnverkrampfterPatriotismusLiebe Freunde, das Schaulaufen der Nationalisten in Koblenz, diese für Frau Petry veranstaltete Kür der „Europäischen Nationalen Front“, deren sprachliches Vermögen auch hier in stupidem „Merkel-muss-weg-Gebrüll“ ihren traurigen Höhepunkt findet, hat mich zu folgendem Text veranlasst. (Konstantin Wecker)

Warum ich kein Patriot bin?

Weil ich gut ohne Patria leben kann,
ohne eine
in einen Nationalstaat gezwängte
Heimat,
ohne Vaterland.
Weil die ganze Welt, ja das ganze Universum,
meine Heimat ist
und weil ich mich den Tieren fernster Kontinente
manchmal näher fühle
als gewissen Menschen meines Heimatlandes.
Weil ich da zu Hause bin,
wo ich mir in der Stille selbst begegnen kann,
wo herzliche und offene Menschen meinen Weg säumen,
egal
wo mich das Schicksal gerade hin verschlagen hat.
Weil mir mein Klavier heimatlicher ist
als ein grenzbewehrtes,
von Uniformierten bewachtes Land.
Weil ich meine von Kindheit erlernte Sprache
überall hin mitnehmen kann
und weil sie mich,
selbst wenn ich nicht verstanden werde,
immer versteht.
Ich bin kein Patriot,
weil Patriotismus ein erster Schritt ist
zu Überheblichkeit und letztlich
zu bewaffneten Auseinandersetzungen.
Weil gerade wir Deutschen doch gelernt haben sollten,
wie wichtig die Bewältigung
und zwar die immerwährende Bewältigung
der Schuld ist.
Einer Schuld,
die aus Patriotismus und Nationalismus
geboren wurde.
Die Welt darf nie aufhören
über den Holocaust nachzudenken,
denn er hat uns gezeigt,
zu welchen Schreckenstaten wir Menschen fähig sind.
Es ist nicht vorbei,
es schlummert ständig in uns allen.
Nationalismus ist eine lebensbedrohliche Seuche
und der Patriotismus dasselbe
in folkloristischem Gewand.
Ich bin kein Patriot,
weil nur Idioten
wieder diesem billigen Lockmittel
verantwortungsloser Menschenfänger
auf den Leim gehen.
Ich bin nicht stolz ein Deutscher zu sein,
denn was kann ich schon dafür
in dieses Land geboren worden zu sein.
Was hab ich dafür getan?
Im Nationalismus liegt keine Freiheit,
wie es uns die Parolen brüllenden Populisten der Rechten
einreden wollen.
Der Nationalismus ist der Anfang vom Ende der Freiheit.
Mein Credo?
Kein Volk, kein Staat, kein Vaterland.
Freie Menschen brauchen keine Krücken,
die aus geschichtsvergessener Dummheit
geschnitzt sind.

Showing 15 comments
  • Bettina Beckröge

    Wunderbar!!! Da spricht mir jemand aus dem Herzen.
    Wo gibt es eine Unterschriften Zeile zum Unterzeichnen???

  • heike

    Das Herz mancher Menschen ist eng mit ihrer Heimat verbunden. Ich liebe dieses Land.
    Als ich jünger war, habe ich diese Gefühle nicht so empfunden, da habe ich meine Heimat ( damals die DDR) als eine Selbstverständlichkeit hingenommen, an der es immer etwas herumzukritteln, zu bemängeln und zu verbessern galt. Jetzt ist das anders. Ich spüre eine tiefe Verbundenheit zu der Region, aus der ich, meine Eltern, Großeltern stammen und ich habe mittlerweile einige Regionen unseres Gesamtdeutschlands kennenlernen können und fühle mich auch mit diesen als Teile meines Landes verbunden.
    Bei manchen Menschen ist das anders – sie sind Weltenbürger (wie Konstantin und Bettina). Ich finde das gut so, es ist gut, wenn Menschen verschieden sind, darüber muss man nicht streiten.
    Ich habe die Fußballweltmeisterschaft im Sommer 2006 in Berlin sehr genossen ( von zu Hause aus und bei einer kurzen Stippvisite in Berlin). Damals war eine Freude und Weltoffenheit zu spüren, eine Freude über die Gäste aus aller Welt, die wichtiger war, als das Siegen ( meine Empfindung der vorherrschenden Stimmung damals). In den folgenden Jahren ist diese Grundstimmung bei vielen Zuschauern und „Fans“ wieder einer übergroßen Freude über das B e s i e g e n der anderen gewichen. Diesen Patriotismus, der den Sport zum Vorwand nimmt, der Welt zu zeigen, wer hier der Stärkste ist ( in anderen Sportarten ist das zum Glück nicht so ausgeprägt), finde ich abstoßend und irgendwie auch unwürdig. Ich mag das nicht.

  • Bettina Beckröge

    Der versteckte Patriotismus, der sich an Stammtischen, in Fußballstadien oder auf Schützenfesten unter Einfluss von reichlich Alkohol als grölende Stammtischparolen breit macht, hält mich mein Leben lang davon ab, diese Orte aufzusuchen. Das muss ich mir nicht antun.
    Ich liebe Leben, aber bunt muss es sein. Leben ist folkloristisch bunt, wie Schmetterlinge und Blumen, nicht braun.
    Meine politischen Antworten finde ich in den geschichtlichen Zusammenhängen, meine Lebensantworten in der Stille und Schönheit der Natur, meine Seelenantworten in den Klängen der Musik und Poesie.
    Ich bin froh und glücklich, in Deutschland zu leben, weiß ich doch die vielen Vorzüge dieses Landes zu schätzen. Doch sollte hier eines Tages der Nationalismus mit erhobener Faust und all seinem Gegröle rechter Parolen Oberhand gewinnen, dann wird dieses Vater- oder Mutterland nicht mehr das sein, was ich einst so geliebt, dann wird es sich mir entfremdet haben. Ich werde mich nicht scheuen, in dem Augenblick diesem Land meinen Rücken zu kehren, und es zu verlassen.

  • Bettina Beckröge

    Liebe Heike,
    vielen Dank, dass du mich mit Konstantin auf eine Stufe stellst, doch ich glaube, das ist ein wenig hoch gegriffen. Ich bin KEINE Weltenbürgerin, schon lange nicht weltgewandt. Ich bezeichne mich eher als Weltenbummlerin.
    Ich kann deine emotionale Verbindung zu der Region, in der du lebst sehr wohl nachvollziehen. Mir würde es an deiner Stelle vermutlich ganz genauso gehen. In dem Zusammenhang bekommt der Begriff Heimat eine wichtige und nicht zu verwüstende Bedeutung. Heimat ist da, wo das zu Hause ist, wo die Familienwurzeln liegen.
    Meine Wurzeln liegen überall verstreut herum. Ich weiß bis heute nicht, wo meine Heimat eigentlich ist. Ich bin zu häufig umgezogen. Prägend waren meine ersten fünf Lebensjahre in Chile, da lebten meine Großeltern. Das ist mein Mutterland.
    Wo aber bin ich nun heute zu Hause, wo ist meine Heimat? Das sind Fragen, die sich die Flüchtlinge vielleicht ein Leben lang stellen werden, sie haben ja keine Wahl, sie sind gezwungen, ihre Heimat und Familie zu verlassen.
    Ich habe mir aus meiner Situation ein ganz eigenes Bild vom Begriff Heimat erstellt, ein Bild, das zu mir passt- ich habe esvor langer Zeit mit Pastell- Kreide als großes Bild gemalt:
    Eine Wellhornmuschel- mein Rückzugsort- meine Heimat: da kann ich sein, wie ich bin: Ich selbst.

  • Bettina Beckröge

    Vielleicht ist Heimat ein Begriff, der uns ein Leben lang begleitet. Wüstenbewohner finden ihre Heimat im Wüstenschiff der faszinierenden Lichtspiegelungen und den Phänomenen der Naturerscheinungen.
    .
    Tour Geysers del Tatio | San Pedro de Atacama
    https://youtu.be/ANHOVNHAe68
    .
    Heimat verbinde ich mit dem Begriff, was uns selbst ausmacht. Ich hänge mich politisch mitunter weit aus dem Fenster. Und doch ist politisches Denken nicht das, was mich ausmacht, nicht meine Heimat. Ich betrachte Politik als Mittel zum Zweck, um dahin zu gelangen, was Heimat ausmacht: das Leben.
    .
    Leben kann ich nicht zu jeder Zeit, aber ich kann leben an jedem Ort, für mich allein, oder in Gemeinschaft. Dazu verlasse ich gerne meine Wellhornmuschel, meinen Rückzugsbereich.

  • Anna

    „Mein Credo?

    „Kein Volk, kein Staat, kein Vaterland.
    Freie Menschen brauchen keine Krücken,
    die aus geschichtsvergessener Dummheit
    geschnitzt sind.“

    Herr Wecker, was machen Sie dann mit dem Sozialstaat? Schaffen Sie den auch ab? Wer soll denn den überhaupt tragen? Und vor allem warum? Freie Menschen brauchen schließlich keine Krücken, auch keine Sozialstaatskrücken. Meinen Sie das?

  • Bettina Beckröge

    @ Anna,
    beim genauen Lesen des Statements von Konstantin wird dir auffallen, dass er von einer ganz anderen Art von Freiheit spricht und von der Geschichtsvergessenheit in Bezug auf die Grausamkeiten (Holocaust) in der Zeit des Nationalsozialismus. In diesem Zusammenhang warnt er vor dem Aufkeimen des Rechtspopulismus. Der Text und die Bezüge sind doch nun wirklich nicht schwer zu verstehen, oder?
    Es fällt mir schwer zu glauben, dass du tatsächlich den Text so fehl interpretiert hast. Vielmehr denke ich, du legst es bewusst darauf an zu provozieren. Woher dein persönlicher Missmut und deine permanenter Drang, Stiche zu versetzen zu wollen auch stammen mag, mit so einer Art der Argumentation führst du dich nur selbst ins Abseits und gibst dich der Lächerlichkeit preis. Das gebe ich dir zu bedenken. Im Übrigen hast du auf Bitte von zwei Kommentatorinnen, nämlich von Piranha und mir nicht den Mut gezeigt, dich zu deinem Kommentar in dem Artikel über Björn Höcke zu erklären.
    Ein Fluchtgedanke oder einfach schlichte Ignoranz?
    Solltest du dich tatsächlich mit der Materie „Freiheit“ unter dem Begriff Patriotismus auseinandersetzen wollen, dann empfehle ich dir den im anderen Artikel angekündigten Film „Freistatt“. Er ist derzeit in der Mediathek von Arte zu sehen.
    Vielleicht verstehst du mithilfe des erschütternden Films ein wenig die Zusammenhänge, um die es hier geht.

  • heike

    Liebe Bettina, ich finde das Muschel-Bild sehr schön. Vor einigen Monaten habe ich in einer Kunstausst ellung eine Plastik gesehen, in der eine Mehrjungfrau aus ihrer Muschel in ein Maschinengetriebe gezerrt wurde . Es ist furchtbar. Wir brauchen den Rückzugsort für unsere Seelen und müssen ihn schützen. Am besten hilft Kickboxen. Und entweder man versteht oder man versteht nicht. Viele Grüße, Heike

  • Manfred

    @ Anna: Natürlich brauchen wir einen guten Sozialstaat, wer in den USA war der weiß auch warum. Es kann nicht sein, dass sich die Reichen finanziell an nichts mehr beteiligen, obwohl sie nur durch die Menschen so reich geworden sind. Und es darf nicht sein, dass das Geld grenzenlos frei sein kann aber die Menschen nicht. Arme Menschen sind nur finanzschwach, reiche Menschen sind sozialschwach.

  • heike

    Manche armen Menschen sind leider auch sozialschwach, Manfred. Arm sein gleich gut sein, ist leider keine Rechnung, die aufgeht. In diesem Staat werden vielen Menschen Chancen geboten, sich ein gutes Leben aufzubauen.
    Manchen bleibt das trotzdem verwehrt – aus Krankheitsgründen oft. Was macht so viele Menschen in diesem Land krank? Meiner Meinung nach ein nicht menschliches Miteinander, künstlich erzeugter und forcierter Konkurrenzdruck, schlechte Ernährung, zunehmender Drogenkonsum ( ich würde sämtliche Süßigkeitenwerbung zwischen Kindersendungen und auch sämtliche Zigarettenwerbungen verbieten).
    Die zunehmende Radikalisierung bringt uns menschlichen Lösungen nicht näher -im Gegenteil, sie entfernt uns davon. Die AfD setzt weiter auf eine Zuspitzung und Eskalation Wut und Unzufriedenheit der „Bürger“, wobei Zielgruppen genau benannt werden: Europa-Gegner, Politikverdrossende, Unzufriedene, Arme……Die LINKE sollte sich nicht auf dieses Niveau begeben.

  • heike

    Mir hat das vor kurzen auf diesen Seiten veröffentlichte Interview mit Sahra Wagenknecht gefallen. Wenn die LINKE verstärkt sachlich über ihre Ziele informiert, ohne sich dabei immer gleichzeitig auf einen Feind stürzen zu müssen, ist allen am meisten geholfen.

  • ert_ertrus

    In diesem Staat werden vielen Menschen Chancen geboten, sich ein gutes Leben aufzubauen.

    Möglich, aber nicht Allen! Und es werden immer weniger, denen diese Chancen
    gegeben sind. Sieht man am Phänomen Mitteschichterosion …

  • Bettina Beckröge

    Im Grunde genommen lässt sich für mich die Begründung, warum ich keine überzeugte Patriotin bin, und auch nie sein werde, in einem Lied zusammenfassen. Es handelt sich dabei um eine sehr geglückte Wort-Bild-Ton- Darstellung, entstanden aus der unerhörten Tatsache, dass die geplante Aufführung dieses Lieds 2012 in Frankfurt, im Rahmen der Occupy Bewegung, Konstantin Wecker schlichtweg untersagt wurde.
    Manchmal sind es die Zwänge, aus denen heraus eine besondere Wirkungskraft in der Darstellung der Aussagekraft hervorgerufen wird.
    Ich möchte in dem Zusammenhang auf die kurze Einblendung vom Goehte-Denkmal in Minute 3:26 aufmerksam machen. Goehte, gebürtig aus Frankfurt, würde heute sicherlich wutentbrannt von seinem Denkmal-Sockel steigen, wenn er nur könnte, sich hinein ins Gewühle und directement zu den Verantwortlichen Schnöseln in Banken, Wirtschaft und Politik begeben, um ihnen ein für allemal gründlich Leviten zu lesen, angesichts des derzeitigen wirtschaflichen und politischen Sodom und Gomorras.
    .
    Konstantin Wecker „empört euch“ Occupy Frankfurt
    https://youtu.be/RzHVsBS0z90

  • heike

    Das ist eine schlechte Entwicklung und allen, die dagegen etwas Wirksames tun können ( außer die Unterdrückung anderer Nationen und Völker zu verschärfen), ist meine Unterstützung sicher, ert_ertrus.
    Mindestlohn anheben, soziale Absicherungen verbessern, ein humanistisches Bildungssystem, mehr Zwischenmenschlichkeit…. Was kann man noch tun? Unterstützung mittelständiger Betriebe, besondere Unterstützung von Tätigkeiten, die Mensch und Tier und Umwelt nützen, wie Biobauernhöfe, alte Handwerkstraditionen… Höhere Besteuerung von allen Produkten, die Mensch und Tier und Umwelt schädigen, z.B. in Mastanlagen mit Antibiotika und genmanipuliertem Futter „produziertes Fleisch“, mit viel Pestiziten angebautes Getreide, Obst, Gemüse, Zuckerprodukte, Zigaretten. Verbot hasszüchtender und menschliche Regungen unterdrückender Computerspiele, in denen ständig nächtelang von „unseren Kinder“, unserer Zunkunft, mit größtem Vergnügen Menschen abgeschossen werden (erste und zweite Generation dieser Kinder sind jetzt erwachsen und tun dies mit echten Gewehren oder Drohnen in echten Kriegen… ( nicht alle, aber verändert wissenschaftlich nachgewiesen die Hemmschwelle und fördert aggressives Verhalten).
    Die Besteuerung der Vielverdiener erhöhen – denn deren Reichtum gründet sich nicht auf ihrer eigenen Hände Arbeit, sondern auf der Arbeit vieler, die auch etwas davon abhaben sollen. Generell sinnvolles Schaffen besser belohnen.

  • Bettina Beckröge

    In Ergänzung zu Heikes guten und sehr nachvollziehbaren Argumenten purzelt mir geade eine Idee aus meinem Kopf:
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    Die neue Wertschöpfung durch Einführung einer Maschinensteuer
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    Durch fortwährende Rationalisierungen am Arbeitsplatz, in großen Industrieunternehmen ist es gut zu beobachten, fahren die Unternehmen zusätzliche Gewinne ein, während etliche langjährig treu dienende Arbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren. Die Rentabilität der Gewinnmaximierung am Arbeitsplatz funktioniert, indem die Wertschöpfung der Arbeit auf Maschinen übertragen wird, heißt im Klartext: auf Kosten der Arbeiter. Das ist an sich nichts Neues und ich kann mir vorstellen, dass sogar der gute alte Marx sich zu dem leidigen Thema in seinem kommunistischen Manifest ausreichend geäußert hat- Ich bin beim Lesen selbiger Lektüre nie über die Einlietung hinausgekommen-.
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    Neu ist ein fordernder Gedanke, diese Wertschöpfung künftig umzuverteilen, durch Einführung einer Maschinensteuer. Das wäre eine Möglchkeit, die Gewinnmaximierung umzuverteilen auf die leeren Kassen derer, die gestern noch Arbeiter waren und in Kürze wohlmöglich als Harz IV- Empfänger durch Leben dümpeln müssen.
    Die Maschinensteuer wäre direkt umzuverteilen in den Topf für die Hartz IV- Empfänger. Vielleicht könnte sich dann endlich der eine oder andere Harz IV- Empfänger wenigstens einmal im Leben einen Besuch in einem der grandiosen Konzerthallen leisten.
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    🙂
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    Elbphilharmonie NDR – Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr 9 d Moll op 125, 4 Satz
    https://youtu.be/t3_YzOyn4Qw

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