In Gesundheit/Psyche, Politik (Ausland), Politik (Inland), Roland Rottenfußer

Chaplin in „Der große Diktator“

Erdogans Macht, Trumps Macht, Merkels Macht, Putins Macht, die Macht der EU-Länder über Griechenland, die Macht der neoliberalen Globalisierung, die Macht von Autokraten in rechten Diktaturen, die Macht der Partei im „Realsozialismus“, die Macht von Befehl und Gehorsam beim Militär, die Macht der Gefängnisverwaltung über die Gefangenen, die Macht des Arbeitgebers über „abhängig Beschäftigte“, die Macht der Ausländerbehörde über Zuwanderer, die Macht der Hartz IV-Sachbearbeiter über ihre „Kunden“, die Macht von Menschen über ihre „Nutztiere“… Überall können wir die destruktive Wirkung von Macht beobachten, dennoch erhebt sich kaum einmal eine Stimme, die die Macht selbst in Frage stellt. Immer wird die Fiktion aufrecht erhalten, es müsse bloß der „Richtige“ ans Ruder kommen, dem wir uns dann freudig unterwerfen können. Es braucht eine Renaissance libertären Denkens. Im ersten Teil seines Artikels, eines bearbeiteten Kapitels aus dem Buch „Schuld-Entrümpelung“, stellt Roland Rottenfußer die „Macht-Frage“ ganz generell; im zweiten wird er dann näher beleuchtende, wie durch Erzeugung von Schuldgefühlen Macht generiert wird. (Roland Rottenfußer)

„Was ihr Recht nennt, nenn ich Macht“, sang Konstantin Wecker. Rechtssysteme sind oft eine Maske der Macht. Und ebenso verhält es sich mit moralischen Normen. Macht definiert, was Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld ist. Propagandamacht verankert unauslöschlich in unseren Köpfen, dass das Gesetz gut, der Gesetzesverstoß jedoch böse ist. Im Wettstreit zwischen verschiedenen Wertvorstellungen hat stets diejenige bessere Chancen, sich durchzusetzen, die die Macht auf ihrer Seite weiß. Den „Wilderer“, der ein Reh schießt, um seiner hungernden Familie ein Essen zu beschaffen, und den Jäger, der dasselbe tut, um den Bauch seines Grundherrn noch weiter anschwellen zu lassen, unterscheidet ihre unterschiedliche Nähe bzw. Entfernung zur Macht.

Wir können uns Machtausübung als lustvoll vorstellen. Wäre es anders, könnte die Geschichte des menschlichen Strebens nach Dominanz kaum angemessen gedeutet werden. Es muss eine Art giftiger Befriedigung verschaffen, sich einen fremden Willen zu unterwerfen. Zudem ist Machtausübung eine Energiequelle. Macht stärkt den Mächtigen und schwächt den der Macht Unterworfenen. Wir können das leicht überprüfen, indem wir uns an die unterschiedlichen Gefühle erinnern, die die wir haben, wenn in einem Konflikt siegen oder unterliegen. Machtlust steigert sich im selben Maß, wie eine Machtposition gegen Widerstände errungen wurde. Wie der Sieger beim Kartenspiel den Einsatz aller Unterlegenen für sich beanspruchen darf, verleibt sich der Gewinner in einem Machtkampf gleichsam die in den Kampf investierte Energie der Verlierer ein.

Neben Geld ist Macht der wichtigste „Krankheitsgewinn“, den Menschen aus einem nach meiner Ansicht tatsächlich kranken Justizsystem ziehen können. In dem spirituellen Bestseller „Die Prophezeiungen von Celestine“ gibt es eine Szene, während der der Sieger dem Verlierer in einem verbalen Gefecht buchstäblich die Lebensenergie absaugt. Ich glaube, hinter diesem drastischen Bild steckt eine (zumindest symbolische) Wahrheit. Der Energiegewinn ist für den Sieger umso größer, je mehr beide (einem Kartenspiel vergleichbar) vorher an Energie investiert haben. Der Sieger trinkt gleichsam das Blut des Besiegten, um sich seine Kraft einzuverleiben.

Macht erweitert die Persönlichkeit des Mächtigen um den Unterworfenen. Ersterer muss sich seiner Einsamkeit dann nicht mehr stellen, weil er mit seinen Untergebenen in einer Art symbiotischen Einheit lebt. Alle sind „in einem Boot“, aber der Mächtige kann den Kurs des gemeinsamen Bootes allein bestimmen. Seine „Mannschaft“ repräsentiert gleichsam sein erweitertes Ich. Einen Exerzierplatz mit tausenden aufmarschierten Soldaten oder gar ein ganzes Land befehligen zu können, erweitert das Ego eines emotional defizitären Menschen ins Unermessliche. Gerade beim Exerzierplatz zeigt sich zugleich die nekrophile Tendenz der Macht. Sie degradiert Unterworfene zu toten Objekten. In diesem Sinn prägte der Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola den furchtbaren Begriff „Kadavergehorsam“. Der Gehorsam gegenüber der Kirche, dem Papst und dem Orden sollte so absolut sein, dass man den Gehorsamen ohne jede Spur von Eigenwillen herumzerren konnte – wie einen Leichnam, der seinem Träger ja auch keinen Widerstand entgegensetzen kann.

Macht erleichtert es dem Mächtigen, ein grandioses Selbstbild aufrecht zu erhalten. Da Machtlose es meist scheuen, einen Mächtigen offen mit seinen Fehlern zu konfrontieren, gelingt es diesem oft, gleichsam den Spiegel zuzuhängen, der sein hässliches Gesicht zeigen könnte. Macht scheut meist die Wahrheit, der Mächtige ist deshalb ebenso schwach wie er – aus anderem Blickwinkel – stark ist. Stark ist er darin, die Wahrheit über sich selbst abzuwehren, indem er andere seinem Willen unterwirft; schwach ist er, weil er es nicht schafft, diese Wahrheit zu ertragen und andere Wahrheiten neben der seinen gelten zu lassen. Macht sucht stets die größtmöglicher Kontrolle. Wer nach Macht strebt, ist oft zu schwach sich einer Situation zu stellen, die er nicht kontrollieren kann.

All dies zeigt, dass kranke, stark defizitäre Menschen Macht mit größerer Wahrscheinlichkeit anstreben als gesunde, dem Leben zugewandte Personen. Freilich ist unsere Gesellschaft derart hierarchisch organisiert, dass auch einem psychisch gesunden Menschen aufgrund seiner Fähigkeiten oder aufgrund von Glück eine Machtposition „zufallen“ kann. So er diese nicht krampfhaft und völlig skrupellos angestrebt hat und sie nach bestem Wissen auf menschliche und kooperative Weise gestaltet, kann er all den Fallstricken entgehen, die ich zu skizzieren versucht habe.

Was haben diese Überlegungen nun mit unserem Thema „Schuld“ zu tun? Machtgier wird sich ihrer selbst nicht gern bewusst. Daher tritt Macht selten völlig unmaskiert auf, beruft sich gern auf „Verantwortung“ oder das „gemeinsame Wohl“. Andere um des eigenen Lustgewinns willen zu unterwerfen und zu demütigen, steht in einem schlechten Ruf. Wer dieses krankhafte Bedürfnis verspürt, gesteht es nicht gern offen ein – nicht einmal sich selbst gegenüber. Macht über die Seelen ist im Vergleich zur Macht über die Körper (etwa durch militärische und polizeiliche Gewalt) die mildere, die weniger hässliche Variante. Wer Schuldgefühle in die Herzen der Menschen zu pflanzen vermag, der muss niemandem Handschellen anlegen; er fesselt ihn gleichsam mit unsichtbaren Seilen. Wer mit Schuldgefühlen regiert, muss den Menschen, über den er Macht ausübt, nicht schlagen; er bringt ihn dazu, sich selbst mittels seiner Gedanken zu geißeln – oft mit unvorstellbarer psychischer Grausamkeit.

Ungerechte Schuldvorwürfe sind diejenige Form von Gewalt, mit der der Gewalttätige am besten leben und vor sich selbst bestehen kann. Jemandem Schuldgefühle einzuimpfen, ist eine besonders wirksame Art, Macht über die Seelen auszuüben. Daher ist sie in der Menschheitsgeschichte – und auch in ungezählten privaten Beziehungen – immer wieder erprobt worden. Es ist eine Form der Tyrannei, die zugleich wirksam jeden Widerstand gegen sich im Keim erstickt. Der ideale Staatsbürger ist eigentlich der Gefängnisinsasse, weil dieser seine Entrechtung klaglos hinnimmt, in der Annahme, nicht seine Peiniger, sondern er selbst sei für seine Misshandlung verantwortlich.

Ich spreche hier einen extremen seelischen Schattenbereich an. Viele werden vielleicht finden, dass ich übertreibe. In der Tat wäre es auch ungerecht, jedem Lehrer, Meister oder Chef Grausamkeit oder krankhafte Machtgier zu unterstellen. Diese tritt nur selten in Reinform auf; allerdings sind Spuren davon auch in der Alltagskommunikation oft zu beobachten. Auch „normale“ Menschen sind nicht frei davon. Wenn es um die Lust am Schuldigsprechen geht, müssen wir auch die Grausamkeit dieses Vorgangs ins Auge fassen. Friedrich Nietzsche hat diesen Punkt in seinem Buch „Genealogie der Moral“ sehr schlüssig dargestellt. Er nimmt an, dass eine raubtierhafte, natürliche Grausamkeit in der Seele aller Menschen latent vorhanden ist. Diese Grausamkeit ist zwar durch die Zivilisation gebändigt worden, bricht aber unter der dünnen Hülle der Kultur hervor, sobald Vorwände auftauchen, die es dem Menschen erlauben, andere mit guten Gewissen zu misshandeln.

Gesucht wird also eine Argumentationsstrategie, die es dem Misshandelnden erlaubt, sein schlechtes Gewissen auf den Misshandelten zu übertragen. Ein häufiger Vorwand für Grausamkeit mit gutem Gewissen ist die Annahme, dass es sich bei dem Opfer um einen (tatsächlich oder vermeintlich) Schuldigen handelt, der „es nicht besser verdient hat“. Diesen darf man dann nach Belieben beschimpfen, bespucken, berauben, demütigen und einsperren. Da die Grausamkeit nie ganz verschwindet, vom Menschen aber als uneingestandener Schatten nicht freimütig ausgelebt werden kann, stellt die Existenz von „Schuldigen“, ein willkommenes Ventil dar. Es wird immer solche Sündenböcke geben, die der anständige Mensch „als ein Unter-sich verachten“ darf (Nietzsche), denen er sich also moralisch überlegen fühlen kann. Dort wo sich Grausamkeit nicht körperlich Bahn bricht, will sich zumindest das menschliche Grundbedürfnis nach Verachtung an einem „Verachtenswerten“ ausagieren dürfen, so Nietzsche. Ein sehr pessimistisches Menschenbild liegt dieser Philosophie zugrunde. Eine Spur von ihrer Wahrheit können wir jedoch sicherlich in unserer Gesellschaft wie auch im Alltag entdecken.

Was bliebe von Schuld bewirtschaftenden Institutionen übrig, wenn sie nicht mehr sagen könnten „Du bist schuld!“? Ein reizvolles Gedankenspiel. Wenn der Staats- und Justizvollzugsapparat nicht irgendwann bereit ist, sich selbst aufzulösen und für überflüssig zu erklären, wird Strafbedarf auf geheimnisvolle Weise immer vorhanden sein. Man denke an eigens eingerichtete „Kommissionen“ und „Sonderstäbe“ zur Terrorbekämpfung. Diese müssen ihre Existenzberechtigung immer wieder belegen, indem sie Handlungsbedarf behaupten und die Bedrohungslage möglichst drastisch beschreiben. Man möchte ja nicht, dass Budgets gekürzt und Planstellen gestrichen werden. Der größte anzunehmende Unfall für Sicherheitsbehörden wäre das völlige Versiegen jeglicher krimineller Energie im Volk.

„Wenn Osama Bin Laden sich nicht selbst zur größten Bedrohung der westlichen Welt gemacht hätte, hätte man ihn erfinden müssen“, schreibt der amerikanische Polit-Bestsellerautor Morgan Spurlock aufgrund der vor 10 Jahren bestehenden Bedrohungslage. Man stelle sich eine Welt vor, in der tausende von Richtern, Staatsanwälten, Verteidigern, Polizisten, Vollstreckungsbeamten, Gefängnisdirektoren, Gefängnisverpflegungs-Unternehmern, Herstellern von Sträflingskleidung usw. arbeitslos den Hartz-IV-Behörden zur Last fielen. Eine ökonomische und menschliche Katastrophe! Es muss also Verbrecher geben. Es muss Schuldige geben – definitiv und für immer.

Bearbeiteter Auszug aus dem Buch von Roland Rottenfußer und Monika Herz: „Schuld-Entrümpelung. Wie wir uns von einer erdrückenden Last befreien“, Goldmann Verlag, 254 Seite, € 9,99

Nächste Woche lesen Sie an dieser Stelle den zweiten Teil von Roland Rottenfußers Artikel

Showing 21 comments
  • eulenfeder
    Macht und Schuld – das eine ‚zwingt‘ zum anderen und auch umgekehrt, oder ‚rechtfertigt‘ es, aber so sollte es nicht sein, klar.
    Wer sich gegen Macht wehrt ist ein Schuldiger ! ‚Schuldig‘ ist jeder unter einem Machtkonstrukt, sogar als solcher geboren wird er schon.
    Was Euer Buch jetzt schon bewirkt hat, bei mir – über Seite 50 noch nicht hinausgekommen, liegt allein an meiner Leseschwäche, nicht an der Macht des Wortes, smile – ist Folgendes: Immer wenn das Wort Schuld im Kopf auftaucht, es auf der Zunge liegt, in irgendeinem Zusammenhang – dann versuche ich es nicht auszusprechen, versuche es zu umschreiben mit anderen Worten oder es ganz wegzulassen, statt dessen ein Nachdenken über ‚Schuld‘ und ihrer möglichen Ursachen. Das kann nur gut sein.
    Ohne nachdenken zu müssen habe ich in einem furchtbaren Zwangskonstrukt, das sich ‚Ort zum Leben‘ nennt, unter christlicher Führung übrigens und wo jeder Insasse ‚von Haus aus‘ ein Schuldiger ist, und sei es ’nur‘ eine Zwangsräumung die ihn dorthin gebracht hat – einem Kerl der einen Polizisten angeschossen hat auf die Schulter geklopft mit den Worten: ‚es gibt Schlimmeres‘ ( smile ). Und siehe da, es öffnet sich mir ein Kerl der herzlich ist, fürsorglich, auch für die Abgebrochensten und Elendsten immer ein gutes Wort, ein Ohr hat, immer hilfsbereit ist. Ich glaube sehr wenige hat es gegeben die ihm quasi mit Unvoreingenommenheit trotz ‚Wissen‘ um Vergangenheit von einer ‚Schuld‘ freigesprochen haben. Das Macht- und Zwangskonstrukt wird solches niemals tun.
  • ert_ertrus
    Macht ist die Angst der Anderen (russisches Sprichwort.)
    Und bleibt Allen Alles schuldig – vor Allem deren Leben
    in Menschenwürde.
  • heike
    Macht ist eine Tatsache, die sich auf Energie gründet. Was diese Macht anrichtet, liegt in ihrem Gewissen und in ihrem Ausmaß begründet. Schlechte Machtinhaber nutzen Angst als ein sehr taugliches Mittel zu ihrem Machterhalt. Die Macht des Guten verzichtet auf Angst als Machtinstrument und beruht auf Erkenntnis und Verständnis.
    Die Macht des einzelnen Menschen ist endlich. Hat er einen Großteil seiner Macht verloren, ist er zum Überleben auf die Gutmütigkeit seiner Mitmenschen angewiesen. Wird ihm diese verwehrt, wird der Mensch krank und stirbt.
  • Bettina
    Was auf das Leben folgt, deckt tiefe Finsternis
    .
    Machtstreben und Unterdrückung
    ist der Schlüssel zur Gewalt,
    zu Finsternis und Tod.
    Machtsreben einzelner
    raubt Hoffnung auf Leben.
    .
    2CELLOS – Now We Are Free – Gladiator [OFFICIAL VIDEO]
    https://youtu.be/74CYIdYoQ5w
    .
    Machtstreben und Unterdrückung
    führen zu berechtigten Forderungen
    nach Befreiung aus der Sklaverei.
    .
    Verdi: Nabucco ‚Chorus of the Hebrew Slaves‘ – Volker Hartung, conductor
    https://youtu.be/HY79yY247Eo
    .
    Machstreben lässt uns wandern,
    auf der Suche nach Auswegen,
    in der Befreiung
    in eine friedliche Welt,
    die es so leider nicht gibt.
    Doch die Hoffnung im Glauben
    lässt uns nicht still stehen,
    auf der Suche nach LEBEN.
    .
    „Was uns zu tun gebührt, des sind wir nur gewiß.
    Dem kann, wie Lilienthal, kein Tod die Hoffnung rauben,
    Der glaubt, um recht zu tun, recht tut, um froh zu glauben.“
    (Immanuel Kant- Glaube und Tat)
    .
    Hannes Wader & Konstantin Wecker
    Schon so lang – Live 2014
    https://youtu.be/EUkMRLB5GR4
  • Bettina
    Leider ist die Macht der Gewalt des einzelnen nicht endlich, das lehrt uns die Geschichte. Das sinnvollste, was wir dieser Macht der Gewalt entgegen setzen können ist die vereinte und vernetzte Kraft unserer ethischen und humanistischen Werte und die Kraft der Utopie und des Glaubens an eine bessere, friedliche Welt.
    .
    Die Hoffnung stirbt zuletzt.
  • ert_ertrus
    Macht ist eine Tatsache, die sich auf Energie gründet.

    Allerdings: die Dinosaurier könnten ein Lied von der Macht des
    Asteroiden-Impacts singen 😉

  • heike
    Meteoriten-Impact – um genau zu sein….
  • heike
    Eine von vielen gelebte Menschlichkeit ist auch eine Macht. Diese Macht macht unser Weiterleben unserer Art überhaupt erst möglich.
    Macht ist nicht per se ein negativ zu besetzender Begriff. Was ist Macht? Die Möglichkeit, seine Vorstellungen ( z.B. von der Art und Weise des Zusammenlebens der Menschen) in die Realität umzusetzen.
  • Bettina
    „Wir können das (Machtgefühl) leicht überprüfen, indem wir uns an die unterschiedlichen Gefühle erinnern, die die wir haben, wenn in einem Konflikt siegen oder unterliegen.“ (Zitat aus dem Artikel)
    .
    Ich erniinnere mich an das Gesellschaftsspiel „Mensch ärgere dich nicht“. Allein die Bezeichnung ist eine Provokation und bewirkt bei mir per se das Gegenteil. Erschwerend kommt hinzu, dass ich zu den Menschen gehöre, die grundsätzlich das Falsche würfeln. Während der erste bereits fast all seine Figürchen in seinem Häuschen geparkt hat, dümpel ich noch mit meiner ersten Figur im Nirwana herum. Meine kleinen „Machtdemonstrationen“ habe ich früher gerne in Form eines gezielten Armwisches ausgetragen. So flogen sämtliche Spielfigürchen vom Spielbrett und verteilten sich irgendwo im Raum. Ich hatte damit nicht verloren , die Spielfiguren hatten verloren, besser gesagt, sie waren verloren unterm Tisch, Sofa oder sonstwo. Das war früher meine Machtdemonstration. Heute bin ich erwachsen, und ein echter Spielverderber, was „Mensch ärgere dich nicht“ betrifft. Ich spiele das Spiel einfach nicht mehr. Die Machtpositionen haben sich demnach vertauscht. Nicht ICH übe heute die Macht über das Brettspiel und meine Mitspieler aus, sondern das Brettspiel, speziell die Würfel über mich. das brettspile geht eindeutig als Sieger hervor. Es zwingt mich förmlich zu einer „Mensch-ärgere-dich-nicht- Abstinenz“. Tatsächlich ist die letzte Interpretation ein bisschen sehr weit gegriffen und trifft so nicht zu.

    In dem spirituellen Bestseller „Die Prophezeiungen von Celestine“ gibt es eine Szene, während der der Sieger dem Verlierer in einem verbalen Gefecht buchstäblich die Lebensenergie absaugt. Ich glaube, hinter diesem drastischen Bild steckt eine (zumindest symbolische) Wahrheit. Der Energiegewinn ist für den Sieger umso größer, je mehr beide (einem Kartenspiel vergleichbar) vorher an Energie investiert haben. Der Sieger trinkt gleichsam das Blut des Besiegten, um sich seine Kraft einzuverleiben. Ich vermisse „Mensch-ärgere-dich-nicht“ nicht. So habe ich das Brettspiel und die dusseligen Würfel besiegt.
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    „Wer Schuldgefühle in die Herzen der Menschen zu pflanzen vermag, der muss niemandem Handschellen anlegen; er fesselt ihn gleichsam mit unsichtbaren Seilen“
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    Ja, das kenne ich zu genüge, aus meinem „letzten Leben“. Mit dem Gefühl der Handschellenfesseln habe ich mich über Jahre hinweg geplagt, und ich hatte sie angenommen, quasie inhaliert, die fremd auferlegten Schuldgefühle. Doch irgendwann kam zum Glück der Befreiungsschlag und mit ihm die Wut, gleich einem Vulkan. Seitdem geht es mir tausendmal besser.
    .
    Es ist schon schwer genug, mit eigenen Schuldgefühlen umzugehen und daraus zu lernen. Da brauche ich nicht noch zusätzlich eine fremd auferlegte Schuld, die vollkommen ungerechtfertigt ist.

  • Argonautiker
    Schöner Artikel.

    Es stellt sich somit auch die Frage, warum will ein Mensch mächtig sein, Macht über Andere haben? Weil er selbst unfähig ist, das, zu was er Andere mittels Macht zwingen will, nicht selbst erschaffen, beziehungsweise erzeugen kann/will. Ein Machtanspruch über das eigene Selbst hinaus ist schlichtweg, die Unfähigkeit, es nicht selbst machen zu können oder es nicht zu wollen. Überall dort, wo Macht über sich selbst hinaus geht, entsteht Sklavenhaltung.

    Der Mensch ist aus seinem so Sein unfähig gerecht zu herrschen, weil ihn seine Subjektivität sich stets übervorteilen lassen wird. Folglich ist jegliches Herrschaftssystem von Menschen, über Menschen, eine Lüge gegenüber der Wirklichkeit des Menschen. Der Mensch steht nicht über einem Anderen, er kann nur Macht über das Vermögen etwas zu tun haben, und damit in freier Aufgabenteilung miteinander leben, zu allem Anderen ist er nicht geeignet.
    Schöner Artikel.

    Es stellt sich somit auch die Frage, warum will ein Mensch mächtig sein, Macht über Andere haben? Weil er selbst unfähig ist, das, zu was er Andere mittels Macht zwingen will, nicht selbst erschaffen, beziehungsweise erzeugen kann/will. Ein Machtanspruch über das eigene Selbst hinaus ist schlichtweg, die Unfähigkeit, es nicht selbst machen zu können oder es nicht zu wollen. Überall dort, wo Macht über sich selbst hinaus geht, entsteht Sklavenhaltung.

    Der Mensch ist aus seinem so Sein unfähig gerecht zu herrschen, weil ihn seine Subjektivität sich stets übervorteilen lassen wird. Folglich ist jegliches Herrschaftssystem von Menschen, über Menschen, eine Lüge gegenüber der Wirklichkeit des Menschen. Der Mensch steht nicht über einem Anderen, er kann nur Macht über das Vermögen etwas zu tun haben, und damit in freier Aufgabenteilung miteinander leben, zu allem Anderen ist er nicht geeignet.

    Jegliche Systeme über diese Wirklichkeit hinaus, werden durch eben diese Wirklichkeit, die Korrektur erfahren, selbst wenn man mit immer ausgeklügelteren Systemen, immer und immer wieder das Leid auf Andere zu sozialisieren versucht. Das Luziferische fällt, das ist nun mal das Schicksal des Ego.

  • rr

    Ich finde es interessant als Diskussionsgrundlage, was Heike hier geschrieben hat: „Was ist Macht? Die Möglichkeit, seine Vorstellungen (z.B. von der Art und Weise des Zusammenlebens der Menschen) in die Realität umzusetzen.“

    Die kleinste Definition, die Keimzelle quasi von „Macht“ ist die Fähigkeit und Möglichkeit, seine Vorstellungen zunächst für sich selbst umzusetzen. Sobald jemand etwas aber nicht allein umsetze kann, muss er andere Menschen dazu bringen, im Sinne der eigenen „Vision“ tätig zu werden. Das ist nicht per se schlecht. Ich würde aber z.B. nicht von „Macht“ sprechen, wenn man Menschen dazu bringt, an etwas mitzuwirken, was ihnen selbst nützt und/oder Freude macht. Das würde ich eher „Überzeugungsarbeit“ nennen oder „Motivation“

    Der Knackpunkt ist, Menschen dazu zu bringen, etwas zu tun, das ihnen schadet und was sie nicht gern tun. Überhöhte Steuern, Gebühren und Mieten zahlen, beim Militär strammstehen, sich Tag und Nacht in einem kleinen Raum aufhalten (Gefängnis), für Sex zur Verfügung stehen, den man nicht will… Macht kann auch (positiv) bedeuten, einen Nazi mit Waffengewalt davon abzuhalten, einen Flüchtling zu verprügeln. Es ist also nicht alles so einfach. Nur ist das Image von Macht m.E. in der Gesellschaft insgesamt zu positiv. Das kommt daher, dass Mächtige einen größeren Einfluss auf die Definition und Bewertung von Macht haben als Ohnmächtige. Die positive Grundeinstellung zu Macht ist quasi unsere geistige Muttermilch, mit der wir aufgewachsen sind.

    Es lohnt sich, sich einmal diese Definition durch den Kopf gehen zu lassen (auch wenn sie natürlich nicht unanfechtbar und letztgültig ist): Macht ist die Fähigkeit und Möglichkeit, andere zu einer Handlung zu bewegen, die sie nicht wollen oder die ihnen schadet. Bezieht sich Macht auf etwas, das andere wollen oder das ihnen nützt, ist es keine Macht, sondern eher Überzeugungsfähigkeit. Somit wäre Macht eine negative Kraft im zwischenmenschlichen Bereich.

    Im Grunde hat alles, was uns ärgert und worunter wir leiden, mit Macht zu tun, weil Macht einem Übel überhaupt erst die Durchschlagkraft verleiht, um Realität zu werden. Macht macht aus einer schlechten Idee fürchterliche Realität. Denken wir uns z.B., jemand käme auf die Idee, alle Buddhisten im Land in Lager zu sperren und auszurotten. Das wäre so lächerlich wie abstoßend und würde wirkungslos verpuffen. Wenn der Urheber eines solchen „Vorschlags“ jedoch über eine Macht verfügt wie seinerzeit Hitler, wird es gefährlich. Die Gesellschaft war (und ist mit Abstrichen auch heute noch) so durchstrukturiert, dass eine Durchlässigkeit für Befehle von oben nach unten etabliert wurde. Eine Gewohnheit, Anordnungen zu folgen und institutionell verankerte Abläufe, die Zuwiderhandlung mit Strafen belegen, somit extrem riskant machen.

    Daher: Macht ist nicht immer schädlich, aber alles Schädliche hat (auch) mit Macht zu tun. Libertäres Denken (mit einem missverständlichen Wort auch: anarchisches Denken) ist aus der Mode gekommen, weil es von Machthabern und Machtprofiteuren aus der Mode gebracht wurde. Und weil Machtopfer sich das haben aufschwatzen lassen – auch vor dem Hintergrund einer generell verbreiteten „Furcht vor der Freiheit“ (wie Erich Fromm es ausdrückte)

  • Habnix
    @rr

    Das aufzeigen von Alternativen, die anderen Menschen gut tut, ist die gute Macht des Wissens die man mit anderen teilt. Zwar oft auch nicht ganz uneigennützig.

  • Habnix
    A.Hitler und seine Macht über die Lohnabhängigen.

    Ein Übel unserer Zeit ist die Lohnabhängigkeit, denn die hält stets einen Adolf Hitler bereit.

  • Bettina
    Macht und Ohnmacht- eigenständiges Leben
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    Im Grunde genommen lassen sich beide Begriffe, macht und Ohnmacht, gegenüberstellen, beide bedingen sich gegenseitig. Ich möchte es an zwei einfachen Beispielen erläutern, die weniger mit Politik, als mit dem alltäglichen Leben zu tun haben: am Beispiel der Erziehungsformen im Elternhaus und der Unterrichtsformen in der Schule.
    .
    Macht und Ohnmacht am Beispiel der Erziehung im Elternhaus
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    Denken wir mal zurück. Nun hat man da einen kleinen Wurm, sein Kind,und möchte es so gut wie möglich in das Leben führen. Es gibt unterschiedliche Methoden und Ansätze, die „machtfreien“, antiautoritären, oder auch die „sich des Kindes bemächtigenden“ Methoden. Ich packe mal sämtliche Erziehungsratgeber beiseite,von denen halte ich rein gar nichts, denn ein Kind ist ein Individuum und lässt sich nicht uniformiert in das Schema eines Erziehungsratgebers pressen. Zu den „sich des Kindes bemächtigenden“ Methoden zähle ich die Erziehungsbasis, die auf Vorstellung beruht: „Ich habe ein Ziel, wie mein Kind einmal werden soll: artig, unauffällig,angepasst, ein Leistungsträger der Gesellschaft“. Allein durch die Verwirklichung persönlicher Ziele am Opfer Kind, bemächtige ich mich an meinem Kind.
    Ganz anders bewerte ich die machtfreie, antiautoritäre Erziehung. Der Begriff der Antiautorität ist in den 70-er Jahren in Verruf geraten, bedeutete er bei vielen doch die Erziehungsmethoden des „Laissez-faire, laissez allez“. Antiautoritär im eigentlichen Sinne bedeutet NICHT, sein Kind seinem Schicksal zu überlassen, und sich möglichst wenig um sein Kind zu kümmern. Im Gegenteil. Antiautoritäre Erziehung bedeutet, sich auf die Ebene seines Kindes zu egeben, ihm auf Augenhöhe zu begegnen. Kinder haben uns mehr zu sagen und können uns vom ersten Tag ihres Augenaufschlags vermitteln, was sie empfinden und was sie benötigen: es ist es die Zuwendung, die menschliche Wärme und die bedingungslose Liebe.
    Liebe geht nur mit Freiheit konform. Freiheit und Macht stehen sich konträr gegenüber, so, wie sich Liebe und Macht konträr gegenüberstehen.
    Ein Kind, nach Machtprinzip zum Vasallen der Eltern erzogen, wird es im späteren Leben schwer haben, sich individuell mit einer gesunden Portion an Selbstvertauen zu entwickeln. Ein Kind, machtfrei erzogen, beduetet zwar in der Erziehungszeit wesentlich mehr Arbeit, aber, es entwickelt sich zu einem Individuum und hat langfristig eine gute Bindung zu den Eltern, weil die Beziehung auf Augenhöhe gewachsen ist.
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    Macht und Ohnmacht am Beispiel der Erziehung in der Schule
    .
    Erinnern wir uns zurück, an unsere Schulzeit: Frontalunterricht. Der Lehrer sitzt vorne und gibt den Takt an, die Schüler folgen ihm brav. Zu Ruhm und Ehre gelangte der nicht widersprechende Streber unter den Schülern, der künftige Leistungsträger unserer Gesellschaft. All die aufmüpfigen, faulen, oder gar querdenkenden SchülerInnen sind diesem Schulsystem der Leistungsgesellschaft ein Dorn im Auge, bis heute. Ich erinnere mich an einen Spruch meines ehemaligen Mathelehrers. Er sprach von der „produktiven Faulheit“. Der Spruch saß, und fortan hielt ich mich an das Prinzip, da war es mir vollkommen egal, ob Meister Streberlein seine guten Noten absackte, oder nicht, die „Produktion“ unter einem Mindestmaß an Einsatz, gab mir genügend Raum, um meinen wahren Interessen, jenseits von Schule nachgehen zu können. Der Frontalunterricht nach dem Leistungsprinzip (du bist, was du leistest), initiiert Macht und Ausgrenzung auf schulischer Ebene.
    Anders aufgebaut ist der Unterricht nach neueren Methoden: die Gruppenarbeit.
    Hier lernen die SchülerInnen spielerisch, in Eigenkreativität sich eines Themas zu nähern. Gleichzeitig lernen sie eine weitere, wichtige Komponente für das Leben: den Gruppenprozess, das Zuhören, das aufeinander Eingehen, das sich Einsetzen und sich gleichzeitig Zurücknehmen, das sich Engagieren und gleichzeitig das Abgeben, die Teamarbeit.
    .
    Das Ergebnis der Lernens und der Erziehung ist jweils bei allen aufgeführten Methoden gegeben, nur die Wege sind unterschiedlich. Die Macht liegt in der Geißelung des Individuums, das führt zur Ohnmacht. Die Größe liegt in der Wertschätzung des Individuums, in seiner Freiheit der Entfaltung..
    Zur Macht gehört das Festhalten, zur Ohnmacht das Loslassen.
    Der schwierigste Moment des Loslassens ist, der Augenblick, wo wir unser Kind lsolassen, in seine wohlverdiente Unabhängigkeit, der Augenblick des Aufbruchs unseres Kinds in sein eigenenständiges Leben. Vielleicht ist dieser Augenblick vergleichbar schwer, so wie wir alle eines Tages unser eigenes Leben loslassen müssen.
    .
    TIEFSEHTAUCHEN: KONSTANTIN WECKER – AN MEINE KINDER
    https://youtu.be/amc76z0d-Gw
  • Bettina
    Der grausamste Weg des Loslassens ist es,
    wenn Kinder vor ihren Eltern gehen,
    so wie es viele Kinder tun,
    unter der Macht von Terror und Gewalt.
    Das zu vernehmen ist der Augenblick,
    wo ich in Ohnmacht von Trauer verfalle.
    .
    SIE BREITEN IHRE FLÜGEL AUS –
    Jens Böttcher & das Orchester des himmlischen Friedens
    https://youtu.be/6QuuX1iGPKc
  • Bettina
    Die letzte Stufe der Entmachtung
    ist das Loslassen
    vom Leben unserer Liebsten,
    in letzter Konsequenz irgendwann
    von unserem eigenen Leben,
    der schwierigste Schritt des Lebens.
    .
    JENS BÖTTCHER – Lass los
    https://youtu.be/1OTRpYDDzmY
  • Bettina
    Die letzte Stufe der Entmachtung
    ist das Loslassen
    vom Leben unserer Liebsten,
    in letzter Konsequenz irgendwann
    von unserem eigenen Leben,
    der schwierigste Schritt des Lebens.
    .
    Als ich hier irgendwann im HDS schrieb,
    mit Konstantin Wecker und Jens Böttcher
    seien sich zwei seelenverwandte Brüder begegnet,
    dann meinte ich damit genau dieses gemeinsame Eintauchen,
    in die Tiefsee der unerforschten Seelen
    des gemeinsamen Gesangs.
    .
    Konstantin Wecker – Für meinen Vater
    https://youtu.be/RF98HlOuJcU
  • ert_ertrus
    Meteoriten-Impact – um genau zu sein….

    Eigentlich war es ein Raumschiff der Vogonen. Muss ich wissen,
    weil ich damals mit dabei war und nunmehr der einzige überlebende
    Dino bin (sehr zu meinem Leidwesen ;-))

  • heike
    Liebe Bettina,
    dem ist nichts hinzuzufügen.
    (Außer vielleicht eine Kleinigkeit: wenn Macht Dich geißelt musst Du, um ihr zu entkommen, zwangsweise eine Gegenmacht entwickeln….Du tust es einfach. Eine Macht, die Deine Eigenständigkeit ermöglicht und schützt.)
  • rr

    Bettina hat hier einen eigenen, gewichtigen Aufsatz über Macht verfasst, vielen Dank. Unsere Grunderfahrung als Kinder ist Ohnmacht. Gute Eltern können das schrittweise abmildern, indem sie dem Kind das Gefühl geben, mit seinen Lebensäußerungen etwas bewirken zu können. Ich schreie, Mama kommt herbeigerannt. Das Kind hat so auch Macht über die Eltern, indem es diese immer wieder zu Handlungen zwingt, die sie eigentlich nicht gern durchführen: mitten in der Nacht aufstehen z.B. Bei gesunder Entwicklung kommt es zu einem Ausgleich, der auf beiderseitigem Wohlwollen basiert.

    Mächtige verwenden die Eltern-Kind-Beziehung gern als Metapher für ihr Verhältnis zum Volk: „Landesvater“ u.ä. Der Unterschied ist: wir sind keine Kinder mehr, und die Überlegenheit von Polikern uns gegenüber hält sich in Grenzen (man denke in Bayern etwa an Seehofer). Es wird von der Politik die Macht von „Eltern“ ausgeübt, jedoch meist ohne deren liebevolles Wohlwollen. „Elternschaft“ von Autoritäten ist angemaßt, man denke z.B. an den Begriff „Bevormundung“, der an „Vormundschaft“ angelehnt ist und eine Unmündigkeit des Bürgers suggeriert.

    Erich Fromm unterschied zwischen „rationaler“ und „irrationaler“ Autorität. Die rationale basiert auf der Absicht, anvertraute Menschen zu fördern, zu schützen, ihr Persönlichkeitswachstum zu fördern. Die irrationale Autorität geht von dem Wunsch des Autoritären aus, den untergebenen ausbeuten oder eigene illegitime Bedürfnisse (Machtlust) an ihm auszuagieren. Das Militär ist der Gipfelpunkt der irrationalen Autorität, weil ihm der Wunsch zugrunde liegt, Menschen zu brechen, ihn ihrer Individualität und Integrität zu berauben.

    Man muss zwischen diesen beiden Formen der Macht grundsätzlich unterscheiden, wenn man darüber diskutieren will. „Rationale“ Autorität wird sich auch zurückziehen, sobald sich ihre Notwendigkeit erübrigt hat (Musterbeispiel: Eltern erwachsener Kinder). Irrationale wird versuchen, ihren Wirkungsbereich weit über das Notwendige hinaus auszuweiten. Sie entwickelt für den Mächtigen Suchtcharakter und strebt Wachstum an – im Extremfall bis zu Weltherrschaftsfantasien, weil diese Art von Macht ihren Ausübenden nicht nährt und nicht befriedigt, das „Loch in der Seele“ eher vergrößert.

  • Bettina
    Liebe Heike, lieber Roland,
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    ich danke euch für euren ergänzenden Kommentare. Ich stimme ihnen sehr zu.
    Vielleicht höre ich ja die Flöhe husten, vielleicht sehe ich die Dinge zu komplex, und doch sehe ich Verbindungen von willkürlicher Machtausübung zu einem eindrucksvollen vertonten Gedicht von Gabriela Mistral, einer chilenischen Dichterin, Trägerin des Literaturnobelpreises und Diplomatin. Ich sehe die Verbindung in den traurigen Auswirkungen der Machtausübung auf die Kinder, weltweit. Wir erkennen das Seelenleben und Schicksal unserer Kinder an ihren Augen, aber auch an ihren Füßen.
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    Piececitos de niño
    Poema de Gabriela Mistral
    Interpreta: Charo Cofré
    https://youtu.be/a3HBbdoxWgM
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    Herzlichen Gruß,
    Bettina

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