Wer die Augen verschließt, sollte auch das Maul halten!

56. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Wer in Griechenland keine Arbeit hat – und das sind viele -, muss hungern. Und die, die trotz desaströser Gesamtlage dennoch durch die unverdiente Gnade der Marktgesetze arbeiten „dürfen“? Nun, auch von ihnen kommen sehr viele nicht mehr über die Runden, können Mieten, Strom oder unerwartete Rechnungen nicht mehr bezahlen. Wie bezeichnet man so einen katastrophalen und unwürdigen Zustand? Unser Lieblingspolitiker Wolfgang Schäuble hat eine Erklärung für das Desaster: „Die Griechen leben über ihre Verhältnisse“. Der ewige Minister sollte ausreichend informiert sein, um zu begreifen, dass das nicht stimmt. Warum sagt er es trotzdem? Ignoranz? Der Versuch, die Öffentlichkeit irrezuführen? Oder hat er schlicht – wie im Märchen – einen Stein anstelle eines Herzens eingepflanzt? Gut, dass viele unserer Leserinnen und Leser ganz anders drauf sind und weiter fleißig spenden. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

vermutlich erinnert Ihr Euch: erstmals in der kurzen Geschichte unserer GriechInnehilfe konnte ich Euch in meinem letzten Bericht die neuesten Spenden- und SpenderInnenzahlen nicht mitteilen. Deshalb heute gleich für zwei Wochen die entsprechenden Auskünfte zum Spendeneingang!

Zunächst nochmal vorweg: in der Vorvorwoche gingen – wie bereits berichtet – 612,50 Euro auf unserem Hilfskonto ein, 17 UnterstützerInnen hatten für diese relativ hohe Aufstockung unseres Spendenbetrages gesorgt. Und was die neuen, bislang nicht mitgeteilten, Zahlen betrifft: danach, in der vorletzten Woche mithin, überwiesen 10 Helferinnen und Helfer Spenden an uns, in der Gesamthöhe von 482,- Euro. Und schließlich: in der letzten Woche kamen dann 210,- Euro an neuen Hilfsgeldern hinzu, überwiesen von 4 Spenderinnen und Spendern. Damit war zu Wochenbeginn der Hilfsbetrag auf dem Konto der IHW, der „Initiative für eine humane Welt“, wieder angewachsen auf den Gesamtbetrag von 7.915,75 Euro. Es versteht sich von selbst, dass ich allen Spenderinnen und Spendern sehr herzlich danke – natürlich auch im Namen des gesamten Aktiventeams. Und besonders herzlich danke ich dieses mal Petra Jäger, die ihre Dauer(!)spende mit den Worten überwies „in tiefer Verbundenheit mit den GriechInnen und für eine solidarisch ausgerichtete Politik in Europa und überall“, sowie Herrn Wälbers für seine guten Wünsche. Und nicht zuletzt auch Dank an Heike Preissler, die Geld für die Familie in Megara gespendet hat, für die Dachsanierung dort. Über dieses Hilfsprojekt, bei dem dankenswerterweise unsere HdS-Leserin Bettina Beckröge die Organisation übernommen hat, habe ich in der letzten Woche ausführlicher berichtet. Wenn ich hinzufügen darf: für diesen Zweck können sehr gerne noch weitere Spenden eingehen bei uns!

Nun, unser „Außenhelfer“ aus Graz, Tassos Chatzatoglou, ist fast schon wieder unterwegs, um einen Teil der angesparten Gelder für Hilfszwecke nach Griechenland zu bringen, insgesamt 4.600,- Euro. Davon sollen 1.000,- Euro bis 1.500,- Euro an die Menschen auf der Insel Andros gehen, um sie vor einer neuerlichen Stromsperre zu bewahren. Weitere 1.200,- Euro sind für die Bedürftigen in Korydallos gedacht, um deren Versorgung mit warmen Mahlzeiten sicherzustellen. 900,- Euro sollen aufgewendet werden für die weitere medizinische Versorgung von Dionysis, der ja ebenfalls seit längerem zu den von uns Betreuten zählt. Und 1.000,- Euro wird Tassos Chatzatoglou ausgeben für Lebensmittelbons bei „Sklavenitis“, einem Discounter in Athen, der für soziale Zwecke auch Rabatte gewährt (zur Verteilung dieser Lebensmittelbons mehr in einem meiner nächsten Berichte!). Was die hier erwähnten Verwendungszwecke betrifft, könnt Ihr weitere Details nochmal nachlesen im 54. Bericht.

Tassos Chatzatoglou hat sich im übrigen die Mühe gemacht, während der letzten Tage einiges auf eigene Faust nachzurecherchieren zur sozialen und ökonomischen Situation der Menschen in Griechenland. Ein besonderes Augenmerk hat er dabei gerichtet auf die Situation der Kinder in Griechenland, und Anlaß für diese Recherche war nicht zuletzt das Interview, das Wolfgang Schäuble vor einigen Tagen bei Sandra Maischberger gegeben hat (am 8. Februar 2017). Ich komme darauf noch zurück.

  • Jedes dritte Kind in Griechenland leidet inzwischen an Hunger, so Tassos Chatzatoglou. Deswegen hätten rund 2.000 Schulen in Griechenland Anträge bei der Regierung auf Finanzierung der Schulmahlzeiten gestellt.
  • 26,6 Prozent aller Kinder in Griechenland leben mittlerweile unterhalb der Armutsgrenze.
  • Wenn man vom Maßstab „ausreichender“ oder gesunder Ernährung ausgeht, leiden inzwischen 39,9 Prozent aller Griechinnen und Griechen unter Mangelernährung; bei den Kindern beträgt der entsprechende Prozentsatz sogar 44,5 Prozent.
  • Für 18,7 Prozent der – wohlgemerkt: erwerbstätigen! – Menschen in Griechenland reicht das zur Verfügung stehende Geld nicht mehr aus, um über die Runden zu kommen – zum Beispiel Miete, Heizung und Wohnkredite bezahlen zu können. Heißt: selbst bei jenen Griechinnen und Griechen, die noch eine Arbeitsstelle haben, leben rund 1,1 Millionen Menschen weit unterhalb des menschenwürdigen Existenzminimums. Und dieses in einem Europa, das sich, eigenem Bekunden zufolge, als „Wertegemeinschaft“ versteht.
  • Ich selber habe dieses Thema ebenfalls schon häufig angesprochen: ein Europa, eine EU, die nicht auch die sozialen Mindeststandards in ihren Mitgliedsstaaten abzusichern weiß, hat eigentlich ihr Existenzrecht verwirkt. Ein Europa, das nur auf Frieden macht und darüber die fundamentalen Lebensinteressen seiner Menschen vergisst, ist auch ein Europa des Friedens nicht mehr. Doch was sagte Wolfgang Schäuble dazu, was brachte Tassos Chatzatagolou – zu Recht! – so auf beim Gespräch dieses sogenannten „Christdemokraten“ mit Sandra Maischberger am 8. Februar? – Die Griechen lebten – nach wie vor – „über ihre Verhältnisse“! Weshalb er auch gegen einen Schuldenerlass für Griechenland sei (selbst mein kreuzbraves Lokalblatt, die „Hessisch-Niedersächsische Allgemeine“, kurz: HNA, schreibt ahnungsvoll dazu: kein Schuldenerlass jedenfalls „bis zur Bundestagswahl“). Was, bitteschön, haben Wahlkampferwägungen zu suchen bei der humanen Pflicht, Menschen herauszuverhelfen aus Elend und Not? Was, bitteschön, sollen die „Verhältnisse“ sein, diesem Schäuble zufolge, wenn selbst die bitterste Armut für diesen Herrn noch ein Zuviel des Guten ist? Welche „Verhältnisse“ wünscht sich also Schäuble für Griechenland? In welchem Europa lebt dieser Herr? Soll das etwa unser Europa sein?

    Tassos Chatzatoglou jedenfalls hat diese Unsäglichkeiten des Herrn Schäuble auf seine Weise auf den Punkt gebracht, und mit voller Überzeugung schließe ich mich seiner Aussage an: wer derart die Augen vor den Menschen verschließt – ich füge hinzu: und damit auch sein Herz! -, der sollte auch das Maul halten. Und ich ergänze: für den sollte auch jede Sendeminute zu schade sein, jede Sendeminute zumindest in einem demokratischen und angeblich humanen Rechtsstaat. Man kann den Eindruck gewinnen: wo man bei anderen Menschen die Seele spürt, blickt man hier lediglich noch auf ein Portemonnaie.

    Und damit  zu den obligaten Schlußhinweisen:

    Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“, wer das spezielle Hilfsprojekt in Megara mitfinanzieren möchte (dann bitte zusätzliches Stichwort „Megara“!) und wer auch uns Akteure wieder mal mit Organisationsgeldern helfen will (dann bitte unter dem Stichwort „HDS“), der überweise uns bitte Spendengelder auf das folgende Konto:

    Inhaber: IHW
    IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
    BIC: NOLADE21GOE

    Und hier nochmal die Kontaktdaten von Peter Latuska, an den Ihr Euch wenden könnt, wenn Ihr Patenschaften übernehmen wollt oder eine Spendenbescheinigung benötigt (für Spendenbeträge bis 200,- Euro genügt fürs Einreichen beim Finanzamt Kopie oder Original Eurer entsprechenden Kontoauszuges):

    Peter Latuska
    Theodor Heuss Str. 14
    37075 Göttingen
    Email: latuskalatuska@web.de

    Mit herzlichen Grüßen
    Euer Holdger Platta

    Showing 3 comments
    • Josef

      Moin,

      wer wie Schäuble schon mal 100000 DM in seiner Schublade „übersehen“ hat und später trotzdem Finanzminister wird, war für mich schon immer ein Rätsel.

      Die „schwarze Null“, wie ich ihn gerne nenne, leidet m.E. unter Realitätsverlust, Empathie ist ihm völlig fremd. Hoffentlich müssen wir ihn bald nicht mehr ertragen.
      Doch dass danach sich die Griechenlandpolitik ändern wird darf wahrlich bezweifelt werden.

      Und Plasberg, Maischgberger und co. schaue ich schon lange nicht mehr, sind allesamt unerträglich.

      Damit es den geschundenen Griechen zumindest teilweise besser geht sind Spenden hier der richtige Weg. Bitte helft!

      Vielen Dank an das Team, ich weiß, wieviel Arbeit das ist, wes ihr leistet!

      Liebe Grüße – Josef

    • Bettina Beckröge

      Herr Schäuble behauptet in aller Öffentlichkeit, die Griechen würde über ihre Verhältnisse leben. Das ist ja wohl der Gipfel an Hohn und Ignoranz!!! Ihro Gnaden, Herr Schäuble zu hohem Ross. Sie sitzen schön im Warmen und Trockenen. So lässt es sich mit Bequemlichkeit über ein Land herziehen, über das Sie sich vermutlich nur aus geschönter Drittmittelquelle informiert haben. Haben Sie je mit den Menschen vor Ort gesprochen, haben Sie sich je aus erster Quelle informiert, haben Sie überhaupt je einen Fuß in das Land gesetzt??? Wohl kaum.
      .
      – Angesichts der Tatsache, dass für 18,7% der Erwerbstätigen in Griechenland infolge der Steuerbelastungen und der Kosten für Heizung und Wohnkraum das zur Verfügung stehende Geld nicht mehr zum Leben ausreicht,
      -angesichts der Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit nach GSEE im 2. Quartal 2016 auf 30,8 % geklettert ist,
      – angesichts der Tatsache, dass 73,8% der Arbeitslosen als Langzeitarbeitslose leben und ohne weitere staatliche Unterstützung auskommen müssen,
      – angesichts der Tatsache, dass 9 von 10 Arbeitslosen in Griechenland am Rande des Existenzminimums haben, da sie weder Arbeitslosen geld, noch sonst eine Beihilfe erhalten
      – angesichts der Tatsache, dass sich ca. 70% der Bevölkerung keine Krankenversicherung mehr leisten kann,
      – angesichts der Tatsache, dass dass die medizinische Grundversorgung in Griechenland inzwischen desolat am Boden liegt,
      – angesichts der Tatsache, dass durch die EU- Forderung nach Privatisierung von Wasser künftig den Ärmsten der Armen sogar die Grundversorgung mit dem Nötigsten entsagt wird,
      – angesichts der Tatsache, dass inzwischen jedes 3. Kind (knapp 30 %) in Griechenland an Hunger leidet,
      – angesichts der Tatsache, dass inzwischen 44,5% der Kinder in Griechenland unter Mangelernährung leiden,
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      angesichts all dieser Tatsachen ist es ein Hohn davon zu sprechen, dass die Griechen über ihrem Niveau leben. So viel Verkennung von Fakten hätte ich einem Menschen in der hohen politischen Position im Leben nicht erwartet. Ich bin entsetzt über eine derartige politische Tatsachenverkennung durch Schäuble!!!
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      Maischberger: Zu Gast Wolfgang Schäuble vom 08.02.2017
      Ab Min 38:40 Thema Grexit.
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      https://youtu.be/bGWyqVzfgPc

    • Bettina Beckröge

      Ich danke Holdger und Tassos Chatzatoglou für die gute Berichterstattung. Ich danke allen Herlfern und HelferInnen, die mit ihrer Spende einen wichtigen Beitrag zur GriechInnenhilfe leisten, ich danke den HelferInnen vor Ort, die dafür Sorge tragen, dass die Spenden an richtigen Adressen der Bedüfrftigen gelangen.
      Mein spezieller Dank geht an Heike Preissler.

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