Bindungen eingehen

Gemälde: Van Gogh

Unzeitgemäße Anmerkungen zum Umgang mit Menschen – nicht nur im Gefängnis. Das Gefängnissystem behandelt Gefangene wie reparaturbedürftige Automaten, nagelt sie auf ihre schuldhafte Vergangenheit fest und ermutigt Heuchlei, indem stetig beteuerte Resozialisierungsbereitschaft zur Voraussetzung für Haftprivilegien gemacht wird. Versäumt wird es dagegen, auf gegenseitigem Respekt aufbauende Beziehungen zwischen Häftlingen und Betreuern aufzubauen, die weitaus wichtiger für günstige Sozialprognosen wären. Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gefängnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. In der „Edition Georg Büchner-Club“ erschien im Juli 2016 unter dem Titel „Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst“ der zweite Band seiner „Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“. Dort hat er soeben unter dem Titel: „Es ist besser, stehend zu sterben als kniend zu leben! No pasarán!“ auch ein Bändchen zum Spanischen Bürgerkrieg veröffentlicht. (Götz Eisenberg)

Ich möchte versuchen, meine Einwände gegen die sich breitmachende mechanisch-maschinelle Terminologie im Umgang mit den Gefangenen und die damit einhergehenden sozial- und psychotechnischen Praktiken thesenartig zu erläutern.

Immer mehr Kollegen stellen sich die Beschädigungen der Gefangenen wie Wackelkontakte oder Schaltfehler vor, die davon Betroffenen wie defekte Autos, deren Schaltung zu reparieren oder denen Öl zuzusetzen ist. Pointiert gesagt: Das Gefängnis soll nach dem Muster einer Autofabrik und dem Fließprinzip organisiert werden. Mit der Einlieferung gerät der Gefangene auf ein Förderband, das ihn durch die verschiedenen Abteilungen transportiert. Eingangs soll er gecheckt und vermessen werden. „Den Gefangenen XY werde ich mal mit dem HCR scannen“, hört man Psychologen-Kollegen sagen. Eine Mängelliste wird erstellt, aus der sich Reparaturaufträge ergeben. Dann werden die Gefangenen irgendwo zwischengelagert und geparkt, bis sie eines Tages in der Reparaturableitung anlangen, wo von verschiedenen externen Experten und Dienstleistern an ihnen herumgeschraubt wird. Sodann wird der TÜV gerufen, der per Gutachten prüft, ob die Reparaturen erfolgreich durchgeführt worden sind.

Zum Traum von der Vermessung der menschlichen Innenwelt merkte Eberhard Schorsch in seinem Buch Kurzer Prozeß? an: „Hält man daran fest, dass die menschliche Person nicht wie eine Bremsspur ist, die sich vermessen lässt, dann sind solche Messlatten auch in Zukunft nicht zu erwarten.“ Ein lebender Mensch ist ein offener, vieldimensionaler Prozess, er ist der Inbegriff von Hoffnung, Erwartung, Sehnsüchten und besteht aus verschiedenen Teilpersonen. Wir müssen versuchen, uns an die Teilperson im Gefangenen zu wenden, die leben und glücklich sein will. Vor allem jüngere Gefangene halten in sich ein Double gefangen und verborgen, das sich nach idealisierungsfähigen Personen sehnt, mit denen es sich identifizieren, an denen es sich orientieren kann. Diese Rolle können auch gestandene und strukturierte Gefangene einnehmen, die als väterliche Objekte dienen oder die Position eines älteren Bruders ausfüllen. Ein solcher Gefangener zeigte mir unlängst den Brief eines jungen Mitgefangenen, der dieser Sehnsucht unverstellt und beinahe rührend Ausdruck verleiht. „Ach“, sagt er, „hätte ich doch einen wie dich zum Bruder oder Vater gehabt, ich wäre nicht hier gelandet und mein ganzes Leben wäre anders verlaufen.“  Manche Gefangenen sehnen sich nach einem Erwachsenen, der sie bei der Hand nimmt und zeigt, „wie Leben geht“.

Wenn es richtig ist, dass die aktenkundigen Auffälligkeiten, die die Gefangenen ins Gefängnis gebracht haben, das Produkt von Bindungslosigkeit, missglückten Beziehungen, wiederholten Beziehungsabbrüchen sind, wird man schnell verstehen, dass ein derart technizistisches Modell des Umgangs mit den Gefangenen keinen Segen bringen kann. Es fehlte den meisten Gefangenen die Bindung, verlässliche Beziehungen, die ihn halten und ihm die Gewissheit geben, dass er im Konfliktfall nicht verstoßen und weitergereicht wird, auch wenn ihm schwerste Fehler unterlaufen. In Beziehung sein und in Beziehung bleiben ist das einzige Mittel, das Gewalt hemmt. Sobald ich mich verbunden und gebunden fühle, kann man sich nicht mehr so ohne weiteres rücksichtslos und gewalttätig gegenüber seiner Um- und Mitwelt verhalten. Die Süddeutsche Zeitung berichtet in ihrer Ausgabe vom 19.02.2013 von der Studie des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie, der 800 Metastudien über die Frage untersucht hat, was die wichtigsten Faktoren für einen guten Unterricht sind. Und was fand er heraus? Dass es die finanziellen Ressourcen einer Schule sind? Die fallen kaum ins Gewicht. Didaktische Reformen? Kann man vergessen. Ausgefuchste Mechanismen der Qualitätssicherung? Das ist lediglich Energie und Zeit raubender Firlefanz. Was zählt, ist der einzelne Lehrer! Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen ist der andere Mensch. Derjenige, der einem sagt: „Ich sehe dich! Ich nehme dich wahr! Mit liegt etwas an dir.“ Entscheidend sind Respekt, Anspruch, Autorität und Liebe, Liebe zum Fach und Liebe zu den Schülern.

Ganz Ähnliches hat Michael Balint bereits in den 1950er Jahren über die Person des Arztes gesagt: „Das am allerhäufigsten verwendete Heilmittel ist der Arzt selbst.“ Manchmal, wenn der Arzt im Inneren des Patienten seinen Platz hat, hilft es schon, wenn er sagt: „Das wird schon wieder.“

Warum soll, was für guten Unterricht und Schulen gilt, nicht auch für Resozialisierungsbemühungen und Gefängnisse gelten?

Es wäre also „Beziehungsarbeit in Näheverhältnissen“ (Oskar Negt) vonnöten, das Eingehen von Bindungen, die Anschluss finden, an irgendwann gekappte lebensgeschichtlich positive emotionale Bindungen, „gute“ frühe Bezugspersonen und deren innere Repräsentanzen. Solche positiven Bindungserfahrungen haben ihren Niederschlag im Inneren hinterlassen und wurden später von anderen, gegenläufigen Erfahrungen überlagert und schließlich verdrängt. Nur wenn es gelingt, an die guten Bindungs-Erfahrungen anzuknüpfen, erreicht man die Gefangenen im Innersten, nur so rutschen Werte und Normen, die man mit ihnen praktizieren und leben muss, nach innen und können sich dort festsetzen. Die Mitarbeiter eines Behandlungsvollzugs, der diesen Namen verdient, müssten den perspektivlosen Gefangenen durch die Kraft persönlicher Übertragung Hoffnung auf sich selber geben und ihnen inmitten einer flüchtigen Welt ein stabiles, uneingeschüchtertes, menschliches Gegenüber bieten. Statt die vom Gefängnisalltag arbeitsteilig abgespaltenen Behandlungsstrukturen zu stärken, die auf technikorientierte Maßnahmenkataloge zur Reparatur aktenkundiger Auffälligkeiten setzen, käme es darauf an, Bindungen zwischen Mitarbeitern und Insassen entstehen zu lassen und Behandlung wieder in den Alltag der Gefangenen zurückzuholen und zur Sache aller am Vollzug Beteiligten zu machen. Bindungen entstehen nur unter der Bedingung der leiblichen Anwesenheit und der Bereitschaft, sich als „Mensch zu geben“ und in die Waagschale zu werfen. Nur auf der Basis von „Beziehungsarbeit in Näheverhältnissen“ und tragfähigen Bindungen hat das Gefängnis die Chance, die Gefangenen zur Umkehr zu bewegen und Normen und Werte menschlichen Zusammenlebens in ihnen zu verankern. Im Gefängnis gilt, was auch sonst im Leben zutrifft: Folgebereitschaft und Respekt bekunde ich nur demjenigen gegenüber, den ich anerkenne und der auch mich anerkennt! Wer Gefängnisse zu Dienstleistungsbetrieben machen möchte und an Input-Output-Modellen misst, verwechselt die Produktion von Autos mit der Herstellung von lebensgeschichtlicher Identität.

Entscheidend scheint, dass wir die Gefangenen mit unserer Leidenschaft anstecken und mitreißen und so das in ihnen verborgene Potenzial aus ihnen herauslocken. Die alten Griechen nannten das Enthusiasmus. Den hat ein Mensch und strahlt ihn dann auch aus, oder er hat ihn nicht und dann vermag er auch andere Menschen nicht mitzureißen und anzustecken.

Die Krux der sogenannten Kriminaltherapie besteht darin, dass sie die Gefangenen auf ihre Vergangenheit fixiert. Die ständige Betonung der Schuld, die der Gefangene durch seine Tat auf sich geladen hat, und der „kriminogenen Faktoren“ hält die Vorherrschaft des Gewesenen über das Kommende aufrecht und droht die Fähigkeit zu hoffen und nach vorne zu schauen außer Kraft zu setzen. Gefühle von Schuld und Scham sind zutiefst menschliche Regungen, die wir auch dann vom Straftäter erwarten, wenn wir wissen, dass es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Reue und Besserung gibt. Die in unseren Gefängnissen inzwischen vorherrschenden behavioristischen, kriminaltherapeutischen Konzepte und Verfahren reduzieren den Gefangenen auf denjenigen, der die Tat begangen hat und deswegen ein reparatur- und hilfsbedürftiges Mängelwesen ist. Im Zentrum kriminaltherapeutischer Interventionen stehen „risikorelevante Defizite“, die zur „Reduzierung des Delinquenz-Risikos“ behoben werden sollen. „Kriminaltherapie ist Risikomanagement“, heißt es im technizistischen Neusprech der BWL-Psychologen, die sich unkritisch zu dem machen, was Stalin als „Ingenieure der Seele“ bezeichnet hat. Die Frankfurter Rundschau publizierte vor einiger Zeit einen Text des Lüneburger Professors Maelicke zur Reform des Strafvollzugs, den nur verstehen kann, wer über ein „Neusprech“-Lexikon verfügt. „Nach wie vor“, heißt es da, „fehlt es bei den Praktikern und Politikern am Verständnis für die Notwendigkeit eines ‚Prozessnetzwerks‘, das in jedem Einzelfall (Case-Management) und einzelfallübergreifend (Devianz-Management) den Prozess der Resozialisierung vor allem an den Übergängen und Schnittstellen der beteiligten Institutionen optimiert. Resozialisierung als durchgehende personenbezogene Wertschöpfungskette setzt sich international immer mehr durch (vgl. dazu den Reformprozess in England – National Offender Management Service – oder die EQUAL-Projektergebnisse in Nordrhein-Westfalen und Österreich mit verbesserter sozialer Integration und verringertem Rückfall).“ Verblüfft nehmen wir zur Kenntnis, dass Resozialisierung als „Prozessnetzwerk“ und „Wertschöpfungskette“ begriffen wird. Dem Internet-Lexikon Wikipedia können wir entnehmen, dass „Wertschöpfung vorhandene Güter in Güter mit höherem Nutzen transformiert und damit – in einer Geldwirtschaft – in Güter höheren Geldwertes. Der geschaffene Mehrwert wird zu Einkommen.“

Gegen den Vormarsch solchen Denkens und der aus ihm resultierenden psycho-technischen Praktiken hat unser ehemaliger evangelischer Anstaltspfarrer Otto Seesemann stets darauf beharrt: „Mein Büro ist keine KFZ-Werkstatt, sondern ein Fluchtpunkt der Seele.“ Seelische Prozesse mäandern wie Bäche, die im Naturzustand nicht schnurstracks von a nach b fließen, sondern sich so dahinschlängeln. „Das machen sie gern, die Bäch“, sagte Karl Valentin. Und Herbert Achternbusch ergänzt: „Früher hat man einen Bachlauf nicht verstanden, heute wird er begradigt, das versteht ein jeder.“ Alle Bereiche, in denen es um Heilen, Therapieren, um menschliche Bildungs- und Identitätsfindungsprozesse geht, müssen von der BWL-Logik freigehalten werden und verschont bleiben. Von Waren und wie eine Ware kann menschliche Identität nicht gefertigt werden. Dort, wo man es dennoch versucht hat und weiter versucht, erleben wir, wie diese Projekte gegen die Wand fahren und scheitern. In einigen dieser Bereiche wächst die Kritik und es sind erste Ansätze eines Umdenkens erkennbar. Die wie Fabriken organisierten Krankenhäuser verlassen die Patienten kränker als sie hineingekommen sind, in wie Lernfabriken funktionierenden Schulen und Universitäten werden junge Menschen nicht gebildet, sondern allenfalls mit Blick auf ihre ökonomische Verwertbarkeit ausgebildet, in nach dem Fließprinzip organisierten Gefängnissen wird der Versuch scheitern, straffällig gewordene Menschen für die Gesellschaft zurückzugewinnen.

Kein Mensch möchte eine Zukunft, die in Risiko- und Rückfallvermeidung besteht. Ein Mensch braucht Ziele, für die es sich lohnt zu leben und auf kriminelle Eskapaden und die falschen Himmelfahrten der Drogen zu verzichten. Solche Ziele sind aber nur in einem Sich-Losreißen von der Vergangenheit zu finden, nicht in deren ständiger Durcharbeitung. Es geht um nichts weniger als die Korrektur und den Widerruf von Lebensprogrammen und das Hervorbringen neuer Lebensentwürfe. Und die kommen nur zustande, wenn ich neue Erfahrungen mache, die mir sagen: „Du bist etwas wert, das macht Sinn.“

Therapeuten erwarten von ihren Patienten eine Haltung, die man „Compliance“ nennt, was so viel heißt wie Willfährigkeit, Gehorsam, Einverständnis. Diese wird der Patient dem Therapeuten aber nur entgegenbringen, wenn es diesem gelingt, die Nachfolge der „guten frühen Objekte“ anzutreten und sich an ihre Stelle zu setzen. Die frühen Bindungen sind häufig ambivalent und der Therapeut muss sich mit der Teil-Person im Inneren des Patienten zu verbünden versuchen, die leben und glücklich sein will. Die Bindung an die Eltern oder andere frühe Bezugspersonen ist primär, alle späteren Bindungen, die „Compliance“ ermöglichen sollen, müssen sich auf diese beziehen und sich aus ihnen ableiten. Die frühen Bindungserfahrungen gehen im Leben des Erwachsenen nicht völlig verloren, sondern treten in den merkwürdigsten Verkleidungen auf und gehen dabei ungeheuer komplexe neue Verbindungen ein. Voraussetzung für das Gelingen einer Therapie ist, dass es zu einer Bindung zwischen Therapeut und Patient kommt, die an gelungene frühere emotionale Bindungen und deren innere Repräsentanzen Anschluss findet und es so ermöglicht, irgendwann abgebrochene positive Entwicklungen fortzusetzen. Nach wie vor gilt: Wenn psychische Beschädigungen das Resultat missglückter oder gar fehlender Beziehungen sind, können sie nur innerhalb von Beziehungen wiederhergestellt oder nachgeholt werden.

Gefangene, die aus dem Labyrinth krimineller Wiederholungszwänge heraus und in ein straffreies Leben zurück gefunden haben, berichten häufig von einem Schlüsselerlebnis, das ihrem Leben eine andere Wendung gegeben hat. Ein Schlüsselerlebnis, was können wir uns darunter vorstellen? Es ist auf jeden Fall etwas, was im geregelten Ablauf einer Therapie eher selten vorkommt und das man Menschen durch noch so ausgefeilte therapeutische Techniken nicht vermitteln kann. Ein Schlüsselerlebnis ist ein individueller geistiger Akt, der aufgrund seiner einmaligen inneren Stärke eine Fixierung – zum Beispiel an Drogen, an ein eingeschliffenes Muster kriminellen Agierens oder ein „perverses Skript“ – aufheben kann. „Die großen, die glücklichen, die niemals erjagbaren Einsichten und Einfälle“, sagt der Philosoph Josef Pieper, „werden uns im Zustand der Muße zuteil. In solcher schweigenden ‚Geöffnetheit der Seele‘ mag auch dem Menschen einmal geschenkt werden, zu gewahren, ‚was die Welt im Innersten zusammenhält‘ – vielleicht nur für die Dauer eines Blitzes, so dass nachher die Einsichten dieses Augenblicks in angespannter ‚Arbeit‘ wieder entdeckt werden müssen.“

Ein Schlüsselerlebnis ist etwas, was nicht von anderen oder von außen kommen kann; man muss es selbst zulassen oder sogar herbeiführen. Nötig ist dazu jenes „zögernde Geöffnetsein“ des Bewusstseins, von dem Siegfried Kracauer einmal gesprochen hat, eine Haltung, die man als aktives Warten bezeichnen könnte: Wer sich nach einem Schlüsselerlebnis sehnt, wird eines Tages auch eines haben können. Umgekehrt wird man mit Seneca sagen können: „Wer nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, für den ist kein Wind günstig.“ Dieser Satz Senecas benennt auch die Bedingungen des Scheiterns so mancher therapeutischer Pflichtübung, die den Gefangenen inzwischen als Teil der Strafe auferlegt wird. Von oben verordnete „Behandlungsmaßnahmen“, denen der Gefangene sich unterziehen muss, wenn er in den Genuss von Haftlockerungen und einer vorzeitigen Entlassung kommen will, erzeugen häufig nichts anderes als eine Knechtsgesinnung, eine Atmosphäre systematischer Heuchelei. Der Gefangene lernt Sätze zu sagen, die man von ihm hören will. Er legt sein Argot ab, den Slang der Straße und der Knäste, unterwirft sich dem psycho-sozialen Code der Behandlung und Besserung und reproduziert ihn in mitunter peinlichen Ritualen der Selbstbezichtigung.

Wenn meine Grundannahm richtig ist, dass Kriminalität (überwiegend) die Folge negativer Beziehungserfahrungen ist, würde sich daraus ein ganz anderes Konzept des Umgangs mit den Gefangenen ergeben. Nämlich eines, das auf Kontinuität und Verlässlichkeit setzt. Ich könnte mich mit dieser Annahme sogar auf Resultate der Hirnforschung berufen, die nachgewiesen hat, das Lernen in emotional besetzten Kontexten und mit emotionaler Begleitung leichter und besser in Gang kommt. Es braucht also persönliche Übertragung zwischen lebendigen Menschen, damit nachhaltiges Lernen in Gang kommt. Fehlt sie, ist Unterricht nur eines Dressur und seine Inhalte bleiben den Schülern äußerlich.

Es bedarf eines Milieus, in dem jenes „zögernde Geöffnetsein“ der Seele und des Bewusstseins zustande kommen kann, das die Voraussetzung für das Erleben von Sternstunden des Lebens darstellt. Es sind solche Schlüsselerlebnisse, die dem Leben eine andere Richtung geben, plötzliche Erleuchtungen, die einem zu ungeahnten Einsichten verhelfen. Das kann sich natürlich auch in einem sogenannten therapeutischen Setting ereignen. Was Imre Kertész in seinem Galeerentagebuch geschrieben hat: „Gott kann man überall finden, sogar in der Kirche“ lässt sich auch auf unseren Kontext übertragen: Man kann sein Leben überall ändern, sogar im Gefängnis und im Rahmen einer von ihm auferlegten Therapie oder eines sozialen Trainings. Wenn das der Fall sein sollte und auch gelegentlich der Fall ist, dann ist es einem Moment der Faszination geschuldet, der persönlichen Übertragung zwischen zwei Menschen oder einer bestimmten glücklichen Gruppenkonstellation. Ich denke aber, dass es andere Formen gestalteter Gemeinschaft gibt, die für das Erleben von Schlüsselerlebnissen günstigere Voraussetzungen bieten. Ein Schlüsselerlebnis kann sich ereignen, wenn ich die Erfahrung mache, dass mir jemand „grundlos“ solidarisch zur Seite springt, wenn ich irgendwo Schwäche zeigen konnte, ohne Stärke zu provozieren; wenn mir plötzlich in einem Gespräch „ein Licht aufgeht“ und ich ein so genanntes „Aha-Erlebnis“ habe; wenn es mir gelingt, über meinen Schatten zu springen und mich als jemanden zu erleben, der seine noch nicht gelebten Möglichkeiten entfaltet und über sich hinauswächst. Das kann überall da geschehen, wo Menschen sich auf etwas Drittes beziehen, das sie berührt, wenn sie etwas gemeinsam tun und dabei Bindungen eingehen. Das ist riskant, aber anders geht es nicht.

 

 

 

 

Showing 19 comments
  • eulenfeder

    Kann man als ‚Aussenstehender‘ – als Nicht-Eingesperrter mit einer beruflichen Funktion im Knast die ganze Misere des ‚Strafvollzugs‘ begreifen, die Seite des Weggesperrten vor allem um den es ja gehen soll, sollte ?, nicht wirklich.
    Nunja – Der Autor offenbart hier viel Einblick und Durchblick und erstaunlich in eine richtige Richtung gehende Vorschläge, erstaunlich auch und vor allem für einen Häftling selbst, denn so gut wie nichts davon wird im Knast praktiziert. Darauf weist er ja auch hin.
    Der Knast als Wirtschaftsfaktor mit Millionen Überschüssen aus Zwangsarbeit weit unter einem Mindestlohn, das hat behördlichen und politischen Vorrang vor dem Seelenheil der Gefangenen, zunächst mal. Knastinterne Bestrafung mit Entziehung von ‚Vergünstigungen‘ wer sich der Zwangsarbeit verweigert.
    Nun muss man auch wissen dass die Bürgerrechte ausser Kraft gesetzt sind, – der Gefängnisdirektor würde vehement widersprechen – aber defacto hat er keine, der Gefangene. In diesem rechtsfreien Raum zum Nachteil des Weggesperrten ‚läuft‘ alles unter Zwang, auch ein Verweigern der immens schädlichen Psychologisierung und Psychiatrisierung – am Fliessband, wie richtig erwähnt – wird quasi mit dem Entzug der Hoffnung auf frühere Entlassung bestraft.
    Wer diese ‚Psychoscheisse‘ nicht mitmacht weil er einer solchen einfach nicht bedarf, wird gestempelt und katalogisisert, ein ‚Unbelehrbarer‘ ‚Krimineller‘ auch nach einer Entlassung weil ja aktenvermerkt.
    Ich sehe schon die Richtigkeit der Verbesserungsvorschläge des Autors, aber ist auch eine zweischneidige Sache, wenn wieder ‚maschinell‘ dann durchgeführt, aufgezwungen also.
    Es sind ja nicht nur Mangel an Beziehungen, an ‚Vorbildern‘, an ‚Wegweisern‘ die in den ‚Strafvollzug‘ führen, es ist vor allem ein gesellschaftliches und damit auch politisches Problem, ein Aussortieren von Kindheit an unter politisch-gesellschaftlichem Zwang. Man könnte durchaus auch sagen: Gesellschaft und Politik produzieren künftige Gefangene eines inhumanen Systems.
    Auch das hat der Autor erkannt, wohlgemerkt.
    Eine ‚Resozialisierung‘ muss schon deshalb fehlschlagen, weil weder Politik noch Gesellschaft sozial sind.
    Das alles hilft den Weggesperrten nicht, schon klar.
    Schwierig vor allem die Begreifbarkeit für jene die nie drin waren.
    Ich wiederhole gerne meine Aussage zu einem weiter zurückliegenden entsprechenden Artikel: Ich habe die zusätzlichen knastinternen Strafen ab- oder ausgesessen( auch als Meuterer ) und bin damit von der ‚Psychoscheisse‘ verschont geblieben, also auch ein Unverbogener Widerständler geblieben und genau ’solche‘ brauchen wir draussen in der sogenannten Freiheit.
    Und folgendes noch: der Knacki mit gesundem Verstand und Psyche wird eine Psychiatrisierung lässig zum Schein mitmachen, damit er früher rauskommt, sein gutes Recht.
    Aber die labilen Seelen werden kaputt gemacht damit.
    Und was glaubt ihr passiert wenn zu viele ‚Plätze‘ frei sind in den Kästen ?
    dreimal dürft ihr raten – smile.

  • ert_ertrus

    Wunderbarer Artikel (wie gewohnt bei seiner Urheberschaft) eines großartigen
    Menschen und Wissenschaftlers.

    Was mir bei der Lektüre auffiel: eben dieser objektivistisch technokratische
    Ansatz der Mainstream-Gefängnispsychologen wie -ater findet sich im Hartz IV-
    Apparat wieder: der Fallmanager und seine AöR sowie die im Schulterschluss mit diesen Instanzen (?) operierende Maßnahmenindustrie als „ Ingenieure der Arbeitsbereit-schaft“ ihrer Klienten/ Kunden. Götz Werner hat es auf den Punkt gebracht: H IV ist offener Strafvollzug. Und öffentlicher (meine Ergänzung) …

  • eulenfeder

    bischen am Thema vorbei kommentiert was Bindungen betrifft.
    Zu Bindung im Knast folgendes: in wenigen Ausnahmefällen kommen da Freundschaften zustande, aber überwiegend hat sich der Schwächere dem Stärkeren zu unterwerfen, zweckgebundene, auch aufgezwungene Bindungen unter den Knackis und von Wachteln und sonstigen Angestellten. Es fehlt eine wirkliche Vertrauensbasis, jeder schützt sich selbst oder es entstehen Abhängigkeiten und diese werden nicht zuletzt vom Knastpersonal ausgenutzt. Sollte ich einem Knastpsychologen vetrauen der Macht über mich hat ? – nicht wirklich. Alles andere diktiert die Knasthirarchie vom Direktor bis zum ‚Kinderficker‘.

  • Bettina

    Unzeitgemäße Anmerkungen zum Umgang mit Menschen – nicht nur im Gefängnis
    .
    „Mein Büro ist keine KFZ-Werkstatt, sondern ein Fluchtpunkt der Seele.“
    .
    Das ist ein wirkungsvoller Ansatz, ob nun für Gefängnisse oder Kliniken. Der Mensch ist kein technisches Gerät, an dem sich Einzelteile austauschen lassen, er ist ein Individuum als Ganzes. Häufig führen eine Verkettung von Umständen dazu, dass Menschen straffällig werden. Meist liegen die wahren Ursachen in der Kindheit verborgen, in den Schattenseiten der Seelen.
    Das Angebot an Zufuchtsorten, Orten der Ruhe und Besinnung sowie Gesprächsangebote mit Therapeuten halte ich für sinnvolle Angebote. Ein Mensch verinnerlicht nicht durch die Etüden einer Dressur. Er verinnerlicht durch ganzheitliches Verstehen, z. B. aus dem Erkennen der eigenen Situation, wo z.B. der Ausgangspunkt war, ab dem der eigene Weg in Schieflage geriet, welche Umstände zur Schieflage geführt haben. Diese Retrospektive auf das eigene Leben ist der Beginn zum ganzheitlichen Begreifen und die Wegbereitung zur Veränderung. Dafür sind sind Zufluchtsorte, Orte der Ruhe und Einkehr, sowie therapeutische, oder seelsorgerische Unterstützungen sinnvoll.
    Alles ist besser, als eine dressurmäßige Grundüberholung mit Abschrauben, Reinigen, Ölen und Wiedereinsetzen von Einzelteilen. Der Mensch ist keine Maschine.

  • ert_ertrus

    „Alles ist besser, als eine dressurmäßige Grundüberholung mit Abschrauben, Reinigen, Ölen und Wiedereinsetzen von Einzelteilen. Der Mensch ist keine Maschine.“

    Stimmt! – der einzige halbwegs zulässige Vergleich wäre von gestörten Memen
    qua Software auszugehen, die therapeutisches Debugging voraussetzen. Als Klient
    von Psychotherapien weiß ich sehr wohl, was Sozialisationsdesaster (aus Familie,
    Milieu, …) an Folgeschäden hinterlassen können! Dass ich nicht auch im Knast gelandet
    bin, erscheint mir als Gnade oder auch Wunder.

  • ert_ertrus

    „Und was glaubt ihr passiert wenn zu viele ‚Plätze‘ frei sind in den Kästen ?
    dreimal dürft ihr raten – smile.“

    Einer passt noch rein, und noch einer, und …

    Ganz wie beim großen transatlantischen Bro (und nach der Vollprivatisierung der JVA´s
    geht so richtig die Post ab – äh! – der DAX für die Börsenwerte der Freiheitsent-zugsindustrie.

  • Bettina

    ert ertus, die wussten schon, warum sie DICH NICHT in einen Knast reingelassen haben. So viele Schrauben und Muttern haben die gar nicht vorrätig!!!
    .
    🙂

  • ert_ertrus

    Bettina – thanx: aber schon mit eulenfeder waren die vollstens überfordert 😀
    Besteht noch Hoffnung für unsere Spezies 😀

  • Bettina

    Der Mensch ist keine Uni- Form,
    kein Massenprodukt, dass sich verwerten lässt,
    keine Maschine, die sich zerlegen und wieder zusammensetzen lässt.
    Der Mensch ist ein sinnliches Geschöpf, ein Individuum, ein Ganzes,
    das sich aus zwei Polen zusammensetzt: der Ratio(RT) und der Intiution (IT).
    Nicht hierarchische Doktrin, sondern Respekt und Fingerspitzengefühl lässt das Wesen des Menschen ergründen.
    .
    Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Psychiatrien und Gefängnisse täten gut daran, das zu begreifen.
    .
    Ich spreche, lese, schreibe,
    zäsiere, denke in Zeitenreise.
    Ich wäge ab, gewichte und entscheide,
    benutze den Verstand auf diese Weise.
    Also denke ich, mal laut, mal leise.
    .
    Ich singe, tanze, lache, trauer,
    haue wütend mit den Fäusten auf den Tisch.
    Ich schmecke, schnupper fliegend durch das All,
    voll üppig rotem Blumenanemonenschwall.
    die Wellen in dem See des Melodienklangs
    lässt mich versinken in in des Worts Gesang.
    .
    Das Denken mit der Ratio, dem Verstand,
    und mit Gefühl und Sinn das Herz erleben,
    lässt mich vom meiner rechten Hand
    zur linken und dem Ganzen streben.
    .
    RT + IT = LB
    (Auszug aus meinem Gedicht: Von Leben, Lieben und Schmerz)
    .
    Pink Floyd – Another Brick In The Wall (HQ)
    https://youtu.be/YR5ApYxkU-U

  • Peter Romaker

    Aus Erfahrung ein paar Worte dazu. Viele Jahre Knast und ein Leben in Gewalt und Kriminalität. Sowie eine einmalige Resozialisierunggeschichte stehen hier beispielhaft.
    Der wohl wichtigste Satz war in einem Kommentar die Feststellung, die Gesellschaft ist nicht sozial. Das suggeriert die Unmöglichkeit der Resozialisierung, und genau so sieht es aus. Es ist immer die Form der Behandlung die sich verändert und in dieser das Subjekt als Mittel zum Zweck. Von der Strafhaft in die Wohnhaft. Und zurück.
    Drehtürvollzug. Der offene Vollzug als Perfektion der Kontrolle über das Subjekt.
    Da braucht es keinen Goetz Werner, von dem der Satz Hartz vier ist offener Vollzug nicht ursprünglich stammt. Sondern Menschen die das erlebt haben und ueberleben konnten.
    Auch nach der Haft. Solidarität mit der Gefangenengewerkschaft GG ist gefragt.
    Die Mauern aufbrechen und Verbindungen in beide Richtungen der Mauern zu wagen und zu festigen… Schließlich sind wir alle Gefangene und immer an der Grenze und in allen von uns steckt der Franz Bieberkopf wie er mit den letzten Schritten zur Glocke schreitet…

  • eulenfeder

    ‚Da bleib ich lieber drin – da weiss ich wo ich bin…‘
    Sehr richtige und auch wichtige Anmerkungen zum Thema „Offener Vollzug“ – Peter.
    Er, der Knacki wird also zur Beobachtung und Prüfung ob er denn schon wieder gesellschaftsfähig wäre, bischen rausgelassen – in eine Gesellschaft die ihn dort gar nicht will.
    Was macht er also fast automatisch und notgedrungen ? – Er geht zu den alten Kumpels im ‚Milieu‘, dort wird er in die Arme genommen, wird ihm auf die Schulter geklopft, da hat er soziale Einbindung und Anerkennung.
    Und das ist gut so ! – nicht negativ zu sehen.
    Eingeschüchtert und temporär entrechtet, zudem ohne Geld, soll er sich bewähren.
    Ein ‚Bewährungshelfer‘ verfährt auch nur nach Vorschriften und die sind gnadenlos.
    Verbote aller Arten nach Einschätzung von jemand der seinen ‚Klienten‘ überhaupt nicht kennt u.s.w.
    Vom einen Zwang in den nächsten und keine Chance in der Gesellschaft.
    Das Gnadenloseste ist die Gesellschaft, möglichst verschweigen sollte man dass man im Knast war.
    Wohnhaft ! – auch sehr gut bezeichnet.
    Also in ‚Freiheit‘ auch freiwillig weggesperrt, weil ein Zufluchtsort innerhalb einer gnadenlosen Gesellschaft dann.
    Drehtürvollzug ! – muss ich mir merken, ist sehr richtig.
    Es gibt übrigens auch sogenannte ‚Soziale Einrichtungen‘ mit sog. ‚Betreutem Wohnen‘, die nichts anderes sind als Offener Vollzug, zudem wird man dort gezwungen für 80 Cent/Stunde zu arbeiten um den Regelsatz in voller Höhe zu erhalten. Aber auch wer diese Ausbeutung mitmacht kommt nicht raus wegen Geldmangel hauptsächlich.
    Nie habe ich mehr seelisch Gebrochene gesehen als dort, in der „Herzogsägmühle“, ‚Einem Ort zum Leben‘ und dort ist man in der ‚fürsorglichen Obhut‘ eines ‚Casemanagements‘ das furchtbare Strukturen gnadenlos durchsetzt.
    Habe auch noch nie an einem Ort mehr ‚Sterbefälle‘ mitbekommen als dort in relativ kurzer Zeit.

  • Bettina

    Eulenfeder, schau dir beizeiten mal Psychiatrien von innen an,
    da herrschz mitunter das gleiche System, wie im Knast.
    Der Punkt ist, worauf sind die Mauern des verschließens aufgebaut?
    Solange das Geld verdienen im Vordergrund steht, besteht die Notwendigkeit des um Nachschub sorgen oder des unnötig langen Festhaltens im Vordergrund.

  • Bettina

    In dem System des Matrialismus
    gehst du ungewollte „Bindungen“ ein,
    denen du kaum entfliehen kannst,
    weil sie dich festkrallen!!!
    .
    EPICA – Feint
    https://youtu.be/1v9PSbz9-88

  • Bettina

    Es gibt einen großen Unterschied,
    zwischen Traum und Albtraum.
    .
    Träume einer besseren Welt sind Visionen,
    auf die du bauen kannst.
    Albträume sind Gegebenheiten,
    denen du dich nicht entziehen kannst.
    Die Haut ist festgewachsen,
    anders, als bei einer Schlange, die sich häutet.

  • Bettina

    Ich möchte zum Abschluss meiner Kommentierung dieses Artikels eins der Fairness halber mitteilen. Es gibt viele sehr gute, auf ganzheitlichen Methoden ausgerichtete Institutionen, wo tatsächlich der Mensch und seine Genesung im Vordergrund stehen. Doch es gibt eben auch die Massenlager- Auffangbecken.
    Was nutzt dir das Wissen und die Informationen um all die guten Einrichtungen, die über viele Monate hin bis unter die Kante hin ausgebucht sind, du aber die Unterstützung umgehend benötigst? Ohne Lobby hast du keine Auswahl. Das Auffangbecken entwickelt sich zu einer Einbahnstraße, wenn es nicht zum Genesungsprozess beiträgt. Die einzige Chance, aus dem unsäglichen Kreislauf wieder rauszukommen, ist, sich zu verstellen, Leichtigkeit, Lockerheit, Unbeschwingtheit und Souveranität nach außen hin vorzutäuschen, wo tatsächlich im Inneren tiefe Dunkelheit und Verzweiflung herrscht.

  • Peter Romaker

    Und deshalb gibt es keinen Unterschied zwischen Traum und Alptraum.
    Das ist wie mit dem Gut und Boese. Isolation ist Folter. Generell.
    Die Schäden können bei weitem nicht ueberblickt werden. Deprivation ist eine Wissenschaft für sich. Und da sind die Beziehungssachen noch kaum inbegriffen denn wenn das Uerleben an erster Stelle steht. Klar wird auch heute erfolgreich Resozialisierung praktiziert, im anpassungsbereiten Einzelfall, meist im Drogenkonsum. Ich musste mein Antiagressionsprogramm 86 noch selbst anschieben. Dank an Anne und Paul.
    Leider hat die Repression alle Freiheiten die wir in Haft erkämpft haben mittels Kollektivstrafen immer wieder zerstört. Wo kämen wir denn hin wenn die Knackis sich selbst einschliessen, Wie wir es in Hameln Tuendern einem Haus ohne Gitter gemacht haben. Einen Traum gelebt. Immer wieder die Resozialisierung, eine Sozialisierung überhaupt. Da entwickeln sich viele Bindungen schnell zum Alptraum…Und nur wer jetzt nicht aufgibt und in der ueberlebensnotwendigen selbst gewählten Isolation in der sogenannten Freiheit, aber das ist ne andere Geschichte…

  • Bettina

    Einen Albtraum in die Vergangenheit gewendet betrachte ich anders, als einen Traum in die Zukunft gerichtet. Der Augenblick des Seins ist die Schnittstelle.
    Mich hat die Zeit des Leidens geprägt und im Endeffekt stark gemacht. Irgendwann konnte ich mich aus dem Schlamassel befreien und fortan ohne ärztliche Hilfe gesunden. Das war wie ein Befreiungsschlag. Ich zehre noch heute aus dieser Kraftquelle. Etwas erstaunliches hat sich daraus entwickelt: das Kraft aus der Wut. Es sind zum Glück nur Teller darunter zu Bruch gegangen, der Rest fließt in die passive und aktive Musik.
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    Lieber Peter, du schreibst von der selbstgewählten Isolation. Ich kann dich gut verstehen. Mitunter ist das der bessere Weg, doch sicherlich nicht auf Dauer. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Ich weiß nichts über deine Lebensumstände, sie gehen mich auch nichts an. Doch hast du schonmal darüber nachgedacht, auf Pilgerreise zu gehen? Ich meine jetzt nicht Pilgern im Büßergewand, im Gegenteil. Ich meine Pilgern mit einfachen Mitteln, festem Schuhwerk, bequemer Kleidung und Pilgerstock.
    Beim Pilgern findest du beides: Ruhe und Begegnung. Du findest im Gehen ausreichend Zeit zum Reflektieren und viele Gelegenheiten zum Genießen von faszinierender Natur und Tierwelt als auch die Möglichkeit der Begegnung und des Austausches mit Gleichgesinnten. Alle Menschen, die einen Camino gehen haben ihr Päckchen zu tragen. Jeder trägt ihn für sich, doch mitunter teilt man sich die Last. Der Camino ist eine preiswerte Form des Reisens und er bricht fremd auferlegtes Schweigen.
    Mir hat der Camino Frances seinerzeit nicht nur gut getan, sondern auch mein Leben wieder ins Lot gebracht.

  • Peter Romaker

    Eine Pilgerreise
    Die Tür macht auf das Tor macht weit
    Der Kerker ruft die Kette schreit
    Wir wandern abwärts stehts ins Tal
    Oh Sisyphus du kannst uns Mal
    Bergauf ists Allen längst zu schwer
    Wo kommen all die Toten her
    Wir rollen nicht mehr Stein
    Und sagen nicht mehr viel
    Wir rotten aus mit Stumpf und Stiel
    An unserem Geist soll die Welt verwesen?
    Wir haben uns für Euch geändert
    Für Euch und auch für diese Welt
    Und Ihr lasst uns im Loch verrecken
    Für Eure Gier und Euer Geld
    Wir haben bei uns angefangen
    Was leicht ist weil es uns gefällt
    Sind Pilgerwege weit gegangen
    In Freud und Leid durch jedes Feld
    Und also sprach es immer wieder
    Wir habens gehört und rausgeschrien
    Doch Ihr seit taub und blind
    Das Universum vergisst geschwind…

  • Bettina

    Lieber Peter,
    das ist ein eindruckvolles Gedicht, es hat Brecht Qualität. Es lässt mich erschaudern. Das ist dein Blick zurück.
    Wie schaut dein Gedicht aus, mit dem Blick nach vorne gewendet?

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