V.C. Herz: Endlich volljährig

Man fühlt sich dabei so mächtig.“ Leben schenken und Leben zerstören sind wohl die „Tätigkeiten“, bei denen wir uns am mächtigsten fühlen können. Wie fühlt es sich an, ein Tier zu schlachten? Und was genau passiert dabei? Normalerweise konfrontieren wir uns ja nicht mit diesen heiklen Details. Leberkäs und Chicken Nuggets sind in Formen gepresste, sauber verpackte „Klumpen“, die ihren Ursprung nicht verraten. Wieder beschreibt V.C. Herz die Grausamkeit gegen Tiere mit beklemmender (scheinbarer) Kälte und legt mit den Mitteln dystopischer Fiktion eine Realität bloß, die wir meistens verdrängen. Nicht der Autor ist „hart“, unser aller furchtbare Wirklichkeit ist es. (V.C. Herz)

Endlich ist es soweit – heute ist mein 18. Geburtstag, seit heute bin ich volljährig. Jetzt können mir meine Eltern nicht mehr vorschreiben, was ich zu machen habe. Auf diesen Tag habe ich mich schon so lange gefreut! Zum Abendessen an diesem besonderen Tag habe ich mir Lammragout gewünscht – meine Mutter kocht das immer hervorragend, es ist mein absolutes Lieblingsgericht.

Ich steige mit meiner Mutter ins Auto, und wir fahren los zum Supermarkt. Für das Festessen müssen wir schließlich noch einkaufen. Meine Mutter sammelt auf der Gemüsetheke fleißig die Zutaten für die Beilagen zusammen, ich mache mich auf in die Fleischabteilung.

Seit der Reform des Schlachtgesetzes ist alles anders. Früher konnte man das Lammfleisch direkt aus einer Kühltheke kaufen, doch heute nicht mehr. Seit das Verfassungsgericht die Arbeit in einem Schlachthof als unzumutbar eingestuft hat, gibt es kein abgepacktes Fleisch mehr. Für die Mitarbeiter in den Schlachthäusern war es eine zu große psychische Belastung, jeden Tag tausenden von Tieren die Halsschlagader zu durchtrennen. Das ist eine für Menschen unwürdige Arbeit, die Leute dort wurden geplagt von Albträumen und Depressionen.

Wer seither Fleisch haben möchte, muss es auch selbst schlachten. So sind andere nicht mehr gezwungen, diese enorme psychische Belastung auf sich zu nehmen. Wer Fleisch haben möchte, muss das von jetzt an selbst erledigen. Und wer damit nicht zurechtkommt, der bekommt eben kein Fleisch mehr. So einfach ist es.

Schlachten darf man allerdings erst ab seinem 18. Lebensjahr – Kinder müssen laut Gesetzgeber weiterhin vor solch unangenehmen Eindrücken geschützt werden. Wie es der Zufall will, bin ich heute 18 Jahre alt geworden – das heißt, ich darf heute zum ersten Mal in meinem Leben selbst ein Tier schlachten.

Am Eingang der Fleischabteilung zeige ich meinen Ausweis vor. Der Mitarbeiter lacht, gratuliert mir zum Geburtstag und wünscht mir viel Erfolg. Ich ziehe mir den bereitgelegten Overall, Handschuhe und Haarnetz über. Bei der nächsten Mitarbeiterin wähle ich die Schlachttierspezies: Lamm. Sie führt mich in einen benachbarten Raum. Er hat keine Fenster und ist komplett weiß gefliest. In einer Ecke sitzt ein Lamm, um den Hals trägt es eine Kette. Die Mitarbeiterin lächelt mich an, zeigt mir die an der Wand hängende Schlachtanleitung und wünscht mir viel Erfolg. Als sie den Raum verlässt, schließt sie die Tür hinter sich. Jetzt sind nur noch wir zwei hier: das Lamm und ich. Ich lese die Anleitung an der Wand. Darin wird Schritt für Schritt erklärt, mit welchem Werkzeug und in welcher Reihenfolge das Tier zu zerlegen ist.

„Määäh.“ Ich drehe mich um. Das Lamm scheint an mir Interesse gefunden zu haben, es ist ein paar Schritte in meine Richtung gelaufen und blickt mich an. „Määäh.“ Das Tier hat ein glänzendes, weißes Fell und zwei stark abstehende Ohren. Auf einem Tisch steht ein Plastikschild mit den Daten des Lamms. Es ist weiblich, acht Wochen alt und stammt von einem Hof aus Brandenburg. „Da hast du aber eine lange Reise bis zu uns nach Bayern gehabt“, sage ich zu dem Lamm, wohl wissend, dass es mich nicht versteht. Das Lamm starrt mich weiter neugierig an. „Määääh.“ Ich gehe hin, streichle es am Kopf, es gefällt ihm offensichtlich.

Es klopft an der Tür. „Sind sie schon fertig? Es warten bereits andere Kunden!“ „Einen Moment noch“, rufe ich zurück.

„Määääh.“ Ich muss langsam zur Sache kommen und greife nach dem Bolzenschussgerät. Das Lamm merkt, dass etwas faul ist, es wird bösartig und panisch und versucht mir zu entkommen. An der Kette ziehe ich es in die Fixierstation und schließe es dort ein. Die plötzliche Enge gefällt ihm überhaupt nicht, es verhält sich furchtbar wild. Ich schaue ihm in die Augen, setze das Bolzenschussgerät an und drücke ab.

Das Lamm fällt zu Boden, springt aber Sekunden später wieder auf. In der Anleitung stand, dass so etwas häufig passiert, deshalb bin ich vorbereitet. Ich setze das Bolzenschussgerät erneut an, während ich dem jungen Lamm in die vor Schmerz weit aufgerissenen Augen blicke. Nach dem zweiten Schuss blieb es liegen.

An der Kette ziehe ich das Lamm in die Mitte des Raums und hänge es an der Decke auf. Ich hole das bereitgelegte Messer und schlitze dem Tier längs die Kehle auf. Das Blut strömt über sein Fell, welches innerhalb von Sekunden mit Blut durchtränkt ist. Von dem wunderschönen weißen Fell ist nicht mehr viel zu erkennen. Das Blut spritzt über meinen Overall und an die Fliesen.

Nachdem das Lamm ausgeblutet ist, schneide ich längs den Bauchraum auf. Gemäß Anleitung entferne ich Organe und Innereien. Ich trenne das Fell vom Fleisch und beginne, das kleine Lamm zu zerlegen. Die Knochen werfe ich in einen großen Müllschlucker in der Ecke des Raums. Nachdem ich alles in Frischhaltefolie verpackt in meinen Einkaufskorb gelegt habe, beginne ich mit dem bereitliegenden Hochdruckreiniger den Raum zu säubern. Ich spritze das Blut von den Fliesen und Werkzeugen.

Anschließend ziehe ich meinen Overall aus und werfe ihn ebenfalls in den Müllschlucker. Beim Verlassen des Raums wiegt die Mitarbeiterin noch mein Fleisch und versieht es mit einem Preisschild. Vor der Fleischabteilung wartet bereits meine Mutter mit dem vollen Einkaufswagen ungeduldig.

Beim Abendessen – das Lammragout schmeckt wie erwartet vorzüglich – erzähle ich von meinem ersten Mal Schlachten. Voller Freude berichte ich von dem Gefühl, mit dem Messer die Halsschlagader zu durchtrennen. Man fühlt sich dabei so mächtig. Meine kleine Schwester, sie ist 16, kann es auch schon kaum erwarten, endlich selbst zu schlachten!

Das neue Satiren-Buch von V.C. Herz, „Das interessiert doch keine Sau“, kann über amazon bestellt werden:

https://www.amazon.de/Das-interessiert-doch-keine-Kurzgeschichten/dp/1532958226/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1481795893&sr=8-1&keywords=das+interessiert+doch+keine+Sau

Showing 16 comments
  • eulenfeder

    hallo Vincent
    Herzlichen Dank für Dein signiertes Exemplar.
    Ich hoffe Du kannst aufrütteln, wie schon mit Deinem ersten Band –
    und auch mit dieser Geschichte aus der Realität.
    bin noch nicht ‚durch‘, aber ‚ Refugees welcome‘ mit der klasse Geschäftsidee
    hat mich schon tief-schwarz humorig angemacht…

  • Bettina Beckröge

    Liebe Eulenfeder,
    ich muss mich erstmal daran gewöhnen, dass du fortan GROSS und klein schreibst. Dein anarchisches klein schreiben hatte mir, ehrlich gesagt, gut gefallen, entspricht es doch einer Form der An(n)archie…

  • A N N A A N N A
  • LEBENSQUALITÄT

    😉 …Oftmals hält ein lebendes Tier ja länger als sein gekühltes Fleisch, und das sollte ein jedes Tier aber schon zu SCHÄTZEN WISSEN. War es bis dato doch GELD WERT, ist sein Fleisch nach seiner zufuhr zum verzehr nach wenigen Stunden nur noch SCHEIßE WERT, und allenfalls noch ein FÄKALIENTAUCHER seine Nähe suchend.
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    🙂 …Gut das KANIBALISMUS nur noch sehr selten vorkommt.
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    😮 …Nicht auszudenken, welch SCHEIßJOB es für einen FÄKALIENTAUCHER dann wäre!
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    Liebe Angela…
    schuldige meine späte Reaktion, eine heftige Grippe hat gefallen an mir gefunden. Habe mich in der Nacht aufgerafft und als erstes ins HDS-Gästebuch geblättert und folgendes gelesen…
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    @ BITTE nicht mehr Falbala, BITTE!!
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    Ich ahne schlimmes, zumal mir schon in vergangenen Beiträgen von Dir, mir ein UNGUTES GEFÜHL überkam. Ich akzeptiere es natürlich, doch in meinem Geiste bleibst Du meine…
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    “ 😉 DIR LIEBE Angela MEINE Falbala ;-). Und das ließt sich ab nun…
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    “ 😉 DIR LIEBE Angela MEINE ??????? ;-).
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    Und umso ACHTENSWERTer ist mir die METAPHER, die ich damit bei Dir verbinde.
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    😮 …Es ist hier im ÖFFENTLICHEN RAUM (SO DENKE ICH) nicht der geeignete Ort darüber zu schreiben, wegen der hier im Hintergrund „nur mitlesenden Unbekannten“. Doch es wäre mir schon von Interesse, was geschehen, auch wenn ich dazu eine AHNUNG habe. Deswegen habe ich mich dazu entschlossen, das die Redaktion des „HDS“ Dir meine „E-MAILADRESSE“, so Du sie möchtest, geben darf.
    Doch vor einer Entscheidung DEINERSEITS zu einem „JA“ möchte ich Dir zuvor neben dem schon zugegeben Dachschaden wissen lassen…
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    😉 …“ein DACHDECKER, so QUALIFIZIERT er auch ist, wird wohl eine Ewigkeit seiner Zeit, so sie denn reicht, dafür opfern müssen, diesen zu reparieren. Die Grundmauern sind wohl schon zu alt, um einen neuen DACHSTUHL, selbst nur die tragenden Elemente eines solchen zu reparieren 😉

  • Bettina Beckröge

    Lieber Kaspar,
    .
    ich wünsche dir eine gute Genesung. Eine Grippe mit all seinen unerhofften Begleiterscheinungen… keine Angelegenheit zum wohl fühlen. Kopf hoch Kaspar, auf Regen folgt Sonnenschein, ganz bestimmt, irgendwann.
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    Herzlichen Gruß,
    Bettina

  • ert_ertrus

    Warum nicht? Vielleicht meldet sich der Jungspund nach dem Abi zur BW –
    sollte er der Fallschirmjägertruppe zugeteilt werden, so braucht ihm
    die Tötungshemmung nicht erst abtrainiert werden (gehört zur LL-Truppenausbildung).
    Gleiches gilt für Lil Sis – Frauen dürfen ja nun auch zur Kampftruppe 😉

  • Die Emanzen-Tina

    Lieber ert_ertus,
    .
    ich stehe etwas auf dem Schlauch, was bei mir bekanntlich ja nichts Neues. Aber könntest du mir bitte mal erläutern, was du unter „Frauen dürfen ja auch zur Kampftruppe“ verstehst? Gab es diesbezüglich überhaupt jemals irgendwelche Zweifel? Ich hoffe nicht, denn das widerspräche vollkommen meiner überzeugten emanzipatorischen Grundhaltung.

  • heike

    Die Bosheit mancher Menschen ist ungeheuerlich und die Zugrunderichtung ihrer Mirgeschöpfe scheinbar ihr höchstes Ziel – wenn man sonst keine hat…..
    Ich hoffe, es wird eine Revolution der Sklaven dieses perfiden Systems geben.
    Wir wollten eine Revolution, ein Stärkerwerden der Menschlichkeit, weiter nichts.

  • Angela Ebert

    Lieber Kasper,
    hatte es DIR ja bereits früher angeboten, privat gerne mehr.
    MEINE , ich bin weder DEINE, noch sollte ich selbst MEINE sein, als frei verfügbare WARE MENSCH, als unwürdige, be-schuldig-te Unter-Menschin, sollte ich dem politisch gewollten, gesetzlichen SGB II-MISSBRAUCH zur freien Verfügung stehen, mit allen MEINEN Rechtsgütern, ZIELFÜHREND. Rentner und auch INNEN incl. Alters-Vorsorgen sind der Profit durch das Sozial-Recht, sind wachstums-fördernd nach ZIEL-Vorgaben der Interessen-Vertreter im hohen Hause BT, ist bekannt und beliebt.
    Ich warte also auf ein mail von HdS, hoch-erfreut Deine näher Bekanntschaft zu machen.
    .
    Zum Thema SCHLACHTEN:
    Übertragen auf die REALITÄTen dunserer Zeit,
    die Schlächter sind heute auch weiblich, wie wir an Andrea-Pippi Nahles und WERTEr-VorgängerINNEN sehen und erleben durften und dürfen. Die Oberaufsicht hat ein WEIB, mit ganz OHNE Ahnung von der Realität, oh Wunder?!
    Um Verantwortung geht es heute nicht, es geht um VerWERTung, um Profit.
    Ich hab es nicht erfunden, also bitte vor der richtigen TÜR kotzen 😉
    Bis hierhin ist fast alles SATIRE – LIVE

  • Bettina Beckröge

    Assoziation- „endlich volljährig“ weiter gespürt:
    .
    HERMANN HESSE – Daß Gott in jedem von uns lebt
    https://youtu.be/eF9NiaCIlVs

  • Bettina Beckröge

    Die Worte von Roger Willelmsen fügen sich,
    wie durch ein Wunder
    dem Gedicht von Hugo von Hoffmannthal:
    „Manche freilich“
    .
    Konstantin Wecker liest „Manche freilich“ von Hugo von Hofmannsthal
    https://youtu.be/zyA1k8zkExA
    .
    Leben und erwachsen werden
    beinhalten den Blick
    auf Natur und Mensch

  • A N N A A N N A

    Ein Abschiedsgesang für das Lamm,
    es durfte nich erwachsen werden.
    .
    2CELLOS – Benedictus [LIVE at Arena Zagreb]
    https://youtu.be/f_RjlIPuqyc

  • Bettina Beckröge

    Dieses Lamm konnte nicht ins Leben eintreten, weil es seiner Freiheit beraubt wurde. Für das Kind bedeutete die Opferung des Lamms den Eintritt zum Erwachsen werden.
    Welchen Qualen vermögen wohl all die Kinder unterliegen, dessen Eltern es nicht vermögen, sie mit dem Eintritt in die Volljährig in ihre wohlverdiente Freiheit zu entlassen, Kinder, dessen Eltern sie lieber in dauernder Abhängigkeit wähnen?
    Freiheit ist die Voraussetzung allen Lebens- Schweigen ist Silber-Reden ist Gold.
    .
    Niki Reiser-Beyond Silence (Jenseits der Stille) (main theme)
    https://youtu.be/Qx4xwddrkj4

  • ert_ertrus

    Liebe Emanzen-Tina – früher durften Frauen nur in Lazaretten mithelfen,
    zusammengeschossene Helden wieder einsatzfähig zu machen (als RK-Schwester
    etc. – Stabsärztinnen waren eher selten). Heute dürfen sie sich als
    Heldinnen auch lazarettreif schießen etc. lassen 😉

  • ert_ertrus

    Nachtrag: Frauenbataillone gab es m.E. nur in Russland, sowohl im zaristischen
    als auch sowjetischen 😉

  • Schwester Tina

    Lieber ert_ertrus,
    heutzutage setzen Frauen ihr Schwesternhäubchen auf und sind selbstverständlich rund um die Uhr um das Wohlergehen des männlichen Parts bemüht.
    .
    🙂

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